Predigt zu Exodus (2. Mose) 19, 1 – 6., 20. 08. 2017

Predigt zu Exodus (2. Mose) 19, 1 – 6. im Gottesdienst am Israelsonntag, 20. August 2017, in der Schlosskirche Berlin Köpenick von T. Hachfeld

Lieder im Gottesdienst vor der Predigt waren aus dem Psalmenteil des EG für die Reformierte Kirche die Psalmen 66, 1 – 4: Jauchzt alle Lande… und 25, 1 – 3: Meine Seele steigt auf Erden…

Weitere Texte waren Psalm 33, Vers 12., die zehn Gebote in Kurzform und ihre Summe, Markus 9, 2 – 8. und das Bekenntnis „Wir sind nicht allein…“. Außerdem wurde etwas über Herkunft und Gegenwart des früheren „Judensonntag“ und heutigen Israelsonntag gesagt.

Predigttext: Exodus (2. Mose) 19, 1 – 6.

Am dritten Neumond beim Auszug der Kinder Israels aus dem Land Ägypten, an dem Tag halten sie Einzug in die Wüste Sinai.
Und sie sind aufgebrochen aus Refidijm und ziehen ein in die Wüste Sinai und lassen sich nieder in der Wüste, und dort lagert Israel vor dem Berg.
Und Mose steigt hinauf zu Gott; da ruft ihm JHWH von dem Berg her zu und spricht: „So sprichst du zum Haus Jakobs und teilst den Kinder Israels mit:
«Selber habt ihr gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe, euch aber trug ich auf Adlers Flügeln und ließ euch zu mir kommen.
Und jetzt, wenn ihr – Hören! – auf meine Stimme hört und meinen Bund bewahrt, dann seid ihr für mich mein Kleinod aus allen Völkern, denn mein ist die ganze Erde.
Und ihr seid für mich ein Königreich von Priestern und heiliges Volk!» Dieses sind die Worte, die du zu den Kindern Israels redest.“

Liebe Gemeinde,

am dritten Neumond, an dem Tag: Das Datum wird genau festgehalten: Es ist der 1. Siwan, der etwa unserem Juni entspricht. Mit dem Neumond beginnt in Israel der neue Monat; deshalb ist Neumond und Monat ein und das selbe Wort. Zwei Monate ist es her, dass Gott zu Mose geredet hat: „Dieser Monat soll für euch der erste sein, von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen!“ (12, 2.). Das ist jetzt genau 56 Tage her. Für die Geschichte eines Volkes eine sehr kurze Zeit. Aber was ist in dieser Zeit alles passiert! Am zehnten des ersten Monats aß Israel zum ersten Mal das Passa, das ganze Volk in seinen Sklavenunterkünften in Ägypten, immer so viele miteinander, dass sie ein Schaf- oder Ziegenlamm aufessen konnten, als Stärkung für die Reise, die sie dann antreten sollten: Raus aus Ägypten, aus dem Sklavenhaus! Und als die Truppen des Pharao ihnen nachsetzten um sie zurückzuholen, ging es durch ein Meer, das plötzlich vor ihnen trocken war, über den Verfolgern aber wieder zusammenschlug und sie ertränkte. Es folgte ein aufregende Wanderung durch zwei Wüsten; da war einmal Wassermangel, einmal Nahrungsmangel, Murren und Auflehnung gegen Mose, und immer wieder wunderbare Hilfe: bitteres Wasser wurde süß, süßes Wasser floss aus dem Felsen, etwas Brotartiges fiel vom Himmel, und als das einigen nicht genug war: Wachteln zum Grillen satt, bis zum Erbrechen.

Und zuletzt bei Rifidijm der Überfall der Amalekiter, dieser Feinde, die weder historisch noch geografisch fassbar sind, sich aber immer wieder neu in denen verkörpert, die das Volk Israel vernichten wollen, so im deutschen Faschismus vor 80 Jahren, so im arabischen Terrorismus bis heute. Auch das gehört zu Israels Grunderfahrungen.

Aber jetzt ist das erst einmal überwunden; am 46. Tag nach dem Passa des Aufbruchs ist Israel am Ziel. Noch nicht am endgültigen im Land Kanaan – dahin ist noch ein weiter Weg – aber an dem Ziel, zu dem Mose das Volk zunächst führen sollte. Sein Auftrag, den er bei seiner Berufung aus einem brennenden Dornbusch erhalten hatte, war limitiert: Das Volk herauszuführen aus Ägypten, und als Zeichen seiner Sendung dazu wurde ihm genannt: „Wenn du das Volk aus Ägypten führst, werdet ihr an diesem Berg Gott verehren.“ (3, 12.) Mose, in der Einsamkeit einst hier berufen, hat seine Mission erfüllt: Er ist an diesen Ort zurückgekehrt mit dem ganzen Volk der Israeliten, damit es hier Gott verehre. Sehr breit werden die Ankunft und das Lageraufschlagen geschildert, denn sie leiten eine neue Epoche im Miteinander von Gott und seinem Volk ein.

Die genauere Ortsbezeichnung ist „vor dem Berg“ oder auch „dem Berg gegenüber“. Welcher Berg? Er hat in den Erzählungen zwei Namen, Choreb und Sinai, und es ist nicht ganz klar ersichtlich, welcher der beiden Namen für das größere Bergmassiv und welcher für den besonderen Gipfel steht. Aber so genau müssen wir es auch gar nicht wissen; es genügt, dass es DER Berg ist, der Ort, an dem Gott sich den Seinen offenbart. Hier ist er ganz sicher ein fester geografischer Ort, er wird aber im Laufe der Zeit auch zu einem symbolischen Ort, zum Berg Zion, auf dem Gott die Völker versammeln will, damit sie mit Israel den Frieden lernen, zum Berg, auf dem Elia erfahren muss, dass Gott auch schweigt, oder zu dem Berg, von dem aus die Christenheit Jesus predigen hört und auf dem seine Jünger ihn verklärt in der Gemeinschaft mit Mose und Elia sehen. In der Erzählung davon wird dem Petrus schnell klar gemacht, dass es Unsinn wäre, auf diesem Berg Hütten zu bauen, um den Moment festzuhalten; die Offenbarung Gottes macht nicht sesshaft, sondern bringt auf den Weg! Die Offenbarung Gottes am Sinai wird auch Israel wieder auf den Weg nach Kanaan bringen. Aber jetzt macht Israel hier vor dem Berg Halt, um die Offenbarung erst noch zu erfahren und am Gottesberg zum Gottesvolk zu werden.

Als das Volk angekommen ist – Mose war ihm mit einigen Ältesten voraus – steigt Mose ein Stück weit den Berg hinauf. Er tut es wohl, um nun seinen Auftrag als erfüllt zurückzugeben: Das Volk, das Du mich hier beauftragt hast, hierher zu führen: Da ist es.

Mose steigt hinauf zu Gott, hebräisch: elohijm. Aber vom Berg her ruft ihn der Ewige, für den hier sein unaussprechbarer Name mit den vier Konsonanten J-H-W-H steht. Handelt es sich dabei um ein und den selben? Christliche Ausleger vermuten hinter dieser wechselnden Bezeichnung verschiedene Quellen, die da zu einer Erzählung kombiniert worden seien. Jüdische Ausleger hingegen raten uns, genauer hinzuschauen, welche Erfahrung denn mit elohijm und welche mit dem Namen des Ewigen verbunden sind. Und dabei wird deutlich, dass elohijm der Ferne, oft auch Bedrohliche, hoch oben Thronende ist; er macht Angst. Aus dem Namen des Ewigen aber spricht seine eigene Persönlichkeit in ihrer Zuwendung zu den Seinen. Er beruft und befreit, er bringt aber auch zurecht oder entzieht sich, wo ihm zuwider gehandelt wird.

Der Gott des Namens, der Ewige, verlangt nichts, ohne nicht zuvor zu geben. Den Urvätern Abraham, Isaak und Jakob-Israel gab er noch keine Gebote, außer dem der Beschneidung als Zeichen der Zugehörigkeit zu ihm; ihnen gab er vor allem die Verheißungen und den Segen.

Hier aber wird es darum gehen, dass Israel eine Weisung empfängt, Gebote, die für ein Leben in Freiheit erfüllt sein wollen. Erfüllt aber von solchen, die mit Gott schon Erfahrungen gesammelt haben. Deshalb soll Mose sie, bevor irgendetwas von einem Gebot laut wird, an ihre Befreiung aus Ägypten erinnern, insbesondere an den Durchzug durch das Meer, in dem dann die sie verfolgenden Truppen ertranken. Wie ein Adler seine Jungen auf seine Flügel nimmt, und sie lehrt, selber zu fliegen, abgeschirmt von jedem Pfeil, der von unten kommen könnte, so hat er sie aus Ägypten gerettet und hierher, zu sich selber gebracht.

Hier aber beginnt nun ein gemeinsamer Prozess. Israel wird fortan nicht mehr nur das Objekt von Gottes gnädiger Zuwendung sein, sondern auch Subjekt des gemeinsamen, heilvollen Zusammenlebens. Das Subjekt aber muss Bedingungen akzeptieren und erfüllen. Zwei werden hier genannt: Das Hören auf Gottes Stimme und das Bewahren des Bundes. Hören auf die Stimme heißt: sich auf Gott einlassen – mehr zunächst noch nicht. Sich einlassen auf den, der aus Ägypten befreit und wunderbar bis hierher geführt hat: Hören, was er zu sagen hat. Mehr im Moment noch nicht. Und Bewahren des Bundes, aber noch nicht des Bundes, wie er dann an diesem Berg beschlossen werden soll mit dem ganzen Gewicht der Weisung, die hier gegeben werden wird; die kennen die Israeliten ja noch nicht; sondern hier noch: Bewahren des Bundes, wie er mit Abraham gestiftet wurde und in der Beschneidung äußerlich, in der Zugehörigkeit zu Gott innerlich sich manifestiert und dem die Verheißung des Landes, in dem Milch und Honig fließen wird, innewohnt.

Das Hören auf die Stimme und die Bewahrung des Bundes werden hier einem ganzen Volk angetragen, einer Vielzahl unterschiedlichster Menschen, einem Kollektiv, das sich diesem Anspruch Gottes gemeinsam stellen soll. Das erfordert die Übereinstimmung sehr Vieler, das ermöglicht aber auch das Mit-tragen solcher, die zu schwach sind oder andere Probleme haben. Und das geht nur, wenn die Menschen ihre gegenseitige Verantwortung füreinander annehmen und wahrnehmen.

Eine Anmerkung, um Irrtümern und Missverständnissen vorzubeugen: Wenn hier von Israel die Rede ist, geht es um dieses von Gott berufene, von ihm zu seinen Zwecken auserwählte Volk der Nachkommen Abrahams und derer, die im Lauf der Jahrtausende dazugekommen sind. Dieses Israel ist heute zu einem großen Teil identisch mit dem jüdischen Volk im Staat Israel, es ist aber keinesfalls mit dem Staat selber zu verwechseln. Der ist keine religiöse Größe und will es nicht sein, und auch der einzelne Israelit oder Jude ist über sich selbst hinaus keine eigene religiöse Größe, auch wenn er uns Religionslehrer ist. Bewahren wir die heute hier und dort lebenden Juden vor einem solchen unerträglichen Anspruch. Sondern das Israel, von dem wir hier sprechen, ist die Gesamtheit von ganz unterschiedlichen Menschen im Lande Israel und in der weltweiten Diaspora, religiös Glaubende, Ungläubige und Skeptiker, die Gott dennoch als sein eigenstes Kleinod, anderswo heißt es: seinen Augapfel, ansieht.

In der am Berg Sinai erklärten Bereitschaft, auf Gott zu hören, und in der Bereitschaft, zu ihm dazu zu gehören, ist ein für alle mal das erfüllt, woran sich Gott bindet. Denn hier bindet nicht so sehr Gott das Volk an sich, sondern er selber bindet sich noch viel stärker an dieses Volk Er erklärt dieses Volk zu seinem Kleinod; das hebräische Wort segulah bedeutet ein ganz hervorgehobenes, geliebtes, behütetes Eigentum. Wir erfahren hier keinen Grund, warum denn ausgerechnet Israel Gottes Kleinod ist – es ist es. Und das hat mit Liebe zu tun, die sich bekanntlich nicht rational begründen lässt, deshalb auch das betonte „für mich“. Aber Israel ist als dieses Kleinod nicht isoliert, sondern ein Teil aus allen Völkern; es gehört weiter zu ihnen, und alle Völker gehören mit Israel Gott. Die besondere Erwählung Israels ist keine Verwerfung von irgend jemand anderem, sie ist vielmehr, wie dem Abraham im Segen verheißen wurde, der Anfang des Segens für alle Völker.

Diesem Israel wird zugesagt es sei ein „Königreich von Priestern“. Was heißt das? Das Amt des Priesters ist das der Vermittlung: Er erklärt den Leuten den Willen der Gottheit, und er bringt das Gebet und die Opfer der Leute vor die Gottheit. Wenn aber ein ganzes Königreich nur aus lauter Priestern besteht: Für wen sollen die noch vermitteln, wenn nicht für die Bürger anderer Königreiche, also auch für uns? Dazu wird ja auch Gott als der Herr der ganzen Erde besonders herausgestellt. Israels Erwählung ist nicht Isolation – sondern Dienst; kein sklavischer, niedriger, sondern der eines Sachwalters der Sache Gottes auf Erden. Und als solcher Sachwalter Gottes ist Israel heilig.

Der Dienst der Sachwalterschaft geschieht nicht um Lohn und Ehre, sondern um seiner selbst willen. Deshalb ist an dieser Stelle nicht von der Landverheißung die Rede, nicht von einer Übermacht Israels über andere, nicht von weltlichen Ehren. Heiligkeit braucht all das nicht. Mose hat das Volk hierher geführt, und hier, so war ihm gesagt worden, werde es Gott ehren. Dazu braucht es keinen großen Gottesdienst mit Opfern und Liturgie. Es braucht nur das Hören aufs Wort und die Zustimmung zum Bund, den Gott mit Abraham schloss. Dafür ist Israel da. Nicht nur damals in der Wüste Sinai vor dem Berg, sondern auch heute. Und dafür ist es heilig, unabhängig auch von allem Unheiligen, was sich im Staat Israel oder in der jüdischen Diaspora in Gemeinden geschieht.

Doch wie berührt das uns? Als Kirche bekennen wir Jesus Christus als den Heiligen Gottes, als sein Wort an uns, als den, durch den wir am ganzen Segen Gottes teilhaben. Damit bekennen wir ihn als den, in dem Israel für uns lebendig wird als Königreich von Priestern und heiliges Volk. Wollten wir ihn von Israel trennen, würden wir ihn entwurzeln und mit ihm in religiöse Beliebigkeit entschweben. Nur mit den Wurzeln in Israel hat unser Christsein Bodenhaftung, lebt es in dieser Welt und für sie. Daran soll uns der heutige Israelsonntag erinnern – und dazu bringen, selber den Segen Gottes zu erfahren und für andere erfahrbar zu machen – hier und heute, ganz praktisch und materiell, und nicht erst in einem fernen Jenseits. Das dürfen wir getrost Gott überlassen. Uns hat er die Erde überlassen ihm hier zu dienen – als Priester und heiliges Volk gemeinsam mit Israel. Amen

Orgelspiel

(Gebet:) Herr, wir preisen und segnen Dich um Israels willen, durch das wir Deine Verheißungen und Deinen Segen erfahren. Bewahre uns davor, zu vergessen, woher unser Glaube kommt und worauf er sich bezieht: Aus Deiner Geschichte mit Israel und durch Israel für alle Völker. Gib uns die Weisheit, mit dem heutigen Israel in seinem Land und in der weltweiten Diaspora und auch hier bei uns ein Verhältnis zu finden, dass dem entspricht, was uns durch Dein Volk geschenkt ist, und doch jeden Einzelnen Deines Volkes als eigene Person respektiert, sie weder in falscher Sehnsucht überhöht, noch aus falscher Scheu von uns weist. Lass uns nicht hinweggehen über das, was Deinem Volk durch unser Volk geschehen ist; aber lass uns annehmen, wo uns die Hand zu einem normalen, menschlichen Umgang gereicht wird. Wir bitten Dich für die israelitischen Gemeinden in unserem Land mit ihren Struktur-, Sprach- und Integrationsproblemen, dass sie sich so zurechtfinden, dass von ihnen Lehre und Hoffnung ausgeht, dass sie ein integraler, belebender Bestandteil unserer Kultur und Gesellschaft sind und ohne Angst hier leben können. Wir bitten Dich für alle Menschen, dass sie ohne Angst leben können, für die von Terrorakten Betroffenen in Spanien, für alle, die heute Krieg und Gewalt ausgesetzt sind, für die, denen man Zukunft verweigert, für die, die in Armut und Abhängigkeit gehalten werden oder die auf der Flucht vor Gewalt und Elend sind. Wecke unsere Politiker auf, dass sie es nicht weiter zulassen, dass Menschen auf dieser reichen Erde verhungern, dass immer mehr Waffen verbreitet werden, dass Flüchtlinge in Lager gesperrt werden oder im Mittelmeer ertrinken. Wir bitten Dich für unsere Kranken; gib ihnen Mut und Durchhaltekraft; lass sie sich getragen wissen von unserem Mitdenken und Gebet. Wir bitten Dich für die Sterbenden, lass sie in Dir Frieden finden. Herr, erhalte uns die Hoffnung auf eine Welt in Frieden und Gerechtigkeit und zeige uns, wo und was wir dazu selber beitragen können. Wir bitten Dich mit den Worten, die Jesus uns gelehrt hat: Unser Vater im Himmel…

Psalm 67, 1 – 3 (ganz): Herr, unser Gott, auf den …