Predigt zu Jesaja 25, 6 – 10a, 17. 04. 2017

Predigt zu Jesaja 25, 6 – 10a. im Gottesdienst am Ostermontag, 17. April 2017

in der Passionskirche in Berlin Kreuzberg von T. Hachfeld
Lieder vor der Predigt: EG 116,1-3: „Er ist erstanden Halleluja…“,  Singt Jubilate 123,1-3 singen „Wir strecken uns nach dir…“ und EG 99: „Christ ist erstanden…“

Weitere Texte: Psalm 118, nach EG 747(im Wechsel gesprochen), Jesaja 25, 6-10. (Lutherübersetzung), Lukas 24,13-35. und das apostolische Bekenntnis

 

Predigttext Jesaja 25, 6 – 10a:

6. Und JHWH der Heerscharen bereitet auf diesem Berg für alle Völker ein Gelage von Fettem zu, ein Gelage von reifen Weinen, von markigem Fettem, von reifen, geläuterten Weinen.

7. Und er verschlingt auf diesem Berg die verhüllten Gesichter, die Hülle auf allen Völkern und die Decke, die über alle Nationen gedeckt ist.

8. Er verschlingt den Tod für die Ewigkeit und mein Herr JHWH wischt die Träne von allen Gesichtern fort, und der Verhöhnung seines Volkes macht er ein Ende überall auf Erden, denn JHWH spricht.

9. Und man sagt an jenem Tag: Seht da, unser Gott! Auf ihn warten wir, und er hilft uns heraus, da JHWH! Auf ihn warten wir; lasst uns jubeln, lasst uns froh sein über seine Hilfe,

10. denn die Hand JHWHs ruht auf diesem Berg.

 

Liebe Gemeinde,

„…auf diesem Berg, … auf diesem Berg, …auf diesem Berg: dreimal wird demonstrativ auf ihn hingewiesen – und dennoch bleibt dieser Berg unbestimmt; als Zion, als Berg des Ewigen oder des Hauses des Ewigen bezeichnet ihn das Buch Jesaja und macht zugleich deutlich, dass der Berg mehr ist als nur der Tempelberg in Jerusalem; als schönsten aller Gipfel, Berg im Norden bezeichnet ihn der 48. Psalm, und es ist der Berg im Süden, auf dem Mose die Weisung der Tora empfängt und Elia erfährt, dass Gott auch schweigen kann. Es ist der Berg, auf dem Jesus seinen Jüngern verklärt erscheint und auf den er sie nach Matthäus beordert, ihn dort als Auferstandenen zu erfahren und  in alle Welt gesandt zu werden. Bei Micha und Jesaja ist es der Berg, auf dem der Ewige die Völker und ihre Könige Frieden lehren wird am Ende der Tage…

Der vorgelesene Abschnitt greift darauf zurück, aber in einer überhöhten Darstellung. Er ist das Zentrum der sogenannten „Jesaja-Apokalypse“, von vier Kapiteln, die eine spätere Generation in das Buch des ersten Jesaja eingefügt hat, um dessen Hoffnung auf eine gutes Ziel aller Geschichte gleichzeitig zu dramatisieren und zu transzendentieren. Die Könige der Völker, die beim ersten Jesaja auf dem Berg noch Belehrung suchen, treten in der Apokalypse zurück, alle Geschichte, alle Jetzt-Zeit ist an ihr Ende gelangt, und auf dem Berg findet ein Weltgericht über die Völker statt und über  alle Chaosmächte gleich mit, wenn der Ewige die Herrschaft antritt und in einer Neuschöpfung das zerstreute Israel zu sich versammeln wird.

Dieser Berg des Gerichts und der Sammlung ist es, auf dem das frugales Mahl stattfinden soll, ein Gelage, das die Autoren des Textes gar nicht fett und schwer genug von Wein beschreiben können, ein Siegesfest, an dem sich vor allem die laben werden, die zuvor zu kurz gekommen waren, das aber jetzt niemanden mehr ausschließt, denn die Feinde Gottes und die seines Volkes sind schon abgetan

Eine Mahlzeit wird hier als Ziel und Ende der Geschichte beschrieben. Mit einer Mahlzeit begann auch schon der Weg des Volkes Gottes durch die Geschichte, mit einem deftigen Mahl von geröstetem Lamm oder Zicklein, aber in Eile gegessen und in bitterem Gedenken an den hohen Preis, den das Volk seiner Unterdrücker für Israels Befreiung zahlen musste: Das Passamahl am Vorabend des Auszugs des Volkes Israel aus Ägypten, der die Ägypter die Leben aller Erstgeborenen kostete.

Mit diesem Mahl, vielmehr der Erinnerung daran, begann auch der Weg Jesu in seinen Tod, wie wir in der vergangenen Woche wieder erinnert wurden. Er aß es mit seinen Jüngern und wohl auch Jüngerinnen und bat sie, es nach seinem Tod zu seinem Gedächtnis, zum Gedächtnis seines Todes, weiter zu halten, bis sie einst mit ihm in seinem Reich zu Tische sitzen würden.

In seinem bis dahin vorläufigen Mahl, unserem Abend- oder Herrenmahl, das wir nachher feiern wollen,  werden wir mit auf den Weg genommen, als dessen Ziel hier dieses fette Gelage beschrieben wird. Damit werden wir auch in die Geschichte seines Volkes mitgenommen.

Apokalyptisches Denken, also die Erwartung eines baldigen Endes mit Weltgericht und Untergang, hat früher viele Generationen in Angst und Schrecken versetzt; den meisten von uns ist es wohl fremd; darum bin ich froh und möchte es trotz des Predigttextes hier nicht propagieren. Aber teilhaben an einer Geschichte kann man auch ohne apokalyptische Erwartung, wahrscheinlich sogar besser ohne, denn erst so öffnen sich auch Wege der aktiven Teilnahme.

In unserem Text geht es nach der Beschreibung des Festgelages erst einmal um Verschlingen; ein sehr kräftiger und in Beziehung auf Gott fast blasphemischer Ausdruck. Hätte das dem apokalyptischen Siegesfest nicht vorangehen müssen? Oder ist das Festgelage, das alle Völker mit Gott vereint, selber ein Akt der Vernichtung? Im Hebräischen steht da wörtlich „verschlingen“: Der Ewige verschlingt. Vielleicht steht dahinter der Gedanke, dass mit dem Verschlingen der fetten Speisen und des klaren Weines in der Gemeinschaft auch verschlungen, leger gesagt: weggeputzt wird, was bislang auf den Völkern lastete: Zunächst ein Schleier oder eine Decke, die sie in Unkenntnis hielt, Unkenntnis voneinander und wohl auch von sich selbst, denn Selbsterkenntnis ist die Voraussetzung, auch andere in ihren So-Sein, ihrem Anders- wie auch Gleichsein wahrzunehmen. Hier werden durch das Verschlingen nicht Unterschiede, sondern die Vorurteile beseitigt, die die Menschen und die Völker voneinander trennen und mit denen sie aus schöner, sich ergänzender Vielfalt Angstszenarien machen, mit oft tödlichen Konsequenzen.

„Er verschlingt den Tod“. Ich denke, das ist das Stichwort, das diesen Bibelabschnitt zu einem Text für Ostern gemacht hat – von dem seine Autoren noch nichts wissen konnten.

Der Apostel Paulus zitiert dieses Wort im 1. Korintherbrief, aber auch da nicht ausdrücklich auf die Auferstehung Jesu, also Ostern bezogen, sondern auf eine zukünftige Vollendung, die er allerdings in naher Zukunft erwartete. Er geht damit nicht über das hinaus, was unser Textabschnitt verkündet, aber er bringt es auf den Nenner: Er gebraucht nämlich auch im Griechischen die Perfektform, und dabei wird klar: für ihn ist die Überwindung, das Wegputzen des Todes, nichts Zukünftiges, sondern schon geschehen; das hebräische Perfekt unseres Predigttextes lässt dagegen das Wann offen.

„Er verschlingt den Tod für die Ewigkeit“ – was ist denn die Ewigkeit? Sie ist nicht ferne oder endlose Zeit, sondern die Aufhebung der Zeit, die Befreiung aus der sonst unentrinnbaren Folge gestern – heute – morgen; sie gibt uns schon heute Anteil an dem, was für unser Erleben erst kommt, und bewahrt, was für uns längst vergangen ist.

Auch wenn wir jetzt noch gefangen in der Zeit leben, gehört uns doch schon das andere, und dürfen wir auch unsere Zeit als Teil von Gottes Ewigkeit annehmen. Auch wenn wir jetzt noch auf unseren Tod hin leben und einst sterben werden, gehört uns doch schon das andere, und haben wir Teil an Gottes zeitlosem, ewigen Leben.

Das ist so großartig – aber reißt es uns auch vom Sessel? Oder ist es unserer Lebensrealität zu fern, bleibt deshalb vorerst theoretisch, eher eine philosophische Hypothese als unsere Lebenswirklichkeit?

Oder fürchten wir uns vor solchen Gedanken?

Ich kann gut die Frauen verstehen, von denen das Markusevangelium berichtet, die auf die Osterbotschaft von der Auferstehung Jesu starr vor Entsetzen sich nur noch fürchteten. Sie waren gleich nach Ende des Sabbat zum Grab gekommen, in das knapp vor Sabbatbeginn in aller Eile der Leichnam Jesu gelegt worden war; sie gehen realistischer als die männlichen Jünger mit Jesu Tod um und wollen ihre Liebe und Hoffnung, die ihnen so grausam genommen war, nun wenigstens anständig beerdigen, nach Landessitte mit Duftöl, um den Leichengeruch zu überdecken. Wie groß ihr Erschrecken, als sie statt der Leiche eine lebendige Engelsgestalt dort finden, wie groß ihr Entsetzen, als diese sagt, Jesus sei auferweckt worden, und sie gleich beauftragt, das den männlichen Jüngern zu melden. Das ist so verwirrend, dass sie nur noch in Angst und Furcht fliehen können.

Ich wünsche niemandem ein gleiches Erlebnis, aber uns allen wünsche ich die Fähigkeit so existentiell auf die Osterbotschaft und auf die prophetische Verkündigung reagieren zu können, die da sagt: Der Tod ist nicht mehr, er ist verschlungen und weggeputzt, das Grab, in das wir unsere Hoffnungen und unsere Zukunft begraben wollten, bleibt leer.

Der Predigttext belässt es nicht bei dieser Ankündigung, sondern sagt weiter, dass der Ewige die Träne von allen Gesichtern abwischen wird: Es geht nicht nur um den physischen Tod, der das Leben beendet, sondern ebenso um die vielen Tode, die das Leben vergällen oder auch zur Hölle machen, alle materielle Not und Gewalt, alle Enttäuschungen, Feindschaften und Bosheiten, Leiden und Verfolgungen: Das wird nicht sein, wo Gott seine Herrschaft ausbreitet. Und besonders für sein Volk Israel wird das heißen, dass aller Neid, alle Verleumdung, aller Antisemitismus nicht mehr sein wird, denn der Gott Israels spricht.

Wo und wie aber breitet der Ewige seine Herrschaft aus, wenn nicht in einer apokalyptischen Katastrophe, mit der wir nicht rechnen wollen?

Das Ausbleiben der Apokalypse gibt uns Raum und Zeit, selber an dieser Ausbreitung teilzuhaben. Wo Not gelindert wird, wo Tränen abgewischt werden, wo Feindschaft in konstruktives Miteinander verkehrt wird, da wird die Herrschaft des Ewigen, des Gottes Israels spürbar, wo dem Leben gedient und dem Tod widersprochen wird.

Das sind viele kleine Schritte, die aber ein großes Ganzes im Auge haben: den endgültigen Sieg des Lebens über alle Todesmächte. Die Botschaft von der Auferweckung Jesu ist uns das Fanal dazu, erschreckend erst, aber dann ruft es auf den Weg, und man wird sagen: „Seht da, unser Gott! Auf ihn warten wir, und er hilft uns heraus, da der Ewige! Auf ihn warten wir; lasst uns jubeln, lasst uns froh sein über seine Hilfe, denn die Hand des Ewigen ruht auf diesem Berg.“ Amen.

Musik zum Zuhören

Lied  Singt Jubilate 156,1-3: „Das könnte den Herren der Welt ja so passen…“

Gebet: Lasst uns beten: Herr, Ewiger, lass es Ostern werden auch in uns, dass wir erwachen aus unseren eingefahrenen Gleisen und neue Wege erkennen; dass wir erwachen aus den Ängsten, die uns lähmen, und Mut finden, die neuen Wege auch zu beschreiten, Wege mit Dir ins Leben, das diesen Namen verdient, in die Gemeinschaft mit Dir und allem, was Du geschaffen hast und weiter erschaffst, mit Menschen in aller kulturellen Vielfalt und Buntheit, mit Tieren, Pflanzen und Landschaften, die uns zum Leben gegeben und unserer Pflege anvertraut sind.

Am heutigen Fest des Lebens bringen wir bittend vor Dich alle, deren Leben im Krieg bedroht ist, deren Existenz beengt wird, denen es an dem fehlt, was dem Leben Würde gibt: Nahrung und Wohnung, Liebe und Anerkennung, Ziel und Wege für morgen. Schenke uns und allen, die Verantwortung für das öffentliche Wohl tragen, Vernunft und Einsicht, um allen Gerechtigkeit zu schaffen, um mit den materiellen Gütern der Welt so umzugehen, dass keiner Mangel leidet, um ein geistiges Klima  zu befördern, in dem Verschiedenheit als Bereicherung erkannt wird.

Wehre aller falschen Lehre, die Menschen geringer achtet als Wirtschaftsinstitutionen und sie ihnen dienstbar macht statt die Welt Frieden zu lehren.    Wir bitten für die unter uns, die einsam, betrübt und in allerlei Nöten sind. Unseren Kranken gib Geduld und Heilung, und wo die nicht sein kann, schenke ihnen getrostes Loslassen.

Ute: Wir bitten Dich für unsere Gemeinde und alle Kirchen, dass sie sich wirklich nach dir ausstrecken, Dir und Deiner Sache dienen. Gib doch, dass wir uns nicht so sehr um uns selbst sorgen, sondern das volle Leben feiern und für andere erstreiten. Du bist es, der Tod und Höllen durchbricht. Daran wollen wir festhalten und darauf wollen wir vertrauen, heute und an allen Tagen.  Amen

(Das UnserVater war Teil der folgenden Abendmahlsliturgie)