Jesu Tod – ein Menschenopfer?

Die christliche Tradition kennt von Anfang an die Vorstellung vom Tod Jesu am Kreuz als Versöhnungsopfer zur Vergebung der Sünden anderer. Dabei spielen mehrere Gedanken der israelitischen Tradition mit:

Zunächst der Gedanke an das Opfer am jüdischen Versöhnungstag, dem jom kippur, an dem erst ein Stier und ein Widder als Sündopfer dargebracht werden, und dann einem weiteren Widder die Sünden des Volkes aufs Haupt zugesprochen werden, der mit diesen Sünden in die Wüste, zum Teufel gejagt wird.

Ein weiterer Gedanke kommt aus den Gottesknechtsliedern im zweiten Teil des Jesajabuches, wo davon die Rede ist, dass der Knecht Gottes „verachtet und verlassen (ist) von Menschen, ein Mann der Schmerzen, vertraut mit Krankheit … Dennoch: Unsere Krankheiten, er trug sie, und unsere Schmerzen, er lud sie auf sich, und wir, wir hielten ihn für getroffen, von Gott geschlagen und gebeugt. Er aber ist verwundet von unseren Missetaten, zerschlagen von unseren Übertretungen, die Strafe liegt für unser Heil auf ihm,  und in seiner Wunde geschieht uns Heilung.“ (Jesaja 52, 3 – 5.). Hier ist von Stellvertretung die Rede, aber eindeutig nicht von einem Opfer. (siehe dazu unter „Predigten“ zu Jesaja 52, 13 – 53, 12., Link unten)

Zur Frage des Menschenopfers ist auch die Erstgeburt zu bedenken, die Gott gehört. Mitten im Bericht vom Passa, beim Auszug der Israeliten aus Ägypten, wobei alle Erstgeburt Ägyptens getötet wird, steht der Satz: „Weihe mir alle Erstgeburt bei den Israeliten, alles was zuerst den Mutterschoss durchbricht, unter den Menschen und unter dem Vieh; mir gehört es.“ (Exodus / 2. Mose 13, 2.), was dann im Numeri / 4. Mose präzisiert wird: „Siehe, ich selbst habe die Leviten aus den Israeliten ausgesondert zum Ersatz für alle Erstgebornen unter den Israeliten.“ (Numeri / 4.Mose 3, 12.) Die Leviten aber dienen Gott als lebendige Menschen.  Dazu tritt dann mehrfach die Ausführungsbestimmung wie z. B. in Numeri / 4.Mose18 an den Priester Aaron: „Alle Erstgeburt von allem Fleisch, die sie dem Herrn darbringen, es sei ein Mensch oder ein Tier, soll dir zufallen; nur musst du die Erstgeburt von Menschen lösen lassen … um fünf Lot Silber nach heiligem Gewicht, das Lot Silber zu zwanzig Gera.“ (Numeri / 4.Mose 18, 15. 16.)

Damit grenzt sich Israel deutlich und entschieden ab von den Greueln, die mit der menschlichen Erstgeburt bei den Kanaanäern begangen wurden. In einer Aufzählung heidnischer Kulthandlungen, die für Israel Greuel sind, steht in Leviticus / 3.Mose 18: „Du sollst nicht eines deiner Kinder hingeben, um es dem Moloch zu opfern, damit du nicht den Namen deines Gottes entweihest; ich bin der Herr.“ (Leviticus (3.Mose 18, 21.)), was dann noch weiter sanktioniert wird: „Zu den Israeliten sollst du sagen: Wer von den Israeliten oder von den Fremden, die in Israel wohnen, eines seiner Kinder dem Moloch hingibt, der soll getötet werden; das Volk des Landes soll ihn steinigen.“ (Leviticus / 3.Mose 20, 2.)  In 2. Könige 17, 17 wird das als eine der Ursachen genannt, die zum Untergang des israelitischen Nordreiches durch die Assyrer führen mussten.

Und da ist schließlich in Genesis (1.Mose) 22 die dramatische Geschichte von Abraham, der vermeint, Gott habe ihm befohlen, seinen Sohn Isaak zu opfern, und der sich dann auch anschickt, es zu tun, aber im letzten Augenblick durch einen Ruf des Boten des Herrn aus dem Himmel daran gehindert wird. Man kann diesen Ruf auch als innere Stimme Abrahams lesen, der hier in seiner größten Seelennot merkt, dass das, was er zu tun im Begriff ist, nicht der Wille seines Gottes sein kann. Jedenfalls ist das Fazit dieser Geschichte, dass Abraham, und durch ihn alle seine leiblichen und geistigen Nachfahren lernen: Menschenopfer darf es um Gottes Willen nicht geben! (siehe dazu unter „Predigten“ die zu Genesis 22, Link unten)

Der Befund der hebräischen Bibel, die bei uns missverständlich Altes Testament heißt, ist also klar: Gott verbietet jegliches Menschenopfer! Und dieser Gott sollte nun seinen eigenen Sohn am römischen Marterpfahl, dem Kreuz, opfern? Für die hebräische Bibel ist dieser Gedanke gotteslästerlich, widerspricht er doch allem, was der Gott Israels, der Gott Jesu, gebietet, und setzt ihn dem Moloch, dem Greuel der Kanaanäer, gleich.

Und dieses Opfer soll um unserer persönlichen Sünden willen gebracht worden sein! Dieser eher in evangelikal-pietistischen Kreisen gepflegte Gedanke ist eine maßlose Überheblichkeit (wer bin ich denn, dass Gott das um meinetwillen tut?) und kann gleichzeitig in eine tiefe Depression stürzen: Statt mich aus Sünden zu erlösen legt er erst einmal eine riesige Schuld auf mich.

Sollten wir nicht fähig sein, uns aus diesem Dilemma zu befreien oder befreien zu lassen? Versuchen wir doch, den Willen Gottes zu erkennen, der nicht den Tod des Sünders will und schon gar nicht ein Menschenopfer, sondern den Segen, das heißt: das Leben der ganzen mit ihm versöhnten Schöpfung. Am Kreuz Jesu erfahren wir, welchen Preis es in dieser unversöhnten Welt kosten kann, gegen sie die Versöhnung mit Gott schon jetzt zu leben. Und auch, wie solidarisch bis ins Letzte, bis in den Tod, Gott mit denen ist, die das versuchen. Dann dürfen wir  an Ostern erleben, dass nicht die, die andere ans Kreuz schlagen, triumphieren werden, sondern der Gott des Lebens.

 siehe dazu auch -> weitere Predigten -> zu Jesaja 52,13 – 53,12, 30.03.2002        

                                                         und -> zu Genesis/1.Mose 22, 17.03.2002