zu Sprüche 8, 22 – 36, 17. 04. 2016 …

… in der Französischen Friedrichstadtkirche zu Berlin von T. Hachfeld

Lieder vor der Predigt waren (EG für die Ref. Kirche): Psalm 66, 1. 2. 4. 8.: Jauchzt alle Lande…, 196, 1. 2. 5.: Herr, für dein Wort… und 390, 1 – 3.; Erneure mich…

Weitere Texte waren: 2. Korintherbrief 5, 17., die 10 Weisungen und ihre Summe, Psalm 113 nach EG 747 (gemeinsam gesprochen) und das folgende Gebet:

Herr, Deinen Namen zu loben, Dir zur Ehre zu jauchzen, in Jubel auszubrechen Deinetwegen: dazu lädt uns der heutige Sonntag ein. Aber vielleicht sind wir zu nüchtern oder zu erwachsen, schon zu abgebrüht, um das in aller Unbekümmertheit zu tun. Hilf uns von Neuem, zu erfassen, was Du uns bist und uns erfassen zu lassen von Deiner Fürsorge für uns, die so anders ist, als das, was uns täglich begegnet, belastet oder ablenkt. Öffne uns Verstand und Herzen für Deine Wirklichkeit, die allem, was uns herunterziehen will, entgegen ist, und beziehe uns in Dein Wirken in der Welt ein, als Beschenkte und als solche, die Deine Geschenk weitergeben. Amen.“

Weiter Römerbrief 8, 31b, 32., Jakobusbrief 3, 13 – 18. und ein Bekenntnis nach Heidi Rosenstock.

Vorbemerkung zur Predigt und Predigttext: Liebe Gemeinde, die verschiedenen Bücher der Bibel kommen auch beim Predigen unterschiedlich vor. So ist in der Reihe der für jeden Sonntag vorgeschlagenen Predigttexte das Buch der Sprüche nur alle 6 Jahre am Neujahrstag dran. Wir reformierten Prediger sind zwar frei in der Auswahl der Predigttexte, ich muss aber zugeben, dass ich an diesem Ort, wo ich immerhin über 14 Jahre hauptamtlich Prediger war, noch nie über einen Abschnitt aus den Sprüchen gepredigt habe. Die Reformierte Liturgie aber schlägt für heute als Alternativtext einen Abschnitt aus dem Buch vor, nämlich:

Sprüche 8, 22 – 36. (in eigener Übersetzung; wo im hebräischen Text zweimal der nicht auszusprechende Gottesname steht, lese ich „DER NAME“)

Die Weisheit spricht:

22. « DER NAME schuf mich als Anfang seines Weges, vor seinem Tun von einst.

23. Von Ewigkeit bin ich eingesetzt, von Anbeginn, vor Urzeiten der Erde.

24. Als die Meere noch nicht waren, wurde ich hervorgebracht, als die Quellen, reich an Wasser, noch nicht waren.

25. Ehe die Berge vor den Hügeln gegründet wurden, wurde ich hervorgebracht.

26. Er hatte die Erde noch nicht gemacht und die Fluren und die ersten Teile des Festlands.

27. Als er die Himmel baute, da war ich, als er das Rund beschrieb auf der Oberfläche der Urflut.

28. Als er die Wolken von oben befestigte und die Quellen der Urflut stark machte,

29. als er dem Meer seine Grenze setzte und die Wasser nicht über seinen Rand liefen, als er die Grundfesten der Erde beschrieb,

30. da war ich zuverlässig neben ihm und war lauter Wonne Tag für Tag, wie ich vor ihm spielte die ganze Zeit,

31. wie ich spielte auf dem Festland seiner Erde; und meine Wonnen waren Menschenkinder.

32. Und nun, Kinder, hört auf mich, und selig, die meine Wege einhalten.

33. Hört auf Mahnung und seid weise, und lasst nicht nach.

34. Selig der Mensch, der auf mich hört, an meiner Türe zu wachen Tag für Tag und die Pfosten meiner Tore zu hüten!

35. Denn wer mich findet, der findet Leben und erlangt Wohlgefallen von DER NAME.

36. Wer sich gegen mich verfehlt, schädigt sich selber; alle, die mich hassen, lieben den Tod.»

Liebe Gemeinde,

mit einer großartigen Harmonie hat das Lied begonnen und einen weiten Bogen geschlagen, und nun geht es auf einmal um Leben und Tod, um Gottes Wohlgefallen oder Selbstbeschädigung, um Segen oder Fluch, die man auf sich selber zieht.

Es ist nur der letzte Vers dieses Liedes, der plötzlich diese Härte bringt. Hätte ich ihn für die Predigt vielleicht weglassen sollen? Wäre dem Lied dann nicht ein schönerer Rahmen gesteckt worden, wenn es mit dem Gottesnamen beginnt und auch endet? So aber steht der Tod am Ende.

Es ist die Weisheit, die hier spricht. Und zur Weisheit gehört auch, den Tod als Tatsache anzuerkennen und nicht aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Sonst überfällt er einen unbemerkt und man verfällt ihm ungewollt. Denn er ist etwas Wirkliches auch mitten im Leben. Und Weisheit dient dazu, die Wirklichkeit zu erkennen und einzuordnen.

Das ist jedenfalls der ursprüngliche Sinn und Zweck aller antiken Weisheit: Die Wirklichkeit der Welt zu erfassen, sich selber in sie einzuordnen und dabei die richtigen Lebensregeln zu erkennen. „Gehe hin zur Ameise, du Fauler, betrachte ihre Weise, dass du klug werdest. Sie hat keinen Fürsten, keinen Vogt und keinen Gebieter, und doch rüstet sie ihre Speise im Sommer und trägt in der Ernte ihre Nahrung zusammen.“ (6, 6.) – das ist ein solcher Weisheitsspruch, oder dieser: „Besser langmütig sein als ein Kriegsheld, besser sich selbst beherrschen als Städte bezwingen.“ (16, 32.)

Darin unterscheidet sich die hebräische Weisheit noch nicht von der des übrigen alten Orient. Aber sehr bald findet sie einen besonderen Bezugspunkt: Das Vertrauen zu Gott, das im Befolgen seines Willens lebendig wird: „Wer das Wort verachtet, der geht zugrunde, wer aber das Gebot fürchtet, bleibt wohlbehalten.“ (13, 13.)

Das Lied, das uns heute Predigttext ist, geht darüber noch weit hinaus. Es sieht die Weisheit nicht nur als Erkenntnis, die durchs Leben hilft und mit Gott in Einklang hält, sondern personifiziert sie als so etwas wie ein göttliches Urprinzip. Sie ist das erste, was Gott schafft, aber für dieses Schaffen steht ein anderes Wort, als es für die weitere Schöpfung gebraucht wird, qanah statt bara; es ist ehr ein sich Anschaffen, ein Erwerb, den Gott sich zulegt oder sogar aus sich selbst heraus entwickelt, bevor irgendetwas anderes wird.

Diese Weisheit ist weiblich, und damit vielleicht das weibliche Prinzip neben dem sonst meist männlich gedachten Gott, ist die Zuwendung zum Schwachen neben dem starken Herrn. Und ist von Anfang an dabei.

Unser Lied geht noch nicht so weit, wie später der weise Jesus Sirach, der die Weisheit mit der Tora als dem Wort Gottes gleichsetzt und sie als das erkennt, durch das alles erschaffen ist; eine Sicht, die im rabbinischen Judentum lebendig geblieben ist und auch in dem Hymnus anklingt, mit dem das Johannesevangelium beginnt, vom Wort, das im Anfang war und Gott war und durch das alles erschaffen ist.

Hier haben wir noch eine Vorstufe dessen; hier wird der Tora, dem Wort, der Weisheit, noch nicht das volle Gewicht des Schöpferseins beigelegt. Hier begleitet sie die Schöpfung nur, ist ihre und auch des Schöpfers Wonne – und spielt.

Das Moment des Spielerischen und des Spielens ist in der Bibel selten. Außer an dieser Stelle kommt es viermal als Spiel von Kindern vor, davon zweimal als prophetische Vorausschau auf eine erst noch zukünftige Heilszeit, und im 104. Psalm ist von Gott die Rede, der mit dem Urdrachen Leviathan spielt wie unsereiner mit seinem Hund. Dieses Spielen ist eine fröhliche, schöpferische Unbekümmertheit in Sicherheit und wird hier durch die Weisheit in den Prozess der Schöpfung eingebracht.

Das Spielen ist also etwas Göttliches und Teilnahme an der Schöpfung und etwas überaus Weises, eine Weisheit, die unsere Kinder uns ursprünglich voraus haben, bevor Kita, Schule und vorgefertigte Spielsysteme sie ihnen austreiben, und um die wir uns nicht „bemühen“ können – mit Mühe wird nichts draus -, sondern für die wir wieder frei und offen werden müssen: Die Freude und die Hingabe an ein zweckfreies Spielen!

Spiel und Wonne der Weisheit sind zunächst ganz ungebunden und allgemein und haben ihren Ort vor Gott, bringen Witz und Leichtigkeit ins sonst zu ernste Schöpfungswerk. Sie bekommen aber am Schluss der Schöpfung eine besondere Richtung: Ihr Spielplatz wird, wenn es aus dem Urmeer auftaucht, das Festland, und die Wonne der Weisheit sind die Menschen, die es bevölkern.

Aber das ist erst der Zielpunkt. Bevor wir uns ihm zuwenden, wollen wir doch auf den ganzen, von der Weisheit begleiteten Schöpfungsprozess schauen. Er beginnt mit ihr. Und wenn wir Weisheit recht verstehen, dann ist also von Anbeginn der Schöpfung an Vernunft mit im Spiel. Dann ist alles, was geschaffen ist, kein Zufallsprodukt, sondern ein geplantes und erwogenes Werk, geplant und erwogen mit Lust und Liebe und Witz.

Nun geht dieses Lied von einem Weltbild aus, das wir als nicht richtig erkannt haben. Die Erde ist keine Scheibe, die auf den Urfluten schwimmt, sie ist nicht einmal der Mittelpunkt der Welt, um den sich alles dreht. Um unsere Erde drehen sich nur noch der Mond und eine Menge Technik und Schrott, die Menschen nach oben geschossen haben. Aber unser verändertes Weltbild widerspricht dem nicht, was hier von der Schöpfung gesagt wird.

Denn auf die Beschreibung des Wann und Wie der Schöpfung legt dieses Lied gar keinen Wert; es hält sich darin auch nicht an den biblischen Schöpfungsbericht. Sondern es beschränkt sich auf das Wichtigste: Dass von Anbeginn an, wir können auch sagen: schon vor dem berühmten Urknall, falls es ihn gegeben hat, alles von Vernunft bestimmt ist. Und dass darin auch ein lustvolles, spielerisches Element enthalten ist, die Wonne daran, wie die Weisheit vor dem Schöpfer spielt. Erotik ist in der Schöpfung demnach grundlegend.

Aber vertragen sich spielerische Elemente mit der Vernunft, wenn es einmal ganz konkret wird? Im vergangenen Spätsommer und Herbst haben wir so etwas erlebt. Mit ihrem ebenso mutigen wie lustvollen „Wir schaffen das!“ hat die Bundeskanzlerin eine so breite und phantasievolle Aktivität der Bürger ins Rollen gebracht, dass daneben staatliche Stellen, allen voran ein Berliner Landesamt, blamiert dastehen. Darin, dass so viele mit spielerischem Eifer wie spielerischem Ernst, der auch dazugehört, zugepackt und hunderttausenden Flüchtlingen ein Willkommen bereitet haben, hat sich die verspielte Weisheit, von der unser Text spricht, bewährt.

Doch inzwischen hat die auftrumpfende Humorlosigkeit, die Feindin aller spielerischen Vernunft, die Kanzlerin wieder herntergeholt – auf den Boden der Realität, meinen etliche, aber ist es nicht eher der Sumpf der Fremdenfeindlichkeit und des nationalen Dünkels? Und befriedigt stellt man fest, dass immer weniger Flüchtlinge kommen – statt dass man sich dafür stark macht, ihnen über alle Grenzzäune hinweg zu helfen, etwa mit einer Luftbrücke – alte Westberliner erinnern sich vielleicht noch. Es geht schließlich um Menschen – und um Gottes Willen.

Denn göttliche Weisheit, so erfahren wir im Text, war von Anfang an gerichtet auf die Menschen, die dann auf unserem Globus irgendwann zu Beginn des Holozän erschienen sind. Das ist nach wissenschaftlichen Erkenntnissen etwa 100.000 und nach dem jüdischen Kalender genau 5.776 Jahre her. Aber das ist kein wirklicher Widerspruch, sondern sagt nur etwas über die Relativität von und den spielerischen Umgang mit Zeitbegriffen aus.

Nicht darum, sondern um Menschen, um uns und alle Unseresgleichen geht es, egal was sie glauben und denken und wie sie aussehen. Um die Zukunft der Menschheit geht es, und darum, ob der Begriff „Menschlichkeit“ ein positiver ist – oder nur beschreibt, dass die einen um ihres Wohllebens willen die anderen ertrinken und auf andere Weise verrecken lassen. Aber kann man sich dabei noch wohlfühlen?

Die Weisheit anerkennt keine Vorurteile, sondern lädt ein, eine spielerische Leichtigkeit und ein uns bergendes Vertrauen wiederzufinden, wie in guten Kindertagen.

Die Weisheit empfiehlt uns aber auch, ernst zu nehmen, was dazugehört, um diese Erfahrungen zu machen. Deshalb mahnt sie, auf den richtigen Wegen zu bleiben, ihren, auf denen Vernunft und Spiel und Erotik zusammenkommen und einander bestärken. Es ist der Weg der Liebe und Treue, den Israel im Wort der Tora und ihren Weisungen erkannt hat, und auf den das für uns fleischgewordene Wort in Jesus Christus auch uns einlädt. Wer Liebe und Treue gering schätzt, schädigt sich selber, wer sie hasst, liebt den Tod.

Wer sie aber sucht, findet beide, Liebe und Treue, und erfährt sie doppelt: Im Geben und im Empfangen unter Menschen und mit Gott. Das ist das wirkliche Leben, in das Gott uns beruft, und das mit unserem Erdenleben nicht zu Ende, sondern aufgehoben und geborgen ist in Gottes zeitloser Existenz. Das ist sein Wohlgefallen für uns. Amen

Lied 414, 1 – 4.: Lass mich, o Herr,…

(Gebet:) Herr, wir preisen Dich um der Weisheit willen, die von Dir kommt und zu Dir hin führt und uns den Weg zum Leben weist, das weit über unser eigenes Leben hinausreicht. Gib uns durch Deine Weisheit schon heute Teil an diesem Leben, in dem Spiel, Vernunft, Erotik, Hoffnung auf Veränderungen und Verantwortung einander ergänzen. Lass diese Welt, die Du erschaffen und auf den Weg gebracht hast, nicht los, sondern sei in ihr gegenwärtig und führe sie in Deine Zukunft. Sei mit allen Kindern, dass sie in eine Welt hineinwachsen, die sie verstehen und gestalten können, dass sie sich nicht von einem kurzfristigen Ereignis zum anderen treiben lassen, sondern spielerisch ein Ganzes erfahren, hinter dem Du stehst. Sei mit unseren Arbeitenden, dass sie in ihrem Tun Sinn finden und Verantwortung ausüben können für eine Welt, die auch noch nach uns liebens- und lebenswert ist. Sei mit denen, die aus dem Berufsleben ausgeschlossen und anscheinend nicht gebraucht werden; hilf ihnen, ihre Zeit nicht totzuschlagen, sondern sie als Chance für neue Denkanstöße und Erfahrungen zu erleben. Sei mit denen, deren Arbeitsjahre hinter ihnen liegen. Gib ihnen die Weisheit, loszulassen und doch am Leben der Gemeinschaft teilzuhaben. Sei mit unseren Alten, dass sie ihre Jahre in Frieden und Dankbarkeit und von anderen Menschen getragen beschließen können; und wo ein Leben zu Ende geht, lass Dich als das Ziel erkennen. Herr, wir bitten Dich für die Notleidenden, denen das Nötige zu einem Leben in Würde vorenthalten wird, die in Unfreiheit und Angst leben, die der Gewalt ausgeliefert sind, die unter Krieg und Kriegsdrohung leiden. Wir bitten Dich für die, die vor all diesen Nöten auf der Flucht sind, dass sie nicht im Elend stranden, sondern sichere Wege und Aufnahme finden, auch bei uns. Erinnere uns immer wieder, dass eine andere, gerechtere Welt möglich ist, und hilf uns, daran mitzuwirken, dass Frieden werde und etwas von Deinem Frieden in die Welt hereinscheint. Wir bitten Dich für die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, dass sie diese Verantwortung für Frieden und Gerechtigkeit und Erhaltung Deiner Schöpfung wahrnehmen – und wo nicht, da befreie sie und die, die unter ihnen leiden, von ihrer Macht. Wir bitten Dich für die Starken, dass sie ihre Kraft einsetzen für die Schwachen, für die Fröhlichen, dass ihre Fröhlichkeit andere ansteckt, für die Liebenden, dass ihre Lsiebe über sie selber hinauswächst. Wir bitten Dich für Dein Volk Israel, dass es in seinem Land und in der Diaspora Frieden findet mit seinen Nachbarn und Frieden mit sich selbst. Wir bitten Dich für unsere und alle anderen Kirchen, dass sie Deine Liebe zur Welt in Wort und Tat bezeugen. Wir bitten Dich gemeinsam mit den Worten, die Jesus uns zu beten gelehrt hat: Unser Vater im Himmel…

Lied vor dem Segen: Psalm 68, 6.: Anbetung, Ehre…