Ewigkeit & Leben nach dem Tod

 

Volkstümlich versteht man unter Ewigkeit eine nicht endende Zeit, profan meist negativ: die viel zu langsam vergehende Zeit, bis Erwartetes kommt, religiös meist eine nicht vergehende Zeit außerhalb der empirischen Welt. Aber da wie dort ist der Gedanke an Zeit, die einfach nicht vergeht, ein bedrückender Gedanke (und zum Glück selten mehr als nur Gedanke).

Die hebräische Bibel definiert Zeit gerade dadurch, dass sie vergeht, also ein Ende hat, so in Prediger 3: „1. Alles hat seine bestimmte Stunde, jedes Ding unter dem Himmel hat seine Zeit.        2. Geboren werden hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit. Pflanzen hat seine Zeit, und Ausreißen hat seine Zeit….  8. Lieben hat seine Zeit, und Hassen hat seine Zeit. Der Krieg hat seine Zeit, und der Friede hat seine Zeit.“

Dagegen hat das Hebräische zunächst keinen Begriff für das, was im Deutschen „Ewigkeit“ bezeichnet. Das meist mit „ewig“ übersetzte „olam“ bezeichnet Zeitalter, eventuell nicht absehbare, aber immer irgendwo mit Anfang und Ende zu definierende Abläufe, beginnend mit der Schöpfung oder dem ihr vorangegangenen Schöpfungsplan, ehr aber von Menschengedenken an, und endend mit dem Zeitablauf dieser Welt, ehr aber dem des gegenwärtigen Zeitalters.

Nur Gott allein steht außerhalb dieser Zeitbegriffe, wie es Psalm 90 ausdrückt: „2. Ehe die Berge geboren waren und die Erde und die Welt geschaffen, bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit,“: das heißt: durch alle denkbaren und undenkbaren Zeitläufe und weit über sie hinaus.

Damit ist er – anders als alles Geschaffene – nicht dem Ablauf der Zeit unterworfen. Im menschlichen Horizont können wir nicht verstehen, aber staunend feststellen, dass für Gott Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eins sind, wie es der Prediger in 3, 15. ausdrückt: „Was da ist, das war schon vorzeiten, und was sein wird, auch das ist vorzeiten gewesen; Gott sucht das Entschwundene wieder hervor.“

Was heißt das nun für die – und einst für uns – Verstorbenen, nämlich aus der Zeit Ausgeschiedenen? Die hebräische Bibel weiß sie versammelt zu ihren Vätern und Müttern – und doch zugleich unwiederbringlich tot: „Die Toten preisen den Herrn nicht, keiner von allen, die zur Stille hinabgefahren.“ (Psalm 115, 17.). Daran zu rütteln und etwa Totengeister zu befragen gilt in Israel als Greuel, d. h.  als von Gott trennendes Heidentum. Die Möglichkeit wird jedoch nicht ausgeschlossen (1. Samuel 28). Erst spät entwickelt sich der Glauben an eine Auferstehung der Toten, der erstmals in Makkabäer 7 deutlich formuliert wird, sich dann aber bis zur Zeit Jesu als allgemein pharisäisches Glaubensgut etabliert. Als solches ist es bei Paulus wiederzufinden, nun auf die Christusgläubigen bezogen. Siehe dazu 1. Thessalonicherbrief 4:

14. Denn wie wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott in dieser Weise auch die Entschlafenen durch Jesus mit ihm zusammen heraufführen.   15. Denn das sagen wir euch als ein Wort des Herrn, dass wir, die wir leben, die wir bis zur Wiederkunft des Herrn übrigbleiben, den Entschlafenen nicht zuvorkommen werden. 16. Denn der Herr selbst wird unter einem Befehlsruf, unter der Stimme eines Erzengels und unter Gottes Posaunenschall vom Himmel herabkommen, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen; 17. darnach werden wir, die Lebenden, die Übrigbleibenden, zugleich mit ihnen entführt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Lüfte; und so werden wir allezeit bei dem Herrn sein. 18. Darum tröstet einander mit diesen Worten!“

Die Hoffnung, auf die dieser Abschnitt zielt, ist also eine recht abgehobene Sache: In den Lüften, will sagen: nicht auf dieser materiellen Erde werden wir in ewige Gemeinschaft mit dem Herrn befördert, unter eschatologischem Lärm, in Wolken verpackt wie man früher betäubte Entführungsopfer in Teppichen transportierte, während die vor uns Verstorbenen schon anders dorthin gelangt sein werden…

Ist das die uns verheißene Ewigkeit? Leben wir unser Glaubensleben nur darauf hin: Auf das Ende dieser Welt, auf das Ende unserer und vielleicht jeglicher materiellen Existenz?

Paulus schreibt diese Sätze an eine Gemeinde, die, wie er selber auch, davon ausging, dass Jesus als Weltrichter ganz bald, sicher noch zu ihren Lebzeiten wiederkommen und dieser Welt ein Ende bereiten werde. Und als in Thessaloniki einige vorher verstarben, musste er sie mit diesen Sätzen trösten.

Inzwischen sind aber weitere 60 bis 70 Generationen verstorben und die Welt besteht immer noch, während alle diese Generationen nach christlichem Bekenntnis in der Erde oder Unterwelt darauf warten, dass die Posaune erschallt und „er kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten.“ (apostolisches Glaubensbekenntnis).

Der Volksglaube hat dieses Bekenntnis längst hinter sich gelassen. Er weiß die Verstorbenen schon jetzt, wenn nicht an bösen Orten, so im Himmel, den er sich je nach den täglichen Bedürfnissen der Glaubenden als Musikorchester, große Stille, Schlaraffenland oder anderes ausmalt, und ist darin radikalen Muslimen nahe, die den im Glaubenskampf Gefallenen, etwa Selbstmordattentätern, den sofortigen Übergang in den siebten Himmel versprechen.

So wird auch vom Schwäbischen Vater eines religiösen Sozialismus, Christoph Blumhardt jr., berichtet, er habe, als ihm der Tod seines Freundes, des Atheisten August Bebel mitgeteilt wurde, gesagt: „Na, Auguscht, jetzat machschst’ Auge!“

Dieser Volksglaube entspricht zwar einem menschlichen Trostbedürfnis und hat deshalb eine theologische Rechtfertigung nicht nötig – aber hat er auch eine biblische Grundlage?

Im schon zitierten 90. Psalm heißt es weiter: „3. Du lässest die Menschen zum Staube zurückkehren, sprichst zu ihnen: «Kehret zurück, ihr Menschenkinder!»“. Und der Prediger sagt in Kapitel  12: „5.  …denn der Mensch geht in sein ewiges Haus und die um ihn klagen, ziehen auf der Gasse umher, … 7. und der Staub wird wieder zu Erde, wie er gewesen, der Odem aber kehrt wieder zu Gott, der ihn gegeben.“

Um Rückkehr geht es, dorthin, wo wir waren, bevor wir waren, zu dem, von dem es in Psalm 139 heißt: „16. Deine Augen sahen all meine Tage, in deinem Buche standen sie alle; sie wurden geschrieben, wurden gebildet, als noch keiner von ihnen da war.“, in Gottes Erinnerung, die nicht nur zurück, sondern auch voraus reicht, in der das Gewesene wie das Zukünftige immer gegenwärtig ist.

Das verheißt keine Individualität weder nach diesem Leben, noch vorher (wonach niemand fragt). Individualität manifestiert sich in unserem materiellen und kulturellen Dasein zwischen Geburt und Tod und bleibt darüber hinaus vielleicht verschlosen in Gottes Erinnerung, in der sie schon vorher stand. Für uns selbst gibt es diese Beschränkung auf uns selbst aber weder davor noch danach; außerhalb unserer Tage sind wir – die Guten wie die Bösen, die Heiligen wie die Hitlers – auch von uns selbst befreit. Und loben, nach Psalm 115, Gott nicht mehr, denn wir sind sein Teil.

Wozu soll uns dieses Nachdenken dienen? Nicht dazu, eine Lehre über das Jenseits zu begründen, sondern dazu, dass wir uns um das, was nach diesem Leben mit uns oder aus uns wird, nicht weiter bekümmern sollen – so wie die Menschheit des europäischen Mittelalters und noch der junge Luther unter der Angst litten, was denn nach diesem Leben käme, und wie noch viele Christen und Muslime – Juden wohl weniger – davon umgetrieben werden. Das soll nicht unser Sorgen in Anspruch nehmen.

Es gibt genug anderes, das unserer Sorge wert ist – und auch unserer Lebensfreude – hier auf dieser Erde und solange wir leben, denn „Die Himmel sind Himmel des Herrn, aber die Erde hat er den Menschenkindern gegeben.“ (Psalm 115, 16.) Machen wir daraus etwas Gutes!

zur Predigt über Prediger 3