Predigt zu Römer 3, 21 – 26, 30. 10. 2016, Tag vor dem Reformationsfest

in der Böhmisch-reformierten Bethlehemsgemeinde in Berlin Neukölln

Lieder vor der Predigt: 452, Er weckt mich alle Morgen…,634: Mein ganzes Herz erhebet Dich… (Psalm 138) und Psalm 25, 1. 2. 4. : Meine Seele steigt auf Erde…

Weitere Texte waren 1. Korinther 3, 11., Psalm 100 nach EG 742, Micha 4, 1 – 5., Frage und Antwort 4 des Heidelberger Katechismus und das Apostolische Bekenntnis.

Liebe Gemeinde, der dem Reformationsfest zugeordnete Predigttext im Römerbrief des Paulus, Kapitel 3, Verse 21 bis 26, zielt ins theologische Zentrum der Reformation, besonders, aber nicht nur, bei Martin Luther. Sein Thema heißt „Rechtfertigung“ ein heute sehr missverständlicher Begriff; besser wäre zu sagen „in-Ordnung-Bringung“ oder „für gerecht-Erklärung“.

Luthers und noch mehr Zwinglis Nachfolger im Geschäft der Bibelübersetzung haben wie alle anderen mit diesem Abschnitt Probleme, denn er ist wegen der verknappten Sprache schwer zu verdeutschen. Alle Bibelübersetzer weichen deshalb vom Wortlaut mehr oder weniger ab, wobei sie dem Apostel Paulus gerne ihre eigene theologische Diktion zuschreiben. Ich nehme mir die selbe Freiheit und versuche, mit heutiger Sprache dem Original doch inhaltlich treu zu bleiben.

Bei mir heißt der Abschnitt Römer 3, 21 – 26:

Gesetz beiseite: Die Gerechtigkeit Gottes, wie sie schon in Tora und Propheten erklärt wird, wird jetzt im Glauben an Christus allen Glaubenden offenbar. Eins trifft für alle zu: Alle sind in die weltliche Existenz und Unvollkommenheit eingebunden und stehen nicht im Glanz Gottes. Dennoch gelten alle vor Gott aus freiem Erbarmen schon als vollkommen und haben Teil an der Gotteskindschaft Jesu Christi. An ihm demonstriert Gott seine Versöhnung mit uns, im Glauben an seinen blutigen Tod, in dem er in seiner Gerechtigkeit alle bisherige Verfehlung als getilgt erklärt. Gottes Geduld ist es, dass er seine Gerechtigkeit schon in dieser Zeit zeigt, dass er nämlich selber gerecht ist und die für gerecht erklärt, die an Jesus glauben.“

Liebe Gemeinde, zwei Begriffe beherrschen diesen Text: „Gerechtigkeit Gottes“, mit dem Adjektiv „gerecht“, und „Glauben“.

Um zu verstehen, worum es dem Paulus in diesem Text geht, müssen wir uns klar machen, was er unter „Gerechtigkeit“ denn versteht. Das ist für ihn kein losgelöster Begriff, der eine gerechte Verteilung oder gerechte Beurteilung nennt, sondern eine Eigenschaft Gottes, die, wie Gott selber, nicht statisch in sich ruht, sondern aktiv wirkt und vieles bewirkt. In dieser Eigenschaft setzt Gott Recht, d. h. er nennt seiner Schöpfung Weg und Ziel, und er setzt Recht durch: Er bringt seine Schöpfung endlich zum Ziel. Dabei geht es um ganz Praktisches: Eine intakte Welt. Für uns klingt das theoretisch und weltfremd, denn es geht weit über unseren Erfahrungshorizont hinaus. Wir erleben ja, dass es nicht einmal gelingt, unsere Luft rein zu erhalten oder die Altersrenten zu sichern – wie sollen wir da in den Blick bekommen, dass Gott von seiner ganzen Schöpfung sagt: „Es ist sehr gut.“? Und doch, wenn wir nicht daran glaubten, nicht darauf hofften, dass es eine gute Zukunft geben kann, könnten wir nicht den kleinsten Schritt auf sie zu gehen.

Dass wir es trotzdem können, liegt daran, dass Gott in seine Nachfolge beruft: Sein Volk Israel durch die Tora und die Propheten, und uns durch Jesus Christus noch dazu. Andere aber, in anderen oder ohne Glaubenstraditionen, noch ganz anders.

So gibt er uns Menschen Anteil an seiner eigenen Gerechtigkeit, schenkt uns die Fähigkeit, uns in unserem beschränkten Rahmen ebenfalls für das Recht und für das Leben einzusetzen; wobei der Rahmen oft weniger beschränkt ist, als wir uns einreden – aus Angst vor zu großen Schritten. Woher diese Angst? Aus Erfahrung. Wir erfahren es ja von Klein auf, dass wir irgendwelchen Ansprüchen nicht genügen, als kleine Kinder nicht „lieb“ sind, aus der Schule nicht die besten Noten heimbringen, immer wieder Fehler machen, unter Gleichaltrigen um Anerkennung buhlen müssen, oft vergeblich, und das setzt sich im Beruf und manchmal auch in der Familie fort – wir „sind in die weltliche Existenz und Unvollkommenheit eingebunden“, so habe ich übersetzt, wo Paulus das Wort „hamartánein“ gebraucht, das zunächst das Verfehlen eines Ziels bedeutet und oft missverständlich mit „sündigen“ übersetzt wird. „…und stehen nicht im Glanz Gottes“, heißt es dann weiter: In der Tat, vom Glanz – im griechischen: von der doxa – Gottes trennt uns ganz praktisch unsere weltliche Existenz wie ich sie gerade skizziert habe.

Dagegen setzt Paulus nun sein großes, geradezu reformatorisches „Dennoch!“, das da nicht wörtlich steht, aber inhaltlich: Ohne unser Zutun erklärt Gott uns alle als gerecht, als vor ihm ohne Fehl, also – bei allem weltlichen Verstricktsein – jetzt schon vollkommen, wie auch Jesus in der Bergpredigt uns zusagt: „Ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“

Dabei handelt es sich um keine substanzielle Veränderung. Wir bleiben, die wir sind, Fleisch und Blut und eingebunden in unser Umfeld, und sind keineswegs schon göttlich. Sondern es handelt sich um die Beziehung Gottes zu uns und unsere zu ihm, in die er uns beruft. In Jesus Christus erfahren wir die als eine Kindschaftsbeziehung, uns als Geschwister des Gottessohnes, der in der Welt ist und ihren Bedingungen unterworfen bis in den Tod.

In diesem Mit-uns-Sein Gottes bis ins Extrem des gewaltsamen Todes wird unsere Trennung von ihm aufgehoben – werden unsere Sünden vergeben, wie es traditionell ausgedrückt wird. Gott macht uns frei für sich – und für das, was zu tun in unserer armen Welt nötig ist: Auch andere anzunehmen, wie Gott uns annimmt, ohne Voraussetzung von Rasse, Kultur und Religion.

Nun aber zum anderen zentralen Begriff des Textes: Glauben. Der wird dreimal genannt: Im Glauben an Christus wird den Glaubenden Gottes Gerechtigkeit offenbar; im Glauben an Jesu Tod wird alle bisherige Verfehlung als getilgt erklärt; und Gott erklärt gerecht, die an Jesus glauben. Diese drei Aussagen sprechen eindeutig von Erkenntnis, Erkenntnis von Gottes rechtlichem Handeln: Seine Gerechtigkeit an sich wird im Glauben erfahren und die Tilgung der Verfehlungen. Und auch die für-gerecht-Erklärung derer, die an Jesus glauben, ist etwas, das die so Glaubenden erkennen und nicht etwa bewirken.

Was aber ist mit Gottes Gerechtigkeit, wenn wir nicht glauben?

Im folgenden Kapitel ist die Rede von der für-gerecht-Erklärung auch des Gottlosen – asebês – der nicht nur nicht glaubt, sondern sogar gegen Gott frevelt. Für ihn wird die für-gerecht-Erklärung zum Gericht, das zum Wohl der Schöpfung seiner Gottlosigkeit einmal ein Ende bereitet – und sei es durch den Tod. Es bleibt aber auch über den Tod hinaus bei seiner voraussetzungslosen für-gerecht-Erklärung, die wie eine zusammenhaltende mathematische Klammer unser ganzes Reden von Gott umfasst. Etwas sagen kann dieses Reden aber nur Glaubenden.

Mit unserem Glauben erwerben wir nicht Gottes Wohlwollen, sondern im Glauben erfahren wir, was auch ohne unseren Glauben gilt: Gottes voraussetzungslose Zuwendung zu seinen Geschöpfen. Wer glaubend sich bemüht, Gott für sich zu gewinnen, macht aus dem Glauben ein Werkzeug und verfällt der Religion, nämlich dem unseligen Geschäft, ein höheres Wesen für sich manipulieren zu wollen. Das ist die Frömmigkeit, die sich nur um sich selbst dreht, die nicht Gott und nicht der Welt, sondern vor allem dem eigenen Geltungs- oder Sicherheitsbedürfnis dient. Das mag in Politik und Wirtschaft funktionieren – und beide kranken ja daran -, aber nicht beim Gott, den uns die Bibel verkündigt.

Indem Gott uns alle, sogar die Gottlosen, für gerecht erklärt, befreit er aus aller Religion. Um dieser Erkenntnis willen haben die Böhmischen Brüder und die Reformatoren in Wittenberg und in Zürich den Bruch mit der mächtigen Papstkirche vollzogen, um dieser Erkenntnis willen flohen im 17. Jahrhundert Hugenotten, deren Nachfahren heute ihr Refugefest feiern, nach Brandenburg, um dieser Erkenntnis willen wanderten Böhmische Exulanten im 18. Jahrhundert in die Fremde, nach Herrnhut, Berlin und Rixdorf. An dieser Erkenntnis sollen wir festhalten – nicht aus Nostalgie für die Vorfahren – oder doch ein bisschen, das ist ja ganz schön und schadet ja nicht – sondern in allererster Linie um der eigenen Freiheit willen.

Befreit von Religion müssen wir uns nicht mehr um die eigene Seligkeit bei Gott und auch nicht um das eigene Renommee bei unseren Zeitgenossen bemühen, sondern werden wir offen für andere und anderes und haben auch die Kraft, als Gottes Mitarbeiter in unserer Welt Gerechtigkeit zu säen. Nicht die kalte Gerechtigkeit von Paragrafen, die zum Beispiel auch „geduldete“ Geflüchtete in Unsicherheit lassen, ob sie wirklich bleiben können, anderen den Nachzug der Familien verweigern und viele in die Hoffnungslosigkeit abschieben, oder die diejenigen, denen es am Nötigen fehlt, mit kleinkarierten Vorschriften entwürdigen oder auf andere Weise Leben eher behindern statt zu fördern, sondern säen dürfen wir die Gerechtigkeit Gottes, andere nennen sie Humanität, die sich nicht scheut, Sünde Sünde zu nennen und anzuklagen, die die Würde jedes Menschen achtet und schützt und auch der weiteren Schöpfung Respekt und Fürsorge entgegenbringt, die dem Frieden im Kleinen wie im Großen dient und die Hoffnung auf die heile, von Vernunft bestimmte Welt nicht aufgibt, von der Michas Vision kündet, die wir eingangs gehört haben. Daran wollen wir festhalten und dazu helfe uns Gott. Amen

Orgelspiel

Lied 221: Das sollt ihr, Jesu Jünger…. Es folgten die Feier des Abendmahls und Lied 222, Im Frieden Dein…

(Gebet:) Herr, Du Ewiger, Himmlischer, der Du über aller Welt und aller Zeit thronst und uns doch so nahe bist, all unsere Sorgen legen wir vor Dich, nicht um sie los zu lassen, sondern damit Du uns hilfst, mit ihnen umzugehen. Wir sehnen uns nach dem Frieden Deiner Gerechtigkeit, für uns selbst und für alle Menschen. Steuere Du die Gewissen und Entscheidungen derer, die für alle Kriege verantwortlich sind, dass sie um der Menschen willen einlenken und alle Waffengewalt beenden. Sei mit deinem Geist des Friedens dort, wo Menschen sich hassen und verachten und aufgestachelt werden zu Terror und Mord. Zerbrich den Kreislauf der Gewalt.

Sei mit deinem Geist der Hoffnung überall, wo Menschen aufgeben wollen und nicht mehr auf Veränderung hoffen. Nimm aller Mutlosigkeit die Macht und mache uns stark, neue Wege zu suchen, die Deiner Gerechtigkeit schon in unserer Zeit Raum schaffen.

Sei mit allen, die vor Gewalt und Hoffnungslosigkeit fliehen; bewahre sie auf ihren Wegen und lass sie am Ziel Aufnahme finden, auch bei uns.

Gib Deiner Weisung Gehör, die den Nächsten und den Fremden uns gleich stellt und unserer Liebe empfiehlt, über alle Unterschiede von Farbe, Herkunft, Glaube und Kultur hinweg zu lebendiger Gemeinschaft.

Wir bitten dich für alle Einsamen, dass sie Annahme und menschliche Gemeinschaft erfahren, für alle Angefochtenen, dass sie klare Entscheidungen treffen können.

Steh unseren Kranken bei; dabei denken wir heute besonders an unsere Pfarrerin Carolin Springer; gib ihr und allen anderen Mut, Kraft und Geduld zur Heilung; ermutige auch alle Angehörigen.

Wir bitten Dich für alle, die einen wichtigen Menschen aus ihrem Leben verloren haben, dass sie den Verlust tragen und neuen Mut entwickeln können.

Hilf den Sterbenden, getrost loszulassen.

Schenke den Traurigen Trost, den Fröhlichen die Fähigkeit, auch andere froh zu machen, lass die Liebe aller Liebenden über sich selbst hinaus wachsen.

Sei mit Deinem Volk Israel, dass es Frieden findet mit allen Nachbarn und mit sich selbst. Sei mit Deiner Kirche, dass sie nicht sich selbst, sondern Deinem Willen dient; mache dein Wort unter uns und durch uns lebendig in unserer Stadt und unserem Land und darüber hinaus, uns Menschen zum Heil, Dir zur Ehre. Amen

(Das UnserVater ist in der Gemeinde Bestandteil der Abendmahlsliturgie)