Fertig machen für die Rechtfertigung?

 

Rechtfertigung – besser vielleicht: Gerechtmachung – setzt einen Zustand voraus, der sie notwendig macht: eine Anklage oder ein Unrichtigsein.

Der Heidelberger Katechismus beginnt deshalb nach zwei Einleitungsfragen mit dem kurzen Kapitel „Von des Menschen Elend“, in dem er den Menschen als einen beschreibt, der von Natur aus nicht in der Lage ist, Gottes Anspruch an ihn, nämlich seinem Gesetz, gerecht zu werden („Ich bin von Natur aus geneigt, Gott und meinen Nächsten zu hassen.“, Antwort 5). Solche „Natur“ ist aber nicht schöpfungsbedingt, sondern durch den Ungehorsam Adams und Evas so geworden.

Diese Theorie von einer „Erbsünde“ hat vielen Generationen Lust und Liebe verdorben, weil sie dort angesiedelt wurde; dazu wurde immer wieder der 7. Vers aus dem 51. Psalm herangezogen: Siehe, in Schuld bin ich geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen.“, der ursprünglich von einer Grundbefindlichkeit des Menschen, nicht aber vom Geschlechtsakt spricht (das legt erst die redaktionelle Einordnung nahe: „als der Prophet Natan zu ihm (David) kam, nachdem er zu Batseba gegangen war.“).

Aber auch, wenn man sie von der sexuellen Komponente befreit, ist die Theorie von der ererbten Sünde und von der verderbten Natur des Menschen kritisch zu hinterfragen. Wohl erlebt der Mensch sich als unvollkommen und sterblich und damit als ein Stück Natur wie die Natur, die ihn umgibt. – Warum muss das aber in die Kategorie Schuld und Sünde gefasst werden? Warum soll er Liedzeilen wie diese singen: „…hingegen meine Sinnen, mein Lassen und Beginnen ist böse und nicht gut.“ (EG 404, 7.)?

Kann er denn nicht sich selber so annehmen, wie er ist, und Spaß daran entwickeln, das zu tun, was er als gut erlebt oder was er für gut erachtet? Dass er dazu nicht Rousseaus edler Wilder sein muss, sondern auch ein bibellesender Kulturmensch sein kann, lehrt uns etwa der 119. Psalm, der Psalm eines Gerechten, eines Zaddiken in Israel, der keiner weiteren Rechtfertigung bedarf als seiner Freude an der Weisung Gottes.

Den Reformatoren ging es in der Nachfolge des Paulus und seines Interpreten Augustin bei ihrer Darstellung von des Menschen Elend, seiner Gottferne, nicht darum, seinen Endzustand zu beschreiben, sondern von seiner Erlösung aus dieser Gottlosigkeit zu sprechen: Vom befreiten Leben aus, mit und in Gott. Je größer das Elend, desto herrlicher das Geschenk der Befreiung, je tiefer die Verwerfung, desto glänzender die Erwählung zum Leben mit Gott.

Den Befreiungsakt erkennen sie in Tod und Auferstehung Christi, mit dem das alte, sündenbeschwerte Leben überwunden und das neue, befreite errungen wird – von Gott für den Menschen, der es wegen seiner Adamsnatur von sich aus nicht erringen kann. Für gewöhnlich wird dazu das Sterben Christi als ein Opfer bezeichnet, durch das die Schuld des Menschen bezahlt wird, oder doch noch als ein stellvertretendes Sterben „für uns“.  (siehe dazu das Kapitel „Jesu Tod: Ein Menschenopfer?“).

Dieses „für uns“, das den Blick auf den Leidenden am Kreuz lenkt und sein Leiden als ein eigentlich uns zustehendes erklärt, verschärft noch die Situation des als von Natur aus böse und verdammungswürdig erklärten Menschen: es vergrößert sein Schuldgefühl – dazu dienen die meisten der Passionschoräle im Gesangbuch. Sie können einen, wenn man die Texte ernstnimmt, regelrecht fertig machen – machen sie damit auch reif zur Rechtfertigung?

Oder geht es auch anders?

Noch keine Lösung, aber ein Denkversuch: Von Jesus lernen wir, Gott als uns liebend zugewandten Vater („Abba“ = Pappi) zu erkennen, von dem auch schon die hebräische Bibel weiß, dass er tröstet „wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jesaja 66, 13.). Es ist eine pädagogische Grunderkenntnis, dass ein Kind sich nicht durch Tadel, Strafen und Drohungen, sondern durch Lob, Annahme und Bestätigung zu einem freien Wesen entwickelt. Sollte Gott mit dieser pädagogischen Erkenntnis nicht mithalten können?