zu Genesis (1.Mose) 22, 17.03.2002

Predigt von Tilman Hachfeld im Gottesdienst im Coligny-Saal Berlin Halensee

Lieder im Gottesdienst waren aus dem Psalter des EG, Ausgabe für die Reformierte Kirche, die Psalmen 118, 1. 3. 5. 10.: Dankt, dankt dem Herrn, jauchzt, volle Chöre…., 119, 4 – 7.: Ich danke dir aus meines Herzens Grund… und 71, 1 – 5.: Herr, du bist meine Hilf auf Erden….

Weitere Texte im Gottesdienst waren Matthäus 20, 28., Die Zehn Gebote, Jesaja 54, 10., Lukas 22, 39 – 46. und Frage und Antwort 60 aus dem Heidelberger Katechismus.

Der Predigttext: Genesis 22, 1 – 19.:

1. Und es geschah nach diesen Begebenheiten, da stellte die Gottheit den Abraham auf die Probe. Sie sprach zu ihm: Abraham! Er sprach: Hier bin ich! 2. Und sie sprach: Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, den Isaak, und gehe für dich ins Land Moria und bringe ihn dort als Brandopfer dar auf einem der Berge, den ich dir nenne.

3. Da machte Abraham sich früh am andern Morgen auf und sattelte seinen Esel und nahm zwei seiner Jünglinge mit sich und den Isaak, seinen Sohn; und er spaltete Hölzer zum Brandopfer und machte sich auf und ging an den Ort, den ihm die Gottheit genannt hatte.

4. Am dritten Tage, da erhob Abraham seine Augen, und er sah den Ort von ferne. 5. Da sprach Abraham zu seinen Jünglingen: „Bleibt ihr für euch hier mit dem Esel, ich aber und der Junge wollen bis dorthin gehen, und wir wollen anbeten, dann wollen wir zu euch zurückkommen.“ 6. Und Abraham nahm die Hölzer zum Brandopfer und lud sie auf Isaak, seinen Sohn. Und er nahm in seine Hand das Feuer und das Messer, und so gingen die beiden miteinander.

7. Und Isaak sprach zu Abraham, seinem Vater, und sagte: „Mein Vater!“ Der antwortete: „Hier bin ich, mein Sohn.“ Und er sprach: „Hier sind das Feuer und die Hölzer; wo ist aber das Lamm zum Brandopfer?“ 8. Und Abraham sagte: „Gott wird sich das Lamm zum Brandopfer ausgucken, mein Sohn.“ Dann gingen sie alle beide miteinander.

9. Und sie kamen an den Ort, den die Gottheit ihm genannt hatte. Und dort baute Abraham den Altar und schichtete die Hölzer und fesselte Isaak, seinen Sohn und legte ihn auf den Altar, oben auf die Hölzer. 10. Und Abraham streckte seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten.

11. Da rief ihm von den Himmeln her der Engel JHWHs zu und sagte: „Abraham, Abraham!“ Der antwortete: „Hier bin ich!“ 12. Er sagte: „Strecke deine Hand nicht nach dem Jungen aus und tue ihm nichts! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast mir deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten.“

13. Da erhob Abraham seine Augen, und er sah hier einen Widder, hinten, mit seinen Hörnern im Gebüsch gefangen. Da ging Abraham hin, nahm den Widder und ließ ihn zum Brandopfer aufsteigen anstatt seines Sohnes. 14. Und Abraham rief den Namen jenes Ortes „JHWH sieht“; daher wird noch heute gesagt: „Auf dem Berg «JHWH sieht»“.

15. Und der Engel JHWHs rief Abraham ein zweites mal von den Himmeln her zu 16. und sagte: „Bei mir schwöre ich, – Spruch JHWHs – denn weil du diese Tat getan hast und hast deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten, 17. deshalb Segen: ich segne dich! Und die Vermehrung: ich vermehre deine Nachkommenschaft wie die Sterne der Himmel und wie den Sand am Strand des Meeres, und deine Nachkommenschaft wird das Tor seiner Feinde erben; 18. und Segen wünschen werden sich in deiner Nachkommenschaft alle Völker der Erde, als Lohn, dass du auf meine Stimme gehört hast.“

19. Und Abraham kehrte zu seinen Jünglingen zurück, und sie brachen auf und gingen zusammen nach Beerseba, und Abraham ließ sich in Beerseba nieder.

Liebe Gemeinde,

vor einem Monat hatten wir als Predigttext einen Abschnitt aus dem Jakobusbrief, in dem es hieß: „Niemand, der versucht wird, soll sagen, dass er von Gott in versucht worden sei. Denn Gott ist vom Bösen nicht angefochten, er versucht auch selber niemanden.“ Wie verträgt sich das mit unserem heutigen Predigttext? Sie haben es vielleicht schon an meiner Übersetzung gemerkt, dass ich ein Wort etwas anders ins Deutsche übersetzt habe als üblich, statt „Gott“, der Abraham prüft, „die Gottheit“, hebräisch haälohim. älohim, ist ein Plural, der in der Regel mit der Einzahl „Gott“ zu übersetzen ist; aber wenn er, wie hier, mit dem Artikel gebraucht wird, bezeichnet er in allgemeiner Weise „die Gottheit“. Welche Gottheit mutet Abraham zu, seinen eigenen Sohn zu schlachten? Und um die Zumutung zu verstärken, spricht sie von ihm auch noch in sich steigernden Bezeichnungen der Zuneigung: „deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, den Isaak.“

Auf diesen Isaak hatte bisher die ganze Geschichte hingezielt. Ohne ihn wäre alle Verheißung an Abraham, die Verheißung des Landbesitzes und die des Segens, die hier am Schluss noch einmal bestätigt wird, hinfällig gewesen. Nur über die eigenen Nachkommenschaft von der richtigen Frau sollten diese Verheißungen verwirklicht werden. Abrahams älteren Sohn von der Nebenfrau Hagar, den Ismael, hatte er schon in die Wüste geschickt. Es blieb ihm als Einziger und Erbe des Segens nur Isaak. Und jetzt das! Sollte der Herr, der Abraham alle Verheißungen gegeben hatte, sich noch einmal besonnen haben?

Der Abschnitt beginnt für uns Leser oder Hörer außerhalb der eigentlichen Geschichte mit einer knappen Einleitung: „Und es geschah nach diesen Begebenheiten, da stellte die Gottheit den Abraham auf die Probe.“ Es wird uns also schon vorangestellt, um was es geht – was Abraham aber nicht weiß: Es ist nur ein Test, wie man heute sagen würde, ein Test, wie weit Abraham wohl gehen würde. Ob er den Test besteht oder nicht, darüber gehen die Meinungen auseinander; die jüdische und biblische Meinung rechnet dem Abraham hoch an, dass er bereit ist für Gott, den Herrn, – und um den handelt es sich ja in seinen Augen – auch das Wertvollste und seine ganze Zukunft hinzugeben. Andere sagen, Abraham hätte den Test nicht bestanden, weil er sich auf diese Ungeheuerlichkeit, seinen eigenen Sohn zu schlachten, einließ bis fast zur Ausführung; und nicht er selbst, sondern der Engel des Herrn bringt ihn im letzten Augenblick davon ab.

Lassen wir das dahin gestellt sein. Fragen wir uns noch einmal, wer hier den Abraham auf die Probe stellt. Es gibt ein anderes Buch in der Bibel, in dem jemand bis zum Existenzverlust auf eine solche Probe gestellt wird, das Buch Hiob in seiner Rahmenerzählung. Dort wird uns ein himmlischer Hofstaat geschildert, zu dem vor allem die bene haälohim, die Söhne der Gottheit, gehören. Und unter diesen gibt es einen, der ßatan heißt, das bedeutet: der Widersacher oder Ankläger. Der versucht den Hiob dazu zu bringen, entweder Gott zu verfluchen oder sein böses Schicksal als Gottes Strafe anzunehmen – was im Buch Hiob ganz nah beieinander liegt. Gott lässt ihn gewähren – bis zum Vorletzten: er darf Hiob nur nicht ans Leben.

Und so ist es auch hier zu sehen: Der Ankläger, eben jene Gottheit, versucht, mit dem grausigen Befehl Abraham dazu zu bringen, sich gegen Gott aufzulehnen. Und sie bekommt dazu die Möglichkeit bis zum Vorletzten: Sie darf nur den Befehl, den Sohn zu schlachten, nicht zur Ausführung kommen lassen. Dagegen greift im letzten Moment der Engel des Herrn ein, und das ist keine solche Gottheit, sondern ganz offenbar die Stimme des Herrn selber: „Abraham, Abraham! – Strecke deine Hand nicht nach dem Jungen aus und tue ihm nichts!“

Das, und nicht der Befehl, den Jungen zu schlachten, ist Gottes Wort! Wie konnte Abraham das verwechseln?

Abraham hat nicht ganz genau zugehört bei der anscheinend nächtlichen Stimme der Gottheit. Er hat nicht darauf achtgegeben, dass überhaupt nicht gesagt wurde, wem er denn seinen Sohn opfern soll. Wenigstens ein ganz kleines lij, mir, fehlt in der Rede der Gottheit – denn diese Gottheit kann für sich kein Opfer fordern; und sie kann auch nicht sagen: Du sollst ihn Gott, dem Herrn, opfern. Denn der will solche Opfer nicht.

Aber weil Abraham nicht genau zugehört hat, verwechselt er Satans Stimme mit der Gottes. Und wohl zutiefst bedrückt macht er sich gleich früh am Morgen an die Ausführung dessen, was er für Gottes Befehl hält. Sofort beginnt er mit den nötigen Verrichtungen, sattelt selbst seinen Esel, befiehlt zwei jungen Knechten und seinem Sohn Isaak, mitzukommen, und spaltet schon mal das Holz für das Opfer – wer weiß, ob man dort geeignetes findet.

Es muss eine sehr schweigsame Reise gewesen sein. An einem bestimmten Punkt gibt es lediglich die Anweisung an die beiden jungen Knechte, da mit dem Esel zu warten, bis Vater und Sohn angebetet hätten. An diesen Punkt kommen sie nach drei Tagen, die übliche Frist für eine Bedenkzeit: Am ersten Tag bedenkt man den alten Zustand, den man verlassen soll, am zweiten erwägt man das Neue gegen das Alte ab, am dritten geht man auf das Neue zu. So weit ist Abraham wohl gekommen, schwersten Herzens. Und zu zweit gehen sie nun weiter. Es ist Isaak, der das Schweigen bricht, und es fällt ihm schwer, er setzt doppelt ein: er trägt Holz, der Vater eine Flamme und ein Messer – aber wo ist das Wichtigste: das Opfer? „Gott wird sich das Lamm zum Brandopfer ausgucken, mein Sohn.“, antwortet ihm Abraham. Und hier ist die Grammatik ganz wichtig: Es ist eine Form im Imperfekt, das heißt im Hebräischen: Gott ist mit diesem Ausgucken noch nicht am Ende. Ahnt oder hofft Abraham noch einen anderen als den offensichtlichen Ausgang der Geschichte? Wenn ja, lässt er sich davon nichts anmerken. Wieder schweigend geht er ans Werk, baut dort einen Altar, wohl aus herumliegenden Steinen und Erde, schichtet das Holz darauf – wohl sehr langsam. Und als alles andere verrichtet ist, nimmt er den Isaak und bindet ihm Hände und Füße zusammen, wie man dem Opfertier Vorder- und Hinterbeine zusammenbindet. Und er streckt seine Hand nach dem Messer aus, das er für all sein anderes Tun abgelegt haben muss, und greift danach, um nun zu tun, was anscheinend doch getan werden soll.

Es gibt viele Darstellungen dieser dramatischen Szene; dabei wird Abraham fast immer mit schon hoch erhobenem Messer gezeigt, im Begriff, zuzustoßen. Es gibt in Trier in einer Apotheke auch die Version, wie er ein Gewehr auf den gefesselten Sohn angelegt hat. Und dann ist da meist der Engel, der ihm gewaltsam den Arm zurückhält – und in Trier pinkelt er ihm auf die Gewehrzündung. Diese Darstellungen widersprechen den biblischen Vorschriften für ein Opfer; das Opfertier wird geschächtet, ihm wird also mit einem schnellen Schnitt die Halsschlagader geöffnet. Weit ausholend, wie der Abraham auf den meisten Bildern, würde er sie wohl verfehlen. Nein, er hat das Messer einfach in der Hand, um zu tun, was er meint, tun zu sollen. Und da ereilt ihn die Stimme des Engels, die die Stimme Gottes, des Herrn, ist. Der Sohn ist gerettet und Abraham auch. Und es findet sich das Opfertier, das der Herr sich ausgeguckt hat: Ein Widder, der sich mit seinen großen Hörnern im Gestrüpp verfangen hat. Der wird nun zum Brandopfer erhöht, Gott zur Ehre, Abraham, Isaak und allen ihren Nachkommen, die es sonst nicht gegeben hätte, und durch sie der Menschheit insgesamt zum Heil.

Die Geschichte hat Folgen. Denn Gott redet durch den Engel nicht nur, um die grausige Szene zu beenden, sondern lobt den Abraham dafür, dass er bis hierher mitgemacht hat – nicht mitgespielt, denn für Abraham war es grausiger Ernst, und um ein Haar hätte er auch bis zum Ende mitgemacht. Moralisch gesehen wäre er der Schlächter seines Sohnes. Die Geschichte ist aber nicht moralisch. Sie erzählt von einem Gottvertrauen, das Gottes Wort höher stellt als den eigenen Horizont; von einer Gottergebenheit, die Gottes Weisung höher einschätzt als das eigene Leben und das der Nachkommen. Man könnte auch sagen, dass Abraham hier fast zum Märtyrer geworden wäre, denn mit dem Tod seines Sohnes hätte auch seine eigene Existenz aufgehört. Beides sollte nach Gottes Willen nicht sein, aber Abrahams Bereitschaft dazu sollte festgestellt werden.

Vielleicht saß der Engel, der Abraham Einhalt bot, in Wirklichkeit ja in seinem eigenen Inneren. Das „von den Himmeln her“ spräche nicht dagegen, denn der Himmel kann tief in die Herzen der Menschen reichen. Vielleicht wurde ihm in dem Moment, in dem er das Messer in der Hand hielt und vor sich seinen gefesselten Sohn sah, bewusst, dass ihm gar nicht gesagt war, wem er ihn opfern sollte, und was er damit zu tun im Begriff war: Mord! Und das kann nicht sein. Er wäre zwar um Gottes willen bereit gewesen, es zu tun, aber er kann es um Gottes willen nicht ausführen.

Der Rabbiner Benno Jacob schrieb dazu in seinem Kommentar von 1934 unter Berufung auf Maimonides folgenden Satz: „Also hat Abraham Gott geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn hingab, auf dass alle, die ihm nachfolgen, wissen, was das höchste Gut ist, aber auch, dass die Liebe zu Gott nie bis zur Opferung von Menschen gehen soll.“ Damit dreht Jacob einen Satz aus dem Johannesevangelium um: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Am Freitag nächster Woche, am Karfreitag, werden wir darüber nachzudenken haben, ob das, was hier für Abraham gilt, nicht auch für Gott selber gelten muss: dass auch seine Liebe zur Welt nie bis zur Opferung eines Menschen gehen soll, denn alle Menschen sind auch Kinder Gottes. Sie müssen nicht, wie das Opfertier, auf einem Altar erhöht werden, um Gott gefällig zu werden, – und auch nicht an einem Kreuz. Der Segen, der aus Abrahams Gehorsam auf alle fließen soll, die ihm darin nachfolgen, dass sie an seinen Gott glauben, kann nicht über Leichen gehen. Denn Gott ist das Leben, und zum Leben beruft er uns. Amen.

-> Link zur angekündigten Karfreitagspredigt

Psalm 105, 1 – 5.: Dank, dank dem Herrn, du Jakobs Same…

(Gebet nach der Predigt:) Herr, wir loben und segnen Dich um Abrahams willen, in dem Du Menschen zu Deinem Volk berufen hast, und um Jesu willen, durch den auch die Heiden, auch wir, den Segen erfahren, der von Abraham auf alle Völker der Erde fließen soll. Lass uns nicht nur Empfänger des Segens, sondern Teilnehmer an dem guten Werk sein, das von ihm ausgeht. Lass Deinen Segen denen spürbar werden, die ihn noch nicht wahrnehmen können, weil Ängste sie beherrschen, Ängste um das materielle Auskommen, Ängste um die persönliche Anerkennung, Ängste um die Zukunft. Erweise Dich als der, der für die Seinen in jeder Hinsicht sorgt, der jeden und jede ernst nimmt, der allen eine größere Zukunft bereit hält, als wir sie schon erfassen können. Wir bitten Dich für unsere Kranken, dass sie Mut und Trost finden, und für unsere Sterbenden, dass sie Dich als das Ziel erfahren. Wir bitten Dich für alle, die in ihrem Leben keinen Sinn erkennen können, dass Du ihnen den Weg zeigst, wie sie ihr Dasein sinnvoll gestalten können, für alle, die die Hoffnung verloren haben, dass Du ihnen neue, berechtigte Hoffnungen erweckst. Wir bitten Dich für alle, denen vorenthalten wird, was für eine leben in Sicherheit und Würde nötig ist, Brot, Freiheit, Bildung und das Recht, so zu leben, wie es für sie richtig ist. Wir bitten Dich um Frieden für Dein Volk und seine Nachbarn und für alle, die von Krieg und Gewalt betroffen oder bedroht sind. Wir bitten Dich für unsere Kirche, dass sie den Auftrag, Zeugen Deiner Güte und treue zu sein, wahrnimmt. Wir bitten Dich auch für die Starken, dass sie ihre Kraft für die Schwachen einsetzen, für die Fröhlichen, dass ihre Fröhlichkeit ansteckt, für alle Liebenden, dass ihre Liebe über sie hinaus wächst. Wir bitten Dich mit den Worten Jesu: Unser Vater im Himmel…