zu Matthäus 28, 16-20, 12.04.2015

Predigt im Gottesdienst am 12. April 2015
in der Französischen Friedrichstadtkirche zu Berlin von T.Hachfeld

Lieder vor der Predigt waren (EG für die Ref. Kirche): 502, 1-5 (ganz): Nun preiset alle…, Psalm 25, 1-3: Meine Seele steigt auf Erden… und Psalm 47, 1-3 (ganz): Singt mit froher Stimm’…

Weitere Texte waren 1. Petrus 1,3., die Zehn Worte der Weisung und ihre Summe,Verse aus aus Psalm 116 (gemeinsames Lesen nach EG 748), Psalm 48, 11.12., Micha 4, 1-5. (Zürcher Bibel) und These 6 der Barmer Theologischen Erklärung.

Predigttext: Matthäus 28, 16-20. (Eigene Übersetzung):
Die elf Jünger aber machten sich auf den Weg nach Galiläa, auf den Berg, wohin Jesus sie bestellt hatte.
Und als sie ihn sahen, warfen sie sich nieder; sie waren sich aber unsicher.
Und Jesus wandte sich ihnen zu, redete sie an und sprach: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden.
Wenn ihr nun hingeht, unterrichtet alle Völker, indem ihr sie tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, und sie alles halten lehrt, was ich euch geboten habe.
Und siehe: Ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Zeit.

Liebe Gemeinde,
vor einer Woche haben wir Ostern gefeiert, und heute stellt sich die Frage: wie geht es nun weiter?
Was steht nach Ostern an? Schließlich ist Ostern, anders als Weihnachten, ein Fest, bei dem man nicht verweilen kann. Weihnachten singen wir: „Ich steh an deiner Krippe hier…“, und setzen das im 4. Vers fort: „Und weil ich nun nicht weiter kann, bleib ich anbetend stehen…“.
Aber an Ostern hören wir die Weißgekleideten im oder am Grab Jesu zu seinen Jüngerinnen, die gekommen waren den Leichnam zu salben, sagen: Er ist nicht hier – er ist euch vorausgegangen nach Galiläa.
So jedenfalls steht es bei Matthäus und ähnlich bei Markus, wo die Frauen allerdings aus Angst die Botschaft für sich behalten. Trotzdem: Vom leeren Grab aus werden die Jünger und werden wir in Bewegung gebracht, auf den Weg geschickt.
Das ist auch nicht anders bei Lukas und Johannes, wo allerdings nicht von Galiläa die Rede ist. Bei Lukas verharren die Jünger in Jerusalem, wo ihnen der Auferstandene erscheint, über vierzig Tage, dann erleben sie, wie er in den Himmel aufgehoben wird, und zehn Tage darauf werden sie, immer noch in Jerusalem, mit Heiligem Geist erfüllt und bilden dort die erste Kirche: Die Urgemeinde in Jerusalem, von der exklusiv Lukas berichtet. Aber auch Paulus erwähnt sie mehrfach. Und sie zeigt schon erste Anzeichen eines Machtsystems.
Johannes kennt beides: Die Erscheinungen des Auferstandenen in Jerusalem und dann noch, aus einer anderen Quelle schöpfend, sein Erscheinen bei den Jüngern, die inzwischen resigniert zu ihrem alten Gewerbe als Fischer am Galiläischen Meer zurückgekehrt waren.
Doch bleiben wir bei unserem Predigttext. Ob den Frauen am Grab auch der Berg benannt wurde, wissen wir nicht. Aber es muss ein den Jüngern bekannter Berg gewesen sein. War es der, von dem aus der Teufel einst Jesus den ganzen Erdkreis gezeigt hatte, mit dem Angebot, ihm alles zu eigen zu geben, wenn er ihn anbete? Da hatte Jesus widerstanden. Sein Reich sollte nicht von einer verteufelten Welt sein. War es vielleicht der Berg, auf dem Jesus saß, um zu predigen, und lehrte, dass keins der Gebote Gottes hinfällig sein sollte? Oder war es der Berg, auf den er sich zurückzog, um allein zu beten? Oder der, auf den er drei der Jünger mitnahm, damit sie seine Verklärung und Verbrüderung mit Mose und Elia miterlebten und die Worte hörten: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe, auf ihn sollt ihr hören!“?
Ich meine, es ist, wenn auch nicht der selbe, so doch jeweils der gleiche Berg, keine geografische Größe, sondern der Ort, an dem Gott sich je erfahrbar macht, der im Text aus Micha auch Zion heißt.
Auf diesen Berg nun steigen die elf verbliebenen Jünger; die Jüngerinnen, die ihnen die Botschaft des Auferstandenen weitergegeben hatten, haben sie nicht mitgenommen. Ich meine, dass diese Unterlassung verheerende Folgen für die hier beginnende Kirchengeschichte hatte; die kannte dann später eine ganze Reihe Kirchenväter, aber es mangelt ihr ihr bis heute an Kirchenmüttern, die den Dogmatiken der Väter die mütterliche Hinwendung zum Leben entgegengesetzt hätten, so wie die Jüngerinnen es sogar noch am Leichnam Jesus tun wollten, ihn nämlich anständig begraben.
Vielleicht wären sie auch, anders als die Männer, bei Jesu Erscheinen nicht mehr verunsichert worden. „Einige aber zweifelten“, steht in den meisten Übersetzungen, wobei das „einige“ eine nur dogmatisch begründete Zufügung der Übersetzer ist; nein, ich meine: sie alle zweifelten oder waren verunsichert, und zwar nicht nur in diesem Moment, wo auf einmal der vor ihnen steht, dessen Tod sie vor kurzem erst miterlebt hatten. Es ist der Auferstandene, der bei ihnen bleibt, solange die Zeit währt, mit dem sie nicht klar kommen. Ihre anhaltende Verunsicherung hat sie dann bald dazu getrieben, ihn in Dogmatiken einzusperren, um angeblich sichere Wahrheiten, in Wirklichkeit aber Macht über ihn zu haben.
Der da vor ihnen steht, tut nichts, sie aus der Verunsicherung herauszuholen. Hier hören sie kein „Fürchtet euch nicht!“ wie bei anderen Engel- oder Gotteserscheinungen, sondern knallhart und unvermittelt kommt die Machtfrage: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden.“ Die Macht quasi als Überschrift bestimmt auch das Weitere des Abschnitts. Der Erschienene stellt sich damit als der Menschensohn aus dem apokalyptischen Buch Daniel vor, wo sein Kommen das große Gericht zum Ende der Zeit einläutet. Mit dem doppeldeutigen Begriff „Menschensohn“ hatte Jesus immer wieder gespielt, als er noch mit den Jüngerinnen und Jüngern durchs Land zog; hier verliert er alle Doppeldeutigkeit. Er, dieser auferstandene Jesus, ist der, der am Ende der Weltgeschichte kommt, sie zu richten, nämlich richtig zu machen, sie in Ordnung zu bringen. Er steht dazu bereit. Er hat schon alles unter Kontrolle, aber er lässt der Geschichte noch ihren Lauf, er lässt uns, die wir sie gestalten oder verunstalten, noch Raum dazu. Und zugleich gibt er denen, die ihm vertrauen – egal ob sie ihn mit Namen kennen oder nicht – die Zusicherung eines guten Endes, auch wenn es noch himmlisch verborgen bleibt.
Seinen Jüngern gibt er für die Zeit bis dahin einen Auftrag, einen Auftrag, der sie an alle Völker der Erde verweist, und der heißt: Unterrichtet sie! Mathētéusate! Da die Jünger griechisch Schüler, „mathētai“, heißen, übersetzen hier die meisten: „Macht alle Völker zu Jüngern.“ Es geht aber nicht darum, sie zu etwas anderem zu machen, als sie sind, etwa zu Kirchenmitgliedern, sondern lediglich darum, sie zu unterrichten, sie über wichtige Dinge nicht in Unkenntnis zu lassen. Nur dieses Unterrichten steht hier in der Befehlsform, alles andere sind Partzipien, zu deutsch: Mittelwörter, die mögliche oder notwendige Begleitmittel des Unterrichtens benennen: Hingehen, taufen und lehren, die Gebote zu halten.
Indem man unseren Abschnitt in der Tradition zum „Taufbefehl“ verkürzt hat, wurde mit ihm viel Unheil angerichtet. War die Taufe in der verfolgten Kirche der drei ersten Jahrhunderte noch der Abschluss eines mehrjährigen Unterrichts und verbunden mit einer Selbstverpflichtung der Täuflinge, geriet sie ab 400 in der mit dem Staat verbundenen Kirche zu einem Macht- und Zwangsmittel. Da wurden später tatsächlich ganze Völker mit Gewalt zwangsgetauft, und wer nicht willens war, wurde ungetauft ins Jenseits befördert; und um die Unwilligkeit in den schon christianisierten, besser gesagt: bekirchlichten Völkern einzudämmen, taufte man lieber die, die man gar nicht erst fragen konnte: die Säuglinge, meinend, ihnen damit etwas unbedingt Gutes zu tun, erklärte man doch zugleich, das es ohne kirchliche Taufe keine Seligkeit nach diesem irdischen Leben geben könne.
Da hat die Reformation einiges zurechtgerückt, auch wenn sie – gegen prominente Vertreter ihrer selbst, zuletzt gegen Karl Barth – an der Kindertaufe festgehalten hat. Ich selber taufe, wenn ich darum gebeten werde, gerne kleine Kinder und meine das im Einklang mit diesem sogenannten Taufbefehl zu tun: Denn der ordnet, wenn man ihn genau liest, die Taufe dem Unterricht zu: sie ist kein an oder aus sich selbst wirkendes Zeichen, sondern ein Akt der Verkündigung, der Predigt, ein Stück Unterricht und Seelsorge, wenn so der Gemeinde und den Eltern mitgeteilt wird, was Gott zu diesem Kind sagt: „Das ist mein geliebtes Kind, an ihm habe ich Wohlgefallen“, unabhängig, was es selbst oder ob es überhaupt je an ihn glaubt. Dass das getaufte Kind damit kirchensteuerpflichtig wird, bis es mit frühestens 14 Jahren vor dem Amtsgericht den Austritt erklärt, ist allerdings ein Skandal, ein kirchlicher Machtmissbrauch, staatlich sanktioniert..
Doch bleiben wir bei unserem Predigttext, der ja nicht von der Kindertaufe und auch nicht von einer anderen individuellen Taufe spricht, sondern von Völkern. Ich lese ihn in prophetischer Tradition von der Prophezeiung her, die ich vorher aus Micha gelesen habe. Auch da geht es um die Völker und ums Lehren, dass sie Frieden lernen….
Die Völker unterrichten: Das ist ein sehr hoher Anspruch; vielleicht ein zu hoher. Gar ein von unserer Realität weit abgehobener Anspruch?
Beim Propheten wird geschildert, dass die Völker anscheinend von sich aus kommen um zu lernen. Aber wer oder was bringt sie auf die Idee, dass da etwas sein könnte, das zu lernen sich lohnt, eine Wegweisung zum Frieden, zum Leben?
Was den Frieden verhindert, ist in der Regel der Anspruch und der Gebrauch von Macht. Und wo Macht dazu gebraucht wird, Frieden zu machen, ist die so hergestellte Befriedung nur verdeckter Unfrieden, der immer danach drängt, neu auszubrechen, meist schlimmer als zuvor, wie es sich gerade in letzter Zeit in den Krisenregionen Afrikas und des Nahen und Mittleren Ostens zeigt. Darüber muss ich hier nichts weiter ausführen; wir alle sind dessen Zeugen.
Doch wie soll man, wie sollen wir in unserer Ohnmacht all dem gegenüber die Völker etwas lehren? Hüten wir uns, schon am Anfang zu resignieren. Es ist nicht unsere Aufgabe das Ziel zu erreichen; das dürfen wir dem überlassen, der von sich sagt, dass ihm alle Macht im Himmel und auf Erden gehört. Unsere Aufgabe ist es, uns auf den Weg zu machen, und der beginnt bekanntlich nicht mit dem Ziel, sondern mit ersten Schritten.
Wir können nur lehren, was wir selber können. Und was wir alle könnten, ist, auf Macht zu verzichten. Der Auferstandene sagt, alle Macht sei ihm gegeben, alle Macht im Himmel und auf Erden. Überlassen wir sie getrost ihm und beanspruchen keine mehr für uns. Das ist nicht in erster Linie ein politisches Programm, zu dem wir – mit aller Macht, sagt man da – unsere Politiker drängen sollten, sondern ein persönliches. Es beginnt in der Erziehung unserer Kinder und dem Zusammenleben in Nachbarschaft und Gemeinde, im Straßenverkehr und in den nächsten Beziehungen: Der Verzicht auf eigene Macht. Der Verzicht darauf, andere zu zwingen oder zu drängen, das zu tun, was wir meinen, dass sie tun sollten. Besser ist es, sie zu fragen, was sie tun oder lassen möchten und wie wir ihnen dabei helfen können. In erster Linie.
Es ist darüber hinaus natürlich auch ein politisches und letztlich weltpolitisches Programm für den Umgang politischer Parteien und europäischer Staaten untereinander, zwischen Reich und Arm zuhause und weltweit, zwischen unterschiedlichen Kulturen und Religionen, dass man nicht zuerst fordert, was die anderen zu tun oder zu unterlassen hätten, sondern dass man selber so handelt, dass es allen besser geht. Und damit das Gebot Jesu, die Weisung Gottes befolgt.
Die besagt übrigens nicht, dass man alle Welt auf Jesus oder den Gott Israels verpflichten soll. Das Taufen in unserem Predigttext meint nicht die kirchliche Taufpraxis für alle Völker, sondern die in der Taufe ausgedrückte Anerkenntnis, dass Gottes Liebe allen Menschenkindern gilt und er an ihnen ein Wohlgefallen hat, das wir teilen dürfen. Dazu bedarf es keiner religiösen Gleichmacherei, „denn – wie es beim Propheten heißt – alle Völker gehen, ein jedes, im Namen des eigenen Gottes“, der gar nicht „Gott“ heißen muss, „wir aber, wir gehen im Namen des HERRN, unseres Gottes, für immer und alle Zeit!“
Amen.

Lied 395, 1-3 (ganz): Vertraut den neuen Wegen…

(Gebet:) Herr, vom leeren Grab Jesu Christi her zeigst Du uns Wege in die Zukunft, Wege auf denen Du selber uns entgegen kommst. Mache uns stark, sie zu gehen, stark, auf eigene Stärke zu verzichten und mit den Schwachen Solidarität zu üben, wie wir es von Jesus lernen können. Lass uns friedensfähig werden, mit unseren Kindern und Enkeln, mit unseren Nachbarn und Kollegen, im geschäftlichen wie im Straßenverkehr. Lass uns und alle Menschen in unserem Land erfahren, dass die Begegnung mit solchen, die anders sind als wir, das Leben nicht unsicher, sondern reicher macht. Schütze die Menschen, die bei uns Schutz suchen, vor bösen Angriffen und herabwürdigenden Reden und Handlungen. Schütze die Menschen, die in Afrika, im Nahen Osten und anderswo bedroht werden, weil sie anders glauben, vor ihren Angreifern, und schütze Deinen eigenen Namen, den die dazu missbrauchen. Lass die Menschen in der Ukraine Wege finden, in Frieden mit- oder wenigstens nebeneinander zu leben, und bringe zur Vernunft alle, die meinen, in diesem und in anderen Konflikten mit Waffenlieferungen helfen zu sollen. Sei mit unseren Politikern, dass sie in Europa Wege beschreiten, die zum Ausgleich und zum guten Leben für alle in allen Ländern führen statt den Abstand von Reich und Arm immer weiter zu vergrößern. Lass solchen Willen auch im Umgang der wohlhabenden Volkswirtschaften im Norden mit den verelendenden des Südens stark werden. Herr, wir bitten Dich, sei mit allen Verfolgten und Bedrohten, mit allen, die auf der Flucht sind und mit allen, denen ein würdiges Leben vorenthalten wird. Lass ihnen begründete Hoffnung werden. Sei auch mit allen, die hier bei uns vereinsamen, mit unseren Kranken an Leib und Seele, mit denen, deren Leben zu Ende geht und mit denen, die meinen, niemand brauche sie mehr. Schenke Trost und die Erfahrung, dass sie nicht allein sind. Sei aber auch mit den Starken, dass sie ihre Kraft für Schwache einsetzen, und mit den Fröhlichen, dass ihre Fröhlichkeit ansteckend wirkt.
In der Stille bringen wir unsere persönlichen Anliegen vor Dich.
Lasst uns gemeinsam sprechen: Unser Vater im Himmel…