Predigt zu Psalm 84, 26. 03. 2017

… im Gottesdienst am 26. März 2017
in der Reformierten Bethlehemsgemeinde in Berlin-Neukölln von T. Hachfeld

Lieder vor der Predigt; 98: Korn, das in die Erde…, 414: Lass mich, o Herr… und 282, 1-3: Wie lieblich schön, Herr Zebaoth…

Weitere Texte: Johannes 12, 24., gemeinsame Lesung Psalm 1 nach EG 702, Johannes 12, 20-28., Frage und Antwort 26 aus dem Heidelberger Katechismus und das Apostolisches Bekenntnis.

Predigttext: Der 84. Psalm (eigene Übersetzung)
1. (Für den Dirigenten: Nach Hagittit. Den Söhnen Korachs, ein Psalm.)
2. Wie freundlich sind deine Wohnungen, JHWH Zebaoth!
3. Meine Seele sehnt sich und schmachtet gar nach den Höfen JHWHs; mein Herz und mein Leib jubeln zum lebendigen Gott.
4. Auch ein Vogel findet ein Haus und eine Schwalbe ein Nest für sich, wohin sie ihre Brut legt, bei deinen Altären, JHWH Zebaoth, mein König und mein Gott.
5. Selig, die dein Haus bewohnen; immer preisen die dich. (Sela)
6. Selig ein Mensch dem Zuflucht bei Dir ist – gebahnt in ihrem Herzen.
7. Ziehend durch das Bakahtal machen sie es zum Quellort, ja, mit Segen umhüllt der Regen / oder: der Lehrer.
8. Sie schreiten von Kraft zu Kraft, man erscheint vor Gott in Zion.
9. JHWH, Gott Zebaoth, höre mein Gebet, horche, Gott Jakobs. (Sela)
10. Sieh her, unser Schild, schaue, o Gott, das Antlitz deines Messias.
11. Besser ein Tag in deinen Höfen als tausend anderswo; ich will lieber im Haus meines Gottes an der Schwelle stehen als in Zelten des Frevels wohnen.
12. Denn Sonne und Schild ist JHWH, Gott der Gnade und Ehre; JHWH gibt und verweigert Gutes denen nicht, die aufrichtig wandeln.
13. JHWH Zebaoth, selig ein Mensch, der auf dich vertraut.

Liebe Gemeinde,
wenn ich diesen Psalm lese oder höre, werden in mir zwei widersprüchliche Empfindungen wach: Zum einen möchte ich mich vom Sänger dieses Psalms anstecken lassen, mit ihm nach Jerusalem wallfahrten, zur Festgemeinde dazugehören.
Zum anderen weiß ich, dass mich nicht nur über 2.000 Jahre von ihm trennen und der Tempel nicht mehr da ist, sondern auch, dass er Israelit, ein Glied des Volkes Gottes ist – ich aber nicht in der gleichen Weise.
Und so höre ich den Gefühlsüberschwang, kann aber den Weg nicht mitgehen, den der Sänger gegangen ist, stehe nicht mit ihm im Tempelvorhof, sondern betrachte das alles erst einmal von ferne.
Was sehe ich da? Ich sehe jemanden, der mit vielen anderen auf Pilgerfahrt ist, hin zum Tempel von Jerusalem, wo er in großer Gemeinde das Laubhüttenfest begeht, das Fest, das die Freude an den Gaben der Natur mit der an der Weisung Gottes vereinigt, wenn die jährlichen Toralesung an diesem Fest abgeschlossen wird. Beides ist Grund zu Lob und Dank.
Der Pilgerer, den wir betrachten, hat sich auf dem ganzen Weg danach gesehnt, ja, geschmachtet, für acht Tage und Nächte Teil der großen Festgemeinde im Tempel zu sein. Jetzt ist es so weit, das Herz jauchzt ihm im Leib und der Mund geht ihm über: Er hat den Ort Gottes in seiner Gemeinde gefunden. Ein Gefühl von Harmonie und Geborgenheit überwältigt ihn – und darin bezieht er auch die Vögel mit ein, die im Tempelbezirk nisten und umherfliegen: Sperlinge und Schwalben, die wie er die Nähe der Altäre Gottes suchen. Und er beneidet sie, dass sie immer dort sein und Gott loben können.
Wie weit können wir uns dem, was wir hier betrachten, innerlich annähern? Vielleicht haben wir ein Bild des Tempels vor Augen, des zweiten, nach der babylonischen Katastrophe neu errichteten; vielleicht können wir uns die Menge und das Gedränge vorstellen, und vielleicht bekommen wir auch die Wechsler und Händler von Opfertieren in den Blick, die dann drei oder vier Jahrhunderte später Jesus aus Nazareth von hier zu vertreiben versucht…
Und wir wissen noch mehr, nämlich, dass dieser Tempel nicht nur als der Ort galt, wo Gott seinen Namen wohnen lassen will inmitten seines Volkes, sondern dass er zugleich ein – anfangs umstrittenes – Staatsheiligtum war, Symbol für die Verbindung von Thron und Altar.
Die war aber untergegangen im Ansturm der Babylonier, die das Königtum beendeten und den Tempel zerstörten. Der Tempel, zu dem unser Sänger wallfahrtet, ist ein „remake“ wie das Berliner Schloss, in ihm ist keine Bundeslade mit Moses Gesetzestafeln mehr, und auch die Freiheit, die er einst repräsentierte, in die Gott sein Volk aus Ägypten geführt hatte, war in der babylonischen Verbannung verloren gegangen und nie wieder voll errungen worden.
Aber die Lade und der dort wohnende Gottesname, ja, der ganze Tempel und sein Kult: Waren das nicht sowieso nur Symbole für etwas anderes, Tieferes, das der 145. Psalm so ausdrückt: „Der Herr ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn mit Ernst anrufen.“?
Das wusste auch unserer Pilgerer. Hätte er mit diesem Wissen nicht eben so gut zuhause bleiben und Gott dort anrufen können?
Dennoch hat er sich auf die beschwerliche Reise gemacht. Über das theoretische Wissen und seine individuelle Frömmigkeit hinaus braucht er auch dieses: den Weg und die Wanderung, den Ort und die Ankunft, die große Gemeinde und das Fest, das sie feiert. Er braucht das, um immer wieder neu zu erfahren, dass er zu denen gehört, für die Gott ihr Gott sein und sie zu seinem Volk annehmen will, dass alles Trennende zwischen beiden aufgehoben ist. Das ist es, was er eigentlich besingt und bejubelt.
Das Wissen: „Gott ist für uns da, wir leben – allen anderen Erfahrungen zum Trotz – in seinem Schutzbereich“, macht aus dieser Wallfahrt etwas anderes als eine Touristenreise. Sie wird zu einer Quelle, aus der die Kraft Gottes sprudelt. Das wird auch schon auf dem Weg deutlich: Das von der Sommerdürre ausgetrocknete Bakahtal wird zu Quellort, der Regen segnet es, so liest es sich – vielleicht.
Das Wort, das hier meist mit „Regen“ übersetzt wird, hat nämlich noch eine andere, sogar besser belegte Bedeutung: „Lehrer“. Vielleicht hängen beide Bedeutungen auch voneinander ab: ein guter Lehrer lässt, was in seinen Schülern angelegt ist, wachsen wie der Regen das Getreide, dass es schließlich Frucht trägt. Die Wallfahrt nach Jerusalem ist kein Schweigemarsch; man redet miteinander über das, wohin man wallfahrtet und warum; am Rastplatz hört man auf die mitwandernden Lehrer – und alle können einander zum Lehrer werden, wenn sie ihre Erinnerungen und weiterführenden Gedanken austauschen und zusammen weiter entwickeln. Es ist ein Wachsen im Glauben auf ein großes Ziel hin. So schreiten sie von Kraft zu Kraft
Wie weit können wir uns als Christen des 21. Jahrhunderts in diesem Psalm und in den Gefühlen seines Sängern wiederfinden? Aus der Geschichte haben wir sehr begründete Vorbehalte vor Großveranstaltungen mit Gefühlsausbrüchen, wie auch dieses Tempelfest eine zu sein scheint.
Und wie es auch das Passafest zu Jesu Zeiten gewesen sein muss. Von Festpilgerern dort haben wir in der Lesung aus dem Johannesevangelium gehört, von solchen, die sogar den weiten Weg von Griechenland gekommen waren. Auch sie wollten ihre Zugehörigkeit zum Gott Israels und seine Nähe handfester erleben, als das in Griechenland möglich war, um sich ihrer noch mehr zu versichern.
Aber dann hören sie etwas von einem besonderen Propheten, wenn nicht mehr als ein Prophet, und von Wundertaten bis hin zu einer Totenauferweckung. Sollte das der erwartete Messias sein? Und da einer aus seiner nächsten Umgebung griechisch spricht, machen sie sich an den heran und sagen: „Wir möchten Jesus sehen.“
Aber Jesus weicht aus. Er spricht von seiner bevorstehenden Verherrlichung am Kreuz; er redet vom Sterben des Weizenkorns, damit es Frucht bringen kann, und vom Hass gegen das Leben in dieser Welt, um es über sie hinaus zu bewahren. Und vor allem spricht er von Dienst und Nachfolge, er, der auf dem Weg ans Kreuz ist.
Kann es einen größeren Gegensatz geben? Da, im Psalm, die überschäumende Festfreude – und hier die lebensgefährliche Nachfolge ? Da die Fülle des Lebens – hier der Weg in den Tod?
Aber fragen wir erst einmal nach den Gemeinsamkeiten: Wer zum Tempel nach Jerusalem wallfahrtet, nimmt eine mühsame und auch teure Reise auf sich und steigt aus seinen täglichen Lebensbezügen aus. Für die Zeit der Pilgerreise lebt er unbehaust, oft muss er unter freiem Himmel nächtigen. Das nahmen auch Jesu Jünger auf sich, um ihm nachzufolgen, und spätere Missionare und viele andere um seinetwillen.
Und das Ziel der Pilgerreise ist kein endgültiges. Auch wenn der Sänger anderes ersehnt: Er kann nicht in Jerusalem, schon gar nicht im Tempel bleiben wie die Vögel, die dort nisten; das ist da nicht vorgesehen. Er kehrt also anschließend zurück in sein altes Leben – aber nicht als der Alte, der er vor seiner Reise nach Jerusalem gewesen ist. Seine Jerusalemer Erfahrungen begleiten ihn, die im Tempel verspürte Nähe Gottes nimmt er mit in seinen Alltag. Und er weiß: Besser den einen Tag mit Gott bewusst leben, als ohne ihn alt werden, lieber im Lebensbereich Gottes der Letzte sein, als Anerkennung ernten, wo man Gott missachtet. Seine Wertvorstellungen haben sich geändert. Und das gilt ebenso für diejenigen, die Jesus nachfolgen, ja, das ist der erste Schritt der Nachfolge.
Wenn Jesus davon spricht, dass seine Nachfolger das Leben in dieser Welt hassen sollen, dann empfiehlt er ja keien Selbstmord, sondern macht deutlich, dass in seiner Nachfolge nicht mehr das bestimmend ist, was sonst in dieser Welt zählt: die Absicherungen um fast jeden Preis, vor allem um den der Gemeinschaft mit denen, die uns bräuchten wie wir sie; die Absicherung durch materielle Güter und der Kampf gegen die, die nichts haben.
Das Leben, das darauf fußt, gilt es zu hassen. Und mit dieser Mitteilung ist Jesus gar nicht originell. Das wusste auch schon unser Psalmsänger, wenn er lieber an Gottes Türschwelle stehen will, als es sich im Zelt bequem zu machen, in dem die Maßstäbe der Welt gelten, in dem der Besitz an Dingen höher bewertet wird als der, der alle Dinge aus dem Nichts erschaffen hat.
Wie weltfremd ist solche Haltung? Ruft sie nicht aus allen Strukturen heraus, in denen wir leben? Verlangt Nachfolge Jesu wirklich, dass wir aus der Welt aussteigen?
Der Psalm verweist uns auf das Gegenteil: “Sieh her, unser Schild, schaue, o Gott, das Antlitz Deines Messias!“
Auf wen weist diese Bitte hin? Manche halten sie für einen Hinweis auf den König, den es aber, als der Psalm entstand, schon lange nicht mehr gab. Der Königstitel ist längst auf Gott übertragen worden. Die Erinnerung an den irdischen König David ist aufgegangen in der Hoffnung auf einen Kommenden, Gottes Gesalbten, den Messias.
Mit ihm sollte alles neu und anders, die Schmach Israels als von Heiden abhängiges Gemeinwesen beendet und endlich in der Welt Frieden werden. Die Hoffnung auf den Messias ist eine eminent politische Hoffnung.
Aber wer ist der in diesem Psalm erwähnte Messias, dem Gott ins Angesicht schauen soll? Sprachlich ist er eindeutig die Gemeinschaft derer, die hier beten; er ist das zu Gott wallfahrende Israel: Im Hersehen auf dieses soll Gott das Antlitz seines Messias schauen.
Theologisch ist das etwas schwieriger. Jesus wurde von einigen seiner jüdischen Zeitgenossen für den Messias gehalten und hat dem nicht widersprochen. Obwohl er die Messiashoffnungen nicht erfüllte, sondern am Kreuz starb, hat die Christenheit ihm diesen Titel belassen – als dem Auferstandenen, der dereinst wiederkommen und das Werk vollenden soll. Und in der Zwischenzeit?
In der Zwischenzeit ist es an uns als Jesu Nachfolger, das Werk weiter zu betreiben: Und das heißt nicht aus der Welt aussteigen, sondern sie verändern! Dazu lädt der Psalm ein wie das Wort von der Nachfolge Jesu: Die Welt soll nicht verlassen, nicht im Stich gelassen werden, sondern in ihr soll Gottes Wille verwirklicht werden, im Leben hier und heute soll schon ein Stück Ewigkeit und damit Nähe Gottes Realität werden! Der Psalmsänger erlebt das in der Gemeinde des Tempels, die so das Werk des Messias tut, und trägt es mit sich nachhause; die Nachfolger Jesu erleben das in der Gemeinde Jesu und tragen es in die Welt.
Das kann in schwierige und sogar tödliche Situationen führen, wie wir am Kreuz Jesu sehen: in den Widerspruch zum in der Welt herrschenden Willen. Aber diesen Widerspruch gilt es auszuhalten und letztlich zu überwinden!
Und das können wir auch, „Denn Sonne und Schild ist der Ewige, Gott der Gnade und Ehre; der Ewige gibt und verweigert Gutes denen nicht, die aufrichtig wandeln.
Du Ewiger Zebaoth, selig ein Mensch, der auf dich vertraut.“ Amen.

Lied 282, 4 – 6: Wir wandern…

Gebet nach der Abendmahlsfeier:
Ewiger, gepriesen und gesegnet bist Du, denn in Deinen Lebensbereich und in die Nachfolge Deines und Israels Sohnes sind wir berufen – ach, dass wir auch gingen! Aber da ist so vieles, von dem wir uns festhalten und von Dir abhalten lassen, so vieles, was uns Sicherheit und Glück verheißt und doch nur vorübergehend ist. Lass uns nicht länger an Dir vorbeigehen und an der Sicherheit und dem Glück, die von Dir Deiner ganzen Schöpfung bestimmt sind. Herr, vergib uns und bringe uns zurecht. Bringe uns als Einzelne zurecht und als Gemeinschaft, als deine Kirche in der Welt, die ihr in Wort und Tat Deinen heilsamen Willen kundtut. Wir bitten Dich für alle Mühseligen und Beladenen, für unsere Kranken und Trauernden; lass sie Deinen Trost erfahren. Sei nahe allen Sterbenden. Gib Hoffnung allen Hoffnungslosen. Bringe zurecht, die auf allerlei Abwege geraten sind und sich an Götzen gehängt haben, die Geschaffenes anbeten an Deines, des Schöpfers statt. Schenke den Regierenden und Mächtigen in allen Ländern Vernunft und Einsicht. Lass Frieden werden auf Erden, gerechten Frieden, der allen den Anteil an Deiner Schöpfung gibt, den sie zu einem würdigen Leben brauchen. Hilf uns, dafür zu arbeiten, und hilf uns allen, Deine Schöpfung so zu bewahren, dass sie auch noch den nachfolgenden Generationen Dein Lob verkündigen kann. Wir bitten Dich für Dein Volk Israel, dass es in Frieden Dir leben und dass von Jerusalem Frieden für die Welt ausgehen kann.
(Das UnserVater war Teil der Abendmahlsliturgie)

Lied 300, 1-3 (ganz): Lobt Gott, den Herrn der Herrlichkeit…