Predigt zu Genesis (1. Mose) 11, 07. 08. 2016

im Gottesdienst in der Französischen Friedrichstadtkirche zu Berlin

von T. Hachfeld

Lieder im Gottesdienst vor der Predigt waren (EG für die Ref. Kirche) Psalm 25, 1 – 4.: Meine Seele steigt auf Erden…, 295, 1 – 4: Wohl denen, die da wandeln… und 309, 1 – 4: Hoch hebt den Herrn…

Weitere Texte waren 1. Petrus 5, 5., die 10 Worte der Weisung und deren Summe, Psalm 113 gemeinsam gelesen nach EG 747, 1. Petr. 4, 10. 11., Epheser 2, 4 – 10. und Frage und Antwort 1 des Heidelberger Katechismus.

Der Predigttext: Genesis (1. Mose) 11 (eigene Übersetzung):
1. Und die ganze Erde war eine Sprache und einheitliche Worte. 2. Und es war bei ihrem Zug von Osten her, da fanden sie eine Ebene im Land Shinear. 3. Und sie sagten jeder zu seinem Nächsten: „Habah! formen wir Ziegel und brennen wir sie zum Brand!“ Und der Rohziegel wurde ihnen zum Ziegelstein und das Mooröl wurde ihnen zum Mörtel. 4. Und sie sagten: Habah! bauen wir für uns eine Stadt mit Turm und seine Spitze in die Himmel, und wir machen uns einen Namen, dass wir uns nicht über das Antlitz der ganzen Erde zerstreuen.“ 5. Da ließ JHWH sich herab, um die Stadt zu sehen und den Turm, den die Menschenkinder gebaut hatten. 6. Und JHWH sagte: „Siehe, ein Volk und eine Sprache für sie alle, und dies ihr Anfang zum Tun. Ab jetzt lässt sich bei ihnen alles, was sie sich zu tun vornehmen, nicht mehr verhindern. 7. Habah! fahren wir hinab, und zerfallen soll dort ihre Sprache, dass sie keiner die Sprache seines Nächsten verstehen“ 8. So zerstreute JHWH sie von dort über das Antlitz der ganzen Erde, und sie hörten auf, die Stadt zu bauen. 9. Deshalb nennt man ihren Namen Babel, denn dort hat JHWH die Sprache der ganzen Erde verwirrt und sie von dort über das Antlitz der ganzen Erde zerstreut.

Liebe Gemeinde,
diese Geschichte kommt uns bekannt vor. Im Mittelalter und später war sie Malern ein beliebtes Motiv, im Alemannischen hat sich der Ortsname im „Gebabbel“ für inhaltsarmes Durcheinanderreden erhalten, in Berlin wurden die Turmbauten am Potsdamer Platz und werden die geplanten Wolkenkratzer am Alexanderplatz mit ihr verbunden. Wir kennen die Geschichte also. Aber vielleicht kennen wir sie noch ganz anders als wir denken.
Schauen wir zunächst darauf, wo die Erzählung in der Bibel ihren Ort hat. Ihr voran geht die Aufzählung aller Nachkommen derer, die die Sintflut überlebt hatten, Noahs und seiner Söhne, und sie nennt viele Völker und ihre Wohngebiete. Mitten darin steht, dass zu Zeiten eines Urururenkels Noahs, Peleg, die Menschheit sich über die ganze Erde verbreitet habe. Davon berichtet nun unsere Erzählung über Babel, die ja auch beschreibt, warum die Menschheit so bunt und breit über die Erde verteilt ist. Und unter diesen vielen Völkern gibt es dann ein ganz besonderes.
Deshalb folgt unserer Babel-Erzählung noch einmal ein Stammbaum, der die Nachkommen Sems, Noahs zweitem Sohn, aufzählt und dann mit Abraham endet. Damit leitet er über zur Geschichte von dem Volk, das Gott dazu erwählt hat, ihn bei allen Völkern bekannt zu machen, dem Volk Israel.
Genau genommen bräuchte es die Babelerzählung an dieser Stelle gar nicht. Die Völker werden ja als solche beschrieben, die sich von selbst, aus eigenem Antrieb verteilt haben.
Der Münchner Alttestamentler Christoph Levin zählt sie zu den Urgeschichten der Bibel und sieht sie im Zusammenhang mit der Schöpfung, bei der den Menschen ja aufgetragen wird, fruchtbar zu sein und die Erde zu füllen und zu beherrschen. Dazu passt es, dass in unserer Erzählung die Menschheit von Osten her in die Ebene Shinear einwandert, im Osten verortet der Schöpfungsbericht ja ihren Ursprung.
Dann wäre, was hier erzählt wird, schon bald nach Adam und Eva anzusetzen, und dafür spricht vieles. Die biblische Redaktion setzt sie aber bald nach Noah und seinen Söhnen an: Im Endeffekt ist das gleich. Denn wenn die Sintflut die gesamte vorige Menschheit weggespült hat, muss auch die neu sich findende zuerst einmal weit auseinandergehen, um die Erde zu füllen.
Aber von sich aus tut sie es in dieser Erzählung nicht, im Gegenteil. Sie beginnt, eine Großstadt für alle zu bauen und mitten drin einen himmelhohen Turm, nicht, um den Himmel zu stürmen, sondern um weithin auf Erden den Ort anzuzeigen, wo man sich sammelt und zusammendrängt; ein Denkmal seiner selbst.
Mit Habah! Ermuntern oder ermutigen sie einander: Habah! Lasst uns Ziegel anfertigen! – Ersatz für den Naturstein, der in der Ebene zwischen Euphrat und Tigris rar ist – Habah! Lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen!
Wir kennen die Geschichte, sagte ich: Habah! Packen wir es an! Habah! Schaffen wir blühende Landschaften! Habah! Uns kann so schnell keiner! Vielleicht auch: Habah! Wir schaffen das!?
Und weil wir die Geschichte kennen, wissen wir: Hinter solchen großen Worten steckt oft tief im Innersten eine eine ebenso große Verunsicherung.
Die Menschen in unserer Erzählung waren verunsichert durch die Geschichte, die sie oder die ihre unmittelbaren Vorfahren erlebt hatten: entweder den Verlust des Gartens Eden, des Paradieses, aus dem sie vertrieben waren, oder die Sintflut, die alles ertränkt hatte und nur sie als wenige überleben ließ. Und beides waren keine unerklärlichen oder unausweichlichen Ereignisse, die ohne Zutun der Menschen über sie gekommen waren, sondern Folgen menschlichen Handelns: Dass sie wie Gott sein wollten, hatte zum Verlust des Paradieses geführt, die Bosheit, in der alle alle übertrumpfen und ausbeuten wollten, war Anlass der Sintflut gewesen.
Die Erinnerung an diese katastrophalen Einbrüche ihrer Geschichte und mehr noch die Verdrängung der Rolle ihrer Eltern und Großeltern dabei verunsicherte die Menschen, die von ihr her kamen und nun auf ihrer Wanderung in die Sümpfe zwischen Euphrat und Tigris in Lande Shinear gerieten. Wie geht man mit solcher Verunsicherung um? Wenn man ihre Ursachen erkennt und anerkennt, vielleicht mit Demut und Bescheidenheit. Dann gibt es auch Wege für einen sinnvollen Neuanfang. Wenn man aber die Ursachen und besonders die Schuld der Vorfahren dabei leugnet oder verdrängt, reagiert man mit Überheblichkeit, mit Hybris.
Sie merken: Wir kennen die Geschichte; sie ist ja auch unsere eigene.
So, wie sie in der Nachfolge Noahs datiert wird, ist es die fünfte Generation nach denen, deretwegen die Sintflut über die Erde kam. So weit sind wir nach den Verbrechen des deutschen und europäischen Faschismus noch nicht. Meine kleinen Enkel sind erst die dritte Generation danach. Aber die Hybris und Überheblichkeit, die aus der Verdrängung der Schuld der Eltern und Großeltern erwächst, blüht in unserem Land. „Wir sind das Volk!“ ruft sie, und Tatsachen, die ihr nicht passen, schreibt sie der „Lügenpresse“ zu. Als Volk will sie sich stolz sammeln, und da haben Andersfarbige, Andersdenkende, Anderssprechende, Andersglaubende keinen Platz- unabhängig davon, ob man selbst überhaupt denkt oder sprachfähig ist oder an das glaubt, was man sich auf die Fahnen schreibt: Ein christliches Abendland.
Habah! Denen da oben zeigen wir es jetzt, mit Demonstrationen und Wählerstimmen! Habah! Bei uns haben muslimische und andere Fremde keinen Platz! Habah! Wie brennt das Flüchtlingsheim so schön!
Genug der Parallelen. Weiteres können Sie sich selber ausmalen. Die Erzählung aber erzählt von den Menschen eher am Rande. Vielmehr ist sie eine Erzählung über Gott, eine sehr theologische und dabei trotzdem sehr fromme. Fünfmal steht in den letzten vier von neun Versen der Gottesname, den auszusprechen die Ehrfurcht verbietet; ich habe dafür jeweils „der Ewige“ gelesen.
Der schon erwähnte Christoph Levin erkennt darin eine bestimmte Textquelle, die diesen Eigennamen Gottes öfter verwendet als andere. Die hätte dann eine ursprünglichere Erzählung bearbeitet, wie wir sie jetzt vorfinden. Das mag so sein, für bedeutend halte ich aber auch die Beobachtung jüdischer Theologen, die dort, wo der unaussprechliche Gottesname steht, Gott immer als den erkennt, der sich seinem Volk – und den Menschen überhaupt – ganz persönlich zuwendet. Das geschieht hier geradezu exemplarisch, wenn der Ewige seine himmlische Ferne verlässt, um die Sache aus der Nähe zu besehen, die ER aus der Ferne sicher ebenso erkannt hätte. Und dabei stellt ER nicht für sich allein, sondern wohl für seinen himmlischen Plural, mit dem er einst beschlossen hatte, die Menschheit zu schaffen, und ebenso für uns Spätere, die die Erzählung hören oder lesen, für uns alle stellt er fest, dass diese Stadtgründung eine neue Qualität menschlichen Könnens darstellt, die sich fortan nicht wird bremsen lassen: Unaufhaltsamer Fortschritt. Aber gleichzeitig stell er fest, dass Voraussetzung dafür die einheitliche Sprache ist, eine Befehlssprache, die Sprache der Herrschenden.
Damit erzählt die Erzählung nun nicht mehr nur Vergangenes, sondern auch für ihre Zeit Gegenwärtiges und Zukünftiges. Sie siedelt die zu bauende Stadt ja nicht in mythologischer Ferne an, sondern in Mesopotamien zwischen Euphrat und Tigris, und ihr Name ist nicht nur Lautmalerei für das Gebabbel, das die Menschen dann auseinandertreibt, sondern es ist der Name der Macht, von der in der Antike eine Gewaltherrschaft über den ganzen Nahen Osten ausging, die Jerusalem zerstörte und seine Eliten versklavte, und deren Nach-Nachfolger dann auch eine einheitliche Sprache für alle damals bekannte Welt propagierte: Griechisch, das später vom Lateinischen abgelöst wurde und heute von einem Basis- oder Business-Englisch. Sprache ist nämlich nicht nur ein Kommunikations- sondern ebenso ein Machtinstrument. Die herrschende Sprache als Sprache der Herrschenden beansprucht ein Interpretationsmonopol und versucht, das Denken der Beherrschten zu normieren.
Mit einem mitreißenden Habah! hatten diese Herrscher zum Ziegelbrennen und zum Bau der Stadt aufgerufen; mit seinem göttlichen Habah! karikiert der Ewige sie und macht, dass keiner mehr ihre Befehle und ideologischen Vorgaben versteht. Mit der Stadt Babel und ihrer Macht ist es zu Ende. Das ist die eine Hoffnung stiftende Botschaft dieser Erzählung, die von Gottes befreiendem Handeln spricht.
Die Menschen, die die Sprache der bisher Herrschenden nicht mehr verstehen, finden ihre eigenen Sprachen und damit ihre eigenen Kulturen. Sollte die Stadtgründung dazu dienen, durch Konzentrierung und Vereinheitlichung alles Fremde abzuwehren, so dienen ihr Ende und die Verstreuung der Menschen über den ganzen Erdkreis der kulturellen Vielfalt und Buntheit des Lebens. Auch die erkenne ich aus dieser Erzählung als Geschenk Gottes.
Allerdings verschließen sich gerade in unserer Zeit wieder mehr und mehr Menschengruppen und sogar europäische Regierungen diesem Geschenk, heute allen voran die türkische. Sie basteln so an ihrem je eigenen kleinen Babel der nationalistischen, religiösen oder rassistischen Abschottung und damit ihrer geistigen Verarmung. Das macht unsere Erzählung ganz aktuell. Gott aber führt die Menschen aus diesem Babel hinaus ins Weite, das nicht nur geografisch sondern auch geistig zu verstehen ist. Nur dort finden Menschen ihr je eigenes Selbst, nur dort entfaltet sich schöpferisches Denken, nur dort begegnen Menschen einander neu, nur dort wird auch Gott erfahrbar, oft in unerwarteter Gestalt. Amen.

Lied 136, 1 – 4.: O komm, du Geist…

Nachtrag zur Predigt, ein Gedanke zum Thema Herrschaftssprache, der heute aktuell ist, die Predigt aber überlastet hätte: Die Hybris des Kolonialismus, die der muslimischen Welt lange ihre hohe kulturelle Qualität absprach und sie politische bevormundete, schlägt seit dem 11. September 2001 immer wieder mit terroristischer Gewalt in die Länder ihres Ursprungs zurück, seit Ende Juli auch nach Deutschland. Dabei bewirkt eine neue, nun muslimisch sich gebende Herrschaftssprache, dass Menschen sich selber zu Mordwerkzeugen machen. Dagegen hilft kurzfristig keine Abschottung und keine generelle Verdächtigung muslimischer Menschen, sondern nur langfristig eine andere Sprache, die statt Behauptungen über sie aufzustellen die Menschen nach dem fragt, was sie selber von sich denken – und sich selber auch, um so zueinander und schließlich Gott zu finden.

Gebet: Ewiger, Gott Israels, Erlöser der Menschheit, mit Worten unserer Sprache versuchen wir, zu verstehen, was Du uns bist und für uns willst. Mit Worten versuchen wir, Dein Wort an uns zu erfassen und die Freiheit zu begreifen, in die Du uns aus allen falschen Bindungen und Irrungen heraus rufst. Schenke uns die notwendige Sensibilität beim Gebrauch unserer Sprache, dass sie nicht festklopft und einschränkt, sondern sich dem Leben in aller seiner Vielfalt öffnet.
Um Vielfalt des Lebens wollen wir uns bemühen – und deshalb Dich bitten: Lass Menschen unterschiedlicher Herkunft und Denkungsart einander erkennen und annehmen als Bereicherung des eigenen Lebens. Lass alle, die bei uns Zuflucht suchen, sie auch finden. Sei mit denen, die in aller Welt auf der Flucht sind, dass sie dabei nicht in neue Bedrängnis oder Lebensgefahr geraten. Sei mit den Menschen in Syrien, im Irak, in Afghanistan und anderswo, wie in Venezuela, dass sie im eigenen Land Zukunft und Frieden erleben. Sei mit allen, die heute in der Türkei aus ihren Ämtern und Berufen vertrieben und verhaftet oder ihrer kurdischen und anderer Zugehörigkeit wegen bedrängt werden. Erhalte dem Land seine kulturelle Vielfalt und lass Gerechtigkeit über alle Willkür siegen.
Wir bitten Dich für alle bei uns, die in inneren und äußeren Nöten sind. Lass sie Wege da heraus finden, ohne Hass und falsche Verurteilungen. Schenke allen lebenswerte Zukunft. Sei mit unseren Kranken und Beladenen, dass sie die Geduld finden, die sie brauchen, und wo ein Leben zu Ende geht, schenke die Fähigkeit, getrost loszulassen.
Ebenso bitten wir Dich für die Starken, dass sie ihre Kraft für Schwache einsetzen, für die Fröhlichen, dass ihre Fröhlichkeit ansteckend sei, für alle Liebenden, dass ihre Liebe über sie hinauswächst.
All unser Bitten und Dein Lob legen wir in das Gebet, das Jesus seine Jünger gelehrt hat: Unser Vater im Himmel…

Die Evangelisch-reformierte Kirche ruft zum Gebet für die Menschen in Aleppo in Syrien auf:
Gnädiger und barmherziger Gott,
wieder und wieder sehen wir Bilder aus der Stadt Aleppo in Syrien, Bilder der Zerstörung, Bilder von Menschen, die um ihr Leben rennen, Bilder von Menschen, die auf andere Menschen schießen, Bilder von Menschen, die anderen zu helfen versuchen. Und doch können wir nur ahnen, wie sehr die Menschen dort unter Krieg, Terror und Gewalt leiden, Männer, Frauen und Kinder.
Das schreckliche Blutvergießen beginnt immer wieder neu. Wir klagen über unsere Hilflosigkeit angesichts dieser Gewalt, wir klagen über das Versagen menschlicher Vernunft angesichts dieses Terrors. Darum  bitten Dich, gnädiger Gott, um ein Ende des fürchterlichen Tötens und Mordens in Syrien und überall auf der Welt.
Wir bitten Dich für alle politisch Verantwortlichen auf der Welt, dass sie nicht ihre Augen vor dem Leid der Menschen in Syrien verschließen. Es ist unerträglich,  dass Orte wie Aleppo belagert, ausgehungert und Schritt für Schritt zerstört werden und die Welt schaut tatenlos zu. Wir bitten dich, Gott, dass wir umkehren zu Menschlichkeit und Nächstenliebe.
Wir bitten Dich um deinen Trost für alle, die verwundet wurden an Leib und Seele.  Täglich leiden sie unter den Alpträumen des Kriegs. Sie haben Angehörige verloren, Verletzte und Tote aus den Trümmern gezogen, ihre Häuser sind kaum mehr bewohnbar. Viele von ihnen können nicht mehr und sind dabei, ihre Hoffnung zu verlieren. Sie sind kaputt und drohen zu verzweifeln.
Heile Du ihre erschütterten Seelen und erleichtere ihre schwermütigen Herzen.
Treuer Gott, lass unsere Menschenbrüder und -schwestern in Aleppo deine Liebe und Fürsorge erfahren. Schenke ihnen und uns allen, dass wir trotz aller Bedrängnis vertrauen auf den Gott des Friedens, der uns in Jesus Christus nah ist.
Amen.

Lied Psalm 68, 6.: Anbetung, Ehre…