zu Exodus (2.Mose) 24, 1 – 11, Gründonnerstag, 24. 03. 2016…

…in der Französischen Kirche Potsdam

Lieder vor der Predigt waren (EG für die Ref. Kirche): 91, 1- 3, 6: Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken…, Psalm 111, 1-4: Jauchzt Halleluja… und das Passa um Abendmahlslied Das Passa vereinigt… (siehe unter „Geistliche Lieder“)

Weitere Texte waren: Psalm 111, ein Gebet dazu von S. Bukowski und Lukas 22, 7 – 20.

Predigttext: Exodus (2. Mose) 24, 1 – 11.
(Übersetzung nach Benno Jacob; wo im hebräischen Text Gottes Eigenname JHWH steht, steht hier ER, SEIN etc. in Großbuchstaben.)

1. Zu Mose hatte er (Gott) gesagt: Steige hinan zu IHM, du und Ahron und Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels und werft euch von ferne nieder.
2. Aber herantreten zu IHM soll Mose allein, sie sollen nicht herantreten, und das Volk soll nicht mit ihm hinansteigen.
3. Und Mose kam und erzählte dem Volk von all SEINEN Worten und allen Rechtssatzungen, und das ganze Volk antwortete mit einer Stimme und sie sprachen: Alle Worte, die ER geredet hat, wollen wir tun.
4. Da schrieb Mose SEINE Worte nieder und stand am Morgen auf und baute einen Altar unten am Berg und zwölf Standsäulen nach den zwölf Stämmen Israels.
5. Und er entsandte die Jünglinge der Söhne Israels, und sie brachten Ganzopfer dar und schlachteten zu Friedensopfermahlen für IHN Farren (männliche Jungrinder).
6. Und Mose nahm die Hälfte des Blutes und tat sie in Schalen, und die (andere) Hälfte des Blutes sprengte er an den Altar.
7. Darauf nahm er die Schrift des Bundes und las sie vor den Ohren des Volkes vor, und sie sprachen: Alles, was ER geredet hat, wollen wir tun und wir wollen hören.
8. Und Mose nahm das Blut und sprengte es auf das Volk und sagte: Seht da, das Blut des Bundes, den ER mit euch auf diese Worte hin geschlossen hat!
9. Und es stiegen hinan Mose und Ahron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels.
10. Und sie sahen den Gott Israels und unter seinen Füßen wie ein Werk von Saphir-Fliese und wie der blanke Himmel an Klarheit.
11. Aber an die Adligen der Söhne Israels legte er nicht Hand, und sie schauten das Göttliche und sie aßen und tranken.

Liebe Gemeinde,
vorhin haben wir von Jesu letzter Mahlzeit mit seinen Jüngern gehört, und nachher wollen wir auch tun, was in diesem Bericht anklang: Das tut zu meinem Gedächtnis. Was soll nun die Erzählung aus dem Buch Exodus dazwischen? Schauen wir sie dazu genauer an, auch in ihrem größeren Zusammenhang!
Denn allem dort Erzähltem vorausgegangen war schon die Ankündigung des Bundes, den Gott mit dem Volk Israel schließen will, und dabei wurde dieses Volk dazu bestimmt, ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk zu sein. Das hatte Mose ihnen ausgerichtet, als sie, der Sklaverei in Ägypten unter großen Wundern entflohen, an den Gottesberg gekommen waren. Und das ganze Volk hatte darauf geantwortet: „Alles, was ER gesagt hat, wollen wir tun!“ Dann sollte das Volk sich heiligen und in frisch gewaschenen Kleidern vor IHN treten, jedoch in gehörigem Abstand vom Gottesberg selber. Nur Mose sollte hinaufsteigen, aber gleich wieder herabsteigen, um das Volk noch einmal zu warnen, dem Berg und damit Gott zu nahe zu treten. Was Mose übrigens für unnötig hielt, weil das Volk schon gewarnt war. Dann aber folgt die Aufforderung an Mose, zusammen mit Ahron erneut auf den Berg zu steigen.
Die Erzählung im Buch Exodus fügt an dieser Stelle die Weisung Gottes ein, zusammengefasst in den zehn Worten, den zehn Geboten, erweitert um einige grundsätzliche Rechtssätze wie die Heiligkeit des Altars, den Schutz der Sklaven und Schwachen, das Prinzip der Ersatzleistung statt Bestrafung, die Festzeiten und den weiteren Weg vom Gottesberg in das versprochenen Land.
Die christlichen Interpreten streiten sich, ob Gott all das dem Mose schon beim ersten Aufstieg mitgeteilt hatte oder gar schon vorher, zusammen mit der Ankündigung des Bundes, was mir besser einleuchtet. Jedenfalls sagt Mose es weiter, und schreibt es auf und liest nun das Aufgeschriebene in einem Gottesdienst noch einmal vor, bevor er mit Ahron und dessen Söhnen sowie 70 Ältesten des Volkes aufbricht. Das ist es, was unser Predigttext erzählt.
In dieser Erzählung steht achtmal der unaussprechliche Eigenname in den Konsonanten J-H-W-H, mit dem Gott sich seinem Volk offenbart, man könnte auch sagen: sich ihm persönlich hingibt. Das verleiht dem Ganzen ein religiös-feierliches Gewicht. In der Übersetzung ist der Gottesname umschrieben mit ER und SEIN. Die Nennung dieses Namens hört aber im Bericht abrupt auf, wenn es am Ende darum geht, Gott oder das Göttliche zu sehen. ER, mit seinem göttlichen Namen, kann nicht Objekt menschlichen Sehens oder Erkennens sein; sichtbar, erfahrbar werden nur die Erlebnisse von Menschen vor seinem Angesicht, beschreibbar ist nicht einmal der Thron Gottes, sondern nur der Boden, auf dem er wohl steht, saphirblau glänzend wie der Himmel. Auch Mose, wenn er dann alleine weitersteigt, wird IHN nicht aehen, sondern im besten Fall IHM hinterhersehen (Kap. 33). Wer Gott sieht, wird das nicht überleben – den Boden unter IHM zu sehen und das IHM-Nachsehen sind schon das Äußerste. Auch im Gesehenwerden bleibt ER verborgen. Aus Fürsorge.
„Sie schauten das Göttliche und sie aßen und tranken.“ So viel Heiliges – und dann das: Die Ältesten Israels sehen den Fußboden unter IHM, IHN selber sehen sie nicht, sondern sie „schauen“ Göttliches; das ist eine visionäre Sicht göttlicher Offenbarung. Trotzdem erzittern sie nicht vor Ehrfurcht, sondern packen ihre mitgenommene Wegzehrung aus, essen und trinken. Nach all dem heiligen Gesehenen und doch nicht Gesehenen brauchen sie eine ganz profane Ablenkung und Stärkung, um damit fertig zu werden, so, wie sie etwas über drei Monate vorher das Passalamm miteinander geteilt und gegessen hatten als Ablenkung vom zig-tausendfachen Tod, der die Ägypter derweil ereilte, und als Stärkung für den Auszug aus Ägypten.
Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, sagt ein Sprichwort. Und hat Recht.
Trifft das aber auch für das Abendmahl Jesu zu, das wir heute feiern? Warten wir’s ab. Und bleiben noch etwas bei der Erzählung aus Exodus.
Da ist einmal von den Worten und dann vom Blut des Bundes die Rede. Die Worte sind die Worte der Weisung, die Gott gibt, damit sein Volk in seinem Lebensvollzug ihr folgen soll, nicht in blindem Gehorsam, sondern mit Phantasie; wir wollen tun und hören, steht da, und das bedeutet: das Gehörte auch reflektieren. Aus den Worten des Bundes lebt es als heiliges Volk, wie es den Israeliten bei der Ankunft am Gottesberg zugesprochen wurde. Man könnte sagen: Ein Volk des Wortes, ein Volk aus dem Wort Gottes.
Ähnlich wird auch unsere Reformierte Kirche öfter Kirche des Wortes oder Kirche aus dem Wort Gottes genannt. Wie weit das zu Recht geschieht, müssen wir uns selber immer neu fragen, denn es ist ein sehr hoher Anspruch. Und trotzdem kein zu hoher: denn Gottes Wort ist zugleich Zuspruch an uns: nicht nur fordernd, sondern ebenso ermutigend und tröstend. In ihm spricht auch der Geist, der nach Paulus unserer Schwachheit aufhilft. Dazu nachher mehr.
Doch vorher: das Blut des Bundes. Wenn wir es ganz nüchtern betrachten wollten, müssten wir sagen: Es ist das Blut von toten Tieren, das Mose teils an den Altar, teils über das Volk sprengt wie ein katholischer Priester das Weihwasser. So jedenfalls der Wortlaut hier. Das Blut stammt von jungen Rindern, die von den erstgeborenen Söhnen aus allen Familien dargebracht, das heißt: geschlachtet und teils auf dem Altar ganz verbrannt, teils zum gemeinsamen Essen zubereitet werden. Dieses „ßabach“ stärkt die Gemeinde in einem festlichen Mahl, das hier mit Schalom, Heil und Frieden bezeichnet wird. Wir dürfen vermuten, dass Reste davon auch Wegzehrung für die Ältesten wurden, die Mose auf den Gottesberg begleiteten.
Das, was vorher gänzlich auf dem Altar verbrannt wurde, ist eine Weihegabe, mit der Gott geehrt wird. Dieses heißt hebräisch „olah“, und bedeutet „hinaufsteigen“, das selbe Wort wie für das Hinaufsteigen der Ältesten und Moses auf den Gottesberg und später zu den Wallfahrten nach Jerusalem. Beide Opferarten sind streng zu unterscheiden vom Sühnopfer, „chatha“, mit dem eine Schuld bereinigt und am Versöhnungstag auf dem Rücken eines Ziegenbocks in die Wüste gejagt wird. Das stellvertretende Opfer, vor einer Gottheit ein Tier anstelle eines schuldig gewordenen Menschen zu töten, ist dem hebräischen Denken eher fremd; auch die Todesstrafe für einen Mörder sühnt in Israel nichts, sondern ist Ersatz für das Blut, das er vergossen hat, und befreit die Gesellschaft von ihm. Als Alternative könnte er auch auswandern.
Wichtiger in unserem Zusammenhang ist, dass Blut Leben bedeutet. Es ist etwas Heiliges, darf nicht verzehrt und nicht besudelt werden. Bei Schlachtungen, opfermäßigen wie profanen, soll es in die Erde zurückfließen, aus der alles Leben kommt. Im Kult ist es Heiliges, das den Altar heiligt, auf die Menschen gesprengt heiligt es diese, gibt ihnen Anteil am Leben, das Gott geweiht wurde und damit am Göttlichen selbst. An die Türpfosten gestrichen bewahrte es die Israeliten in der Nacht vor dem Auszug aus Ägypten vor dem allgemeinen Tod aller Erstgeborenen. Es rettet und schafft Heil. Und ist deshalb das richtige Zeichen für den Bund Gottes mit seinem Volk, das er rettet und heil macht.
Nun zu unserem Abendmahl. Jesus feiert mit seinen Jüngern das Mahl, das an den Auszug der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten – nicht einfach erinnert, sondern alle, die daran teilnehmen, in diese Geschichte mit hinein nimmt. Jesus feiert es angesichts seines bevorstehenden Todes, den er nicht als ein Ende, sondern als einen Anfang sieht: den Anfang des kommenden Reiches Gottes. Zu Jesu Zeiten war das Passa noch nicht ein symbolisches Mahl, das es erst etwas später nach der Zerstörung Jerusalems wurde. Seitdem ersetzt ein gebratener Schafsknochen das geröstete Lamm, und es gibt nur Symbolisches zu essen; Mazzen, Bitterkraut, Petersilie, einen lehmartigen Brei, ein Ei und Salzwasser zum Eintunken. Die Mazzen werden gebrochen und verteilt; alle bekommen davon ab, haben so Teil an etwas Gemeinsamem. Wichtig für das Passa aber ist der Wein, der in vier Kelchen zu vier Sprüchen gereicht wird: Ich habe euch herausgeführt, ich habe euch errettet, ich habe euch erlöst, und ich nehme euch an, nämlich zum Volk meines Bundes.
Das Abendmahl der Kirche ist noch weiter ins Symbolische gegangen. Es bleibt die gebrochene Mazze, die Jesus mit sich selber vergleicht: Wer am Mahl teilnimmt, hat Anteil an ihm. Und geblieben ist der letzte der vier Kelche Wein: Ich nehme euch an zum Volk meines Bundes, den Jesus als den neuen Bund in seinem Blut bezeichnet, sein Blut als Blut des Bundes, „das vergossen wird für euch“, heißt es im Lukasevangelium, „für viele“ bei Markus. Allein Matthäus schreibt „zur Vergebung der Sünden“, und eröffnet damit die Möglichkeit, Jesu Tod als stellvertretenden Opfertod für uns zu deuten, die ihn doch eigentlich verdient hätten. Nur im Hebräerbrief wird das weiter ausgeführt.
Ich lade Sie oder Euch dagegen ein, auch unser Abendmahl nicht vorrangig als Gedächtnis eines Opfertodes zu nehmen, sondern als Feier, in der wir die Gemeinschaft untereinander als Gemeinde Jesu Christi erfahren, geheiligt durch das Blut des Bundes und so mit Gott verbündet, nicht an Stelle von, sondern neben Israel, seinem Erstgeborenen.
Können wir dem je gerecht werden? Von uns aus wohl kaum, aber es lohnt immer den Versuch. Und wenn wir dabei scheitern, hilft vielleicht das Wissen, dass in den Bundesschluss Gottes am Sinai auch auch die einbezogen sind, die im Folgenden das goldene Kalb anbeten werden. Und in den Abendmahlsbund eingeschlossen sind auch der leugnende Petrus und Judas, der Jesus manipulieren will und damit verrät. Der Bund wird von Gott nicht mit Vollkommenen geschlossen, sondern mit Typen wie uns, die wir auf unsere Vollkommenheit erst noch zaghaft zugehen – aber in der gewissen Hoffnung, dass der Vollkommene uns entgegenkommt.
Amen.

Lied 221: Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen…

(Hier folgte die Feier des Abendmahls)

(Gebet am Schluss des Gottesdienstes:) DU, Ewiger, Gott Deines Volkes Israel und Vater unseres Herrn Jesus Christus, wir danken Dir für das Geschenk der Gemeinschaft in Deinem Bundesmahl und darüber hinaus. Wir wissen, dass wir dieses Bundes von uns aus nicht würdig sind, sondern ihm so oft zuwider handeln in Gedanken, Worten und Taten. Aber wir vertrauen darauf, dass Du uns in all unseren Schwachheiten auf- und annimmst. Bring uns immer wieder neu auf den Weg Deiner Weisung, hin zu den Mühseligen und Beladenen. Wir legen Dir alle ans Herz, die in ihrem persönlichen Leben bekümmert oder ratlos sind, die einen wichtigen Menschen verloren haben, die krank sind, die vor sich keine Zukunft sehen. Lass sie Ostern als Fest des Lebens erfahren, das alle Tode überwindet. Wir legen Dir alle ans Herz, die unter Gewalt leiden, in Kriegen, in Unterdrückung, in Angst vor Attentaten, alle, die auf der Flucht davor oder vor dem Hunger sind. Lass sie Zukunft und Annahme finden. Wir legen Dir auch die ans Herz, die als Politiker verantwortlich sind für das Ergehen vieler; erhalte denen, die den Mut haben, für Verfolgte, für Fremde, für Schutzsuchende einzutreten, diesen Mut, darin nicht nachzugeben, und denen zu widerstehen, die Angst zum Mittel der Politik machen. Schenke uns Deine Nähe und Hilfe, selber einzutreten für das, worum wir Dich bitten, und führe uns durch diese Tage, in denen wir Jesu Tod bedenken, zur Zuversicht auf das neue Leben, das wir an Ostern auch als unsere Auferstehung feiern wollen. Amen

(Das UnserVater wurde in der Abendmahlsliturgie gesprochen.)

Lied: Psalm 111, 5-6; Was Gott gesagt, steht ewig fest…