Reformierte Identität, Januar 2009

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Daran festhalten! Vom Kern reformierter Identität in wechselvollen Zeiten.

Bevor wir uns darauf besinnen, woran wir denn um unserer reformierten Identität willen  festhalten wollen, müssen wir wohl klären, was denn „reformierte Identität“ überhaupt ist oder sein kann. Beginnen wir mit einem Blick von außen, dem Blick eines deutschen kirchlichen Betrachters, den ich hier etwas karikiere, um die Sache deutlicher zu machen Dieser Betrachters aus Deutschland zeichnet sich in der Regel durch einen engen, nämlich rein deutschen Horizont aus, innerhalb dessen der „normale“ Protestantismus, anders als in der weiten Welt, rein lutherisch ist. Entsprechend definiert er „reformiert“ durch das, was bei uns vom Luthertum abweicht.

Offensichtliche Abgrenzungen vom Luthertum

Hier kurz die Unterschiede, die ihm offensichtlich sind: Als Erstes nennt er das symbolische Sakramentsverständnis beim Abendmahl, das Christus als anwesend nicht leiblich in Brot und Wein erklärt, sondern eben „symbolisch“. Reformiertes Verständnis aber besagt: Er ist geistig durch seinen Heiligen Geist in seiner Gemeinde wirksam, die der irdische Leib des himmlischen Herrn ist. Das Abendmahl erinnert daran wie das Sedermahl die Juden an den Auszug aus Ägypten: Wer dieses Gedächtnis mitfeiert ist wie jemand, der selber mit auszieht, bei uns: der an Christus Anteil hat.

Weiter fällt ihm die andere Gottesdienstgestaltung auf, der er sogar die Bezeichnung „Liturgie“ abspricht, obwohl „Leiturgia“ ursprünglich jeden öffentlichen Gottesdienst bezeichnet. Deshalb heißt das reformierte Gottesdienstbuch ja auch „Reformierte Liturgie“.

Dann ist da das Bilderverbot, das Luther in seinen Katechismen weggelassen hat. Damit folgte er der kirchlichen Praxis seit Konstantin, also der römischen Staatskirche. Uns wird das Festhalten daran von den einen als Kunstfeindlichkeit, von anderen als übertriebener Biblizismus oder als Gesetzlichkeit ausgelegt, wie überhaupt  die stärkere Beachtung des Alten Testaments bei uns mit Gesetzlichkeit in Zusammenhang gebracht wird.

So auch der „tertius usus legis“, dritter Gebrauch des Gesetzes, der das biblische Gesetz nicht nur 1. als Zähmung der Bösen und 2. als Spiegel zum Erkennen der eigen Sündigkeit sieht, sondern 3. auch als Weg, vor Gott und mit ihm zu leben. Auch hier erkennt unser Lutheraner strenge Gesetzlichkeit bis hin zum Puritanismus, und in die selbe Schublade packt er Calvins Prädestinationslehre und Kirchenzucht. Zum Vorwurf der Gesetzlichkeit komme ich gleich noch einmal.

Bereicherungen aus reformierter Herkunft

Aber unser Betrachters sieht nicht nur negative Abgrenzungen, sondern auch Bereicherungen die aus der reformierten Tradition kommen, wie der Psalmengesang, den aber Luther schon vor den Genfern erfunden hat (und lange vor Luther Mose und Mirjam). Dabei wird oft noch nicht wahrgenommen, dass auch bei uns seit dem 17. Jahrhundert nicht mehr aus dem Psalter allein gesungen wird, sondern ebenso die Lieder des bekannten Calvinistenfressers Paul Gerhard und anderer, etwa die der reformierten Pietisten Joachim Neander und Gerhard Tersteegen. (Ja, einen reformierten Pietismus gibt es auch, nicht nur in der Vergangenheit. Besuchen Sie einmal die Reformierte Gemeinde Görlitz!)

Als besondere Bereicherung sieht der Betrachters aber das Synodal-presbyteriale Kirchenregiment, das eine reformierte Erfindung ist und nach dem Ende des landesfürstlichen Summepiskopats, also der Bischofsfunktion des Königs, auch in den lutherischen Landeskirchen neben die konsistoriale Leitung getreten ist, sie kontrollierend und durch Gesetzgebung lenkend – soweit die sich von außen in die Karten schauen und lenken lässt.

Weitere Abgrenzungen

Aber damit noch nicht genug der Unterschiede; einige andere bekommt auch unser zitierter Betrachters nicht recht in den Blick, sei es, weil sie nicht offensichtlich sind, sei es, dass ihm jedes Verständnis dafür fehlt:

Zum Beispiel dafür, dass das symbolische Sakramentsverständnis wie das Abendmahl so auch die Taufe bestimmt, und dass dahinter nicht einfach ein Unglaube an das sakramentale Wunder steht, sondern vielmehr ein riesiges Vertrauen in das eigenständige Wirken des Heiligen Geistes. Luther scheint das im Marburger Religionsgespräch mit Zwingli stärker gespürt zu haben, als die offiziellen Protokolle aus Wittenberg das wiedergeben. Aber er hatte Angst vor zu viel Freiheit des Heiligen Geistes, das war für ihn eine Quelle der Schwärmerei, und die Reformierten standen für ihn sowieso den Schwärmern nahe, ging doch von Zürich auch das Täufertum aus und fanden die Führer der geschlagenen Bauernhaufen aus Süddeutschland dort politisches Asyl – auch das übrigens eine reformierte Tradition!

Übersehen wird auch gerne, dass das Alte Testament bei uns nicht nur allgemein mehr Beachtung findet, sondern dass es auch prinzipiell anders gelesen wird: nämlich als eine in sich abgeschlossene Schrift des Gottesvolkes Israel, die aus sich selbst zu verstehen ist und nicht nur durch eine neutestamentliche Brille betrachtet werden darf, nach Luthers Motto „was Christum treibet“.

Und wie ist es mit dem Gesetz, das wir ja in jedem Gottesdienst symbolisch verlesen? Während Luther in einer einseitigen Paulusinterpretation die Unterscheidung, ja Gegensätzlichkeit von Gesetz und Evangelium betont und zum Kern seiner Theologie macht, erkennen die reformierten Theologen das Evangelium auch im Gesetz; Karl Barth schrieb dazu: „Eben das Evangelium selbst und als solches hat die Form und Gestalt des Gesetzes. Das eine Wort Gottes ist Evangelium und Gesetz … Es ist das Evangelium, das das Gesetz enthält und in sich schließt wie die Bundeslade die Tafeln am Sinai…“ (KD II/2 p.567)

Barth wählt den Vergleich mit der Bundeslade nicht zufällig. Reformierte Theologie ist nämlich Bundestheologie:  „Bund“ ist im biblischen Sinn das Gemeinschaftsverhältnis zwischen Gott und seinem auserwählten Volk. Dabei ist der eine Partner – Gott – der Mächtige und zugleich Gütige; und dem anderen Partner – dem Volk – übergeordnet, nimmt diesen aber in Schutz und lässt ihn seine Liebe und Treue erleben. Gott nimmt das Volk zugleich „in Schutz“ und „in Pflicht“, nämlich die im Bund gewährte Freiheit auch zu leben. Durch Jesus Christus haben wir gemäß dem Abrahamssegen „in dir erlangen Segen alle Völker der Erde“ an diesem Bundesgeschehen teil. Der Bund ist auf die Zukunft gerichtet, die „Schalom“ heißt, und das ist mehr als Frieden: das ist ein heilsames Ganzheitsverhältnis; die Bundeswirklichkeit wird so zur Heilsgeschichte, der menschliche Bundespartner erlebt darin seine eigene Heiligung, die sich auch in seiner Lebensführung niederschlägt.

Übersehen wird übrigens oft, dass sowohl Prädestinationslehre als Kirchenzucht bei Calvin in diesen Rahmen gehören und praktisch vor allem seelsorgerliche Funktion haben.

Unsere Überzeugung, dass der Anspruch des Wortes Gottes voll und ganz für alle Lebensbereiche gilt und nicht in zwei Reichen unterschiedliche Autorität hat, wird uns gerne als ungerechtfertigte Politisierung der Schrift ausgelegt, anstatt die Schrift selbst danach zu befragen, wohin sie denn zielt, auch mit dem tertius usus legis. Es könnte sich aus ihr ja tatsächlich so etwas wie ein Programm des religiösen Sozialismus ergeben, der in der Schweiz seine eigene Tradition hat, auch bei Karl Barth, und den die reformierten Kubaner wieder fast so gründlich herausgearbeitet haben wie katholische Befreiungstheologen.

Bekennen und Bekenntnis

Und schließlich, und hier ist das Unverständnis besonders groß, ist da die Frage nach dem Bekenntnis bei den Reformierten. Das Bekenntnis hat bei uns nämlich eine andere Funktion als bei Katholiken, Lutheranern und Fundamentalisten: Es ist nicht eine einmal für immer formulierte richtige Glaubenserkenntnis, neben der es keinen Weg zum Heil gibt, sondern unsere Bekenntnisse formulieren vorläufiges Erkennen, das immer wieder hinterfragt und durch neue Erkenntnis revidiert werden soll. Das eigentliche Bekenntnis ist das, was die Gemeinde und der Einzelne jeweils aus dem Wort Gottes erleben und dann selber ins eigene Leben umsetzen. Auch dabei kommt der tertius usus legis zu seinem Recht. Die formulierten Bekenntnisse sind dabei wichtige Zeugnisse der Tradition und als solche zu bedenken, sie sind und bleiben aber Menschenwerk und sind kein Katalog von ewigen Wahrheiten. In der Konsequenz nennen die Kirchenordnungen der reformierten Kantonalkirchen in der Schweiz sowie die der Pfälzischen Kirche keine Bekenntnisse als Grundlage, sondern nur die Schrift Alten und Neuen Testaments.

Es scheint, als wäre das nicht immer so gewesen; um Bekenntnisse wurde auch heftig gestritten, im 16. Jahrhundert in der Schweiz bis zur Hinrichtung von Täufern und Unitariern, das sind Leugner der kirchlichen Trinitätslehre. Nicht um es zu rechtfertigen, aber um zu verstehen, was da vorging, muss man auf die Begründungen sehen: Die Täufer wurden in Zürich verfolgt, weil sie mit der Weise, in der sie ihre Lehre in die Praxis umsetzten, die Einheit sowohl der kirchlichen als der politischen Gemeinde zu zerstören drohten. Das Urteil gegen sie war vorrangig ein politisches.

In Genf wurde der Unitarier Miguel Servet 1553 der Gotteslästerung angeklagt und nach damals im ganzen römischen Reich gültiger Rechtspraxis verurteilt; vor dem Urteil holten sich die Genfer Ratsherren Rat bei den anderen reformierten Ständen, die unisono die Verurteilung empfahlen – in Bern dann auch an einem Anhänger Servets praktizierten. Zu den Begründungen in den Zusprüchen gehört wesentlich das Argument, dass im Fall der Nichtverurteilung das ganze Reformationswerk in Genf mit Servets Leugnung der Trinität identifiziert und damit zerstört würde. Insofern ist auch dieses Urteil als politisches zu bewerten.

Wichtig im Zusammenhang mit Servets Verurteilung in Genf ist aber die Stellungnahme von Sebastian Castellio, einst Freund und Schüler Calvins, der sich dann von ihm gelöst und eigenständig humanistisch weitergedacht hat. Sein richtungsweisender Beitrag in diesem Zusammenhang heißt „De haereticis, an sint persequendi“: Von den Ketzern, ob man sie verfolgen soll. Er argumentiert von der Prädestinationslehre her und kommt so zu einem klaren „Nein“, das in der Folge als Plädoyer für Gewissensfreiheit die reformierte Haltung zu Andersdenkenden und Andersglaubenden mitbestimmte und prägte.

 Ökumenizität

 Aber nicht erst durch Castellio kommt zu den vorher erwähnten reformierten Lehr- und Glaubensweisen noch etwas anderes, das in der Regel übersehen wird, und da müssen wir uns fragen, ob es nicht deshalb übersehen wird, weil wir es verbergen, auch vor uns selbst: Das ist die Ökumenizitätoder grundsätzliche Offenheit auch zu Andersdenkenden hin. Kirchesein ist nach reformiertem Verständnis schon bei Zwingli und Calvin nicht nur das eigene Kirchesein, sondern kann auch andere Formen und bis zu einem gewissen Maß andere Inhalte haben. So war früher die unterschiedliche Abendmahlslehre nie den Reformierten ein Hinderungsgrund, mit Lutheranern Abendmahl zu feiern, sondern den Lutheraner war sie das. Das ist nun Gott sei Dank überwunden; bei den römischen Katholiken allerdings noch lange nicht.

Bei der Liturgieform der Deutsachen Messe fremdeln Reformierte zwar oft, aber das ist kein kirchentrennendes Problem, sondern eine Stilfrage, wie auch die immer öfter fehlende liturgische Disziplin, an deren Stelle dann eine oft schlechte Improvisation tritt.

Und bei aller Klarheit des Heidelberger Katechismus in Bezug auf die päpstliche Messe als „vermaledeiter Abgötterei“, kann auch mit katholischen Gemeinden Kirchengemeinschaft gepflegt werden, wenn man sich dabei bewusst bleibt, welche Lehren man nicht teilt und warum (Messopfer, Papsttum, Heiligenkult, Sakramentalismus). (Ich für meinen Teil kann mir unter ähnlichen Vorbehalten noch eher die Gemeinschaft mit einer liberalen Synagogengemeinde vorstellen. Da lernt man die Bibel zu lesen. Aber brauchen die uns? Und ich würde schließlich auch eine Gemeinschaft mit einer aufgeklärten islamischen Gemeinde nicht ausschließen; problematischer würde es für mich allerdings bei Buddhisten, mit denen ich nicht gerade auf einer religiösen Basis zusammenarbeiten könnte, auf jeder anderen aber sicher.)

Die große Offenheit zu anderen Kirchen hat zur Folge, dass Reformierte in der Regel kein Problem mit Kirchenunionen haben; das zeigen zahlreiche Zusammenschlüsse von reformierten mit anderen Kirchen rund um den Globus und jüngst die Vereinigung der niederländischen Reformierten mit den dortigen Lutheranern.

Da scheint es mir eine deutsche Besonderheit zu sein, wenn in der vollzogenen Union der reformierte Anteil am neuen Ganzen bald verdrängt wird. Man schaue sich dazu allein in Berlin um, was in den im 19. Jahrhundert entstandenen unierten Gemeinden geschehen ist: Sie wurden vollständig lutheranisiert, das reformierte Element in ihnen ging verloren; das genuin reformierte Erbe blieb hierzulande beschränkt auf die reformierten Gemeinden, die sich der Union entzogen, weil sie sich, nämlich  die Französisch-reformierten und die Bethlehemsgemeinde, auf ihre andere Sprache berufen konnten, oder die eine eigene rein reformierte Parochie ohne Lutheraner am Ort bildeten, wie Hohenbruch, Lindenhagen, Beenz, oder die als hohenzollernsche Hofgemeinden ihren eigenen Status beibehielten, wie in Schwedt oder Köpenick, aber je näher sie verwandtschaftlich dem Könighaus standen, desto ehr teilten sie das Los der Lutheranisierung; Paradebeispiel ist die Oberpfarr- und Domkirchengemeinde mit ihrer gesungenen Liturgie und farbigen Gewändern, über die die steinernen Zwingli und Calvin oben in der Kuppel des Berliner Doms gelassen hinwegsehen.

Kennzeichen des Reformiertentums ist also auch die Fähigkeit, anderes zu ertragen und in sich aufzunehmen, wenn es als sinnvoll erkannt wird – wobei der Sinn auch der sein kann, dass man anderen die Zugangsschwellen niedriger macht.

Die Ehre Gottes

Und, wie schon genannt, kann und muss auch das Bekenntnis und die ihm zugrundeliegende theologische Erkenntnis revidiert werden, wenn das jeweilige Hören auf das Wort Gottes in der Bibel das nahe legt. Ein eindrückliches Beispiel dafür war für mich die Hauptversammlung des Reformierten Bundes 1994 in Hanau unter den Titel „»…der alles so herrlich regieret« – Fragezeichen – Was verstehst du unter der Vorsehung Gottes?“. Das ist Frage 27 im Heidelberger Katechismus, auf die dort geantwortet wird, dass alles, was uns widerfahren kann, »uns nicht durch Zufall, sondern aus seiner (Gottes) väterlichen Hand zukommt.« und korrespondiert mit der ersten Frage, die die Teilnehmer alle einmal verinnerlicht hatten  »…dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen«. Die Versammlung in Hanau war sich fast einstimmig einig, dass diese Aussagen aus dem 16. Jahrhundert nach heutiger Erfahrung und biblischer Erkenntnis so nicht mehr stimmen: Wir können und wollen Gott nicht für Erdbeben, Hungersnöte, Krankheiten, Krieg und andere Katastrophen und Verbrechen verantwortlich machen, denn wir erkennen ihn als den Gott, der Leben will und nicht Tod und Leid. Hier musste einem Bekenntnissatz um der Ehre Gottes willen widersprochen werden. Und das ist nur ein Beispiel, dem andere hinzuzufügen wären.

Um der Ehre Gottes willen!  Daran ist alles zu prüfen, was unser Kirchesein, am besten: was unser ganzes Sein betrifft. Dient es zur Ehre Gottes? Und was dient, wo wir zu wählen haben, mehr zur Ehre Gottes? Wobei wir davon ausgehen, dass es um den in der Bibel bezeugten Gott Israels geht, der sein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit führt, und den wir auch als den Vater Jesu Christi erkennen wollen, der nicht den Tod des Sünders will, sondern dass alle Menschen von Tod und Sünde befreit werden. Und der diese Erde geschaffen hat, damit Menschen – und wir Heutigen sagen dazu: und jedes andere Leben, das er geschaffen hat – auf ihr in seiner Gemeinschaft leben können und damit wir dieses Leben zu seiner Ehre gestalten, statt uns gleich von dieser Erde wegzusehnen in den Himmel. Auch hier haben wir heute etwas anderes zu bekennen, als die frommen Liederdichter eines großen Teils unseres Gesangbuchs, für die die Erde ein Jammertal war und nicht, wie wir es für uns aus der Bibel erkennen, eine Aufgabe…

Die Aufgabe nämlich, auf ihr um der Ehre Gottes willen – und nicht um der Ehre einer Partei oder Ideologie willen – Recht und Gerechtigkeit zu verwirklichen, im Großen wie im Kleinen. Bei seiner Tagung 1997 in Debrecen hatte der Reformierte Weltbund, dessen Mitgliedskirchen zu 75% in der sogenannten „Dritten Welt“ zu Hause sind, einen „verbindlichen Prozess der wachsenden Erkenntnis, der Aufklärung und des Bekennens (processus confessionis) bezüglich wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und ökologischer Zerstörung“ ausgerufen. Dazu forderte er seine Mitgliedskirchen auf, international und national mit internationalen Organisationen und mit Basisgruppen zusammenzuarbeiten und „ihre Kräfte mit denen anderer Glaubensgemeinschaften und Menschen guten Willens, die das gleiche Ziel verfolgen, zu vereinigen.“ Die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1998 in Harare unterstützte diesen Beschluss ausdrücklich, Folgeveranstaltungen des Reformierten Weltbundes vertiefen seitdem das Thema, insbesondere die Tagung im August 2004 in Accra, die ein recht konkretes Papier zur Praxis dieses Bekennens erarbeitet hat. Der Reformierte Bund, dem die meisten Reformierten Gemeinden in Deutschland angehören, ist deshalb dem Bündnis Attac beigetreten und in dessen Sprecherrat vertreten.

 Um der Ehre Gottes willen: Das heißt auch, all dem eine Absage zu erteilen, was sich an Gottes Stelle setzen will. Anders als das Luthertum hat die reformierte Kirche von Anfang an nicht nur das Widerstandsrecht, sondern sogar die Widerstandspflicht betont, wenn eine weltliche Obrigkeit sich über Gottes Gebot stellt und so sich selbst verherrlicht, statt dem Allgemeinwohl zu dienen. Allerdings legte vor allem Zwingli Wert darauf, dass die Absetzung einer solchen Obrigkeit ordentlich durch die berufenen Vertreter des Volkes stattfinden sollte.

Nun sind es nicht nur Obrigkeiten, die sich selbst an Gottes Stelle setzen wollen, sondern es gibt auch Ideen, die ähnliches tun; der Nationalismus, der die Nation als höchstes anbetet, der Kapitalismus, der Geld und Profit zum höchsten Wert erklärt, und auch Kommunismus und Sozialismus, wenn sie sich als reine Lehre über die erheben, denen sie dienen sollten. Darauf muss ich nicht weiter eingehen. Aber es gibt ähnliche Tendenzen auch im religiösen Bereich, wenn bestimmte Glaubenssätze oder –erfahrungen zur Messschnur gemacht werden, ob jemand bei Gott richtig liegt oder nicht – das kann ein Katechismus sein, ein formuliertes Glaubensbekenntnis, das kann die Frage sein, ob jemand „bekehrt“ sei oder an bestimmte Glaubensartikel, zum Beispiel die Trinität Gottes, glaubt. Ob jemand bei Gott richtig liegt, bestimmt Gott allein. Und es war Zwingli, der dazu – um der Ehre Gottes willen! – schrieb, dass wir in dieser Welt nie sagen könnten, jemand sei von Gott verworfen, und daran knüpfte er die feste Vermutung, dass wir das auch in der zukünftigen Welt nicht können würden – weil Gott das Heil aller Menschen will.

Woran ist nun gut reformiert festzuhalten? Zunächst erst einmal daran, dass wir uns an nichts klammern müssen, sondern prinzipiell frei sind, alle unsere Glaubenssätze und –praktiken darauf zu befragen, ob sie der Ehre Gottes dienen. Der Ehre Gottes dienen sie, wenn sie seinen Geschöpfen das gute Leben ermöglichen, zu dem er sie erschaffen hat, wenn sie den Menschen zur Freiheit der Kinder Gottes verhelfen, ohne Angst verantwortungsvoll in dieser Welt und für sie zu wirken, darauf vertrauend, dass Gott uns seine andere Welt eröffnen wird, wenn unsere Zeit dazu gekommen sein wird.

Festzuhalten ist daran, dass wir keine Autorität anerkennen, die uns vorschreibt, was wir zu denken oder zu glauben haben, und sei diese Autorität noch so reformiert. Die einzige Autorität, die wir anerkennen, ist das in der Bibel bezeugte Wort Gottes, aber nicht als wörtliche Denk- oder Dienstanweisung, sondern wie es uns als frei machende Botschaft in unserer jeweiligen Zeit und Situation anspricht.

Alles andere, was wir als „reformiert“ gewohnt sind und mit uns tragen, bleibt diesem untergeordnet und ist daran zu prüfen – zur höheren Ehre Gottes.

(Nach einem Vortrag vom 18. Januar 2009 in der reformierten Schlosskirchengemeinde Berlin-Köpenick)

siehe zum Thema auch -> Weitere Predigten -> zu Psalm 115