Predigt zu Apostelgeschichte 1, 1 – 12, am 05.05.2016 (Himmelfahrt)…

… in der Französischen Friedrichstadtkirche zu Berlin von T. Hachfeld

Der Gottesdienst folgte liturgisch der lutherischen Ordnung der EKBO.

Lieder im Gottesdienst vor der Predigt waren (EG Ref.): Psalm 47: Singt mit froher Stimm…; 153: Der Himmel, der ist… und (von einem Liedblatt): Wir loben Gott…(siehe unter „Geistliche Lieder“).

Weitere Texte waren: Johannes 12, 32.; Exodus (2. Mose) 19, 1 – 8. und Lukas 24, 50 – 53..

Der Predigttext: Apostelgeschichte 1, 1 – 12. wurde wie alle Texte in der Übersetzung der Zürcher Bibel von 2007 gelesen.

Liebe Gemeinde,
Christi Himmelfahrt hat es als kirchliches Fest schwer. Kurzurlaube oder Vatertagsausflüge sind da populärer. Für heute gibt es ja auch kein Kind in der Krippe, kein aufgerichtetes Kreuz, kein leeres Grab, kein Sprachwunder im Heiligen Geist. Nur 11 Männer, die einem 12. ratlos hinterherblicken, der vor ihnen nach obeen entschwindet.
Ratlos kann man bei diesem Fest ja leicht sein. Da gibt es auch noch Exegeten, die erklären, dass der Auferstandene nicht leibhaftig aufgefahren sein könne, weil er nur geistlich auferstanden sei in den Glauben seiner Anhänger, während sein Leib im Grab vermoderte. Auf der anderen Seite sind da Glaubensstarke, die felsenfest wissen, dass es ganz genau so gewesen sein muss wie es unser Predigttext schildert und im Glaubensbekenntnis formuliert wird – schon um der Konfirmanden willen, die das ja auswendig lernen müssen – was wollen wir davon halten?
Ich schlage vor, beiden Recht zu geben, denen, für die Jesu Leichnam im Grab vermodert ist, und denen, für die er leibhaftig auferstanden und in den Himmel gefahren ist: Denn beide haben das Recht, zu glauben, was sie glauben. Aber beiden bestreiten wir das Recht, auch von allen anderen zu verlangen, das Selbe zu glauben, was sie – die einen wissenschaftlich, die anderen dogmatisch – als einzige Wahrheit erkannt zu haben meinen. Und das trifft für alle zu, die meinen, den einzig richtigen Glauben zu haben, sei er religiös oder ideologisch.
Wohin einzig richtige Glaubenswahrheiten führen, haben wir in unserem Land zum Überdruss erlebt; die Wahrheiten, die einen von oben verordneten Sozialismus betrafen, haben sie sich weitgehend überlebt; die, die einem rassistischen Nationalismus huldigen, dagegen nicht; im Gegenteil, das lebt auf, organisiert sich immer neu, diffamiert, die sich vor Krieg und Terror zu uns flüchten und zündet ihre Unterkünfte an.
Hüten wir uns nach unseren geschichtlichen Erfahrungen vor jedem Versuch, das Denken und auch den Glauben gleich zu schalten. Erfreuen wir uns vielmehr der Widersprüche, die die Bibel, in ihren christlichen Schriften wie den hebräischen, viel interessanter machen, als sie es ohne sie wäre. Freuen wir uns auch an den Widersprüchen, die uns die frühen Christen vererbt und ganz bewusst nebeneinander stehen gelassen haben.
Natürlich hatten sie nicht nur Widersprüche, sondern auch vieles gemeinsam: Die Erfahrung vom lebendigen Christus auch nach seinem Tod, die als Erfahrung auch dann unbestreitbar ist, wenn das leere Grab als wissenschaftlich bestritten wird. Und da sind, allerdings schon recht unterschiedlich, die Erfahrungen von Begegnungen mit dem Auferstandenen, die einmal nichts als Schrecken verursachen – so bei Markus – andere male Freude – aber immer auch Zweifel, von Anfang an. Begegnungen zudem, die in jedem Fall etwas Unwirkliches an sich haben: Nie wird Jesus von den Seinen von vornherein erkannt… Und das ist wohl bis heute so.
Und dann gibt es noch die Erfahrungen von Jesu Himmelfahrt. Das sind späte Erfahrungen, Generationen nach denen aufgeschrieben, die sie eigentlich gemacht haben müssten. Und je später erinnert, desto länger hat es von der Auferstehung bis zur Himmelfahrt gedauert. Findet sie im Lukasevangelium noch am Ostersonntag selber statt, wie wir es gehört haben, so sind es hier, in der Apostelgeschichte des selben Verfassers, schon 40 Tage – und die dehnen sich bei den Schriftstellern des zweiten Jahrhunderts aus bis auf anderthalb Jahre. Soviel Zeit musste nämlich angesetzt werden, um alle Erscheinungen und Wunder des Auferstandenen unterzubringen, an die man sich, je später desto mehr, erinnerte. Das war ein sehr kreatives Erinnern!
Aber wann ist er denn nun wirklich aufgefahren? Die Sprache des Johannesevangeliums identifiziert schon den Kreuzestod mit der Himmelfahrt – und stößt sich nicht daran, dass er danach noch in das später leere Grab gelegt wurde. Wenn er aber schon aufgefahren war, wie konnte er den Seinen dann noch erscheinen ?
Die Antwort auf diese Frage überlassen wir getrost wir ihm selber. Die Apostelgeschichte jedenfalls, die mit unserem Himmelfahrtbericht beginnt, berichtet, dass er noch Jahre später dem Saulus erschienen ist, um ihn zum Paulus zu machen. Und wer sagt denn, dass er, wo, wann und wie er selber will, nicht noch weiter erscheint als der auferstandene Lebendige? Meist unerkannt?
Aber halten wir uns nun an den Text und damit an das authentische Glaubenszeugnis der späteren lukanischen Gemeinde. Hier sind es vierzig Tage, in denen der auferstandene Jesus mit den Seinen zusammen war und über das Reich Gottes redete. Mit den vierzig Tagen bleibt der Bericht ganz bewusst im Zeitrahmen jüdischen Erinnerns. Die nächste Geschichte ist die von Pfingsten, dem jüdischen Fest Schawuot oder Wochenfest. Zwischen Passa, an dessen Vortag Jesus hingerichtet wurde und an dem die Israeliten von Ägypten aufbrachen, und Schawuot liegen 49 Tage. An Passa gedenkt man in Israel des Auszuges der Kinder Israel aus Ägypten. An Schawuot gedenkt man der Offenbarung der Tora, der von Gott geschenkten Lebensordnung, am Sinai. Die 40 Tage, in denen Jesus mit den Jüngern über das Reich Gottes redete, entsprächen der 40tägigen Wanderung Israels mit seinem Gott durch die Wüsten, und und der 40. Tag, der Tag von Jesu Himmelfahrt, dem Tag an dem die Kinder Israel am Sinai ankamen, wie wir vorhin gehört haben, und an dem Moses zum ersten mal den Berg bestieg, um dann neun Tage später, am Pfingsttag, dem Volk den ersten Teil der Tora zu übergeben: die zehn Gebote, die die Synagogengemeinden bis heute an Schawuot stehend anhören.
So besehen ordnet sich die Auferstehung Jesu dem Aufbruch seines Volkes in die Freiheit zu, seine Himmelfahrt dem der Aufstieg Moses auf den Gottesberg, und Pfingsten der Erneuerung des Gottesbundes: Was so die urchristliche Gemeinde glaubend erfahren und erinnert hat, ist und bleibt also eingebunden in die Erfahrung und Erinnerung Israels und in seine Heilsgeschichte. Und die nimmt dann in dem Buch, das mit dieser Himmelfahrtgeschichte einsetzt, ihren Weg zu den Völkern, erst in Jerusalem, dann in ganz Judäa und Samarien und schließlich bis an die Enden der damals bekannten Erde.
Die Jünger sind es, die die Kunde auszubreiten haben, als seine, Jesu, Zeugen. Sie können das aber nicht von sich aus. Sie können es erst mit der neuen Tora-Offenbarung, die ihnen bevorsteht, mit der Taufe mit Heiligem Geist an Pfingsten.
Die Jünger verbinden das natürlich mit dem, wonach sie und so viele im Volk sich so sehr sehnten, die Sehnsucht, um derentwillen sie sich Jesus einst angeschlossen hatten und die am Kreuz erst einmal gescheitert war: „Herr, stellst Du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her?“
Den Jüngern wird die Antwort verweigert. Auch mit dem Geschenk des Heiligen Geistes werden sie noch nicht in die letzten Pläne Gottes eingeweiht. Auch als Kirche werden sie Teil dieser Welt bleiben; in ihr und nirgends sonst haben sie den Auftrag, Zeugen zu sein.
Und mit diesem Auftrag werden sie nun zurückgelassen. Ihr Herr wird ihnen entrückt. Sie sind auf sich selbst gestellt. Sie können’s noch nicht fassen. Sie stehen da und blicken ihm nach, zum Himmel. Aber anders als später der erste Märtyrer Stephanus in seiner Todesstunde, sehen sie nicht die Himmel offenstehen und die Herrlichkeit Gottes und Jesus zu seiner Rechten, sondern sie sehen nur das übliche Blau oder Grau – je nachdem, welches Wetter war. Denn bis ihnen das beschieden sein soll, und auch uns: bis uns der Blick in den geöffneten Himmel beschieden sein soll, haben sie und wir noch eine Menge anderes zu tun: Nicht stehen und warten, was von oben kommt, sondern hier unten dem Kommenden den Weg bereiten.
Engel müssen sie daran erinnern. Sie tun es mit der Vergewisserung, dass kommen wird, was ihnen und dem ganzen Gottesvolk und durch es allen Völkern verheißen ist: Der auf Wolken kommende Menschensohn, der aus dem Gericht rettet – nach einem Bild aus dem Buch Daniel.
Aber bis es so weit ist, haben jede und jeder für sich und die ganze Gemeinde Gottes gemeinsam ihre Blicke nicht nach oben sondern nach vorne zu richten, zunächst nach Jerusalem. Und dahin machen sie sich auf, den Sabbatweg zurück, den sie vorher mit Jesus hinaus gegangen waren; jetzt ohne ihn. Aber dennoch nicht von ihm verlassen.
In der Zeit gehen wir den Weg Gottes allein, als wäre er nicht. Aber wir gehen ihn mit einem bunten Strauß von Erinnerungen, dem immer noch neue hinzugefügt werden können. In diesem Strauß blühen die Vorahnungen ewiger Wahrheiten – und sicher auch etliche falsche Blüten. Aber welche davon welche sind, das lernen wir aus keiner Dogmatik, sondern das erfahren wir nur durch das Leben als Zeugen Jesu und des kommenden Gottesreiches. Die falschen Blüten sind die, die nur uns selbst schmücken, für eine kürzere oder längere Zeit, und spätestens mit uns verwelken; die wahren dagegen sind wie Hochzeitsblumen, die immer neu auf den Weg gestreut werden, auf dem Gott uns entgegenkommt. Amen.

Lied 135,1.3.5.7: Wie lieblich ist der Maien…

(Gebet) Herr, auf Dich können wir getrost zugehen – Du kommst uns ja entgegen. Lass uns das nicht vergessen auf den Wegen, die wir beschreiten, damit wir nicht in die Irre gehen. Denn Du sendest die Deinen alleine in die Welt, und diese Welt macht uns oft Angst; wir finden Dich nicht wieder in ihr. Und es genügt uns nicht, Dich hoch über uns zu wissen. Hier wirst Du gebraucht, hier, wo so viele Hoffnungen zuschanden werden und so viel guter Wille an enge Grenzen stößt. Führe uns ins Weite. Führe die Menschen, die heute als Flüchtlinge vor Hunger, Gewalt und Krieg nach Europa streben, in eine lebendige Zukunft; lass sie bei uns weiter Aufnahme und Anerkennung finden, und bringe die, die sie ausgrenzen wollen, zu Raison und Vernunft. Lass, wo sie herkommen die Nöte aus Hunger, menschlicher Grausamkeit, Gewalt und Krieg durch einen Frieden beendet werden, der die Menschen aufatmen und neue Hoffnung schöpfen lässt und Rückkehr ermöglicht. Hilf uns zu erkennen, wo unser Friedenshandeln erfordert wird und wie es möglich ist, das Zeugnis von der von Dir geschenkten Versöhnung lebendig zu machen. Herr, wir rufen Dich für alle Hungernden und Entrechteten an um Gerechtigkeit, für alle Verängstigten, Verfolgten und Eingekerkerten um Freiheit; für alle Resignierten, Ziellosen und Abgestumpften um realistische Hoffnung. Wir rufen Dich um unser selbst willen an: Reiße uns heraus aus aller falschen Sattheit, allem falschen Reichtum, allem distanzierten Hochmut und aller Resignation, die uns von denen trennen, die unsere Solidarität brauchen. Wir bringen vor Dich diejenigen aus unseren Gemeinden, denen ein nahestehender Mensch durch den Tod entrissen wurde; wir bringen vor Dich alle, die krank sind, alle, die nicht weiter wissen mit ihrem Leben. Führe uns zusammen und stärke unsere Gemeinschaft, uns und den Menschen um uns zum Segen und Dir zur Ehre. Mit Jesu Worten bitten wir:
Vater unser…