zu Matthäus 25, 13 – 30., am 02. 08. 2015

 im Gottesdienst am 2. August 2015
in der Schlosskirche Berlin Köpenick von T. Hachfeld

Lieder im Gottesdienst vor der Predigt (EG): 166, 1. 2. 4. 6.: Tut mir auf… und 196, 1+2+5+6: Herr, für Dein Wort…

Weitere Texte: Lukas 12, 48., die 3. der 10 Weisungen in folgendem Wortlaut: „Du sprichst den Namen des Ewigen, deines Gottes nicht zu Falschem aus, denn der Ewige wird den nicht vor den Folgen verschonen, der seinen Namen zu Falschem ausspricht.“, die Summe der Weisung, Psalm 40, 1 – 12. , Jesaja 42, 1 – 9.(beides nach Zürcher Bibel), und ein Glaubensbekenntnis von Michael Thebille von 1999.

Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Text aus Matthäus 25, 13 – 30. (eigene Übersetzung):
Wachet nun, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde!
So wie ein Mann, der außer Landes ging, seine eigenen Knechte rief und ihnen sein Vermögen übergab, und (zwar) gab er einem fünf, einem zwei und einem ein Talent, jedem nach seinen Fähigkeiten, und ging außer Landes.
Sofort machte sich der, der fünf Talente empfangen hatte, auf, handelte damit und erwirtschaftete weitere fünf; der mit zweien erwirtschaftete weitere zwei.
Der aber, der eins empfangen hatte, ging weg, grub Erde um und verbarg das Geld seines Herrn.
Nach langer Zeit kam der Herr jener Knechte und nahm mit ihnen Bestand auf. Und der, der fünf Talente empfangen hatte, trat hervor und brachte weitere fünf und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir übergeben, sieh, weitere fünf habe ich erwirtschaftet. Sein Herr sagte ihm: Schön, du braver und treuer Knecht, über wenigem warst du treu, über vieles setze ich dich ein. Tritt ein in die Freude deines Herrn.
Es trat auch der mit den zwei Talenten hervor und sagte: Sieh, zwei weitere Talente habe ich erwirtschaftet. Sein Herr sagte ihm: Schön, du braver und treuer Knecht, über wenigem warst du treu, über vieles setze ich dich ein. Tritt ein in die Freude deines Herrn.
Es trat aber auch der hervor, der das eine Talent empfangen hatte, und sagte: Ich wusste doch, dass du ein harter Mann bist, der du erntest, wo du nicht gesät hast, und einsammelst, wo du nicht ausgeteilt hast, und ich fürchtete mich und ging und verbarg dein Talent in der Erde. Da hast du das Deine. Da antwortete sein Herr und sagte ihm: Du unnützer und fauler Knecht, du wusstest, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle wo ich nicht ausgeteilt habe? Du hättest mein Geld wenigstens den Bankern bringen sollen, und ich hätte, wenn ich komme, das Meine mit Zins bekommen. So nehmt ihm das eine Talent weg und gebt es dem, der zehn Talente hat. Denn dem, der viel hat, wird gegeben werden, und er wird im Überfluss haben; dem, der nicht hat, wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unbrauchbaren Knecht werft hinaus in die äußerste Finsternis, dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.

Was für eine Geschichte, liebe Gemeinde!
Und das am 2. August, wo wir die Gründung der Schweizerischen Eidgenossenschaft nachfeiern, die trotz Negativzinsen für Bankkonten immer noch Fluchtgelder anzieht; und das in dieser Zeit, wo wir mit den Menschen in Griechenland fassungslos erleben, wie nicht Reichtümer, sondern Schulden über Nacht ins Unendliche wachsen und den Ärmsten das Letzte genommen wird: Arbeitsplätze und die halben Renten, nötige Medizin und Hoffnung für die Enkel… Da ist schon Heulen und Zähneknirschen!
Das, was unsere Geschichte über Geldvermehrung erzählt, hat vor etwa 150 Jahren den Namen „Kapitalismus“ erhalten, das Phänomen ist aber älter, nicht nur als die griechische Krise, älter auch als die Eidgenossenschaft. Jesus, der die Geschichte erzählt, greift etwas auf, was zu seiner Zeit die Gemüter bewegte; um Macht geht es da und um das Geld, für das sie käuflich ist, um Liebedienerei und die Folgen unerbetener Kritik.
Was hat es in der Erzählung aber mit der Erwirtschaftung des Mehrwertes auf sich? Die Talente, von denen die Rede ist, sind Goldbarren von je etwa zwei Kilogramm, die heute jeder etwas über 70’000 € kosten würden, für Jesu einfache Zuhörer ein Wert, der ihr Vorstellungsvermögen so überschreitet wie für uns die -zig Milliardenbeträge, die Griechenland anderen schulden soll. Sollte die Kirche des Matthäusevangeliums nach der finanziellen Katastrophe der Jerusalemer Urgemeinde etwa in die antiken Finanzmärkte einsteigen ?
Nun beginnt die Erzählung aber griechisch mit „Hōsper“, mit „So wie“, was sie als Gleichnis für etwas anderes ausweist als das, was direkt erzählt wird. Wir müssen uns also fragen, was hier für was steht, was für ein Herr, was für Werte, was für Knechte?
Im größeren Zusammenhang des ganzen 25. Kapitels geht es um das Ende der jetzigen Weltzeit und die Wiederkunft Jesu als Vollender und Weltenrichter. Wann wird er kommen? Wer wird im Gericht bestehen? Für die Gemeinde des Matthäusevangeliums waren das ganz existentielle Fragen, sie lebte auf die Vollendung der Zeiten und den Anbruch einer neuen Welt hin – und auch wenn sie nicht das genaue „Wann“ kannte, so war ihr doch sicher, dass es bald sein würde, wie Jesus gesagt hatte: „Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht schmecken, bevor sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reich.“ (Mt. 16, 28.)
Nun, diese Einigen sind dennoch gestorben und etwa 60 Generationen, die ihnen folgten, auch, und kaum jemand, von wenigen Sektierern abgesehen, rechnet heute noch mit Jesu baldigen Wiederkommen und dem Anbruch des Weltgerichts. Obwohl wir es nicht ausschließen können, leben wir nicht auf das baldige Weltende, sondern – hoffentlich – auf eine verantwortlich zu gestaltende Zukunft hin.
Aber was der Matthäusgemeinde für die Endzeit wichtig war, ist für diese Zukunft genauso wichtig: Die Fähigkeit nämlich, den Einbruch des Göttlichem in unsere Zeit wahrzunehmen, vielleicht wenn uns einmal, jetzt in der Sommer- und Ferienzeit die Größe und Schönheit der Natur erfasst, sicher wenn wir Liebe im Geben und Nehmen erfahren oder wenn uns Gott in der Person von Hilfebedürftigen aller Art begegnet.
Eine christliche Interpretation dieses Gleichnisses ist bei uns längst Sprache geworden: Wenn man von „Talenten“ redet, dann meint man nicht mehr einen Geldwert, sondern die Befähigung eines Menschen, besonders auf künstlerischen, aber auch auf anderen Gebieten. Die deutsche Entsprechung ist „Begabung“, wobei noch mitklingt, dass es nicht eigener Verdienst, sondern eine Gabe ist, die man als Erbteil mitbekommen hat.
Das gibt der griechische Urtext zwar nicht her, aber es ist eine schöne Interpretation – die beiden Knechte betreffend, die mit den Talenten wuchern.
Aber der dritte: ist der nur zu wenig talentiert, um etwas Besseres mit seinem einen, kleinen Talent anzufangen ? Wird hier mangelnde Begabung bestraft ? Da müssen wir etwas tiefer fragen.
Die Knechte bekommen die Talente nach ihren Fähigkeiten zugeteilt; der Herr weiß also im Voraus, was er von den Einzelnen zu erwarten hat. Und doch bekommt auch der etwas, von dem nichts zu erwarten ist. Auch er bekommt eine Chance, die er allerdings nicht nutzen kann.
Irgendwie ist mir dieser Knecht ja sympathisch. Er verweigert sich dem Markt, auf dem sich Geld anscheinend ohne Mühe vermehrt – weil man die, die es mühsam erwirtschaften oder mit ihrer Not bezahlen, nicht sieht. Und er charakterisiert den Herrn knapp und klar als Kapitalisten der alten oder auch der neuesten Schule: „Ich wusste doch, dass du ein harter Mann bist, der du erntest, wo du nicht gesät hast, und einsammelst, wo du nicht ausgeteilt hast,“ So weit, so richtig.
Übersehen hat dieser Knecht allerdings, dass er sich nicht im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sondern in einem biblischen Gleichnis befindet, das von ganz etwas anderem als vom Kapitalmarkt spricht: nämlich vom kommenden Himmelreich, und dass der, vor dem er steht, der Vollender dieses Reiches ist und nicht irgendeine Kreatur dieser Welt. Kurz gesagt: Ihm fehlt das Talent, zu unterscheiden.
Aber das fehlt vielen. Und das liegt nicht nur an denen, denen es fehlt, sondern an denen, die dafür sorgen, dass es sich nicht entwickeln kann. Es ist ein Problem unserer religiösen Erziehung. Der dritte Knecht hat Gott immer nur als einen fordernden und wenn nötig strafenden Gott erfahren. Und indem er das, was Gottes ist, in die Erde vergräbt, anstatt auf ihr damit zu wuchern, will er nur sichergehen, nichts Falsches zu machen. Und genau das ist das Falsche. Auf diese Weise bestätigt er sich selber das falsche Gottesbild, das er in sich trägt, und zieht seine Konsequenzen auf sich, und die heißen Heulen und Zähneknirschen.
Um auf die Frage einzugehen, was er hätte anders machen sollen, müssen wir erst noch einmal darauf eingehen, was denn die „Talente“ im Gleichnis bedeuten können. Eine Deutung hatten wir schon: den heutigen Wortbegriff von „Talent“, der sich aus diesem Gleichnis ableitet. Danach hätte er seine Begabung für den einsetzen sollen, der sie ihm verliehen hat: für Gott und sein kommendes Reich. Das aber verwehrt ihm sein Gottesbild von einem harten, fordernden und strafenden Herrn.
Wenn das „Talent“ allerdings darin besteht, Mission zu betreiben, was eine andere alte Interpretation ist, sollten wir dankbar sein, dass dem Dritten nur ein einfaches Talent zukommt, das er dann auch noch vergräbt. Denn der Name Gottes, den er missionieren würde, ist die Karikatur, die antijüdische Propaganda dem Alten Testament unterstellt: Gott sei hart und gnadenlos, fordernd und ungerecht, und die auch hinter dem sogenannt islamischen Terror steht, der dem barmherzigen Allah alle Barmherzigkeit abspricht.
Wir können es drehen und wenden: Mit seinem fatalen Gottesbild hätte der dritte Knecht aus seinem Dilemma nicht heraus gekonnt. Das einzige, was ihm hätte weiterhelfen können, wäre gewesen, seine Isolation zu verlassen und auf seine Mitknechte zu achten, auf das, was sie predigten und taten, um von ihnen die Freiheit zu lernen, zu der Gott uns berufen hat: nämlich nicht zu Sklaven, die er unter einer Knute halten will, sondern zu seinen Bundespartnern, mit denen er sich die Herrschaft des Himmelreiches teilen will. Wo wir das versäumen oder vergessen und damit das Wort Gottes verdrehen und verfinstern, bereiten wir uns selber Heulen und Zähneknirschen.
Denn dem Wortlaut des Gleichnisses zum Trotz ist es nicht Gott, der jemanden dahin verstößt. Vielmehr bleibt die Erzählung hier bei der Wirklichkeit unserer Welt, in der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Die Gemeinde des Matthäusevangeliums, die mit einem baldigen Ende dieser Welt rechnete, ließ das so stehen; wir aber, wenn wir auf Zukunft hin leben wollen, können nicht hinnehmen, dass die Ungleichheit in Europa weiter zunimmt, und genau so wenig, dass Menschen, die bei uns eine menschenwürdige Existenz suchen, die Würde genommen wird. Da werden wir um Gottes Willen widersprechen.
Die Knechte, die im Gleichnis Mehrwert erwirtschaftet haben, werden dafür in die Freude ihres Herrn eingeladen. Wenn die nicht allein jenseitig sein soll, dann kann sie nur im Tun des Willens Gottes bestehen, und wird nicht an dem vorübergehen, der sich Heulen und Zähneknirschen zugezogen hat. Sondern sie werden ihm den Namen Gottes unverfälscht nahebringen, weniger mit Worten als dadurch, dass sie ihm Lust machen für und ihn mitnehmen auf den Weg der Phantasie für eine bessere Welt, den Weg, den Gott mit uns und Jesus Christus uns voran geht. Und für den er uns in seinem Mahl seiner Gemeinschaft versichern und stärken will. Amen.

Orgelspiel

Es folgte die Feier des Abendmahls mit Lied 221, 1 – 3 (ganz): Das soll ihr Jesu Jünger…

(Gebet im Wechsel zwischen Lektorin und Pfarrer): Herr, Herr, wir danken Dir für die Gemeinschaft, in die Dein Mahl uns hinein nimmt, die Gemeinschaft aller, die Deinen Namen kennen und preisen, die Dich als barmherzig und treu bezeugen, die mit Dir und auf Dich hin ihr eigenes Leben gestalten und anderen Lebensraum schaffen und bewahren.
Wir preisen Dich für die Freiheit, die Du uns mit Deinem Wort schenkst, die Befreiung von allen strafenden und über Gebühr fordernden Gottheiten und ähnlichen Gewalten. Wir danken Dir für die Freiheit im Umgang mit Deinem Wort, die Befreiung von aller einengenden Dogmatik und falschem Moralismus. Wir danken Dir für die Freiheit, in der wir unsere eigene Phantasie in den Dienst Deines kommenden Reiches stellen können.
Hilf uns, diese Freiheiten zu bewahren und zu gebrauchen. Und lass daraus Früchte wachsen, die von Deinem Kommen zeugen. Wir leben in einer Welt, die von Dir oft verlassen scheint und die meint, Dich nicht nötig zu haben. Lass dennoch die Erfahrungen mit Dir wachsen, als Erfahrung des Friedens, wo heute Krieg und Streit herrschen; als Erfahrung der Sicherheit, wo alle Sicherungen ins Wanken geraten sind; als Erfahrung von Gerechtigkeit, wo Ungerechtigkeit die Menschen bedrückt; als Erfahrung von Hilfe, wo sie alleine nicht herausfinden aus der Not.
Besonders denken wir vor Dir an die Menschen, die in Griechenland in Not geraten, weil es ihnen an Nötigem fehlt. Lass sie im Land und lass ihr Land in Europa Solidarität erleben. Wir denken vor Dir an Menschen im Irak, in Syrien, in Nigeria und anderswo, die verfolgt und bedrückt werden, weil sie sich nicht den Zwängen beugen, die ihnen unter Missbrauch Deines Namens auferlegt werden. Befreie sie von ihren Unterdrückern. Wir denken vor Dir an alle, die aus Zwang oder Not ihre Heimat verlassen müssen und auch bei uns Zuflucht suchen. Lass sie Sicherheit und Zukunft finden.
Wir denken vor Dir an die Menschen in unserem Land, unserer Stadt, unserer Gemeinde, die einsam und traurig sind, an unsere Kranken und alle, denen es an Lebensmut fehlt. Stärke in uns und in allen Menschen die Hoffnung und die Zuversicht, dass diese Welt doch Deine ist und Du das Werk Deiner Hände nicht preisgibst, sondern zur Erfüllung führst und Deinen Namen verherrlichst.
Dem sei Ruhm und Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen
(Das UnserVater war Teil der Abendmahlsliturgie)

Lied 222, 1 – 3 (ganz): Im Frieden Dein…