Predigt zu Jesaja 29, 13 – 24, 14. 08. 2016

in der Evangelisch-reformierten Bethlehemsgemeinde Berlin

Lieder im Gottesdienst vor der Predigt (EG für die Ref. Kirche): 552, 1 – 3. 6.: Licht, das in die Welt gekommen…, 309, 1 – 4 (ganz): Hoch hebt den Herrn… und Psalm 25, 1 – 4.: Meine Seele steigt auf Erden….

Weitere Texte: Jesaja 42, 3., Psalm 113 nach EG 747 im Wechsel gesprochen, Jakobus 1, 22 – 25., Heidelberger Katechismus Frage und Antwort 86 und das Apostolische Glaubensbekenntnis.

Predigttext Jesaja 29, 13 – 24: Und der Herr sprach: Weil dieses Volk sich mir mit seinem Mund naht und und mich mit seinen Lippen ehrt, sein Herz aber fern ist von mir und ihre Ehrfurcht vor mir von Menschen angelernter Befehl, 14 darum seht, wie ich weiter an diesem Volk wundersam handle, wundersam und wunderbar, und die Weisheit seiner Weisen vergeht, und die Klugheit seiner Klugen verbirgt sich.
15 Wehe denen, die sich vor dem Ewigen verkriechen, um einen Plan zu verbergen, und der kommt zur Ausführung im Dunkeln ihres Tuns, und sie sagen: Wer sieht uns, und wer kennt uns? 16 Eure Falschheit! Wenn der Töpfer geachtet wird wie Ton, dass ein Werk von dem, der es gewirkt hat, sagt: Er hat mich nicht gewirkt!, und das Gebilde von seinem Bildner: Nichts versteht er!
17 Nicht wahr? Nur noch ganz wenig, und der Libanon wird wieder ein Obstgarten (hebräisch: ein Karmel),und der Karmel wird als Wald erkannt.
18 Und an jenem Tag werden die Gehörlosen die Worte des Buchs hören, und befreit von Dunkel und Finsternis werden die Augen der Blinden sehen.19 Und den Armen wird Freude werden am Ewigen, und die ärmsten Menschen werden jubeln über den Heiligen Israels. 20 Denn es ist aus mit dem Gewalttäter, und der Spötter ist am Ende, und ausgerottet sind alle, die auf Unheil aus sind, 21 die Menschen durch Worte zur Sünde verleiten und dem Richter im Tor eine Falle stellen und einen Gerechten mit Nichtigem verdrängen.
22 Darum, so spricht der Ewige, der Abraham erlöst hat, zum Haus Jakob: Nun wird Jakob nicht mehr beschämt werden, und sein Angesicht nicht mehr erbleichen. 23 Denn wenn er seine Kinder, das Werk meiner Hände, in seiner Mitte sieht, werden sie meinen Namen heilig halten, den Heiligen Jakobs und den Gott Israels werden sie fürchten. 24 Und geistig Verwirrte werden Erkenntnis haben und Nörgler Einsicht lernen. Amen.

Liebe Gemeinde,
das eben Vorgelesene ab der Stelle, wo vom Obstgarten des Libanon und vom bewaldeten Karmel die Rede ist, gehört zu den Texten, die am 12. Sonntag nach Trinitatis, also heute, für die Predigt vorgeschlagen werden. Als ich nachschaute, in welchem Zusammenhang er steht, stutzte ich: hatte ich richtig gelesen? Da steht der Vorwurf, das Volk lege nur ein Lippenbekenntnis ab statt sich Gott zu nähern, es sei mit dem Herzen nicht dabei und Gottesfurcht eine nur anerzogene Haltung ohne etwas dahinter, – und dann folgt keine prophetische Strafpredigt oder die Ankündigung, dass nun auch von Gott nichts Gutes zu erwarten sei; sondern von Wundersamem und Wunderbarem ist die Rede, davon, dass Gott gerade deshalb sich dieses Volkes annimmt…
Und ich erinnerte mich daran, wie meinesgleichen und ich, junge, von der 68er-Euphorie noch frisch entflammte Theologen, an der Kirche Anstoß nahmen, in der vieles nur noch fromme Routine schien, mehr der Bewahrung einer bürgerlichen Ordnung verpflichtet als dem Weckruf des Evangeliums; Anstoß auch an Gemeinden, die anscheinend gar nicht wahrnahmen, was für revolutionäre Parolen sie mit den Lippen und voller Bruststimme sangen: „Gewaltige stößt er von ihren Thronen…“ – das haben wir auch gerade gesungen. Und woran hingen die Herzen? Nicht etwa mehr an der Geselligkeit der Kirchencafés und Seniorentreffs als an der Weisung Gottes?
Vielleicht zu leichtfertig erkannten wir in unseren Kirchen die Gemeinde Laodizea aus der Offenbarung wieder, von der es heißt: „Ich kenne deine Werke und weiß, dass du weder kalt noch warm bist. Wärst du doch kalt oder warm! Nun aber, da du lau bist, weder warm noch kalt, will ich dich ausspeien aus meinem Munde.“
In der Mehrzahl sind wir dann trotzdem in den kirchlichen Dienst gegangen, haben uns mit der real existierenden Kirche arrangiert – manche unter Aufgabe der Ideale, andere, zu denen ich mich zähle, mit deren Bewahrung. Zum Warum und Wieso kommen wir später.
Aus dem Text könnte man ableiten, dass auch Gott sich, wie mit seinem schwierigen Volk, ebenso mit solcher Kirche arrangiert.
Aber das steht hier nicht. Nicht sich selber arrangiert Gott, sondern die, die sich ihm mit den Lippen zu nähern versuchen. Nicht ausspeien will er uns, sondern an uns Wunder tun. Dieses wundersame Arrangement, dem er uns unterzieht, ist wie eine Wendung um 180°. Und wir müssen aufpassen, dass es nicht 360° werden, wenn wir mit allen radikalen Parolen in den alten Trott zurückfallen. Davor will Gott bewahren.
Dabei geht es zuerst um Wahrhaftigkeit. Was wir für weise oder klug halten, wird vor Gott hinfällig: radikales Umdenken wird angekündigt; angekündigt und zugesprochen!, nicht von uns selbst als Eigenleistung gefordert!
Das alte Denken, das Gott in uns überwinden will, wird mit im Dunkel geschmiedeten und ausgeführten Plänen charakterisiert. Hier spricht der Text ganz reale Verhältnisse an, dass nämlich die eigentlichen Macher in der damaligen wie in unserer Gesellschaft – etwa auch in der Kirche? – ihre eigennützigen Pläne als zum Wohl der Allgemeinheit oder wenigstens unvermeidlich darstellen, die in Wahrheit doch nur dem Anhäufen von Macht und Reichtum in immer weniger Händen dienen. Dagegen sind Offenheit und Ehrlichkeit gefordert – aber sprechen wir jetzt nicht über die Wahlen im September, schauen wir heute einmal auf unseren eigenen kirchlichen Bereich.
„Eure Falschheit!“ prangert Gott an. Und es folgt das bekannte Bild vom Töpfer und vom Ton, in dem der tönerne Topf zum Töpfer sagt: Nicht du hast mich gemacht, du verstehst nichts! Dieses Bild erinnert mich an viele theologische Debatten um das Sein und Wesen Gottes, in dem die Debattierenden oft versuchen, Gott zu erklären wer und was er denn sei beziehungsweise gefälligst zu sein habe. Diese Debatten sind alt, sie fingen in der frühen Kirche im 4. Jahrhundert an und haben in den reformierten Niederlanden bis ins 17. Jahrhundert zu Verfolgungen und Hinrichtungen geführt. Die Frage, wer nun rechtgläubig sei und wer nicht, trennt aber auch heute noch Menschen, die sich besser gemeinsam ums rechte Tun bemühen und für Arme und Bedrängte einsetzen würden.
Der Streit der christlichen Bekenntnisse untereinander und der Richtungen innerhalb einzelner Bekenntnisfamilien ist das, was dabei herauskommt, wenn man sich von Gott ein Bild macht. Hilfreicher ist es, sich selbst von Gott bilden und dabei immer neu überraschen zu lassen, indem man ganz einfach darauf schaut, was er tut, und versucht, Gleiches zu tun in dem Rahmen, der uns gegeben ist: Menschen annehmen, sie trösten, ihnen Hoffnung schenken.
Wir machen uns aber nicht nur von Gott immer wieder Bilder, sondern ebenso von der Kirche als dem Ort, wo wir Gott näher kommen. Da kommen Schlagwörter zustande wie „Kirche für andere“, „Kirche für jedermann“, „Kirche im Sozialismus“ oder „Kirche der Freiheit“, getragen von allerlei Theologien des Genitivs: „Theologie der Hoffnung“, „…der Befreiung“, „…der Spiritualität“, „…der Gegenwart“; man könnte mit dem Prediger Salomos sagen: „Des vielen Kirchemachens ist kein Ende und das viele Theologisieren ermüdet den Leib.“
Viele dieser Versuche haben viel Gutes und Richtiges, mahnen Versäumnisse an und schaffen Öffnungen für neue Gedanken und Horizonte. Ich verdanke ihnen selber viel. Noch mehr allerdings verdanke ich der „Theologie nach Auschwitz“, ein Begriff, den, Theodor Ludwig Adorno aufnehmend, Jürgen Moltmann 1972 prägte und dem der Berliner Theologe Friedrich-Wilhelm Marquardt sich verpflichtet fühlte. Er erwägt im Vorwort seiner Dogmatik, ob Gott nach dem, was da in Auschwitz kulminierte, den Kirchen und uns Theologen nicht ein Verstummen verordnet, um selbst wieder zu Wort zu kommen: „Nun halt‘ doch mal den Mund!“
Wir sollten über Gott keine Worte machen, ihn nicht anderen und auch nicht uns selber erklären und nicht in theologische Systeme oder fromme Bekenntnisse einbinden wollen. Sondern selber hören, was ER sagt, – wenn ER denn ist und zu uns spricht.
Unser Predigttext unterbricht solche Erwägungen radikal: „Nicht wahr? Nur noch ganz wenig, und der Libanon wird wieder ein Obstgarten, und der Karmel wird als Wald erkannt.“ Mit „nicht wahr?“, „halô“, ruft Gott hier in Erinnerung – etwas Zukünftiges. Hier wird Verheißung erinnert, wird erinnert, was den Hörern ins Unterbewusste, ins Herz geschrieben sein muss, Ahnung von einer ganz andere Zukunft, vielleicht ein Traum: Das schroffe Libanongebirge wird ein fruchtbarer Garten sein, das grünere Karmelgebirge, was auf deutsch schon Fruchtgarten heißt, wird dicht bewachsen sein wie ein Wald – sicher nicht mit Dornen, sondern mit wunderbaren Obstbäumen. Es sind Paradiesvorstellungen, übertragen auf Gegenden, die man kennt: Sicherheit und Überfluss.
Sicherheit und Überfluss aber nicht allein und auch nicht in erster Linie an Obst und Brot, sondern an geistiger, geistlicher Nahrung. „Gehörlose werden die Worte des Buchs hören, und befreit von Dunkel und Finsternis werden die Augen der Blinden sehen. Und den Armen wird Freude werden am Ewigen, und die ärmsten Menschen werden jubeln über den Heiligen Israels.“ Gotteserkenntnis, weil Gott die Seinen erkennt, auch wenn sie bislang nur zu Lippenbekenntnissen und anerzogenem Wohlverhalten fähig waren!
Und damit einher geht die große Umkehrung der Machtverhältnisse; die, die Pläne im Dunkeln geschmiedet und die zu kurz Gekommenen verlacht hatten, die das Recht verdreht und Richter bestochen hatten: „Gewaltige stürzt er von ihren Thronen“, wie Maria sang und wir heute nachgesungen haben. Und wir damals jungen 68er Theologen haben es mit Inbrunst gesungen – und viele tun es heute noch. Und erleben darin schon vorweg, was im Realen noch aussteht.
Das ist die Verheißung, die uns gegeben ist; die Kirche wird sie nicht erfüllen – das ist nicht ihre Aufgabe – aber sie darf sie erinnernd lebendig halten, und auch wenn das nur mit den Lippen und nicht von Herzen geschieht, bleibt die Verheißung und damit die Zukunft mit Gott immer abrufbar, ein oft verborgener, aber unvergänglicher Schatz. Der Wochenspruch erinnert daran: Das hoch wachsende Rohr, auch wenn es längst abgeknickt ist: er bricht es nicht, sondern es hat große Zukunft; das Feuer einer Lampe, auch wenn es nur noch ganz schwach glimmt, er löscht es nicht, sondern es kann wieder hell werden und die ganze Welt mit Licht erfüllen.
Unser Predigttext mag auch uns ansprechen, doch ursprünglich gesagt wurde er Gottes eigenem Volk, das zu der Zeit in großer Not und in seiner Existenz bedrängt war. Deshalb ruft die Erinnerung an die Zukunft am Schluss seine Geschichte auf: Die Berufung Abrahams und Jakobs, der Israel genannt wurde, die sich erfüllen soll, wenn seine Kinder heimkehren zu Gott. Dann wird auch unsere Verwirrung sich lösen und unsere Nörgelei an der Kirche besserer Erkenntnis weichen.
Amen.

Nach einem Orgelzwischenspiel Lied 414, 1 – 4.: Lass mich, o Herr, in allen Dingen…

(Gebet:) Herr,nicht erst in der Ewigkeit, auch schon heute wollen wir dein Lob verkündigen: Dass Du uns Dir genehm machen willst, dass Du uns – unabhängig vom persönlichen Alter – Zukunft schenkst, egal ob wir sie irdisch erleben oder himmlisch daran teilhaben, dafür preisen wir Dich. Und hilf uns, beim Preisen nicht bei Worten zu bleiben, sondern gib uns Ideen, wie wir Dir in unseren Tagen entsprechen und nacheifern können, indem wir auch anderen Hoffnung und Zukunft öffnen. Betroffen nehmen wir wahr, wie viel Elend und Not in den Kriegsgebieten unserer Erde herrschen und menschliches Leben zerstören, in Aleppo und anderswo, und bitten Dich, steure die Gewissen derer, die dafür verantwortlich sind. Lass Frieden werden. Wir denken auch an die Menschen, die bei uns Zuflucht suchen vor Krieg und Hunger, vor Verfolgung und Diskriminierung; hilf uns, unser Land und unsere Stadt aufnahmebereit zu machen und offen auch für andere Kulturen und Lebensarten, dass wir von einander lernen statt einander zu misstrauen. Wir denken dabei an alle, die bei uns keine Zukunft für sich erkennen, die aus ihrem Berufsleben ausgegrenzt wurden, deren Familien und Beziehungen zerbrochen sind, denen es am Nötigen für ein würdevolles Leben mangelt. Lass sie erfahren, dass sie dennoch angenommen sind und lindere materielle und geistige Not. Wir denken an unsere Kranken; gib ihnen die Geduld, die zur Heilung nötig ist, die Einsicht und die Phantasie, auch eingeschränktes Leben gut zu gestalten; und wo ein Leben zu Ende geht, da schenke die Fähigkeit, getrost loszulassen. Wir bitten für die Starken, dass sie ihre Kraft für Schwache einsetzen, für Fröhliche, dass ihre Fröhlichkeit ansteckt, für Liebende, dass ihre Liebe über sie selbst hinaus wächst. Wir bitten Dich mit den Worten, die Jesus gelehrt hat zu beten: Unser Vater im Himmel…