Predigt zu Lukas 1, 26 – 38., 11. 12. 2016

Predigt zu Lukas 1, 26 – 38. im Gottesdienst am 3. Advent, 11. Dezember 2016,
in der Reformierten Bethlehemsgemeinde Berlin Neukölln

Lieder vor der Predigt waren (EG) 15, 1 – 4: Tröstet, tröstet…, 10, 1 – 4: Mit Ernst, o Menschenkinder… und 12, 1 – 4: Gott sei Dank durch alle Welt…

Weitere Texte waren Jesaja 40, 3. 10., das Magnifikat nach EG 763 im Wechsel gesprochen, Jesaja 2, 1 – 5. Frage und Antwort 6 aus dem Heidelberger Katechismus und das gemeinsam gesprochene Apostolische Bekenntnis.

Predigttext: Lukas 1, 26 – 38.:
26. Im sechsten Monat aber wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt Galiläas namens Nazareth gesandt 27. zu einer Jungfrau, die sich umwerben ließ von einem Mann, dessen Name Joseph war, aus dem Hause David; und der Name der Jungfrau war Maria.
28. Und als er zu ihr hereinkam sprach er: „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr mit dir.“
29. Sie wurde aber über das Wort verwirrt und überlegte, woher dieser Gruß sei.
30. Und der Engel sprach zu ihr: „Fürchte dich nicht, Maria! denn du hast Gnade bei Gott gefunden. 31. Und siehe, du wirst im Leib empfangen und einen Sohn gebären; und du sollst ihn mit seinem Namen «Jesus» nennen. 32. Der wird groß sein und «Sohn des Höchsten» genannt werden, und der Herr, der Gott, wird ihm den Thron David geben, den seines Vaters, 33. und er wird herrschen über das Haus Jakob für die Zeiten, und seines Herrschens wird kein Ziel sein.“
34. Doch Maria sprach zu dem Engel: „Wie soll das sein, da ich keinen Mann erkenne?“
35. Und der Engel antwortete ihr: „Heiliger Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; daher wird auch das gezeugte Heilige «Sohn Gottes» genannt werden. 36. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, auch sie hat einen Sohn empfangen in ihrem Alter; und dies ist der sechste Monat für sie, die «Unfruchtbare» genannt wurde. 37. Denn «keine Rede von Gott wird unmöglich sein».“
38. Maria aber sprach: „Sieh die Magd des Herrn; mir soll geschehen nach deiner Rede!“
Und der Engel ging von ihr weg.

Liebe Gemeinde,
hätte der Engel Maria auf Latein angeredet, hätte er gesagt: „Ave Maria, gratia plena, dominus tecum“ – das römisch-katholische Ave Maria, oft vertont und viel geliebt, auch bei reformierten Beerdigungen. Und warum auch nicht? Es ist ja, wie wir hier hören, ein Stück Bibel, ein Stück Evangelium nach Lukas. Und doch ist uns Reformierten meist nicht ganz wohl dabei. Das liegt allerdings nicht am Evangelium, sondern an dem, was andere daraus gemacht oder hinzugefügt haben.
Das Ave Maria des Evangeliums ist ein Gruß, kein Gebet. Und es ist billig und recht, die zu grüßen und auch zu loben, die die Mutter Jesu, des Christus, ist, gerade jetzt, in der Weihnachtszeit, wo wir uns auf Jesu Geburt besinnen. Zu Geburtstagen sollte man sowieso in erster Linie den Müttern der Geburtstagskinder gratulieren, sie haben schließlich den größten Anteil und Verdienst an dem, was man da feiert: „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr mit dir!“ Und es ist egal, ob man es auf deutsch oder Latein sagt; die Maria, die damals in Nazareth lebte, hätte eins so wenig verstanden wie’s andere; die Maria aber, die wir heute, wie alle unsere Verstorbenen, in Gott aufgehoben wissen, versteht jede Sprache und auch unsere Sprachlosigkeit.
Apropos Sprache: Unserem Abschnitt voran geht eine ähnliche Geschichte, die erzählt, wie dem Priester Zacharias, dem Mann der hier auch erwähnten Elisabeth, vom selben Engel verkündet wird, dass er und seine Frau einen Sohn haben werden, obwohl beide schon alt sind. Und es fällt auf, dass in beiden Erzählungen das selbe Vokabular verwendet wird. Es sind um sechs Monate zeitlich versetzte Parallelen, die sich aber nicht erst im Unendlichen, sondern sehr bald treffen, wenn nämlich Maria gleich im folgenden Abschnitt ihre Tante Elisabeth besucht und von ihr begrüßt wird: „Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes“, lateinisch: „Benedicta tu in mulieribus, et benedictus fructus ventris tui.“, womit sie das evangelische Ave Maria vervollständigt. Das in der römischen Kirche folgende: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes!“ steht nicht im Evangelium, ist also nicht evangelisch. Wir lassen es weg.
Aber was geschieht nun zwischen den beiden Teilen des Ave Maria? Maria kann schon mit dem ersten Teil, so scheint es, nichts anfangen. So wurde sie noch nie angesprochen, und das verwirrt sie. Aber sie überlegt „Woher dieser Gruß?“, und nicht etwa: „Was soll dieser Gruß?“. Anders als vorher bei Zacharias steht hier nirgends, dass Maria den Engel gesehen hätte. Vielleicht hat sie nur seine Stimme gehört und musste deshalb überlegen, woher der Gruß kam. In unserer Bibliothek haben wir den Katalog der Gemäldesammlung Thyssen-Bornemisza, früher in Castagnola bei Lugano, heute in Madrid; darin gibt es sieben Darstellungen dieser Szene aus dem 14. bis 16. Jahrhundert. Nur auf der jüngsten, von El Greco, schaut Maria den Engel an. Auf der von Jan de Beer befindet sich der Engel hinter ihr, auf allen anderen schaut Maria deutlich an ihm vorbei.
Verwirrt war sie; ob sie sich gefürchtet hat, steht hier nicht. Das „Fürchte dich nicht!“ des Egels meint nicht die Furcht vor der Engelserscheinung, sondern vor dem, was er ihr nun im Folgenden mitzuteilen hat. Das ist dann zwar eine große Zumutung, aber Maria steht dabei in der Gnade Gottes, das muss ihr vorweg gesagt sein.
Sie wird etwas in ihrem Leib empfangen und daraufhin einen Sohn gebären und soll ihn Jesus nennen. Und das einer Jungfrau, um die sich zwar Josef schon bemüht, aber der ist noch nicht an sein Ziel gekommen. Doch das Wie der Empfängnis übergeht der Engel zunächst, ihm geht es um das Ergebnis: Dieser zukünftige Sohn Marias „wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden, und der Herr, der Gott, wird ihm den Thron David geben, den seines Vaters, und er wird herrschen über das Haus Jakob für die Zeiten, und seines Herrschens wird kein kein Ziel sein.“ Groß und „Sohn des Höchsten“ genannt: Das ist der alte Königstitel, wie er zuerst Salomo beigelegt wurde und später, im 2. Psalm, dem jeweiligen König aus Davids Nachkommenschaft: „Mein Sohn bist Du, heute habe ich dich gezeugt.“ wird ihm, wohl bei der Inthronisation, zugesagt.
Daneben gibt es eine demokratischere Bezeichnung „Sohn Gottes“, wenn nämlich das gesamte Volk Israel kollektiv so genannt wird, vor dem Pharao, damit er es aus Ägypten ziehen lassen soll (Ex. 4, 22.), bei Hosea, wo auf diesen Auszug angespielt wird (Hos. 11, 1.), und bei Jeremia wird Gott der Vater Israels genannt (31, 9.) .
Im ersten Fall, als Königstitel, bezeichnet „Sohn des Höchsten“ den erwarteten Messias aus dem Geschlecht Davids, und folgerichtig wird ihm auch dessen Thron und Herrschaft zugesprochen. Im zweiten Fall wäre „Sohn Gottes“ der Träger aller Verheißungen, die dem Volk Gottes gelten. Ich denke, wir sollten beides zusammendenken, denn der Messias ist von seinem Volk nicht zu trennen.
Aber wie ist es nun mit seiner Herrschaft? „Er wird herrschen über das Haus Jakob für die Zeiten, und seines Herrschens wird kein Ziel sein.“ „Die Zeiten“, aiōnes, bezeichnen ganze Zeitalter; oft wird ihr Plural auch als Ewigkeit übersetzt. Ich tue das nicht, denn ich übersetze das Folgende nicht wie üblich aber sehr zweifelhaft mit: „Seines Herrschens wird kein Ende sein.“, sondern wie es der griechische Sprachgebrauch näherlegt: „seines Herrschens wird kein Ziel sein.“, télos steht da, er wird also noch nicht das erwartete ewige Reich Gottes herstellen. Das ist es ja, was Maria später mit ihm erleben muss, wenn er statt auf einem Königsthron am Kreuz endet. Das ist es, was auch wir, viele Zeitalter später, noch erfahren: Das Ziel ist noch nicht erreicht.
Maria ist von dieser großen Ankündigung anscheinend nicht sehr beeindruckt. Sie ist eher praktisch veranlagt und fragt: „Wie soll das sein, da ich keinen Mann erkenne?“ Na, sie kennt doch wohl den Josef, der sich um sie bemüht. Aber ein solches Kennen ist hier nicht gemeint. Sondern dieses „Erkennen“ hat den selben Wortstamm gígnomai wie in der griechischen Version der hebräischen Bibel das Erkennen, das eine Zeugung umschreibt: „Der Mensch erkannte Eva, seine Frau, und sie wurde schwanger .“ (Gen. 4, 1.), wie jetzt auch die neue Zürcher Bibel übersetzt. Vorher hieß es da „Beiwohnen“ Aber das „Erkennen“, das zu solchem Ergebnis führt, ist doch eine ganz besondere Sache, sehr viel erotischer und liebevoller als das eher technische „Beiwohnen“. Und für Maria soll das offenbar keine einseitige Sache des Mannes sein, sondern eine gegenseitige, sie beansprucht als Frau, nicht Objekt, sondern Partnerin der Liebe zu sein. Deshalb gebraucht sie die Aktivform.
Anscheinend gerät der Engel ob solch deutlicher Sprache in Erklärungsnot. Das sind Dinge, von denen die Engel ausgeschlossen sind. Vielleicht ist ihm das Thema auch peinlich. Und so gebraucht er hohe Worte, spricht vom Heiligen Geist und von einer Überschattung durch die Kraft des Höchsten und noch einmal vom Titel, mit dem das zu zeugende Kind bedacht werden wird: „Sohn Gottes“. Eine wunderschöne, engelhaft abgehobene und poetische Umschreibung dessen, was Maria nun bald erleben will und wird – ich meine: mit Josef. Denn dass er, der anfangs extra erwähnt wird, unbeteiligt bleiben sollte, steht nicht hier bei Lukas, sondern nur in der grundverschiedenen Erzählung über Jesu Geburt im Matthäusevangelium. Im Gegenteil, fast im selben Atemzug erwähnt der Engel hier ja, was sich mit Marias Tante Elisabeth ereignet hat: die alte Dame ist schwanger – und das zweifellos unter Mitwirkung ihres Zacharias.
Wir sollten den Heiligen Geist nicht so abstrahieren, dass er im Liebesleben der Menschen keinen Platz hätte. Und die erwähnte „Kraft des Höchsten“ ist die Kraft des Schöpfers alles Lebens. Elternschaft aber ist Teilhabe an der Schöpfung Gottes; deshalb zählt das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, auch zur ersten Tafel der Zehn Gebote, nämlich zu denen, die Gottes Verhältnis zu uns und unseres zu Gott betreffen. Und deshalb dürfen wir auch jedes unserer Kinder als Kind Gottes bezeichnen: Aus seiner Schöpferkraft kommen wir alle.
Dann wäre Jesus also nichts Besonderes? Seiner menschlichen Natur nach sicher nicht – oder,, vielleicht besser gesagt, sind wir alle etwas Besonderes. Aber in Jesus, das erzählt uns diese Verkündigungsgeschichte, liegt eine besondere Absicht Gottes. Er soll herrschen auf dem Thron David über das Haus Jakob durch alle Zeitalter hindurch – aber das Ziel nicht erreichen. Der Thron Davids steht nicht mehr wie einst in Jerusalem. Auf Erden ist er zur Zeit nicht zu finden. Um ihn zu erreichen musste Jesus sterben, auferstehen und in den Himmel emporgehoben werden. Dort ist seine Herrschaft, solange unsere Zeitalter währen.
Was nützt sie uns da? Sie ist da die Garantie, dass das Ziel Gottes für diese Welt nicht aufgegeben ist. Die Verheißungen Gottes für sein Volk, seinen Sohn, und durch es für alle Nationen, bestehen fort, zwar nicht als irdische Realität heute, jedoch als Möglichkeit und Zukunft, um die wir uns in der Nachfolge Jesu bemühen und an der wir damit schon teilhaben dürfen, allen Niederlagen zum Trotz. Von dieser Möglichkeit singt Maria dann bei Elisabeth ihren Psalm, den wir eingangs gelesen haben. Auf diese Zukunft hin zu leben und auf sie zu vertrauen – oder ohne Hoffnung für diese Welt und uns selbst unsere Tage zu Ende zu bringen: das ist das eigentliche Gericht, das über Leben oder Tod entscheidet. Das zieht sich durch alle unsere Zeitalter hindurch, so lange, bis Gott selber den Thron einnimmt am Ende der Tage, und alle Nationen zu ihm strömen werden und sprechen: „Kommt, lasset uns hinaufziehen zum Berge des Herrn, zu dem Hause des Gottes Jakobs, dass er uns seine Wege lehre und wir wandeln auf seinen Pfaden; denn von Zion wird Weisung ausgehen, und das Wort des Herrn von Jerusalem.“ Das wird das Ende unserer Zeitalter sein und der Anbruch der Zeit Gottes. Die eröffnet uns der, der durch Maria und Josef der Sohn Gottes ist. Amen

Orgelspiel

Lied 7, 1 – 4: O Heiland, reiß die Himmel auf…
Abkündigungen
Lied 16, 1 – 5: Die Nacht ist vorgedrungen…

(Gebet:) Herr, Du Vater Jesu Christi und unser aller, wir preisen Dich für Deine Nähe zu unserem Menschsein und für die Hoffnung, die uns beflügelt, auf Dich hin zu leben. Und wir danken Dir für das Angeld darauf, das wir heute schon erleben können, wo immer Leben und Liebe ihren Platz haben, Schönheit und Licht. Lass uns daran festhalten und dafür sorgen, dass mehr und mehr Menschen und auch die weitere Natur solches erfahren. Deshalb bitten wir Dich für alle Menschen, die in materiellem wie geistigem Elend und ohne Hoffnung leben müssen, dass sie daraus frei werden und die Würde, die ihnen als Deinen Kindern zusteht, erfahren. Wir bitten Dich für die Menschen im Krieg, wie heute in Syrien, und für alle, die diesem und anderem Elend durch Flucht zu entkommen trachten. Behüte sie und lass sie in Sicherheit ankommen. Wir bitten Dich um Frieden in aller Welt, dass Menschen nicht mit Waffen und Todesdrohungen, sondern mit gutem Willen aufeinander zugehen. Wir bitten Dich um Frieden besonders für Dein Volk Israel, damit vom Zion und von Jerusalem der Frieden auf Erden ausgehen kann. Wir bitten Dich um Gerechtigkeit, dass alle Wesen auf Erden den ihnen zustehenden Anteil am Geschenk Deiner Schöpfung bekommen. Wir gedenken vor Dir unserer Kranken und Beladenen, derer, die aus diesem Leben einen ihnen wichtigen Menschen verloren haben, derer, deren Fähigkeiten nicht gefragt sind; schenke neuen Mut und Hoffnung, und wo ein Leben zu Ende geht, da mache Du Dich als das Ziel bekannt. – Wir bitten gemeinsam, wie Jesus seine Jünger zu beten gelehrt hat: Unser Vater im Himmel…