zu Psalm 31, 10.02.2013

Predigt von Tilman Hachfeld im Gottesdienst in der Schlosskirche in Berlin Köpenick

Lieder vor der Predigt waren (EG) 282, 1 – 3. 6: Wie lieblich schön… und 275, 1 – 4: In dich hab ich gehoffet…

weitere Texte waren Lukas 18, 31., die Zehn Gebote und ihre Summe, Jeremia 29, 12-14a., Matthäus 11, 25 – 30. und Frage und Antwort 32 aus dem Heidelberger Katechismus.

Liebe Gemeinde,

der heutige Sonntag heißt in der lateinischen Kirchentradition „Esto mihi“; damit wird der 31. Psalm – in der lateinischen Zählung der 30. – , der Psalm dieses Sonntags zitiert: „Esto mihi in Deum protectorem et in domum refugii, ut salvum me facias“: „Werde mir zu Gott als Wächter und zum Haus der Zuflucht, auf dass du mich sicher machst.“ Der lateinische Psalter ist aus dem griechischen übersetzt, nicht aus dem hebräischen.

Ich habe Ihnen meine eigene Übersetzung des 31. Psalms aus dem Hebräischen verteilen lassen; nicht, weil ich der Meinung bin, besser übersetzen oder formulieren zu können als andere, sondern weil mir aufgefallen ist, dass alle gängigen Übersetzungen den Text inhaltlich verändern, teils aus theologischen, teils aus sprachlichen Gründen. Und Martin Bubers einzig richtige Übersetzung hat für uns sprachlich so viel Ungewohntes, dass sie vom Inhalt ablenken würde. Was Ihnen vorliegt und was ich jetzt vorlese, ist der Versuch einer möglichst wörtlichen Übersetzung aus dem Hebräischen, mit einigen dabei unvermeidbaren Holprigkeiten; nehmen Sie sie bitte für diese Predigt hin; zuhause können Sie sie dann mit der viel schöneren Sprache der Luther- oder der Zürcher Bibel vergleichen, auch mit Buber – oder auch noch einmal mit dem Psalmlied, das wir eben gesungen haben.

Psalm 31

  1. (Für den Chorleiter: Ein Davidspsalm.)

  2. Bei Dir, JHWH, habe ich Zuflucht gesucht, ich werde niemals zuschanden werden. Berge mich in Deiner Gerechtmachung!

  3. Neige Dein Ohr zu mir, rette mich schnell; werde mir ein Fels der Zuflucht, ein Haus der Bergfeste, um mich herauszureißen!

  4. Denn mein Felsen und meine Bergfeste, das bist Du, und um Deines Namens willen leitest und weidest Du mich.

  5. Du lässt mich hervorgehen aus dem Netz, das sie mir legen, denn Du bist meine Zuflucht.

  6. In Deine Hand übereigne ich meinen Lebensgeist; Du kaufst mich los, JHWH, Gott der Treue.

  7. Ich hasse, die sich an trügerische Nichtse halten; ich aber vertraue auf JHWH.

  8. Ich juble und freue mich an Deiner Liebe, der Du mein Leiden siehst; Du weißt von den Ängsten meiner Seele

  9. und Du lieferst mich nicht in die Hand des Widersachers aus, Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

  10. Sei mir gnädig, JHWH, denn mir ist’s eng; vor Gram bricht mein Auge, meine Seele und mein Leib.

  11. Denn in Kummer schwinden mein Leben und meine Jahre in Seufzen; in Sünde stolpert meine Kraft, und mein Gebein bricht.

  12. Vor allen meinen Feinden bin ich zum Hohn geworden, besonders meinen Nachbarn, und ein Schreckgespenst denen, die mir vertraut waren; wer mich auf der Straße sieht, nimmt vor mir Reißaus.

  13. Wie ein Toter werde ich aus dem Herzen vergessen; ich bin geworden wie ein zertrümmertes Gefäß.

  14. Denn ich höre, wie viele mich verleumden – Schrecken ringsherum! -, wenn sie über mich herziehen, sie denken darüber nach, meine Seele zu packen.

  15. Ich aber, ich vertraue auf Dich, JHWH, ich sage: Mein Gott bist Du !

  16. Meine Zeiten in Deiner Hand! Rette mich aus der Hand meiner Feinde und vor meinen Verfolgern!

  17. Lass Dein Angesicht leuchten über Deinem Diener, reiße mich heraus in Deiner Liebe !

  18. JHWH, ich werde nicht zuschanden, denn ich schreie nach Dir; zuschanden werden die Frevler, sprachlos fahren sie zur Hölle.

  19. Es verstummen die Lügenmäuler, die, die frech über den Frommen reden, mit Hochmut und Spott.

  20. Wie groß ist doch Deine Güte, die Du denen bewahrst, die Dich fürchten, denen erweist, die Dir vertrauen vor den Kindern Adams.

  21. Du birgst sie im Schutz Deines Angesichts vor den Intrigen der Leute, Du bewahrst sie im Zelt vor dem Zank der Zungen.

  22. Gesegnet sei JHWH! Denn wunderbar ist seine Liebe für mich in der festen Stadt.

  23. Und ich sagte schon in meiner Bestürzung: Ich bin vertilgt vor Deinen Augen -, aber Du hörst die Stimme meines Flehens, wie ich zu Dir rufe.

  24. Liebt JHWH, alle seine Frommen ! JHWH ist der Treuen Hüter – und er vergilt im Überfluss dem, der Hochmut übt.

  25. Seid fest und mutigen Herzens, alle, die ihr auf JHWH hofft !

„In Gott geborgen“ überschrieb die Zürcher Bibel in ihrer alten Version diesen Psalm und traf damit genau das Thema, das er groß und sprachgewaltig entfaltet. Für die erfahrene Bergung oder Rettung gebraucht er allein in den ersten fünf Versen fünf verschiedene hebräische Begriffe, denen ich mich mit „Zuflucht“, „Bergung“, „Rettung“, „Herausreißen“ und „Hervorgehen lassen aus dem Netz“ anzunähern versuche. Und auch weiter schöpft der Psalm den ganzen Reichtum der hebräischen Sprache aus, wenn er den Ewigen „Fels“, „Zuflucht“ und „Haus der Bergfeste“, „Gott der Treue“ und „Hüter“ nennt und von seiner Güte und dreimal von seiner Liebe spricht.

Dieses Thema der Geborgenheit wird hier vor dem Hintergrund des Gegenteils entfaltet: Leiden, Bedrohung, Verleumdung, Verachtung. Um Ausgrenzung bis zum Unerträglichen geht es und um den Versuch, den, der da betet, physisch und psychisch zu vernichten. Ohne ganz konkret zu werden, wird hier eine Situation gezeigt, die wir vielleicht, wenigstens ansatzweise, kennen oder gar selber schon erlebt haben: Die Situation des Missverstandenseins, vielleicht sogar des böswilligen Missverstehens bis ins Gegenteil dessen, was wir meinen, der offenen und versteckten Feindschaft, der durch andere verursachten Depressionen.

Wer kann so von sich sprechen? Viele Ausleger dieses Psalms verweisen auf Jeremia, den Propheten, der den Untergang Jerusalems nicht nur ankündigen und interpretieren, sondern auch selber miterleben musste. Im Buch Jeremia sind seine Klagen nachzulesen, als nicht nur seine tatsächlichen Gegner, sondern auch Nachbarn, Freunde und Familie versuchten, ihn mit fast allen Mitteln mundtot zu machen, als er vereinsamte, als er in Gefangenschaft geriet, verlassen von allen – und sich auch von Gott verlassen fühlte. Seine Klage, bis hin zur Verfluchung des Tags seiner Geburt, ist nach der Perikopenoerdnung Predigttext heute in drei Wochen, wenn ich wieder hier sein werde – aber wahrscheinlich verschone ich Sie davor und weiche wieder aus auf den Wochenpsalm.

Doch die entsprechenden Passagen bei Jeremia können in der Tat eine Verstehenshilfe für diesen Psalm sein – und dabei auch unsere eigenen Gefühle und Empfindungen, die wir versucht sind in diesen Psalm hineinzutragen, sinnvoll relativieren: So übel wie Jeremia sind wir wohl doch nicht dran.

Und doch meine ich, dass wir auch über Jeremia noch hinausgehen können. Zwar wird der Psalm von fast allen Interpreten als Klage- und Vertrauenslied eines Einzelnen bezeichnet; er kann aber auch anders gelesen werden: zum Beispiel als Psalm des nach Babel deportierten Gottesvolkes. Das singularische „Ich“ schließt im biblischen Hebräisch oft die Bedeutung eines kollektiven „Wir“ mit ein; der Knecht Gottes – ich habe in der Übersetzung „Diener“ geschrieben – ist sein Volk oder wenigstens der Teil davon, der ihm auch in ganz schwierigen Situationen, ja, bis ins Martyrium treu bleibt. Die hier beschriebene Situation des Einzelnen, der Verleumdungen und Verfolgungen bis hin zur Vernichtung ausgesetzt ist, ist immer wieder auch die Situation des Volkes Israel unter den Völkern gewesen – bis heute.

Beten wir deshalb, wenn wir den Psalm beten, ein fremdes Gebet? Ich meine: Nein. Denn gleich ob es das Gebet des Einzelnen, etwa Jeremias ist, oder das des Volkes Israel, verstreut unter die Völker und bedroht im eigenen Land, ändert das nichts daran, dass der Psalm vor allem eine Einladung ist, mitzubeten, die Einladung, in unserer je eigenen Situation uns der Treue Gottes zu vergewissern, uns bei ihm zu bergen und, wenn wir selber vor Beengung und Bedrückung nicht mehr weiter wissen, auch für uns zu rufen: „In Deine Hand übereigne ich meinen Lebensgeist; Du kaufst mich los, Ewiger, Gott der Treue.“

Wer ist es, der dem Psalmbeter so großen Kummer und Bedrängnis bereitet? Der Psalm spricht viel davon, wie sie es tun und was das beim Beter auslöst. Aber wer das tut, kommt nur kurz in dem Blick: Hochmütige sind es am Schluss und weiter oben solche, „die sich an trügerische Nichtse halten“. Das ist ein stehender Ausdruck für heidnische Gottheiten, für Götzen. Und wer sich an sie hält, hält sich nicht nur an ihre goldenen oder silbernen oder sonstigen Standbilder, sondern an das ganze Wertesystem, das sie repräsentieren. Es wäre heute eine Verkürzung, sie auf klassische Religionen oder Aberglauben einzuschränken. Wäre es nur das, könnten wir sie einfach links – oder öfter wohl rechts – liegen lassen und zur Tagesordnung übergehen. Es geht aber um Macht, Ziele und Hoffnungen, die den Menschen vorgestellt werden, und um Auf- und Abwertungen, die das gesamte Leben beherrschen wollen. Wie weit das gehen kann, haben wir in unserem Land erlebt, als die Ideologie einer germanischen Herrenrasse nicht nur zur Ausgrenzung und dann Vernichtung des europäischen Judentums führte, sondern fast den ganzen Erdkreis in einen mörderischen Krieg hineinzog. Das muss jetzt nicht weiter ausgeführt werden. Wir sind eindeutig gewarnt.

Aber sind wir auch empfindsam für das, was die trügerischen Nichtse weiter bewirken? Nehmen wir die Entsolidarisierung und die wachsenden Konfrontationen wahr, die innerhalb der einzelnen Nationen zwischen Reich und Arm und heute in Europa auch zwischen Nord und Süd und weltweit zwischen der nördlichen und südlichen Halbkugel der Erde sich vollziehen?

Keine Sorge, es folgt jetzt keine Aufzählung der Eurokrisen-, Globalisierungs- und Privatisierungsfolgen für die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Darüber sollen wir uns bei anderen Gelegenheiten als in der Predigt klug machen. Und darüber wissen wir schon eine ganze Menge, auch wenn wir dieses Wissen oft erfolgreich verdrängen, wenigstens für eine Zeit; aber es wird uns einholen.

Wie ist denn der Psalmbeter ins Visier der Anhänger der trügerischen Nichtse geraten? Bestimmt nicht, indem er sie gewähren ließ und sich nur um seine eigenen, privaten Dinge kümmerte. Sondern er hat sich in die Auseinandersetzung begeben; er hat die Sünde Sünde und den Abfall von Gottes Lebensordnung Frevel genannt. Er hat gegen das um sich greifende Unrecht die von Gott geforderte Gerechtigkeit gestellt. Und er hat so Hohn und Spott, Ausgrenzung und Feindschaft durch die Mächtigen auf sich gezogen, bis an die Grenze der physischen Vernichtung.

Ich denke nicht, dass es mit uns so weit käme, wenn wir heute ähnliches täten bzw. sagten. Ich denke aber, dass viele Außenstehende, aus Enttäuschnung Kirchenferne, von uns erwarten, dass wir ähnliches sagten. Eine Gemeinde und eine Kirche, die aus dem Wort Gottes lebt, kann damit nicht für sich alleine leben. Sie kann dieses Wort nur in Wort und Tat weitergeben – oder sie hört auf, Gemeinde Gottes zu sein. In einer Gesellschaft, in der die Verteilung des Reichtums von unten nach oben, also die Tatsache, dass die Reichen auf Kosten der Armen immer reicher werden, in einer Gesellschaft, in der das wie ein unumstößliches Naturgesetz hingenommen wird, können die vom Wort Gottes Bewegten nicht schweigen. Sie müssen keine Patentrezepte für eine andere Politik vorweisen, aber von der anderen Gerechtigkeit sprechen, die erkennt, dass es einer Gesellschaft nur so gut geht wie den Ärmsten in ihr. Wenigstens das. Und das ist schon der erste Schritt des sich Bergens bei Gott, gemeinsam mit diesen Ärmsten.

Das macht bei den Mächtigen nicht beliebt. Aber brauchen wir deren Liebe? Oder sind wir stattdessen bereit, aus der Liebe Gottes zu leben? Die rettet und reißt heraus. Die segnet auch den, den die Mächtigen zum Narren erklären – und vielleicht ist es schon ein Segen, den Beifall nicht von der falschen Seite zu erhalten.

Der Psalm spricht von zwei Orten, ganz nebenbei und wie selbstverständlich: Vom Zelt, in dem Gott die Seinen bewahrt vor dem Zank der Zungen, und der festen Stadt, in der wunderbar die Liebe Gottes zu erfahren ist. Ich möchte das Zelt als das Bundesheiligtum Israels verstehen, in dem Gott den Seinen nahe ist und sie eine Gemeinschaft bilden, die sich gegenseitig bestärkt, und die feste Stadt als die Stadt Jerusalem, in die sein Volk mehrmals jährlich strömt, um den Bund Gottes zu feiern. Denn Feiern gehört auch dazu. Es sind die praktischen Erfahrungsorte dessen, was der ganze Psalm besingt. Wir sind vom Wort Gottes nicht in die Position von Einzelkämpfern berufen, sondern in seine Gemeinschaft.

Und wenn wir doch in die Position von Einzelkämpfern und in einen Untergang geraten, sind wir mit diesem Psalm in eine noch tiefere Gemeinschaft eingeladen. Jesus lebte aus diesem Psalm und zitierte ihn nach dem Lukasevangelium als sein letztes Wort am Kreuz bevor er starb: „In Deine Hand übereigne ich meinen Lebensgeist!“ Auch wenn das Leben zu Ende geht, können wir es keinem andern übergeben als dem Lebendigen, der es umfasst und bewahrt, weit über uns selbst hinaus. Amen.

Orgelspiel

(Gebet:) Herr, Herr, Dich wollen wir rühmen und preisen für alles, was Du an uns und für uns tust. Wir versuchen es mit Worten und Musik, hilf uns noch mehr bei dem Versuch, es in Taten der Liebe zu tun. Denn an Liebe mangelt es schon unter uns, wie viel mehr noch dort, wo die Nöte so viel größer sind.

Hilf dazu, dass wir nicht abstumpfen, dass wir nicht Gewalt und Unterdrückung, solange sie in gebührender Ferne stattfinden, wie selbstverständlich hinnehmen. Nein, wir bitten Dich: rücke das Denken derer zurecht, die meinen, mit ökonomischer und militärischer Macht ihre Ziele durchsetzen zu können oder zu müssen. Wecke uns auf, dass wir nicht Hunger und Entbehrungen, solange sie andere betreffen, übersehen, sondern lass uns solidarisch werden mit allen Leidenden und Verfolgten.

Schenke uns ein waches Bewusstsein auch für die Nöte in nächster Nähe, für die Einsamkeit vieler Menschen in unserer Stadt, für die Ziellosigkeit vieler Junger und auch Älterer, die scheinbar nicht gebraucht werden, für die Not der Menschen, die hierher geholt wurden oder sich hierher geflüchtet haben und nun abgeschoben werden sollen in Elend. Hilf uns, die Freiheit, die Du uns in der Geborgenheit bei Dir schenkst, für sie einzusetzen.

Wir bitten Dich für Dein Volk Israel, dass es Frieden findet, damit Frieden in der Welt werden kann, der Welt zum Heil und Dir zur Ehre. Sei auch mit Deiner Gemeinde, dass sie wirklich Dein wird und sich auf den Weg zu dem macht, worum wir nun gemeinsam mit Jesu Worten bitten:

Unser Vater im Himmel…

Lied 414, 1 – 4 (ganz): Lass mich, o Herr…