zu Matthäus 20, 1 – 16. am 03. 04. 2016…

… in der Politischen Vesper zum bedingungslosen Grundeinkommen „Arme wird es bei euch nicht geben“  in der Französischen Friedrichstadtkirche

Text (Zürcher Bibel von 2007):

1 Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsherrn, der am frühen Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen.

2 Nachdem er sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag geeinigt hatte, schickte er sie in seinen Weinberg.

3 Und als er um die dritte Stunde ausging, sah er andere ohne Arbeit auf dem Marktplatz stehen,

4 und er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in den Weinberg, und was recht ist, will ich euch geben.

5 Sie gingen hin. Wiederum ging er aus um die sechste und neunte Stunde und tat dasselbe.

6 Als er um die elfte Stunde ausging, fand er andere dastehen, und er sagte zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag hier, ohne zu arbeiten?

7 Sie sagten zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in den Weinberg!

8 Es wurde Abend und der Herr des Weinbergs sagte zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den Letzten bis zu den Ersten.

9 Und als die von der elften Stunde kamen, erhielten sie jeder einen Denar.

10 Und als die Ersten kamen, meinten sie, dass sie mehr erhalten würden; und auch sie erhielten jeder einen Denar.

11 Als sie ihn erhalten hatten, beschwerten sie sich beim Gutsherrn

12 und sagten: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt, die wir die Last des Tages und die Hitze ertragen haben.

13 Er aber entgegnete einem von ihnen: Freund, ich tue dir nicht unrecht. Hast du dich nicht mit mir auf einen Denar geeinigt?

14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten gleich viel geben wie dir.

15 Oder ist es mir etwa nicht erlaubt, mit dem, was mein ist, zu tun, was ich will? Machst du ein böses Gesicht, weil ich gütig bin?

16 So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte.

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte ist vielen Menschen ärgerlich; jedenfalls alle Konfirmandenjahrgänge, mit denen ich sie früher besprach, witterten hier massive Ungerechtigkeit – gaben also den zuerst Eingestellten mit ihrer Beschwerde Recht. Und wir, und Sie?

Lassen Sie uns die Geschichte, bevor wir darüber urteilen, genauer ansehen. Da ist der Gutsherr, der frühmorgens vor Arbeitsbeginn loszieht, um Leute für seinen Weinberg einzustellen – für diesen einen Tag, zu einem vereinbarten Lohn. Das ist billiger als Festangestellte zu beschäftigen oder, wie zu Jesu Zeiten in größeren Betrieben üblich, Sklaven zu halten. Denn die müssen das ganze Jahr über versorgt werden, die Tagelöhner hingegen nur für den jeweiligen Tag. Wir kennen das auch aus der Gegenwart; entwicklungspolitische Organisationen schildern, wie so, etwa in Süditalien, die Not von Immigranten ohne Aufenthaltsrecht ausgenutzt wird; aber vielleicht müssen wir gar nicht so weit blicken, die jährlich Spargelsaison hierzulande zeitigt ähnliches.

Insofern ist der Gutsherr der Geschichte ein Normalfall. Dass er dann aber alle drei Stunden erneut losgeht, lässt fragen: waren beim ersten Mal nicht genügend Leute da, die ihre Arbeitskraft verkaufen wollten? Oder nötigte ein Wetterumschwung, die geplante Arbeit um jeden Preis noch heute zu beenden? Oder traf er die Späteren an verschiedenen Orten? Doch den letzten, zur elften Stunde, also knapp vor Feierabend Eingestellten sagt er ja auf den Kopf zu, dass sie schon den ganzen Tag da gestanden wären…

Man kann beliebig über die Motive des Gutsherrn spekulieren; zu einer Antwort kommt man eher, wenn man nach dem Motiv Jesu fragt, der uns die Geschichte erzählt: Ihm geht es schlicht darum, die Zuhörer, also auch uns, zu verblüffen und so neugierig auf den Fortgang zu machen.

Dafür schildert er uns einen nach unternehmerischen Gesichtspunkten unvernünftigen Gutsherrn. Wenn der immer so handelt, wird er seinen Betrieb in Konkurs bringen. Aber die Geschichte will uns wahrscheinlich gar nichts über Betriebswirtschaft erzählen, sondern, so beginnt sie ja, etwas vom Himmelreich, mit dem es ist wie…. Es ist ein Gleichnis, ein Vergleich. Was erzählt es vom Himmelreich?

Da müssen wir vielleicht differenzieren, wem es was erzählt. Der frühchristlichen Gemeinde des Matthäus möglicherweise anderes als uns! Die übliche Auslegung jedenfalls erkennt in den zuerst Eingestellten das Gottesvolk Israel, das in der Bibel öfter mit einem Weinberg verglichen wird. In den letzten erkennt sie dann die zuletzt Berufenen, vielleicht die Gemeinde des Matthäus oder andere, die erst noch zu missionieren sind und knapp vor dem Ende aller Zeiten oder dem Endgericht dazustoßen. Und dann wäre das Fazit, dass alle gleich viel Anteil am anbrechenden Himmelreich haben werden, die Letzten wie die Ersten und die Ersten wie die Letzten. Immerhin tröstlich, dass diese Auslegung Israel seinen Anteil nicht abspricht, wie es die Kirche später immer wieder tat.

Aber was erzählt die Geschichte uns über das Gesagte hinaus?

Anders als die Matthäusgemeinde, die sie überliefert hat, erwarten wir in naher Zukunft keinen Anbruch des Himmelreichs mit Weltgericht als Ende der Geschichte. Sondern für uns ist das Himmelreich, wenn wir denn den Begriff verwenden, eine Herausforderung innerhalb der Weltgeschichte, innerhalb der von uns erlebten und hoffentlich auch mitgestalteten Geschichte.

In diesem Zusammenhang befassen wir uns heute mit einem bedingungslosen Grundeinkommen für Alle. Dafür gibt uns die Geschichte jedoch keine Gebrauchsanleitung; das für alle zwar gleiche Einkommen ist hier ja nicht bedingungslos: Gezahlt wird es nur denen, die sich wenigstens auf den Weg zur Arbeit im Weinberg gemacht haben. Auch von einem Mindestlohn ist hier nicht die Rede; der setzt voraus, dass es auch höhere Löhne gibt – und gerade die gibt es in dieser Geschichte nicht. Sondern jemand, der 12 Stunden geackert hat, bekommt so wenig wie der, der erst zum Feierabend eintrifft.

Was bekommen sie? Der eine Denar, so erzählen uns die Historiker, ist in etwa das, was ein Mann oder eine Kleinfamilie am Tag zum Überleben benötigt. Vielleicht also doch ein Mindestlohn – jedenfalls für die Ersten. Die Letzten bekommen dagegen genaugenommen überhaupt keinen Lohn, denn wofür sollten sie entlohnt werden? Nur dafür, dass sie sich zu Feierabend noch auf den Weg gemacht haben? Was sie bekommen ist doch kein Lohn, sondern eher ein Almosen!

Haben sich die Letzten ob des Almosens beschämt gefühlt? Das ist wahrscheinlich nicht ihr Problem; ihr und auch der anderen Problem ist wohl eher, wo sie jetzt am Abend für den Denar noch Brot bekommen. Denn der Lohn ist das Existenzminimum für diesen Tag, an dem sie und vielleicht ihre Familien noch nichts gegessen haben. So, wie uns die Geschichte überliefert wird, bleiben in ihr alle Probleme der Armut durch Ausbeutung bestehen. Und es bleibt, trotz seiner Absonderlichkeiten, der Gutsherr ein Ausbeuter – auf jeden Fall für die zuerst Eingestellten. „Das Himmelreich ist ähnlich einem Menschen, einem Hofbesitzer…“ beginnt die Geschichte wörtlich, und der Hofbesitzer ist in dem Kulturkreis, in dem Jesus die Geschichte erzählt, in der Regel ein Sklavenhalter. Worin besteht aber seine Ähnlichkeit mit dem Himmelreich?

Ich denke, lediglich in dem Einen: dass er auch die Späteren und schließlich die Letzten nicht ohne das zum Überleben Notwendige lässt. Bei der Versorgung der Tagelöhner betätigt er sich als Gleichmacher. „Gerechtigkeit“ in landläufigem Sinn, die viele in seiner Handlungsweise vermissen, ließe die Späteren und gar die Letzten auf der Strecke – Opfer der herrschenden Wirtschaftsordnung beziehungsweise der Wirtschaftsunordnung der Herrschenden. Und die ist das Gegenteil vom Himmelreich. Das Himmelreich ist ein Reich der Solidarität, wo sich alle voneinander abhängig wissen und empfinden, dass es allen nur so gut geht wie dem schwächsten Glied.

Unsere Geschichte spricht nicht nur von Gerechtigkeit, sondern auch von Arbeit. In unserem Kulturkreis wird Arbeit nicht nur mit Mühsal in Verbindung gebracht, sondern ebenso mit Sinn und Selbstverwirklichung. Von solcher Arbeit spricht unsere Geschichte aber nicht. Denn die Arbeit im Weinberg ist für den Tagelöhner reine Überlebensarbeit; zum Weinberg hat er kein persönliches Verhältnis, auch ist sein Lohn Geld und nicht ein Fässchen Wein, das er stolz mit Freunden teilen und sagen kann: von mir erarbeitet. Sondern hier geht es um das, was Karl Marx als entfremdete Arbeit beschreibt, vergleichbar einer Sklavenarbeit, verschärft noch dadurch, dass ihre Fortsetzung am nächsten Tag nicht garantiert ist.

Wir leben heute in einer Epoche, wo über Arbeit neu nachgedacht werden muss. Denn mehr und mehr wird mühselige Arbeit an Fließbändern und in Kontoren nur um des Lohnes und nicht um ihrer selbst willen, hinfällig. Computer ersetzen Menschen. Aber mehr und mehr wird Arbeit mit Lebendigem nötig, in der Betreuung und Pflege von alten Menschen, im Unterricht und der Förderung Jüngerer, auch in der Gestaltung und Erhaltung einer gesunden Umwelt inklusive Landwirtschaft: Notwendige Tätigkeiten, die keinen direkten Profit abwerfen, aber, wie auch alle künstlerische Tätigkeit, persönliches Engagement für die Betroffenen oder die Sache erfordern.

Die biblische Erzählung vom Volk Israel stellt sehr deutlich diese zwei Möglichkeiten von Arbeit einander gegenüber: Einmal die vernichtende Ausbeutung durch die Sklavenarbeit in Ägypten bis zum Auszug des Volkes unter Mose, und dann in der weiteren Erzählung, nach dem Bundesschluss am Sinai, die Arbeit am Heiligtum, wenn sie das Stiftszelt mit allem Drum und Dran herstellen, wobei sie ihre handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten und damit sich selbst in einen größeren Zusammenhang einbringen und darin sich selbst verwirklichen. Da ist dann die Frage nach gerechter Bezahlung so nebensächlich, dass die Bibel auf sie gar nicht erst eingeht. Alle leisten mit Lust, was sie können und erhalten alles, was sie zu einem guten Leben brauchen. Da verwirklicht sich ein Stück Himmelreich auf Erden.

Ein Stück! Wir sollten uns nicht anmaßen, am Himmelreich mehr als Stückwerk leisten zu können. Die, die bislang vorgaben, das ganze Himmelreich auf Erden schaffen zu können, haben vor allem Höllen erschaffen und tun es noch.

Im Lukasevangelium antwortet Jesus auf die Frage, wann denn das Reich Gottes – was dem Himmelreich bei Matthäus entspricht – komme, sagt er: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte.Man wird auch nicht sagen können: Hier ist es! oder: Dort ist es! Denn seht, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ Es ist demnach als Möglichkeit immer da, muss nur in seinen vielfältigen Möglichkeiten entdeckt und ergriffen, also praktisch umgesetzt werden. Wo Arbeit vom Zwang befreit wird, unbedingt den Lebensunterhalt zu sichern, kann sie von einer Last zur Lust werden und die Entfaltung der Person ermöglichen, als die Gott jeden Menschen erschaffen hat: „Und Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.“ Bild Gottes, das heißt: in jedem Menschen sollen wir Gott erkennen, lieben und ehren. Dazu helfe uns Gott selber. Amen