Das Gebet im Gottesdienst

Vom Beten im Gottesdienst

In diesem Beitrag will ich einige Gedanken zu Gebeten im Gottesdienst anbieten. Dabei gehe ich davon aus, dass wir betend Gott nicht mitteilen müssen, was in der Welt vorgeht (das weiß er besser als wir), sondern dass wir zunächst uns ihm annähern wollen als dem weit über uns Erhabenen und dennoch uns Zugewandten. Gottes Lob steht am Anfang, um uns dann ihm anzuvertrauen mit unseren Anliegen, der Fürbitte für Nahe und Ferne, den eigenen Sorgen, und unserem Dank, der auch wieder zum Lob führt.

IHN anreden

Wie können wir Gott im Gebet anreden?

Schauen wir in unsere Gesangbücher, finden wir eine Vielzahl von Anreden im gesungenen Gebet,

von „liebster Jesus“ (EG 206), bis „Christe, du Lamm Gottes“ (190.2), „Gott Vater“ (160), „Herr“ (198), „Herr, unser Gott“ (247), „Heiland“ (256,2), „Heiliger Geist“ (130), „König aller Ehren“ (71), „Vater“ (186) und noch einige mehr…

Keine dieser gesungenen Anreden ist falsch, auch nicht als gesprochenes Wort, denn sie drücken je einen besonderen Zugang zu Gott aus, der von persönlicher Frömmigkeit bestimmt ist.

Im Gemeindegottesdienst sollte hingegen Zurückhaltung geübt werden. Die vertrauliche Jesus-Anrede lässt viele Gemeindeglieder zurück, die Königs- und Vater-Anrede wieder andere.

Hilfreich ist es deshalb, auf die biblischen Traditionen zu schauen.

Im Gebetbuch der Bibel, den Psalmen, ist die direkte Anrede eher die Ausnahme, sondern herrschen Aussagen in der dritten Person vor. Die Vokabel für „Gott“ (Gattungsbegriff), El, kommt elfmal als Anrede vor, der Gottesname JHWH zehnmal als Beginn eines Davidpsalms, zweimal sind beide miteinander verbunden.

Im „Unser Vater“ (oder „Vater unser“) ist die Vater-Anrede mit seiner Himmlischkeit verbunden und führt zuerst in die Heiligung des NAMENs, bevor die Bitten folgen, und zum Schluss – jedenfalls in den evangelischen Liturgien – der große Lobpreis.

Wesentlich dabei ist der NAME, der, entsprechend jüdischer Ehrfurcht vor ihm, nicht ausgesprochen, aber geheiligt wird. Es ist der Eigenname, der aus den Konsonanten JHWH besteht, mit dem Gott sich seinem Volk Israel und allen Menschen zuwendet. In der dritten Person kann an seiner Stelle DER NAME stehen, in der zweiten, der Anrede, muss er durch etwas ersetzt werden, was der Einzigartigkeit des Angeredeten und seiner Beziehung zur betenden Gemeinde gerecht wird. Die Anrede „HERR“ entspricht dabei zwar dem hebräischen „Adona“ oder „Adonaj“, das oft für JHWH gelesen wird, ist so nackt allerdings missverständlich und maskulin beschränkt. Dem Maskulinen zu entkommen ist schwierig, wenn es nicht affektiert wirken soll; ich überlassen derartige Versuche Berufeneren.

Diesen HERRn von anderen Herren zu unterscheiden, erfordert eine Ergänzung, mindestens „HERR, unser Gott“, entsprechend dem Gebrauch in den Psalmen 10 und 99.

In Exodus 33, 19. und 34, 6. ruft JHWH seinen Namen „barmherzig und gnädig“; das ist sinnvoll in entsprechenden Zusammenhängen, hier der Erfahrung von Gottes erneuter Zuwendung nach dem Abfall von IHM (goldenes Kalb); im gottesdienstlichen Gebet kann es nur in Verbindung mit einem Schuldbekenntnis in der Bittform stehen.

Die Einzigartigkeit wird auch in der Anrede „EWIGER“ betont, die allerdings nicht biblisch, aber gut jüdisch ist.

Man sollte sich immer bewusst bleiben, dass der so Angeredete der Gott seines Volkes Israel ist, der sich nur als solcher auch uns Heiden zuwendet; das geschieht für uns in Jesus Christus. Die Gemeinde in dieses Bewusstsein mit hinein zu nehmen, kann hilfreich sein, etwa mit der Anrede „EWIGER / HERR, Gott Israels und Vater Jesu Christi“, sollte aber nicht strapaziert werden, indem nun jedes Gebet so beginnen müsste. Stattdessen könnte dieses Bewusstsein schon in einer Auflösung der trinitarischen Formel zu Beginn des Gottesdienstes wachgerufen werden, etwa „Im Namen des EINEN Gottes, der Israel zu seinem Volk gemacht und in Jesus Christus auch uns berufen hat und in beiden als Heiliger Geist wirken will“. Oder, allerdings sehr verkürzt, „Im Namen des EINEN Gottes, den wir als Vater, Sohn und Heiligen Geist bekennen und anrufen“.

IHN loben

„Loben“ ist ein missverständliches Wort; wir können wohl traditionell von „Gotteslob“ sprechen, aber loben tun wir eher die Leistung oder Bravheit von uns Abhängiger; das Wort ist deshalb im Gemeindegebet (anders als im Lied) nur mit Vorsicht zu gebrauchen.

In der hebräischen Bibel wird ER immer wieder gepriesen, Stamm hll, so auch im halelu-Jah, preist Jah, womit zugleich die erste Silbe des nicht auszusprechenden Gottesnamens laut wird, eine unverschämte und innige Annäherung an IHN. Dieses Preisen braucht keine extra Begründung, steht aber in der Regel zusammen mit der Größe/Stärke JHWHs und seinem Tun für sein Volk oder die Gemeinde, seltener den Einzelnen, oft in gottesdienstlichem Zusammenhang. Diesem Preisen inhaltlich ganz nah ist das Segnen, brḥ. Unserem Gebrauch des Wortes ungewohnt, deshalb meist mit Loben oder Preisen übersetzt, steht es doch mit beiden oft in einer Reihe. Dieser Segen kann auch den Dank für ein bestimmtes Tun JHWHs ausdrücken und darin auch für unser Gemeindegebet vorbildlich werden: Die Preisung oder Segnung Gottes z. B. dafür dass wir im Gottesdienst ein Kind taufen durften, dass wir in SEINEM Namen zusammenkommen und Gemeinschaft haben können, oder – warum nicht auch – dass heute ein schöner Tag ist, wobei aber nicht vergessen werden darf, dass er das vielleicht nicht für alle ist – so den Übergang zur Fürbitte vorbereitend. Das Wort Danken gelegentlich durch Segnen oder Preisen zu ersetzen, erweitert den Dank hin auf eine Gegenseitigkeit im Umgang mit IHM und macht unser Gotteslob freier und selbstbewusster.

IHM unsere Unvollkommenheit zu Füßen legen

Das ist die andere Seite des Gotteslobes: ER und wir. Das Schuldbekenntnis zu Beginn des Gottesdienstes kann sowohl zur Floskel und damit eigentlich inhaltslos werden, als auch eine Vereinnahmung von Menschen, die mit sich im Reinen sind, unter eine ihnen fremde Selbstanklage.

Deshalb ist Vorsicht geboten vor den traditionellen Formeln wie etwa in der Deutschen Messe:

Pfarrer: „Lasset uns unsere Sünden bekennen und füreinander beten: Ich bekenne vor Gott, dass ich gesündigt habe in Gedanken, Worten und Werken. Ich bekenne den Mangel an Treue im heiligen Dienst, den Mangel an Zucht und Gehorsam, den Mangel an Liebe“.

Gemeinde: „Gott erbarme sich deiner und führe dich durch Vergebung der Sünde ins ewige Leben!“

Pfarrer: „Amen“,

Gemeinde: „Wir bekennen vor Gott, dass wir gesündigt haben in Gedanken, Worten und Werken. Wir bekennen den Mangel an Zucht und Gehorsam, den Mangel an Liebe.“

Pfarrer: „Gott erbarme sich euer und führe euch durch Vergebung der Sünde ins ewige Leben!“

Die Gemeinde, die zusammenkommt, kommt mit unterschiedlichen Erfahrungen: Frustrationen – Erfolgen – Scheitern – Verluste – beschenkt Sein – Glück – Unglück. Das alles aufzuzählen hilft nicht zur Andacht, aber doch die Erinnerung, dass wir aus verschiedenen Erfahrungen des Alttags vor Gott treten, als Unvollkommene vor den Vollkommenen, darauf vertrauend, dass er uns annimmt, und / oder bittend, dass er in diesem Gottesdienst erfahrbar werde. Das kann etwa so lauten:

„Ewiger, unser Gott, aus unserem Alttag mit seinen Sorgen und Freuden kommen wir vor Dich auf Deine Zusage hin, dass Du uns trotz allem erträgst und weiter tragen willst. Wir bitten Dich, sei nun unter uns und segne unser Reden und Hören, Beten und Singen, Dir zur Ehre, uns zum Heil. Amen.“

Ausführlicher einzugehen auf die Sorgen und Freuden – und ihre Zerbrechlichkeit!, und darauf, dass wir den Alttag ohne viele Gedanken an Gott leben, sondern uns den Forderungen einer materiell orientierten Welt unterwerfen, mag geboten sein, wenn das Thema im weiteren Verlauf des Gottesdienstes aufgegriffen wird, in Gemeinden mit entsprechender Tradition auch im Abendmahlsgottesdienst.

Für ANDERE bitten

Das Gebet nach der Predigt darf in einer erweiterten Anrede (Du Tröster…, Barmherziger…, der Du uns einlädst…) und in den folgenden Gedanken an die Predigt anknüpfen – aber nicht als Wiederholung, sondern indem es zentrale Predigtgedanken auf die Betenden bzw. die anwesende Gemeinde bezieht („Stärke uns darin… / tröste uns … / hab Dank…).

Als Übergang zu den Fürbitten kann diese Selbstbezogenheit ausgeweitet werden auf andere (die etwa des Trostes oder der Stärkung bedürfen) hin zu den weiteren Mühseligen und Beladenen nah und fern; dabei sollte nicht vergessen werden, dass wir selber ihnen oft tun können, worum wir für sie bitten.

Vom Dank kann auch übergeleitet werden zu denen, die, anders als wir, unter sozialen und politischen Übelständen leiden (Krieg, Gewalt, Flucht, Zukunftslosigkeit; positiv für Frieden und Erhalt der Schöpfung), wobei aktuelle Konkretionen möglich sind, ohne allerdings hier Zustände zu analysieren oder Täter bzw. Untäter anzuklagen; für die darf man aber bitten, dass Gott ihre Herzen umkehre und ihnen Weisheit verleihe – oder auch sie und die Betroffenen von ihrer Macht befreie.

In der Gemeinde sollte immer auch für die in ihr, die krank oder anders bedrückt sind, gebetet werden, darunter für die, die einen wichtigen Menschen durch Tod verloren haben oder einen neuen Lebensabschnitt beginnen (Taufe, Unterricht, Ehe). Und warum nicht auch gelegentlich für die Liebenden und Starken, dass sie für Schwache eintreten und ihre Liebe über sie hinaus wachsen soll?

Hinauslaufen sollte das Fürbittengebet auf Bitten für die Gemeinde und alle Kirchen (dass sie ihrer Berufung gerecht werden) und immer für Israel, Gottes eigenes Volk (dass es Frieden finde mit den Nachbarn im Land und der Diaspora und mit sich selbst, dass von ihm Erkenntnis ausgehe…).

Wenn dieses Gebet ins UnserVater mündet, genügt dessen Schluss als Lobpreis; andernfalls sollte ein kurzes, deutliches Gotteslob (eine Gottessegnung!) angefügt werden, das enden kann „…Dir zur Ehre, der Welt zum Heil. Amen.“ – und nicht ein dogmatischer Schlusssatz (etwa eine trinitarische Formulierung…)