zu Lukas 7 , 36 ff., 10.02.2015

Predigt von Tilman Hachfeld im Gottesdienst in der Französisch-reformierten Gemeinde Potsdam

Lieder vor der Predigt waren (EG für die Ref. Kirche) 481: Nun sich der Tag geendet…, Psalm 119, 1.9.10.13. O selig sind… und 401, 1 – 4: Liebe, die Du mich zum Bilde…

Weitere Texte waren: Hebräer 3, 15., die 10 Worte der Weisung und ihre Summe, Ps. 119, 89-91.105.116. und Exodus (2. Mose) 30, 17 – 21.

Der Predigttext Lukas 7, 36 – 38.:

Jemand von den Pharisäern fragte Jesus, ob er mit ihm essen wolle, und er ging ins Haus des Pharisäers und lagerte sich. Und da war in der Stadt eine Frau, die als Sünderin galt, die erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers zu Tisch lag, da brachte sie ein Alabastergefäß mit Duftöl und trat von hinten zu seinen Füßen und weinte; ihre Tränen begannen seine Füße zu benetzen, und mit dem Haar ihres Hauptes wischte sie sie ab, und sie küsste seine Füße noch und noch und salbte sie mit dem Duftöl.

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte wird uns in den Evangelien in drei Versionen insgesamt viermal erzählt; Matthäus und Markus stimmen überein, dass die Frau Jesus nicht die Füße, sondern, wie es sich gehört, den Kopf gesalbt hat. Bei allen außer bei Johannes bleibt die Frau unbekannt, ohne Namen, und bei allen außer hier bei Lukas wird die Salbung mit Jesu Begräbnis in Verbindung gebracht als vorweggenommene Einbalsamierung. Und nur das Lukasevangelium bezeichnet die Frau als Sünderin.

Betrachten wir zunächst die vorgelesene Version nach Lukas. Wir sind vermutlich noch in Naïn, wo Jesus einen totgeglaubten Jüngling zum Leben erweckt hatte, was großes Aufsehen erregt und Jesus in den Ruf eines großen Propheten gebracht hatte. Dort spricht ihn ein Pharisäer an, ein frommer, der Weisung der Tora anhängender Mann; der lädt Jesus zum Essen in sein Haus, wahrscheinlich nicht nur, weil er dem Gebot der Gastlichkeit Genüge tun, sondern auch, weil er mehr über Jesus wissen wollte. Nach der Sitte der Zeit liegt man auf Polstern um niedrige Tische, die im Kreis stehen, Brust und Kopf zu ihnen hin, die Füße von ihnen weg. Bedient wird man von vorne. Jesus ist gewiss nicht der einzige Gast, wie man gleich danach erfährt, vielmehr scheint das Mahl fast öffentlich zu sein. Jedenfalls kontrolliert niemand die Dazukommenden, und so hat auch eine Frau Zutritt, die im Ort einen schlechten Ruf hat – so die vorsichtigste Übersetzung, bei anderen ist sie gleich eine Prostituierte. Sie hatte gehört, dass Jesus dort sei und bringt ein Gefäß aus Alabaster oder Onyx, das allein schon eine Kostbarkeit, in dem sich Duftöl befindet, das heißt: ein teures Parfüm, das man damals noch nicht auf Alkohol-, sondern auf Ölbasis herstellte, eine weltweit begehrte, sehr teure Spezialität der Gegend.

Als sie sich aber zu Jesu hinter ihm ausgestreckten Füßen beugt, fließen ihr die Tränen; der Evangelist sagt uns nicht, ob aus Reue für ihr sündhaftes Leben oder aus Rührung, dem verehrten Mann Jesus so nahe zu sein. Die Tränen fließen auf Jesu Füße, und nicht etwa mit ihrem Gewand, sondern mit ihrem Haupthaar trocknet sie sie ab – ein unerhörter Vorgang das Ganze! Eine erotische Intimität, die auf keinen Fall öffentlich praktiziert werden darf, weder das Befassen mit Jesu Füßen, noch erst recht das Abtrocknen mit dem eigenen Haar, das eine anständige Frau außerhalb ihres Hauses und vor Fremden bedeckt zu halten hat. Deutet das nicht darauf hin, dass es sich um eine Edelprostituierte handelt?

Das ist sie aber in der Version des Johannesevangeliums auf keinen Fall. Dort ist es nämlich2 Maria, die Schwester der Martha und des kurz zuvor von den Toten auferweckten Lazarus. Das Lukasevangelium stellt den Haushalt der drei ähnlich einer Pension dar, wohl von Wallfahrern frequentiert, denn Jerusalem liegt in Fußnähe. Jesus war dort anscheinend Stammgast. Wie auch schon bei Lukas erwähnt, ist Martha die emsige Wirtin, die schafft und macht und beim Mahl bedient und aufträgt, während ihre Schwester Maria es vorzieht, zu Jesu Füßen zu sitzen und ihm zuzuhören. Hier nun, und nach der Auferweckung des Bruders aus dem Grab, setzt sie sich nicht Jesus zu Füßen, sondern in verschwenderischer Fülle – ein ganzes Pfund! – traktiert sie die mit dem teuren Duftöl. Statt mit den bloßen Händen oder einem feinen Tuch reibt sie es mit ihrem Haupthaar ein, und das heißt: das zu viel vergossene Öl reibt sie in ihr Haar. Das soll das Haar schöner machen, und sie macht für Jesus alles doppelt schön: ihn, indem sie ihm mit dem Öl die Füße salbt, und sich, indem sie ihre Haare ebenso salbt. Das geschieht nicht abseits oder im Verborgenen, schon allein der Duft des Öls, der gleich das ganze Haus erfüllt, macht es öffentlich. Was diese Salbung in aller Öffentlichkeit bedeutet, hatten wir schon für die Frau in der Lukasversion bedacht: eine erotische Intimität vor allen Augen, die Selbsthingabe ihrer Person inklusive ihres Ansehens vor den Leuten. Das ist ihr egal, wenn sie nur dem Geliebten tun kann, was sie tun muss.

Woher sie das Öl hatte, können wir nur rätseln: Gehörte es zu ihrer Mitgift? War es der Vorrat, von dem man den Pensionsgästen für teures Geld kleine Mengen verkaufte, als Andenken und Mitbringsel aus dem Heiligen Land für die daheimgebliebenen Ehefrauen? Das bleibt offen. Berichtet wird nur, dass einer der Jünger sich über die Verschwendung ereifert – man hätte dafür doch in Hülle und Fülle Almosen für die Armen finanzieren können! Aber Jesus weist ihn zurecht: Das Öl war bestimmt für seine Einbalsamierung beim Begräbnis – und der Rest wird dann wohl auch dazu verwendet werden…

Im Johannesevangelium steht diese Geschichte am Anfang des 12. Kapitels, dem dann das 13. mit der Erzählung folgt, in der Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht; wie ein fremder Sklave – ein israelitischer durfte nicht mit so einem Auftrag erniedrigt werden! – wäscht er den Jüngern reihum die Füße; auch das eine unerhörte Intimität, wenngleich es im geschlossenen Jüngerkreis geschieht. Über diesen Abschnitt hat Hildegard vor einer Woche gepredigt und sicher alles Nötige und noch mehr gutes gesagt. Ich möchte hier nur noch einmal auf den Schluss eingehen, wenn Jesus den Jüngern sagt, auch sie seien verpflichtet, einander die Füße zu waschen, das heißt: sich um des Dienstes der Liebe willen voreinander zu erniedrigen. Er hat damit kein Fußwasch-Sakrament gestiftet ähnlich dem Abendmahl oder der Taufe, und außer dem Papst, der es jährlich an ausgesuchten Römischen Bürgern tut, praktiziert es auch kaum jemand. Aber uns ruft es auf, jede Herrschaft von den einen über andere deutlich in Frage zu stellen, in der Gemeinde und der Kirche ebenso wie in der Arbeitswelt und der Politik, und statt nur zu lamentieren was der oder die doch tun sollte, überlegen, was wir selber tun könnten – und es dann tun.

Die Erzählung von der Frau bei Lukas geht noch weiter. Der Gastgeber wundert sich, dass Jesus, der doch ein Prophet sein muss, nicht merkt, was für eine Frau ihm da mit ihren Tränen die Füße wäscht und sie mit ihrem Haar trocknet, um sie dann zu salben: Eine stadtbekannte Sünderin! Jesus erzählt ihm daraufhin ein Gleichnis von der Erlassung von Schulden und fährt fort:

„Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser für die Füße gegeben. Sie aber hat mit den Tränen mir die Füße benetzt und sie mit den Haaren getrocknet; einen Kuss hast du mir nicht gegeben, sie aber hat, seit sie hereinkam, nicht aufgehört, mir die Füße zu küssen; mit Öl hast du mein Haupt nicht gesalbt, sie aber hat hat mir die Füße mit Duftöl gesalbt. Darum sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt….“

Von Liebe ist also die Rede, und auch wenn das Wort in den anderen bedachten Texten nicht vorkommt, ist es doch für alle das Schlüsselwort, auch für die Fußwaschung Jesu an seinen Jüngern und für die, die sie dann weiter praktizieren sollen: die Hingabe an die Nächsten. Die Parallelität der Geschichten weist uns aber darauf hin, dass platonische Nächstenliebe und Erotik sich kaum unterscheiden oder gar trennen lassen. Und das ist gut so.

In dem Abschnitt aus dem Buch Exodus war die Rede davon, dass sich Aaron und nach ihm alle Priester für ihren priesterlichen Dienst Hände und Füße waschen sollen, und im Folgenden wird das Gleiche von der Salbung mit Duftöl gesagt. In unseren Texten von Waschung und Salbung geht es demnach auch darum, die anderen für einen priesterlichen Dienst zuzubereiten: Die Frauen oder Maria den Jesus für sein Leiden und Sterben, die Jünger und in ihrer Nachfolge auch wir einander für das Leben.

Amen.

Lied 251, 1. 2. 5. 6: Herz und Herz…

(Gebet:) Herr, unser Gott, wir danken Dir für den priesterlichen Dienst Jesu, durch den wir teilhaben dürfen an den Verheißungen, die Du Deinem Volk für alle Welt gegeben hast. Wir danken Dir, dass wir auch aneinander solchen Dienst tun und so Deine Mitarbeitenden sein können. Wir danken Dir, dass solcher Dienst nicht nur Last, sondern auch Lust sein kann, Lust aufeinander und aufs Leben. Wir danken Dir, dass Du uns so Zukunft eröffnest auch wo wir noch nicht weiter sehen als bis zum nächsten Tag, und Wege zeigst, wo wir meinen, in Sachgassen geraten zu sein.

Herr, der Du Dein Volk aus der Knechtschaft befreist, lass uns erkennen, wie wir Freiheit so leben können, dass sie auch anderen Freiheit lässt und schafft. Der Du Deinem Volk eine Lebensordnung gibst, zeige uns, wie wir das Leben so organisieren können, dass niemand Mangel leiden muss, nicht an Nahrung, nicht an Bildung, nicht an Liebe und Anerkennung.

Lass so Frieden werden, Frieden in der Ukraine, so, das jede und jeder das So-Sein der anderen achtet und schützt; lass Frieden werden in Israel, so, dass die, die heute noch einander misstrauen und bekämpfen, gemeinsam an der Zukunft bauen. Lass Frieden werden im Nahen Osten, der allen ihre verschiedenen Lebens- und Glaubensweisen garantiert. Lass Frieden werden in Afrika und in allen Gebieten der Welt, wo die einen den anderen etwas aufzwingen oder anderes verbieten wollen. Lass uns für das, worum wir bitten, eintreten, gerade auch in unserer eigenen Stadt und im eigenen Land, dass, wer hierher flieht vor Verfolgung oder Zukunftslosigkeit, Aufnahme und die Möglichkeit zu freier Entfaltung bekommt. Herr, oft neigen wir dazu, alle Bemühungen um eine bessere Welt für sinnlos zu halten. Bewahre und vor der Sünde der Resignation.

Und behüte auch unsere Gemeinschaft; lass uns aufmerksam sein, wo jemand unsere Nähe und Hinwendung braucht; sei mit unseren Kranken an Leib oder Seele, mit allen, denen das eigene Leben verbaut scheint, allen, die sich einsam fühlen. Schenke Vertrauen auf Dich und unsere Zukunft in Dir für die Zeit und die Ewigkeit. (Gebetsstille)

All unser Bitten und all unser Hoffen legen wir in das Gebet, das Jesus uns gelehrt hat: Unser Vater im Himmel…