zum 3. Gebot und zu Leviticus (3.Mose) 19, 2., am 23. 08. 2015

Predigt zu Exodus 20, 7. und zu Leviticus 19, 2. im Gottesdienst am 23. August 2015 in der  Französischen Friedrichstadtkirche zu Berlin, von T. Hachfeld

Lieder vor der Predigt waren (EG für die Ref. Kirche): 450, Morgenglanz der Ewigkeit…, 298, Wohl denen, die da wandeln… und 331, 1. 2. 10. 11.: Großer Gott, wir loben Dich…

Weitere Texte waren Jesaja 42, 3., die Zehn Gebote und ihre Summe, Psalm 16 (gemeinsam gesprochen), Deuteronomium (5. Mose) 5, 33., Jakobus 1, 16-27. und ein Bekenntnistext aus der Hervormde Kerk der Niederlande.

Predigt:

Aus Leviticus, 3. Mose, 19, 2., ein Wort Gottes an Mose: „Sprich zur ganzen Gemeinde der Israeliten und sage ihnen: «Ihr sollt heilig sein, denn ich, der Ewige, euer Gott, bin heilig.»

Und aus den zehn Worten der Weisung, Exodus, 2. Mose, 20, noch einmal das dritte in Vers 7:

Du gebrauchst den Namen des Ewigen, deines Gottes, nicht für Falsches, denn der Ewige bewahrt nicht vor den Folgen, wer seinen Namen für Falsches gebraucht.“

Liebe Gemeinde,

die Heiligkeit und der Name Gottes sollen heute das Thema sein. Und wie heißt Gott? Dem Mose er hat seinen Namen, der aus den vier Konsonanten J-H-W-H besteht, aus dem brennenden Dornbusch heraus mitgeteilt. Um ihn vor Missbrauch zu schützen wird dieser Name im Judentum nicht ausgesprochen, und ich denke, wir tun gut daran, es ebenfalls nicht zu tun, sondern stattdessen, wie es die meisten Übersetzungen tun, „der HERR“ zu lesen oder auch, wie ich es für die Übersetzung eben getan habe, „der Ewige“.

Das ist ja das Wesentliche und zugleich Ungeheuerliche im jüdischen Denken, im Glauben Israels: Gott hat einen Namen! Damit tritt er aus der jenseitigen Verborgenheit heraus und mit denen, denen er seinen Namen bekannt macht, in Beziehung. Er ist nicht länger ein „höchstes Wesen“ oder „Prinzip“, keine philosophische Kategorie, kein Abstraktum irgendeiner Art, sondern ein Jemand beziehungsweise eine Jemandin; der Name legt da nicht fest sondern umfasst beides und vielleicht noch mehr als nur diese zwei Möglichkeiten. Um einen Sprechsalat zu vermeiden bleibe ich jedoch beim gewohnten „Er“, dieses „ER“ beinhaltet aber alle Möglichkeiten Gottes.

Bekannt gemacht hat er sich unter seinem Namen zuerst seinem Volk Israel; in der Beziehung zu ihm ist er zur Welt gekommen, und an Israel vorbei ist er in der Welt nicht erfahrbar. Bei aller teils schroffen Abgrenzung gegen das Judentum erkennt auch der Koran das an, und ein Christentum, das das vergisst, verliert die Bodenhaftung, nämlich die Verbindung zu seinem Ursprung, und entschwebt in die religiöse Unverbindlichkeit, etwa eines Kulturprotestantismus, wie er alle Jahrhunderte wieder auch heute in der theologischen Fakultät in Berlin Mode wird.

Immer wieder bringt die hebräische Bibel, unser Altes Testament, den Namen Gottes mit dem Begriff „heilig“ zusammen: Der Name ist heilig – und damit der menschlichen Verfügbarkeit entzogen. Dass die Versuchung, menschlich über den Namen Gottes und damit über Gott selber zu verfügen, groß ist, belegt die Tatsache, dass im Alten Testament von Gottes „Heiligem Namen“ fast doppelt so oft im Zusammenhang mit möglicher Entweihung oder Missbrauch die Rede ist, wie davon, dass er gepriesen werde. (12:7).

Aber die Heiligkeit des Namens, unserer Verfügbarkeit entzogen, ist damit keineswegs abgehoben von unserer täglichen Wirklichkeit. Denn von Gott, von seinem Namen, erfahren auch wir Heiligkeit, er macht uns durch seinen Namen seiner wert, wie wir in jeder Taufe auf den Namen des dreieinigen Gottes bezeugen. Er verankert unser profanes Dasein in seinen göttlichen Willen, und so wird letztlich für uns die Grenze zwischen Profan und Heilig aufgehoben, bricht, mit anderen Worten, wie wir eingangs gesungen haben, Gottes Ewigkeit ein in unsere Zeit. Die „Heiligen im Lande“, von denen der Eingangspsalm sprach, und die „Gemeinschaft der Heiligen“, die wir im Apostolischen Credo bekennen, sind deshalb keine abgehobene, himmlische oder römisch-katholische Schar, sondern die Gesamtheit derer, die Gott zu sich ziehen will, egal, ob sie das wissen oder nicht: Es sind alle Menschen, und vielleicht über die Menschheit hinaus alles Geschaffene, von dem Gott am Ende, zum Sabbat der Schöpfung, sagt: „Es ist sehr gut“ und damit den Sabbat heiligt.

Das Verb oder Tätigkeitswort „Heiligen“, hebräisch qadaš, kommt im Alten Testament vorwiegend als etwas vor, was jemandem geschieht; die Grundbedeutung ist „geheiligt werden“. Im kultischen Zusammenhang können auch Menschen etwas heiligen, es als Opfergabe Gott weihen, oder den Sabbat, wenn man ihn nach Gottes Gebot als befreienden Ruhetag hält, oder auch sich selbst durch das Halten kultischer Gebote und das Sich-Enthalten von bösen Dingen. Aber all das setzt voraus, dass Gott heilig macht, nämlich das Verhältnis dessen, was oder wer da geheiligt werden soll, zu ihm, dem Heiligen, heil macht.

Gottes heilmachende Heiligkeit ist auch sein Name. Der Name aus vier Konsonanten wird im selben Buch, in dem von seiner Offenbarung an Mose berichtet wird, mehrfach erweitert. Schon an die Namensoffenbarung direkt schließt an, dass Gott weiterspricht: „So sollst du zu den Israeliten sagen: «Der Ewige (hier steht der Gottesname), der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs hat mich zu euch gesandt.» Das ist mein Name ewiglich und so will ich angerufen sein von Geschlecht zu Geschlecht.“

Gottes Name beinhaltet also Geschichte, auf Erden gelebte Geschichte: Sein Name ist, was er den Vorvätern war und getan hat; und das ist zugleich Verheißung: So wird er auch mit denen sein, denen er seinen Namen mitteilt. Und um Abrahams Willen werden das nicht nur seine direkten Nachkommen sein, sondern durch ihre Vermittlung alle Völker der Erde, durch Israels und Gottes Sohn Jesus auch wir.

Doch damit nicht genug: Mose, als er zum zweiten Mal auf den Sinai stieg, um die erneuerten Gesetzestafeln zu empfangen – die ersten hatte er im Zorn zerschmettert, als das Volk Israel Gott als goldenen Stier anbetete – bei diesem zweiten Mal bat er Gott, ihn seine Herrlichkeit sehen zu lassen. Er bekam sie nicht zu sehen, sondern musste sich, als Gott seine ganze Güte an ihm vorüber ziehen ließ, mit dem Hinterhersehen begnügen. Er bekam stattdessen Gottes Namen für diese Situation neu zugerufen: „Ich bin gnädig, wem ich immer gnädig bin, und ich erbarme mich, wessen ich mich immer erbarme“. Auch das ist sein Name, und darin offenbart sich der Heilige als der über alle Unheiligkeit hinweg Heiligende, und zwar in der konkreten Geschichte und für sie. Es geht hier nämlich um die Fortsetzung des Weges des Volkes Israel in die Freiheit, vom Sinai an wieder durch die Wüste in das Land der Verheißung. Gott bringt sein Volk auf den Weg und geht den Weg mit ihm; und das immer wieder neu, bis heute und, so die Verheißung, bis an das Ziel aller Geschichte.

Um diesen Weg, auf den Gott bringt und den er mitgehen will, sicher gehen zu können, gibt der Ewige seinem Volk Anweisungen, die wir vorhin zusammengefasst gehört haben in der Weisung der Gottes- und der Nächstenliebe und in dem Zehnwort der Weisung, vulgo: den zehn Geboten. Eins davon habe ich dieser Predigt vorangestellt: „Du gebrauchst den Namen des Ewigen, deines Gottes, nicht für Falsches, denn der Ewige bewahrt nicht vor den Folgen, wer seinen Namen für Falsches gebraucht.“ Vielleicht haben Sie da etwas gestutzt – vielleicht auch nicht – denn wir sind gewohnt es etwas anders zu hören: „… lässt nicht ungestraft…“. Hinter dieser etwas eigenartigen Formulierung mit doppelter Verneinung – „nicht“ und „un-“ – steht im Hebräischen das Wort „naqah“, das zwar von Schuld spricht, nicht aber von einer Strafe, die jemand verhängt, sondern von Folgen, die sich aus der Verschuldung selbst ergeben. In der Zürcher Bibel von 1531 stand: „… der Herr wirdt den nit unschuldig halten…“, entsprechend in der englischen St. James-Bibel von 1611: „…not guitless…“; später aber, in der Elberfelder erst nach 1900, hat sich in den meisten deutschen Bibelübersetzungen Luthers strafender Gott durchgesetzt, erst bei der „In gerechter Sprache“ steht „verschont nicht“; verschonen wovor? Vor den Folgen! Und an denen ist, wer den Namen Gottes missbraucht, selber schuld.

Nun gebraucht bei uns fast niemand die Namen, mit dem sich Gott selbst offenbart hat, nicht die vier Konsonanten und selten den Bezug auf die Väter oder die Gnade und Barmherzigkeit. Aber all das ist bei uns ja schon in der Bezeichnung „Gott“ mit gesagt, wenn sie den Namen ersetzt beziehungsweise den meint, der in Israel zur Welt kommt.

Den meint auch der Koran, wenn er von „Allah“ spricht, und nennt ihn immer wieder „barmherzig und gnädig“, „ar rahim wao ar rahmân“. Aber im Nahen Osten und südlich der Sahara erleben heute immer mehr Menschen, dass in seinem Namen das Gegenteil praktiziert wird, und viele überleben es nicht. Doch bevor wir darüber überheblich werden, erinnern wir uns, dass Ähnliches noch vor 400 Jahren auch bei uns möglich war: Wer die falsche Konfession hatte, war seines Lebens nicht sicher. Die Hugenotten flohen davor nach Brandenburg und anderswohin – aber etwa in Südafrika sprachen dann auch sie, gemeinsam mit den Buren, im Namen Gottes anderen das Menschsein ab. Und die Folgen? Sie selber kannten nur noch einen rachsüchtigen, patriarchalischen, moralisch einengenden und phantasielosen Gott. An der Aufarbeitung dieses Erbes der Apartheid arbeiten die Kirchen in Südafrika immer noch und werden es noch länger müssen.

Aber blicken wir nicht nur in die Vergangenheit und in die Ferne. Auch bei uns wird oft noch ein moralsaurer Gott gepredigt, der aller Lebenslust feind ist, oder ein Gott, der blinden Glauben an Dogmen oder Doktrinen und damit geistige Verrenkungen verlangt, oder ein Gott, in dessen Namen die bestehende Ordnung heilig gesprochen wird, damit sich an den Machtverhältnissen möglichst nichts ändert: Wer Gottes Namen für solchen Stillstand beansprucht, bekommt einen engherzigen, einschränkenden, patriarchalischen Gott, von dem sich abzuwenden dann als Befreiung erlebt wird, die einem zudem noch die Kirchensteuer spart.

Du gebrauchst den Namen des Ewigen nicht für Falsches.“ Was wäre denn das Richtige? Wie dürfen wir überhaupt von Gott reden?

Israel redet von Gott vor allem das, was er seinem Volk getan hat, die Berufung der Väter, die Befreiung aus der ägyptischen und viel später der babylonischen Sklaverei, die Gabe der schriftlichen wie der mündlichen Tora, der Weisung, bis heute. Und in den Psalmen, was er der ganzen Gemeine oder den Einzelnen in ihr ist: Fels und Zuflucht, Erbarmer und Tröster, wie in dem eingangs gebeteten Psalm, aber auch Sehnsucht, wo man sich fern oder verlassen von ihm vorkommt.

Andere Aussagen, wie die, dass er über den Himmeln und Göttern thront, dass er alles Sichtbare und Unsichtbare geschaffen hat und schafft, dass er Geschichte und Geschicke lenkt, sind Rückschlüsse aus diesen kollektiven und individuellen Erfahrungen.

Eine Lehre, was und wie Gott zu sein hat, hat das Judentum nicht entwickelt; auf diesen Abweg ist erst, in der Tradition griechischer Philosophie und römischer Logik, die Kirche geraten, die statt Geschichten von und mit Gott weiterzuerzählen, Lehren über ihn entwickelt und dann dogmatisiert und damit Gott oft in ihm fremde Gedankengebäude eingesperrt hat.

Den Namen Gottes für das Richtige gebrauchen hieße deshalb vor allem, Geschichten erzählen, von dem, wie Menschen ihn erfahren haben. Das tut die Bibel in weiten Teilen, davon singen die Psalmen.

Und wenn diese Geschichten von Erfahrungen erzählen, die einander widersprechen? Gerade dann zeigen sie die Weite und Vielfältigkeit, in der man Gott erleben kann, und bezeugen, dass es keine endgültigen Wahrheiten über ihn gibt, die wir festschreiben könnten, außer, dass er sich als der Barmherzige, Vergebende, Befreiende, und das ist: als der Heilige erweist, zu dem wir Zuflucht nehmen dürfen und auf den die Welt hoffen darf.

Amen.

Lied Psalm 67: Herr, unser Gott…

(Gebet:) Herr, Ewiger, wir wissen uns vereint mit allen, die Deinen Namen kennen und preisen, die Dich als barmherzig und treu bezeugen, die mit Dir und auf Dich hin ihr eigenes Leben gestalten und anderen Lebensraum schaffen und bewahren.

Wir preisen Dich für die Freiheit, die Du uns mit Deinem Wort schenkst, die Befreiung von allen strafenden und über Gebühr fordernden Gottheiten und ähnlichen Gewalten. Wir danken Dir für die Freiheit im Umgang mit Deinem Wort, die Befreiung von aller einengenden Dogmatik und falschem Moralismus. Wir danken Dir für die Freiheit, in der wir unsere eigene Phantasie in den Dienst Deines kommenden Reiches stellen können.

Hilf uns, diese Freiheiten zu bewahren und zu gebrauchen. Und lass daraus Früchte wachsen, die von Deinem Kommen zeugen. Wir leben in einer Welt, die von Dir oft verlassen scheint und die meint, Dich nicht nötig zu haben. Lass dennoch die Erfahrungen mit Dir wachsen, als Erfahrung des Friedens, wo heute Krieg und Streit herrschen; als Erfahrung der Sicherheit, wo alle Sicherungen ins Wanken geraten sind; als Erfahrung von Gerechtigkeit, wo Ungerechtigkeit die Menschen bedrückt; als Erfahrung von Hilfe, wo sie alleine nicht herausfinden aus der Not.

Besonders denken wir vor Dir an die Menschen, die in Griechenland in Not geraten, weil es ihnen an Nötigem fehlt. Lass sie im Land und lass ihr Land in Europa Solidarität erleben. Wir denken vor Dir an Menschen im Irak, in Syrien, in Nigeria und anderswo, die verfolgt und bedrückt werden, weil sie sich nicht den Zwängen beugen, die ihnen unter Missbrauch Deines Namens auferlegt werden. Befreie sie von ihren Unterdrückern. Wir denken vor Dir an alle, die aus Zwang oder Not ihre Heimat verlassen müssen und auch bei uns Zuflucht suchen. Lass sie Sicherheit und Zukunft finden.

Wir denken vor Dir an die Menschen in der Türkei und in Kurdistan; lass die Verantwortlichen Wege des Friedens statt der Abgrenzung und des gegenseitigen Bekämpfens gehen.

Wir denken vor Dir an die Menschen in unserem Land, unserer Stadt, unserer Gemeinde, die einsam und traurig sind, an unsere Kranken und alle, denen es an Lebensmut fehlt. Stärke in uns und in allen Menschen die Hoffnung und die Zuversicht, dass diese Welt doch Deine ist und Du das Werk Deiner Hände nicht preisgibst, sondern zur Erfüllung führst und Deinen Namen verherrlichst.

Dem sei Ruhm und Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Wir bitten gemeinsam, wie Jesus es gelehrt hat:

Unser Vater im Himmel…