Predigt zu Johannes 8, 2 – 11, 23. Öktober 2016

in der Reformierten Bethlehemsgemeinde in Berlin-Neukölln

Lieder vor der Predigt: 166, 1 – 3. 6.: Tut mir auf die schöne Pforte…, Psalm 32, 1 – 3.: O wohl dem Menschen… und 322, 1 – 5.: Nun danket all…

Weitere Texte: Psalm 130, 4., Psalm 32 nach EG 718, Deuteronomium (5. Mose) 6, 20 – 25., Frage und Antwort 4 aus dem Heidelberger Katechismus und das Apostolisches Glaubensbekenntnis

Predigttext: Johannes 8, 2 – 11.:
Früh am Morgen kam er (- Jesus -) wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und als er sich hingesetzt hatte, lehrte er sie. Da bringen die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine beim Ehebruch ertappte Frau und stellen sie in die Mitte. Sie sagen zu ihm: „Rabbi, die Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt worden. Aber im Gesetz Moses ist uns aufgetragen, so eine zu steinigen. Du nun, was sagst du dazu?“ Das sagten sie, ihn auf die Probe zu stellen, dass sie etwas hätten, das gegen ihn spräche. Doch Jesus, hinuntergebückt, schrieb mit dem Finger auf den Erdboden. Als sie aber darauf beharrten, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sagte: „Der von euch, der schuldlos ist, werfe als erster einen Stein auf sie.“ Und wieder beugte er sich hinunter und schrieb auf den Erdboden. Sie aber, dies gehört, gingen einer nach dem anderen hinaus, angefangen mit den ältesten, und ließen ihn allein zurück und die Frau in der Mitte. Wieder aufgerichtet aber sagt Jesus zu ihr: „Frau, wo sind sie? Hat keiner dich verurteilt?“ Sie sagte: „Keiner, Herr.“ Da sagt Jesus: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh, von jetzt an sündige nicht mehr!“

Liebe Gemeinde,
diese rührende, anrührende Geschichte hat als solche auch noch eine eigene Geschichte. Wenn man nach den ältesten Handschriften der griechischen Bibel fragt, erfährt man, dass diese Geschichte ursprünglich keinen Platz in ihr hatte. Erst in einer zweiten Generation von Handschriften findet man sie als späteren Anhang mal dem Lukas-, mal dem Johannesevangelium nachgestellt, dann stand sie bei Lukas als letzte Jesusgeschichte vor der Passion, und im Markusevangelium wurde sie neben die Frage nach der Rechtmäßigkeit der römischen Steuer gestellt. Das heißt: da hatte man eine Geschichte, deren Woher niemand mehr kannte, die aber so bedeutsam war, dass man sie nicht weglassen konnte. Aber wo sie unterbringen? Ihr jetziger Ort im Johannesevangelium ist so umstritten, dass meine griechische Studienbibel sie hier nur als eine Fußnote bringt. Deshalb betrachten wir jetzt keine der später hergestellten Zusammenhänge im Johannesevangelium, sondern ich lade Sie ein, mit mir nur diese Geschichte allein zu bedenken.
Sie nimmt uns mit in den Jerusalemer Tempel, eine weitläufige Anlage, besonders mit seinen Vorhöfen, wo reges Kommen und Gehen herrschte und man sich mal um den, mal um jenen klugen Mann scharte, ob er Wichtiges und Richtiges zu sagen hätte – so etwas wie der Areopag im alten Athen, wo Griechenlands Philosophen dozierten und disputierten, oder wie Speakers Corner im Londoner Hydepark. Hier, im Jerusalemer Tempel, waren es religiöse Themen, um die es ging, und in den dortigen Debatten hat wohl auch der Talmud seinen Ursprung, dieser Schatz jüdischer Weisheit, der über Jahrhunderte die hebräische Bibel betrachtet und – oft kontrovers – diskutiert. Jesus zu seiner Zeit war daran immer wieder beteiligt; die ganze Bergpredigt bei Matthäus und – kürzer – bei Lukas sind ja talmudische Erörterungen.
Jesus kommt dort früh am Morgen hin. Dass dort das ganze Volk zu ihm kommt und er es lehrt, ist eine Anpassung an den Zusammenhang bei Johannes; wie die älteren Textversionen überhören wir das und schaffen damit erst Gelegenheit für die Fortsetzung. Denn die, die da mit einer Frau zu ihm kommen, scheuen noch die Öffentlichkeit. Sie wollen sich erst einmal ihr eigenes Bild von dem Mann Jesus machen; ob schon mit der Absicht, ihm damit etwas zu entlocken, was zur Verurteilung dienen könnte, lassen wir dahingestellt, denn auch das gründet erst auf dem johanneischen Zusammenhang. Die älteren Textversionen wissen davon nichts.
Die Männer, die da eine Frau mit sich führen, sind Schriftgelehrte und Pharisäer, gesetzestreue und gesetzeskundige Leute, Laien und Studierte mit Studienabschluss und einer Art Ordination wie heutige Rabbiner.
Mit der Frau, die sie mit ich führen, haben sie ein Problem. Sie ist, so sagen sie, beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt worden. Weiter wird über die Umstände nichts mitgeteilt, aber es ist anzunehmen, dass sich in der Gruppe auch Augenzeugen befinden. Zweifel an der Tat der Frau bestehen nicht. Die Zweifel sind andere:
Unter der römischen Herrschaft war es der eigenen jüdischen Gerichtsbarkeit nicht erlaubt Todesurteile zu verhängen und zu vollstrecken. Wollte man es trotzdem tun, bliebe nur eine spontane Lynchjustiz – mit unabsehbaren Folgen, was die Ahndung durch die Römer belangt. Das hatten wohl diejenigen bedacht, die die Geschichte mit der Frage nach der Steuer für Rom im Markusevangelium verbanden. Aber der Fortgang ist hier anders.
Die frommen Herren konfrontieren Jesus mit dem Fakt: Hier ist eine erwiesene Ehebrecherin, und da ist das Gesetz seit Moses Tagen, das sie zum Tod verurteilt. Und sie fordern eine Stellungnahme von ihm.
Dabei geht es nicht darum, die Frau nun zu verurteilen und zu steinigen. Das Gesetz ist klar, die Praxis aber auch: es nämlich trotz des Gesetzes nicht zu tun. Hätte die Absicht bestanden, die Frau wirklich zu steinigen, hätte der andere Teil unbedingt dazugehört, denn zum Ehebruch gehören mindestens zwei, und nach dem Gesetz hätte man beide steinigen sollen.
Es ist aber nicht nur die römische höhere Gerichtsbarkeit, die solche Todesurteile verhindert; es ist auch die rechtliche Praxis talmudischer Frömmigkeit, Leben eher zu erhalten als zu verderben. Schon in seinen frühesten Erörterungen, also vor der Zeit, in der unsere Geschichte entstanden sein muss, wird im Talmud die Todesstrafe deutlich abgelehnt. Der Test, dem die frommen Männer Jesus unterziehen, zielt hier weniger darauf, ihn als einen anzuklagen, der gegen das mosaische Gesetz spricht, sondern darauf, ihn einzuordnen, entweder unter die Hardliner der Gesetzlichkeit, man könnte auch sagen: unter die Fundamentalisten, oder unter die mehr Liberalen, die das Gesetz nicht als Zwangsjacke, sondern als Einladung zum Leben begreifen.
Die frommen Männer, die Jesus testen wollen, gehen höflich auf ihn zu. Hinter der griechischen Anrede „didaskale“, Lehrer, steckt wahrscheinlich hebräisch oder aramäisch „raw“ oder „rabbi“, was wörtlich „groß“ heißt und seit der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 die offizielle Bezeichnung ordinierter Rabbiner ist. Aber auch schon zu Jesu Zeiten ist es eine Ehrenbezeugung, die Respekt vor der Gelehrsamkeit des Angeredeten ausdrückt.
Jesus reagiert dagegen ausgesprochen unhöflich. Er sieht sein Gegenüber nicht einmal an, sondern beugt sich vor und schreibt mit dem Finger auf dem Boden. Es ist im Lauf der Kirchengeschichte schon viel gerätselt worden, was Jesus denn da geschrieben haben könnte. Eine klare Antwort gibt es nicht, der Text verweigert sie.
Aber es gibt immer Leute, die klüger sind als der jeweilige Bibeltext. Eine bedenkenswerte Antwort fand ich im Internet unter „www.kurzefrage.de“ von einer Aurora, Jesus hätte die Schuld der Frau in den Sand geschrieben, der dann später als Kehricht fortgeschafft wird, samt der Schuld. Andere berufen sich dort auf einen mir nicht bekannten griechischen Text, er hätte die Schuld der frommen Männer aufgeschrieben. Auf der Webseite der Evangelischen Allianz der Schweiz wird dazu auf Jeremia 17, 13. verwiesen, wo es heißt: „Du, Hoffnung Israels, HERR, alle, die dich verlassen, werden zuschanden. In den Staub geschrieben werden, die sich von mir entfernen im Land, denn die Quelle lebendigen Wassers haben sie verlassen: den HERRN.“ Die Pharisäer und Schriftgelehrten so zu charakterisieren, würde sich zwar in den antijudaistischen Kontext des Johannesevangeliums einfügen, passt aber nicht zur Geschichte selber, in der sie ja höflich anfragen und dann wohl nachdenklich fortgehen. Lassen wir deshalb Jesus sein Geheimnis, was er da geschrieben hat; wichtiger für uns ist, zu sehen, was er mit dieser Unhöflichkeit bewirkt. Zunächst gar nichts. Denn die frommen Herren fragen ja weiter, obwohl sie sehen, dass Jesus sich auf keine Diskussion einlassen will. Oder deuten sie die Geste als Denkpause vor einer gewichtigen Antwort?
Die kommt auch, aber sehr anders als von den Fragestellern gedacht. „Der von euch, der schuldlos ist, werfe als erster einen Stein auf sie.“ Damit erkennt Jesus das Gesetz an. Zugleich macht er deutlich, dass nach ihm nicht verfahren kann, wer zu sich selber ehrlich ist.
Die gesetzliche Regelung bestimmt, dass der Zeuge, auf dessen Zeugnis hin jemand verurteilt wird, bei einer Steinigung den ersten Stein wirft. Damit versichert er noch einmal, die Wahrheit bezeugt zu haben und das Urteil zu billigen, er versichert es den anderen Prozessbeteiligten und dem oder der Verurteilten, aber auch sich selbst. Deshalb ist diese Bestimmung nicht nur eine Verfahrensregel, sondern zugleich eine moralische Hürde und ein Ausweg aus der Härte des nackten Gesetzestextes. Den weist Jesus hier, ohne den Ernst des Gesetzes zu mindern.
Im Lukasevangelium wird einmal ein Pharisäer karikiert, der angesichts eines armen, reuigen Sünders betet: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, wie Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner.“ Die Pharisäer und Schriftgelehrten in unserer Geschichte entsprechen dieser Karikatur nicht. Sie wissen zwar auch, dass sie keine Räuber, Ehebrecher oder mit den Römern kollaborierende Zöllner sind – aber sie rechnen sich das nicht als etwas an, das sie über andere erhebt, auch nicht über die erwischte Ehebrecherin. Sondern, wohl nachdenklich geworden gehen sie fort, einer nach dem anderen, die ältesten, nämlich die mit der längsten Lebenserfahrung, zuerst. Denn diese frommen Männer sind auch Beter des Psalms, den wir eingangs gemeinsam gelesen haben: Sie wissen von ihrer Schuld vor Gott. Und lassen deshalb nun die Frau in Ruhe, die sie als schuldig hingestellt hatten. Es entsteht eine Art stillschweigende Solidarität unter Schuldigen, die ein Verurteilen unmöglich macht.
Jesus schließt sich selber in diese Solidarität mit ein: „Auch ich verurteile dich nicht.“ Aus der Solidargemeinschaft der Schuldigen wird so eine Gemeinschaft von Befreiten, denen vergeben ist. Und denen ein neuer Anfang geschenkt ist „Geh, von jetzt an sündige nicht mehr!“. Amen.

Orgelspiel

Lied 366, 1. 2. 6. 7. Wenn wir in höchsten Nöten…

Abkündigungen

Lied 390, 1 – 3.: Erneure mich…

(Gebet:) Herr, Ewiger, noch schauen wir Dich nicht von Angesicht zu Angesicht, wir wollen uns aber von Dir angeschaut wissen – als Deine Begnadigten und Begnadeten, denen Du Schuld nicht anrechnest und immer wieder Wege in die Zukunft eröffnest, jetzt in der Zeit und zugleich über sie hinaus in Ewigkeit. Lass uns das erfahren und beherzigen.
Lass alle Befreiung erfahren, die unter Schuldgefühlen leiden, die einen, dass sie Vergebung annehmen und abtragen können, was sie an Schuld sich aufgeladen haben, und die anderen, dass sie frei werden von dem, was ihnen als Schuld nur anerzogen oder eingeredet wurde. Und hilf uns selber, andere nicht mit Schuldgefühlen zu belasten, sondern Befreiung zu vermitteln.
Deine Weisung ist Weisung zum Leben. Wir bitten Dich deshalb für alle, denen das Leben eingeengt wird, dass sie Weite erfahren, für alle, denen die nötigen materiellen Voraussetzungen für ein würdiges Leben verweigert werden, dass sie Fülle erleben.
Sei Du mit unseren Kranken an Körper oder Seele; schenke ihnen die zur Heilung nötige Geduld, und auch wo Heilung nicht sein kann, menschliche Nähe und Hilfe; wo ein Leben zu Ende geht, schenke die Fähigkeit, getrost loszulassen.
Wir bitten Dich auch für alle, die Verantwortung für andere tragen in Politik, Bildung und Wirtschaft: Gib ihnen Weisheit und die Einsicht, dass es einer Gesellschaft, einem Volk, einer Gemeinschaft von Völkern insgesamt nur so gut geht, wie den Schwächsten unter ihnen. Lass die Zukunftslosigkeit so vieler Junger, die keine Arbeit finden, und die Not der Menschen, denen die Mittel zum Leben radikal verkürzt werden, heute im Süden Europas und dereinst vielleicht auch bei uns, nicht zur Selbstverständlichkeit werden, sondern zum Ansporn, neue Wege zu weltweiter Gerechtigkeit zu suchen und zu beschreiten.
Wir bitten Dich für die Menschen, die Krieg und Gewalt aus gesetzt sind, die täglich unter Todesdrohung leben; lass sie eine Zukunft in Frieden erkennen; wir bitten für die, die der Gewalt und Zukunftslosigkeit durch Flucht zu entkommen versuchen; behüte sie auf gefährlichen Wegen und lass sie am Ziel Aufnahme und Anerkennung finden, auch bei uns.
Wir bitten Dich für unsere Gemeinde und Deine ganze Kirche: Lass sie Deinen Willen und nicht die eigene Ehre oder Ruhe suchen; wir bitten Dich für Dein Volk Israel in seinem Land und in der Diaspora um Frieden mit allen Nachbarn und mit sich selbst. Lass Frieden werden allen Menschen und Deiner ganzen Kreatur, ihr zum Heil und Dir zur Ehre.
So bitten wir gemeinsam, wie Jesus uns zu beten gelehrt hat: Unser Vater im Himmel…