zu 1. Korinther 11, 23-26. am 02.04.2015

Predigt im Abendmahlsgottesdienst in der Französischen Kirche Potsdam               am Gründonnerstag, 2. April 2015

Lieder vor der Predigt waren (EG für die Ref. Kirche): Psalm 111: Jauchzt Hallelujah… und 223, 1-4: Das Wort geht von dem Vater aus…

Weitere Texte waren Psalm 111 nach der Zürcher Bibel und ein Gebet dazu von Sylvia Bukowski, sowie Jesaja 55, 1-9..

Predigttext 1. Korintherbrief 11, 23 – 26 (Eigene Übersetzung):
Ich habe vom Herrn her empfangen, was ich euch auch überliefert habe, dass der Herr Jesus in der Nacht, in der er verraten wurde, Brot genommen hat, und als er das Dankgebet darüber gesprochen, hat er es gebrochen und gesagt:
Das ist mein Leib für euch; das tut zu meinem Gedächtnis! Desgleichen auch den Kelch nach dem Essen, indem er sagte: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr trinkt, zu meinem Gedächtnis! Denn sooft ihr dieses Brot esst und den Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.

… bis er kommt, liebe Gemeinde! Hier ist von etwas Zukünftigem die Rede, von einem Ziel der Geschichte, dann, wenn das Gedächtnis, von dem hier zweimal ausdrücklich gesprochen wird, abgelöst wird durch die neuerliche Vereinigung mit dem, dessen da gedacht werden soll. Das Abendmahl Jesu, das wir auf diese Worte hin feiern, hat also Übergangscharakter, ist Erinnerung nicht nur an das, was einmal war, sondern mehr noch: Erinnerung an die Zukunft, damit wir sie nicht aus den Augen verlieren.
Jesus feierte dieses Mahl mit seinen Jüngern als Seder-Mahl, das heißt: als das Erinnerungsmahl an den Auszug Israels aus Ägypten, an die Nacht, als der Würgeengel Gottes, zum Zeichen seines Willens, Israel zu befreien, die Erstgeburt in den Häusern der Ägypter schlug, an den Häusern der Israeliten aber vorbeiging. Das wird in den jüdischen Gemeinden morgen Abend gefeiert. Es ist ein Mahl der Stärkung für den Weg Gottes mit seinem Volk aus der Sklaverei in die Freiheit. Ein noch nicht zu Ende gegangener Weg.
Dieser Weg führte die Israeliten gleich zu Anfang an die Meeresküste, wo er schon zu Ende schien, denn das Heer des Pharao war ihnen auf den Fersen. Die Rückkehr in die Sklaverei oder der Tod durch Schwert oder Ertrinken schienen die einzigen Alternativen zu sein. Aber Gott zeigte seinem Volk seine Alternative: Mit ihm hindurch zu schreiten, dort, wo wir nur den Tod sehen, ins Leben zu gehen.
Die letzte Mahlzeit in Ägypten, die auf diesen Weg vorbereitete und für ihn stärkte, wird im Seder-Mahl nicht nur historisch erinnert, sondern heutig vergegenwärtigt. Wer daran teilnimmt, zieht selber mit durch das Meer auf den Weg des Lebens. Der kann zwar 40 Jahre lang in die Irre durch Wüsten führen, wird aber auch dann sein Ziel nicht verfehlen.
Jesu letztes Seder-Mahl mit seinen Aposteln ist auch für ihn ganz persönlich der Aufbruch zum Weg durch den Tod hindurch ins Leben. Er geht nach dem Mahl mit seinen Jüngern hinaus, um zu beten und dann ausgeliefert zu werden an die, die ihn schließlich ans Kreuz bringen.
Zu seinem Gedächtnis sollen die Jünger das Mahl in Zukunft halten, indem sie seinen Tod und damit das wahre Leben verkündigen, denn erst in der Auferstehung gewinnt das Kreuz einen Sinn. Verkündigen sollen sie, also nicht nur sich selbst erinnern, bis das, was sie da verkündigen, Wirklichkeit wird: bis er kommt.
Aber muss er denn noch kommen? Ist der, zu dessen Gedenken die Christenheit das Seder-Mahl zum Abendmahl verkürzt hat, nicht der Selbe, der da gesagt hat: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an das Ende der Welt“ ? Und feiern wir nicht im Abendmahl die gegenwärtige Gemeinschaft mit ihm? Müsste sich da also nicht erinnertes Vergangenes mit zukünftig Erhofftem zu gegenwärtig Erfahrenem so vereinigen, dass unser je gegenwärtiges Heute zum Kulminationspunkt aller Geschichte würde? Wäre das das Geheimnis des Abendmahls, dass in ihm die ganze Heilsgeschichte vom Abrahamssegen und dem Auszug aus Ägypten an, über Jesu Tod und Auferstehung, bis in seine zukünftige Wiederkunft als Erlöser zusammenflösse: Hier, in Brot und Wein, hätten wir schon das Ganze?
Es gibt im Johannesevangelium und auch bei Paulus Worte, die so verstanden worden sind. Diejenigen aber, die das so verstehen wollten oder wollen, werden zu einer Kirche, die sich selber schon für die Erfüllung des Heilsplanes Gottes hält, eine sich selbst anbetende, unbewegliche Kirche, die sich um die fortbestehende Not der Welt und die Triumphe des Todes in ihr nicht mehr zu kümmern braucht. Paulus ist denen, die ihn schon zu Lebzeiten so missverstehen wollten, scharf entgegengetreten; unser Abendmahlstext ist ein Teil dieser Entgegnung.
Freilich, wenn wir versuchen, theologisch-theoretisch über Gott nachzudenken, dann können wir auch solche Gedanken denken: Der Ewige, der außerhalb der Zeit steht, die uns so unerbittlich durchs Leben jagt, ist selber erhaben über die Zwangsabfolge von Gestern – Heute – Morgen; für ihn und in ihm sind Vergangenheit und Zukunft ewige Gegenwart. Das ist bei Gott.
Wenn wir das aber auch auf uns beziehen wollten, geriete es uns zur Selbstvergottung. Dann machten wir aus uns selbst und unserer Epoche einen Götzen, an dem wir schließlich scheitern müssten. So, wie eine Kirche scheitern muss, die ihre Herkunft vergisst und deshalb auch die Hoffnung auf das Zukünftige; sie ist sich selbst genug und muss sich nicht wundern, wenn auch die suchenden Menschen von ihr bald genug haben.
Das gilt genauso für eine Gesellschaft, die ihre Geschichte nur noch als Dekorationsmaterial für heute begreift und für die die Zukunft nichts anderes ist, als die endlose Verlängerung dieses Heute, deren Visionen sich auf den Erhalt der gegenwärtigen Machtverhältnisse beschränken.
Aber da sei Gott vor! Um der Milliarden Menschen willen, denen es schon heute am Nötigsten fehlt, und um der kommenden Generationen willen, auch bei uns. Denn unser Gott ist ein Gott, der Gerechtigkeit nicht erst in einem fernen Himmel will, sondern hier auf Erden, in unserer menschlichen Geschichte.
Und er ist einer, der von uns nicht mehr verlangt, als wir zu geben vermögen. Wir haben vorher die prophetische Einladung aus Jesaja gehört: Kommt, esst, trinkt, esst Gutes, ohne zu bezahlen! Lasst Euch einbinden in den Bund des von Gott Gesegneten, einbinden in eine große Gemeinschaft, die ganze Völker mitnimmt auf den Weg. Lasst ab von dem, was Euch daran hindert – und zweifelt nicht, ob das Ganze denn Sinn und Ziel hat: Es ist Gottes Bund und Ruf und Weg! Wir müssen Gottes Gedanken nicht erfassen, sondern dürfen uns von ihm erfassen lassen.
Lasst uns in diesem Sinn das Abendmahl feiern als das, was es sein will: Erinnerung an den geschichtlichen Heilsweg Gottes mit seinem Volk und an die Geschichte Jesu, der auch uns Heiden auf diesen Weg mitnimmt, an seinen Tod und seine Auferstehung. Im Abendmahl versichert er uns seiner Weggemeinschaft. Eine Weggemeinschaft braucht aber immer ein Ziel – sonst irrt man wie Israel einst 40 Jahre durch die Wüste. Und dieses Ziel heißt für uns: bis er kommt. Bis er kommt, zu richten – und das heißt: zurechtzubringen – die Lebenden und die Toten. Auf dem Weg sein aber heißt: selber schon zurechtzubringen, was wir zurechtbringen können, versöhnend, helfend, heilend, tröstend, auferbauend, Hoffnung stiftend, mit grenzenloser Phantasie für die Möglichkeiten der Welt und im Vertrauen auf Gott, dessen Gedanken höher sind als unser Verstehen, ihm zur Ehre, der Welt zum Heil. Amen.

Vor dem Abendmahl wurde das L,ied „Das Passa vereinigt…“ gesungen, siehe unter „Geistliche Lieder“, danach Lied 262: Sonne der Gerechtigkeit…

(Gebet am Schluss des Gottesdienstes:) Herr, Du Geber aller Güter, zeitlicher wie ewiger, wir danken Dir für das Geschenk Deiner Gemeinschaft in Deinem Mahl und über es hinaus. Wir wissen, dass wir selber uns ihrer nicht würdig erweisen können, und nehmen sie doch dankbar an. Hilf Du all unseren Schwachheiten auf; denn wir scheitern immer wieder daran, Deinen heilsamen Willen in unserer Welt, ja schon in unserem persönlichen Leben durchzusetzen.
Deshalb müssen wir beides Dir vor die Füße legen: Diese Welt mit ihren Kriegen, ihrer Drangsal und ihrem Hunger, mit all der Ungerechtigkeit, von der wir noch profitieren, ob wir es wollen oder nicht, mit all ihrem Hass und der Gleichgültigkeit fremdem Leiden gegenüber. Nimm Dich ihrer an; lass die Überwindung der Sünde, der Gewalt und des Bösen, die Du am Kreuz Jesu begonnen hast, zur realen Wirklichkeit werden – und nimm auch uns dazu in Dienst. Und wir werfen uns selbst Dir zu Füßen, dass Du uns zu Deinen Weggenossen machst und uns dorthin lenkst, wo wir gebraucht werden als Gesellschafter der Einsamen, als Helfer der Hilflosen, als Wegweiser der Verirrten und Verwirrten, als Tröster der Traurigen, Kranken und Sterbenden unter uns — aber ebenso als Mitfeiernde der Fröhlichen, als Mitarbeiter aller, die Deinem kommenden Reich dienen, als Einstimmende in den Gesang derer, die Dein Lob singen im Himmel wie auf Erden. Amen
(Das UnserVater war Teil der Abendmahlsliturgie)