zu Psalm 113 und zum 3. Gebot, 16. 08. 2015

Predigt zu Psalm 113 und zum dritten Gebot Gottesdienst am 16. August 2015 in der Französischen Kirche Potsdam

Lieder vor der Predigt waren (EG für die Ref. Kirche) 450: Morgenglanz der Ewigkeit, Psalm 113: Singt Halleluja… und 323: Man lobt Dich in der Stille..

Weitere Texte waren 1. Petrus 5, 5., die Zehn Gebote und ihre Summe, Psalm 113 (Zürcher Bibel von 1931), ein Gebet dazu von S. Bukowski und Jakobus 1, 16-27. (Zürcher Bibel von 2007).

Dem Wochenpsalm, auf den die Predigt sich bezieht, stelle ich das dritte Gebot aus Exodus 20 voran, wie ich es übersetze: Du gebrauchst den Namen des Ewigen, deines Gottes, nicht für Falsches, denn der Ewige bewahrt nicht vor den Folgen, wer seinen Namen für Falsches gebraucht.

Psalm 113, wie ich ihn übersetze:
Jauchzt dem Ewigen, jauchzt, Diener des Ewigen, jauchzt dem Namen des Ewigen!
Gesegnet sei der Name des Ewigen von jetzt bis in alle Zeit!
Vom Aufgehen der Sonne bis zu ihre Niedergehen sei gejauchzt dem Name des Ewigen!
Hoch über allen Völkern ist der Ewige, über den Himmeln seine Herrlichkeit.
Wer ist wie der Ewige, unser Gott, der in der Höhe thront,
der in die Tiefe schaut auf die Himmel und auf die Erde;
der den Geringen aus dem Staub aufhebt?
Aus dem Mist erhöht er den Elenden,
ihn wohnen zu lassen mit Edlen, mit Edlen seines Volkes,
wie er die Unfruchtbare im Haus wohnen macht als fröhliche Mutter von Söhnen.
Jauchzt dem Jah!
Hallelu-Jah!

Liebe Gemeinde,
sieben und ein halbes Mal steht hier der Name des Gottes Israels, den er einst aus dem brennenden Dornbusch heraus dem Mose offenbart hat – weil der danach verlangte.
Aus Ehrfurcht vor dem Träger dieses Namens spricht man ihn nicht aus, denn mit dem Aussprechen des Namens bekommt man Gewalt über den Namensträger oder die -trägerin, kann ihn oder sie manipulieren, kann neben vielleicht Richtigem auch viel Falsches über die Person verbreiten.
Deshalb wird, wo der Name J-H-W-H buchstabiert wird, etwas anderes gesprochen, „adonah“ im Hebräischen oder „ha-schem“, „HERR“ oder „der Name“, oft auch, wie in meiner Übersetzung, „der Ewige“.
Siebenmal bleibt der dem Mose offenbarte Name hier hinter seinen vier Konsonanten verborgen – aber am Schluss steht der Name selber, wenn auch nur halb, angedeutet mit der ersten Silbe: Jah, Hallelu-Jah, jauchzt dem Jah-. Wir können wohl kaum ermessen, was es für einen gottesfürchtigen Juden bedeutet, sich Gott so annähern zu dürfen, dass man seinen heiligen Namen im Hallelu-Jah – zwar nicht aus-, aber doch anspricht, auf Du und Du mit Gott.
„Jauchzt!“, „Hallelu!“ steht da, dreimal ganz am Anfang und wieder am Schluss; Hallales ist wohl ein Laut malender Ausdruck, der sich nicht adäquat ins Deutsche übertragen lässt. Für bessere Vorschläge wäre ich dankbar, bleibe jetzt aber bei dem des Wörterbuches mit Jauchzen, oder auch Juchzen: Lautäußerungen, die nicht vom Intellekt gesteuert werden, sondern sich aus der Brust, aus dem Herzen lösen, oder aus dem Bauch heraus kommen, wie man heute sagt.
Das „Loben“ oder „Preisen“ der meisten Übersetzungen tut der Emotion des hebräischen „Hallal“ nicht Genüge.
Was macht den Psalmsänger oder die -sängerin Jauchzen, was soll die, die er oder sie einlädt mit zu jauchzen, dazu bringen, ihren Gefühlen so freien Lauf zu lassen?
Es muss mit dem Namen zu tun haben, dreimal wird er hier als solcher aufgerufen, bejauchzt und gesegnet und am Schluss als Jah teilweise ausgesprochen.
Auch wenn er nicht selber laut genannt wird, ist der Name in Israel doch sehr bekannt. Bekannt gemacht hat ihn Mose, erst so, wie er ihn aus dem brennenden Dornbusch vernommen hatte, verschlüsselt, obwohl in Buchstaben aufschreibbar, doch nicht festzuschreiben, nicht zu fassen. Was Mose aus dem Busch hörte, klingt wie „ich bin der ich bin“, was eher eine Distanz als eine Nähe ausdrückt, keine Zusage macht, sondern ein Abwarten fordert. Und so war es dann ja auch: erst nahm die Unterdrückung der Israeliten in Ägypten noch zu, bis dann Zeichen und Wunder geschahen, die im Auszug aus dem Sklavenstatus, aus Ägypten gipfelten.
Die Distanz, die der J-H-W-H buchstabierte Name ausdrückt, wird überwunden durch das Erleben dessen, was Gott den Seinen tut. So ist er in seinem Namen beides: Der unendlich Ferne, Unberechenbare, zeitlos Ewige, und zugleich der Nahe, Fürsorgliche, in der Zeit Tröstende: der Ewige, unser Gott, der in der Höhe thront, der zugleich in die Tiefe schaut auf die Himmel und auf die Erde .
Mose, als er zum zweiten Mal auf den Sinai stieg, um die erneuerten Gesetzestafeln zu empfangen – die ersten hatte er im Zorn zerschmettert, als das Volk Israel Gott als goldenen Stier anbetete – bei diesen zweiten Mal bat er Gott, ihn seine Herrlichkeit sehen zu lassen. Er bekam sie nicht zu sehen, sondern musste sich mit dem Nachsehen begnügen, als Gott an ihm vorüber zog, aber er bekam stattdessen Gottes Namen neu mitgeteilt, jetzt das Gegenteil von Distanz: „Ich bin gnädig, wem ich immer gnädig bin, und ich erbarme mich, wessen ich mich immer erbarme“. So nahm Gott das ihm abtrünnige Israel wieder an, so nimmt er es weiter an, so bleibt er treu auch den Untreuen.
Vor allem aber bleibt er solidarisch den Armen, „Der Ewige behütet die Fremdlinge, Waisen und Witwen hilft er auf.“ – so heißt es im 146. Psalm, so klingt es durch die Prophetie Israels, so besingt es auch unser Psalm, wenn er sagt, dass Gott den Geringen und den Elenden den Edlen, den Fürsten seines Volkes gleichstellt und die nicht Gebärfähige der Mutter von Söhnen gleich macht. Hier bleibt der Psalm der patriarchalischen Ordnung seiner Entstehungszeit verhaftet, die den Wert einer Frau an männlichen Nachkommen misst, zugleich bricht er diese Ordnung aber auf, indem er eine quasi klassenlose Gesellschaft verkündet, die nur Edle und keine Geringen und Elenden und keine wegen Kinderlosigkeit diskreditierten Frauen kennt.
Dafür jauchzt der Psalm Gott zu, dafür jauchzt er seinem Namen, denn der Name Gottes ist hier Programm, im Namen Gottes, verborgen hinter seinen Konsonanten J-H-W-H, ist seine ganze heilsame Zuwendung enthalten.
Die christliche Wissenschaft, die sich mit der hebräischen Bibel, dem Alten Testament, befasst, unterscheidet verschiedene Schichten von Autoren der Bibel, dabei besonders einen Jahwisten, der Gott mit den Konsonanten J-H-W-H benennt, von einem Elohisten, der den Gattungsbegriff von Gott, „el“, an Stelle der vier Konsonanten setzt, meist im Plural: Elohe oder Elohim.
Die jüdische Tradition erkennt etwas anderes: nämlich nicht unterschiedliche Autoren – für die interessiert sie sich kaum – sondern unterschiedliche Inhalte: Im Elohim begegnet ein ferner, neutraler Gott, im J-H-W-H ein Gott der persönlichen Zuwendung. Ein Beispiel dafür ist der Bericht von der Schöpfung: Der über allem schwebend das Geschaffene in sechs Tagen ordnet und ins Leben ruft heißt da Elohim, der dann aber präziser als der geschildert wird, der den Menschen aus Ackerboden formt und ihm Leben einbläst, ihm auf die selbe Weise die Zweigeschlechtlichkeit als Mann und Frau schenkt, ihm seinen Garten als Lebensraum überlässt, dieser Nahe, Persönliche, ist der Ewige, der J-H-W-H geschrieben wird. Der Name beinhaltet die gnädige, liebevolle Zuwendung.
Der Name kann aber auch für den stehen, der sich scheinbar abwendet und die, die sich die Seinen wähnen, los- und einem bösen Schicksal überlässt. Ist er dann der strafende, nachtragende Gott, den die antijüdische Tradition dem Alten Testament zu unterstellen nicht müde wird?
Dem Psalm als Predigttext vorangestellt habe ich das dritte Gebot, vielleicht in einer Ihnen ungewohnten Form: Gewöhnlich hören wir, dass Gott die, die seinen Namen missbrauchen, „nicht ungestraft“ lässt. Hinter dieser etwas eigenartigen Formulierung mit doppelter Verneinung – „nicht“ und „un-“ – steht im Hebräischen das Wort „naqah“, das zwar von Schuld spricht, nicht aber von einer Strafe, die jemand verhängt, sondern von Folgen, die sich aus der Verschuldung selbst ergeben. Deshalb meine Übersetzung: „Du gebrauchst den Namen des Ewigen, deines Gottes, nicht für Falsches, denn der Ewige bewahrt nicht vor den Folgen, wer seinen Namen für Falsches gebraucht.“
Um das deutlich zu machen, müssen wir gar nicht die Kalifatbewegungen in Syrien, im Irak oder in Nigeria betrachten, IS, Alkaida, Boko Haram, wo unter Missbrauch seines Namens dem barmherzigen Allah alle Barmherzigkeit abgesprochen wird: Wer ihn so propagiert, hat auch selbst einen strafenden, rachsüchtigen Gott, von dem keine Gnade zu erwarten ist.
Das Gleiche gilt aber auch, wo unter uns ein moralsaurer Gott gepredigt wird, der aller Lebenslust feind ist, oder ein Gott, der blinden Glauben an Dogmen oder Doktrinen und damit geistige Verrenkungen verlangt, oder ein Gott, in dessen Namen die je bestehende Ordnung heilig gesprochen wird, damit Geringe und Elende ja nicht auf die Idee kommen, die Privilegien der Edlen und Fürsten zu beanspruchen, oder Frauen, zu fordern, nicht nur in Gesetzestexten, sondern auch in Familie oder am Arbeitsplatz gleichberechtigt zu sein: Wer Gottes Namen für solchen Stillstand beansprucht, bekommt einen engherzigen, einschränkenden, patriarchalischen Gott, von dem sich abzuwenden dann als Befreiung erlebt wird, die einem auch noch die Kirchensteuer spart.
Wir aber sind eingeladen, Gott und seinem Namen zu jauchzen! Und das heißt, ihn so zu erleben, dass er frei macht, frei von allen Zwängen, frei von Not, frei von Schuld und Schuldgefühlen, frei, Leben lebenswert zu gestalten, das eigene und dazu auch das Leben der anderen, denn jeder Gemeinschaft geht es insgesamt nur so gut wie ihrem schwächsten Glied.
Deshalb sieht der Psalm, der Gottes Namen jauchzt, den Geringen und den Elenden erhoben auf die Stufe der Edlen, der Fürsten in Israel, und die Kinderlose auf die der Herrin des Hauses.
Und was so in einem Gemeinwesen, in einem Staat gilt, gilt ebenso in einer Gemeinschaft von Staaten: Europa ist im Ganzen nicht besser dran als Griechenland, der Norden nicht besser als der Süden, die Bundesrepublik nicht besser als der Balkan. Damit predige ich keine Gleichmacherei oder Gleichschaltung, sondern die Freiheit aller, nach ihrer Art in Sicherheit zu leben. Denn eigene Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden und anders Fühlenden. Und in die Freiheit beruft Gott sein Volk, beruft Gott die Völker, beruft er seine ganze Schöpfung.
Darum jauchzt seinem Namen!
Hallelu-Jah!
Amen.

– Lied 331, 1.2.10.11.: Großer Gott, wir loben Dich..

Gebet: Ewiger, wir wissen uns vereint mit allen, die Deinen Namen kennen und preisen, die Dich als barmherzig und treu bezeugen, die mit Dir und auf Dich hin ihr eigenes Leben gestalten und anderen Lebensraum schaffen und bewahren.
Wir preisen Dich für die Freiheit, die Du uns mit Deinem Wort schenkst, die Befreiung von allen strafenden und über Gebühr fordernden Gottheiten und ähnlichen Gewalten. Wir danken Dir für die Freiheit im Umgang mit Deinem Wort, die Befreiung von aller einengenden Dogmatik und falschem Moralismus. Wir danken Dir für die Freiheit, in der wir unsere eigene Phantasie in den Dienst Deines kommenden Reiches stellen können.
Hilf uns, diese Freiheiten zu bewahren und zu gebrauchen. Und lass daraus Früchte wachsen, die von Deinem Kommen zeugen. Wir leben in einer Welt, die von Dir oft verlassen scheint und die meint, Dich nicht nötig zu haben. Lass dennoch die Erfahrungen mit Dir wachsen, als Erfahrung des Friedens, wo heute Krieg und Streit herrschen; als Erfahrung der Sicherheit, wo alle Sicherungen ins Wanken geraten sind; als Erfahrung von Gerechtigkeit, wo Ungerechtigkeit die Menschen bedrückt; als Erfahrung von Hilfe, wo sie alleine nicht herausfinden aus der Not.
Besonders denken wir vor Dir an die Menschen, die in Griechenland in Not geraten, weil es ihnen an Nötigem fehlt. Lass sie im Land und lass ihr Land in Europa Solidarität erleben. Wir denken vor Dir an Menschen im Irak, in Syrien, in Nigeria und anderswo, die verfolgt und bedrückt werden, weil sie sich nicht den Zwängen beugen, die ihnen unter Missbrauch Deines Namens auferlegt werden. Befreie sie von ihren Unterdrückern. Wir denken vor Dir an alle, die aus Zwang oder Not ihre Heimat verlassen müssen und auch bei uns Zuflucht suchen. Lass sie Sicherheit und Zukunft finden.
Wir denken vor Dir an die Menschen in der Türkei und in Kurdistan; lass die Verantwortlichen Wege des Friedens statt der Abgrenzung und des gegenseitigen Bekämpfens gehen.
Wir denken vor Dir an die Menschen in unserem Land, unserer Stadt, unserer Gemeinde, die einsam und traurig sind, an unsere Kranken und alle, denen es an Lebensmut fehlt. Stärke in uns und in allen Menschen die Hoffnung und die Zuversicht, dass diese Welt doch Deine ist und Du das Werk Deiner Hände nicht preisgibst, sondern zur Erfüllung führst und Deinen Namen verherrlichst.
Dem sei Ruhm und Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Wir bitten gemeinsam, wie Jesus es gelehrt hat:
Unser Vater im Himmel…