Solidarität mit Israel

 

1. Israel – eine zugleich theologische und reale Größe

2. Antijudaismus und Antisemitismus…

3. Zionismus, Antizionismus und Israelkritik

4. Die umstrittene Existenz des modernen Israel

5. Fragen

6. Solidarität mit Israel

1. Israel – eine zugleich theologische und reale Größe

Unser christliches Bekenntnis zu Gott ist – ungeachtet der trinitarischen Erweiterung – das Bekenntnis zum Gott des Juden Jesus, also dem Gott Israels (wobei diese Genitive keine des Besitzes, sondern der Zugehörigkeit sind), der sich den Vätern und Müttern Israels sowohl in Weisung und Verheißung als auch in historischen Ereignissen offenbart hat. Die historischen Ereignisse sind z. B. der Auszug aus Ägypten und die Landnahme in Kanaan (Bücher der Tora = 1. – 5. Mose und Josua) oder die Rückkehr aus der Deportation in Babylonien (Deuterojesaja = Jesaja ab Kapitel 40, Esra, Nehemia), sie gehen aber auch noch über die Zeit der Bibel hinaus (wie ja auch über den biblischen Text hinaus eine mündliche Tora existiert): Dazu gehört die Geschichte des Judentums unter hellenistischer Herrschaft (Makkabäerbücher) und dann die der fast 1’900jährigen Diaspora nach der Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die Römer anno 70 u. Z.. Und schließlich gehört dazu die Einwanderung ins Land Israel nach der Katastrophe der Schoah und bis heute. Insofern ist auch das heutige Israel für unser christliches Bekenntnis eine theologische Größe, an der wir nicht vorbei können.

Die Bibel selber in ihren Geschichts- und Prophetenbüchern schildert Israel und Juda keineswegs als Idealstaaten, sondern als in die Weltgeschichte eingebundene, oft bedrängte, immer wieder dem Bekenntnis zu seinem Gott untreue und darüber zerstrittene Gesellschaften. Diese Realität muss und soll man nicht verdrängen, sondern sie auch dem heutigen Israel zubilligen.

Diese Realität widerspricht nicht den Verheißungen, mit denen sein und unser Gott sich Israel verbunden hat, sind sie doch gerade nicht einem theologischen Ideal, sondern einem weltlich realen, von der Geschichte gebeutelten Volk gegeben – als eigener Trost und als Trost für die Menschheit weit über Israel hinaus, etwa die Verheißung der Weisung, die von Zion ausgeht und weltweiten Frieden schafft (Micha 4, 1 – 8.): Die Nationen werden dorthin wallfahrten und lernen, Frieden zu machen – wozu die Völker nicht zum Gott Israels bekehrt werden müssen. Erst in diesem Weltfrieden wird auch Israel gesammelt und Frieden mit seinem Gott finden.

Ähnliches gilt vom Sabbat, mit dem der Vollendung der guten Schöpfung im Voraus gedacht und sie gefeiert wird.

Israel ist der erste Adressat dieser Verheißungen, nicht weil es großartig, sondern gerade weil es das nicht ist. Daran zeigt sich Gottes Souveränität und sein Erbarmen, dass er gerade in den (vor der Welt) Schwachen mächtig ist – und sein Volk auch endgültig erscheinende Katastrophen überleben lässt (Ägypter, Assyrer, Babylonier, Hellenen, Römer, Deutsche…).

Auserwählt ist Israel, gerade dies der Welt vor Augen zu führen und sie damit einzuladen, sich auch mit Gottes Weisung zu befassen und auf seine Verheißung zuzugehen. Nicht, um sie zu Israeliten zu machen, sondern damit sie Frieden lernen, indem sie zur Vernunft kommen.

Der heutige Staat Israel ist ein säkularer Staat, der eine mehrheitlich jüdische Identität wahrt. Diese jüdische Identität ist nicht gleich eine religiöse, sondern fußt auf einer verbindenden Tradition, die jüdisches Leben über zweieinhalb Jahrtausende Diaspora (ab der Deportation nach Babylonien 587 v. u. Z.) bewahrt hat. Seit der europäischen Aufklärung (Moses Mendelssohn!) gibt es sie auch losgelöst von der Glaubensgemeinschaft der Synagogen. Zu ihr gehört auch die Fähigkeit, mit anderen zusammenzuleben, was die Natur der Diaspora war und heute im Land im Zusammenleben mit etwa 25% Palästinensern mit israelischer Staatszugehörigkeit fortbesteht.

Trotz dieser Säkularität – und man muss heute sagen: auch trotz etlicher religiös extrem militanter jüdischer Gruppen – bleibt Israel in seinem Land wie in der fortbestehenden Diaspora Träger der Verheißungen Gottes, die auf eine vollendete Schöpfung in Frieden gerichtet sind. Es ist aber wegen dieser Säkularität nicht statthaft, heutige Politik und Kultur in Israel und in der jüdischen Diaspora daran zu messen und bestimmte Verhaltensweisen einzufordern.

Die Spannung zwischen Verheißungsträgerschaft und weltlicher Existenz stellt sich innerhalb des (religiösen) Judentums anders als außerhalb dar: Dort ist es eine Frage des Umgangs mit der Tora,

hier eine eschatologische; bei beiden geht es aber um Zukunft im Einklang mit dem Gott Israels.

2. Antijudaismus und Antisemitismus…

2a. …in der Antike,…

Diskriminierung und Verfolgung von Juden um ihres Judeseins willen schildern für die Diaspora in Persien Ende des 5. Jahrhunderts v. u. Z. die Ester-Novelle, für die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts v. u. Z. im hellenistisch regierten Juda die Makkabäerbücher.

Im Buch Ester wird ein geplantes Pogrom ins Gegenteil verkehrt und den Juden im persischen Reich erlaubt, gewaltsam gegen ihre Feinde vorzugehen. Diese Erzählung ist nicht historisch, zeigt aber, dass es Pogromstimmung zu der Zeit gab. Der Überwindung der Feinde, für die symbolisch die Person Hamans steht, ist das jährliche Purimfest gewidmet.

Die Makkabäerbücher berichten dagegen Geschichte, die zum siegreichen Aufstand und Errichtung einer priesterlichen Herrschaft für 100 Jahre führte. Der Befreiung des Tempels im Jahr 164 v. u. Z. ist das jährliche Chanukkafest gewidmet.

Unter der Herrschaft der Römer, erst Verbündete, dann Sieger über die Makkabäer, wird den Juden im Land und in der bald weltweiten Diaspora gegen eine Steuer Befreiung vom Staatskult gewährt, auch noch nach der Zerstörung Jerusalems und Vertreibung der Juden aus Judäa, das dann den Namen Palästina erhält. Aber schon im 1. Jahrhundert u. Z. gab es einzelne Pogrome gegen jüdische Gemeinden, angeheizt durch verleumderische Erzählungen (die Juden beteten einen Eselskopf an, schlachteten rituell Menschen, seien verpflichtet, alle Nichtjuden zu hassen u. a., siehe Flavius Josephus: Gegen Apion).

2b. … im christlichen Abendland und heutigen Europa…

Mit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion traten zu den bestehenden Verleumdungen die christlichen antijudaistischen Schuldzuweisungen: Gottesmörder, Schriftverdreher. Ihre Heimatlosigkeit wurde als göttliche Strafe für die Ablehnung Jesu interpretiert.

Das Mittelalter wies den Juden eine gesellschaftlich diskriminierende Rolle zu (Ghettoisierung, Mischehenverbot, Berufsverbote außer Handel und Geldverleih u. a.); Judenhass und -verleumdung (Ritualmord, Hostienmissbrauch, Brunnenvergiftung u. a.) fand Eingang in die Volksfrömmigkeit, vereinzelte Pogrome gipfelten schließlich im Vorfeld des ersten Kreuzzuges in der Zerstörung und Ermordung jüdischer Gemeinden vor allem am Rhein, fanden aber bis ins 19. Jahrhundert immer wieder auch in Deutschland statt.

Die Reformation änderte daran nichts; Luther hetzte gegen Juden, auch in den Reformierten Orten fanden sie kein Bürgerrecht, die evangelische Theologie tradierte die antijudaistischen Interpretationen ungebrochen weiter (zum Teil bis heute).

Die Aufklärung und die ihr zu verdankende allmähliche Besser- und schließlich rechtliche Gleichstellung der Juden in Europa beendete keineswegs den in den Völkern tief verwurzelten Antijudaismus, der z. T. durch fingiertes, verleumderisches Schriftgut („Protokolle der Weisen vom Zion“ u. a.) bewusst genährt wurde, in Deutschland auch durch das Reformationsjubiläum 1817, bei dem Luthers Hetze gegen Juden neu verbreitet wurde. Seit den 1870er Jahren gibt es die Selbstbezeichnung von „Antisemiten“, die die Juden als Rasse bezeichnen, den Erfolg jüdischer Wissenschaftler und Künstler, vor allem aber Bankiers und anderer Geschäftsleute als Bedrohung erklären und eine jüdische Weltverschwörung behaupten. Wie populär der krude Antisemitismus Ende des 19. Jahrhunderts war, belegt die von Hitler bewunderte Person Karl Luegers, der mit dem Versprechen, Wien judenfrei zu machen, zum Wiener Bürgermeister gewählt, aber erst nach Intervention des Papstes (!) von Kaiser Franz Joseph im Amt bestätigt wurde.

Auf diesem verbreiteten Antisemitismus bauten die deutschen Nationalsozialisten ihre Rassengesetzgebung auf, und er ermöglichte ihnen die Vernichtung des europäischen Judentums ohne nennenswerten Widerstand aus der Bevölkerung; erst der Vormarsch der Roten Armee und der westlichen Alliierten setzten dem ein Ende.

Trotz dieser katastrophalen historischen Erfahrung besteht ein latenter Antisemitismus weiter; zwar werden nicht mehr die Schauermärchen von Kindesentführung und Ritualmorden kolportiert, doch lebt die Idee einer jüdischen Weltverschwörung und von einer minderen jüdischen Rasse fort und findet Gehör.

2c. …und in der muslimischen Welt

In den muslimischen Ländern des Nahen Osten, Nordafrikas und des südlichen Europa galten Juden als zu tolerierende, rechtlich aber nicht gleichgestellte Minderheit. Besonders auf der iberischen Halbinsel blühte zunächst ein befruchtendes Miteinander von Juden und Christen mit den herrschenden Muslimen. Dennoch kam es im 11. Jahrhundert hier wie auch in Marokko zu Pogromen; sie blieben aber in der muslimischen Welt sehr viel seltener als im übrigen Europa. Zwar gab es seit dem 11. Jahrhundert Ghettos in Marokko und dem Iran und wurden Juden verpflichtet, sich durch gelbe Teile der Kleidung kenntlich zu machen, doch überwogen Duldung und wirtschaftliche Kooperation meistens die antijudaistischen Bestrebungen. Ein muslimischer Antisemitismus entstand erst im Zusammenspiel des panarabischen Antizionismus mit aus dem deutschen Nationalsozialismus in den Nahen Osten importierten Ideen, deren wichtigster Vertreter zuerst der spätere Großmufti von Jerusalem, al Huseini, war. Unter seinem Einfluss kam es in den 20er und 30er Jahren zu Pogromen gegen jüdische Gemeinden in Palästina; er lehnte Industrialisierung und Agrarreformen ab und kooperierte mit den deutschen Nazis, zu denen er sich 1941 nach einem misslungenen Putsch im Irak flüchtete. Er teilte deren Ideen einer Vernichtung des Judentums und hoffte auf deutsche Unterstützung dabei. Er gründete als SS-Mann eine SS-Brigade muslimischer Bosnier, die u. a. in Frankreich Kriegsverbrechen beging. 1945 konnte er sich mit kurzen Zwischenstationen nach Ägypten absetzen und von da aus wieder in Palästina aktiv werden. In „Die Welt“ vom 4. Juli 2012 schrieb R. Bieling über ihn:

„Infiltration der Muslimbrüder mit nationalsozialistischem Gedankengut und Kooperation mit ihren Kämpfern beim Verhindern eines Judenstaates, Aufwiegelung der arabischen Bevölkerung im britischen Mandatsgebiet und Anstachelung zum arabischen Angriff auf Israel im Jahr 1948 waren Werk des Großmuftis von Jerusalem und seiner muslimischen Nationalsozialisten.“

Auf ihn berief sich sowohl Yasser Arafat, der sich als seinen Neffen ausgab, als auch die Hamas-Bewegung, die sich daneben auch auf die „Protokolle der Weisen vom Zion“ beruft… .

3 Zionismus, Antizionismus und Israelkritik

Aus dem Wien unter Bürgermeisters Karl Lueger (s. o.) stammten sowohl Nathan Birnbaum als Theodor Herzl; aus ihrer Erfahrung, dass die jüdische „Emanzipation“ in Europa den Antisemitismus eher stärke als milderte, griffen sie in den 1890er Jahren die Idee von Leo Pinsker aus Odessa (um 1880) auf, das Judentum brauche einen eigenen Staat – egal wo.

Damit waren sie nicht originell. Schon seit den 1830er Jahren gab es ähnliche Vorschläge, sowohl von Rabbinern mit religiöser Motivation als auch anderen, etwa aus der britischen Regierung oder von Henri Dunant in der Schweiz. Etwa gleichzeitig mit Pinsker gab es Gruppen in Russland, die eine Einwanderung nach Palästina vorbereiteten.

Neu bei Herzl waren die nicht religiöse, sondern eher nationalistische Tendenz – und der Erfolg. Der erste Zionistenkongress in Basel 1897 bestätigte ihn und stelle die Forderung nach einem eigenständigen jüdischen Staat in Palästina.

Gegen diesen Zionismus formierte sich schon bald ein jüdisch-religiöser Antizionismus von Orthodoxen, der eine Selbstbefreiung aus dem Exil für ketzerisch erachtet und weiter auf den Messias wartet.

Auch die ursprünglich zionistischen Fürsprecher für einen Staat mit gleichberechtigter jüdischer und arabischer Bevölkerung gelten heute als Antizionisten.

Der muslimische und arabische Antizionismus war zunächst politisch gegen einen nichtmuslimischen Staat im Nahen Osten gerichtet, wurde aber mit dem zunehmenden Einfluss der Anhänger al Husseinis zu Antisemitismus (s. o.).

Im kommunistischen Osteuropa galt der Zionismus zunächst als eine zu unterstützende sozialistische Idee, und ihre Staaten plädierten in der UN für die Teilung Palästinas und die Schaffung des Staates Israel. Das änderte sich im Lauf der Zeit allmählich; einerseits lebte in der SU Antijudaismus staatlich gefördert wieder auf, dann wurde auch sichtbar, dass Israel sich stark an die USA als Schutzmacht und Verbündeten band. 1971 erklärte das ZK der KPdSU, der Zionismus stehe den Interessen der internationalen Werktätigen entgegen, und 1983 bildete sich in Moskau ein „Antizionistisches Komitee“.

Ein Teil der Linken im übrigen Europa schloss sich dem kritiklos an, ein größerer hielt aber an der Solidarität mit Israel fest. Nur ein kleiner, aber sehr lautstarker Teil romantisiert den palästinensischen Kampf gegen Israel als Antikolonialismus. Diese einseitige Position erlaubt es inzwischen nicht mehr, zwischen einem linken Antizionismus und Antisemitismus zu unterscheiden.

So finden heute auf Demonstrationen Leute, die sich selbst für Linke halten, mit europäischen Rechtsradikalen und muslimischen Fanatikern zusammen.

Die Tatsache, dass das säkulare Israel nicht frei von inneren Spannungen ist und noch keinen gangbaren Weg gefunden hat, aus dem militärischen Sieg von 1967 einen dauerhaften Frieden zu entwickeln, stößt international auf Kritik, zu recht. Allerdings hat man oft den Eindruck, dass das nicht die Kritik an einem Staat wie jedem anderen ist, sondern dass an Israel ein ungleich höherer moralischer Maßstab angelegt wird. Es ist gut und verständlich, wenn das innerhalb Israels geschieht, es ist aber zutiefst ungerecht, das von außen zu tun.

Zudem hat man oft den Eindruck, dass dabei ein Stück der Wirklichkeit ausgeklammert wird: nämlich dass Israel es mit Gegnern zu tun hat, die nach wie vor die Vernichtung nicht nur des Staates Israel, sondern auch seiner jüdischen Bewohner im Programm haben und bereit sind, dafür, wenn es Israel schaden kann, auch erhebliche Teile der eigenen Leute zu opfern.

4 Die umstrittene Existenz des modernen Israel

Dem modernen Staat Israel wurde schon vor seiner Gründung und wird bis heute von arabischer Seite das Existenzrecht bestritten. Die Folge ist fast ununterbrochener Krieg bis heute. Am Tag nach der Staatsgründung 1948 wurde Israel von Syrien, Libanon, Irak, Jordanien und Ägypten angegriffen, Tel Aviv bombardiert. Dieser „Unabhängigkeitskrieg“ endete 1949 mit einem Waffenstillstand. Israels Staatsgebiet wurde dabei in Galiläa und Judäa erweitert, Jordanien annektierte das nichtisraelische Gebiet westlich des Jordan mit Ost-Jerusalem.(Cisjordanien).

In Israel verblieb nur ein Teil der bisherigen arabischen Einwohner, heute 23% der israelischen Bevölkerung, mit allen Rechten, aber ohne Wehrpflicht. Etwa 700’000 flohen, teils gewaltsam vertrieben, teils aufgrund arabischer Aufrufe dazu. Die Flüchtlinge wurden in den arabischen Ländern dauerhaft, zum Teil bis heute in Flüchtlingslagern untergebracht; aus ihnen rekrutierten sich später arabisch-palästinensische Kampfeinheiten, vor allem die 1964 gegründete PLO.

Auch nach dem Waffenstillstand wurden von arabischer Seite weiter bewaffnete Terrorakte auf Israel verübt – und mit Gegengewalt beantwortet.

1956 besetzte Israel die Sinaihalbinsel über den gesperrten Suezkanal hinaus, um seine Seeblockade aufzubrechen, zog sich aber nach einem Jahr zurück. Ägypten machte den Sinai zum militärischen Aufmarschgebiet, wogegen Israel 1967 mit einem Präventivschlag vorging. Jordanien und Syrien griffen ein. Nach sechs Tagen endete der Krieg mit der Besetzung des Gazastreifens, Jordaniens westlich des Jordan und den syrischen Golanhöhen. Später gab Jordanien seinen Anspruch auf Cisjordanien auf; die Bewohner wurden de facto staatenlos.

Seitdem verwaltete Israels Militär ein Besatzungsgebiet mit mehr als vier Millionen Einwohnern. Verbesserungen der Infrastruktur (z. B. Wasserwiederaufbereitung) wurden von einheimischen Wortführern boykottiert. Jüdische Siedlungen wurden und werden bis heute neu geschaffen, zum Teil auf enteignetem Territorium.

In der PLO bekamen Radikale, besonders Jassir Arafats Fatah-Bewegung, Überhand.

Ihr Versuch, 1970 gewaltsam die Macht in Jordanien zu übernehmen, scheiterte; sie musste ihre Kampfeinheiten und Führung in den Libanon verlegen. Viele Aktionen wurden im Ausland gegen Juden und Israel unternommen, wie das Massaker an der Olympiamannschaft 1972. Bei Flugzeugentführungen wurden gezielt jüdische Passagiere ermordet.

1968 bis 1970 fand am Suezkanal ein vor allem aus der Luft geführter ägyptisch-israelischer Stellungskrieg mit hohen Verlusten statt, in dem auf ägyptischer Seite zeitweilig größere sowjetische Verbände teilnahmen. Die USA vermittelten einen Waffenstillstand.

1973 griffen am Versöhnungstag (Jom Kippur) Ägypten und Syrien zeitgleich Israel an, wurden aber binnen drei Wochen entscheidend geschlagen. Nach US-amerikanischer Vermittlung zogen sich Israels Truppen vom halben Sinai und bis auf die Höhe des Golan zurück. 1979 kam es zum Friedensschluss mit Ägypten, das Israels Existenzrecht anerkannte und sich damit in der arabischen Welt isolierte. In weitere Friedensverhandlungen wurde auch Jordanien einbezogen, sowie Vertreter der PLO, und wurde erstmals wieder über einen palästinensischen Staat neben Israel gesprochen.

Begleitet und behindert wurden diese Schritte durch anhaltende Übergriffe, zunehmend durch Selbstmordattentate und mit Raketen aus dem südlichen Libanon. Nachdem Israel dagegen bereits 1978 eine so genannte „Sicherheitszone“ im Süd-Libanon eingerichtet hatte, marschierte es im Juni 1982 in den Libanon ein, zerschlug die militärische Organisation der PLO und stieß bis West-Beirut vor, wo es auch zu Kämpfen mit syrischen Verbänden kam (1. Libanonkrieg). PLO-Kämpfer wurden von Franzosen nach Tunis evakuiert, viele Verbliebene in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila in Beirut von Libanesen massakriert; die israelischen Truppen sahen tatenlos zu.

1986 verschlechterte sich die Situation in den besetzten Gebieten aufgrund der Ölkrise; die finanziellen Zuwendungen an sie aus den ölproduzierenden arabischen Ländern gingen drastisch zurück, die Arbeitslosigkeit wuchs. Ein Verkehrsunfall, der von arabischer Seite als bewusste Gewalttat interpretiert wird, löste Unruhen aus; die kurz zuvor gegründete radikalislamische Hamas organisierte sie zu einem Aufstand (arabisch „Intifada“). In der Praxis richtete sie mehr Gewalt gegen eigne Leute, die der Kollaboration mit Israel bezichtigt wurden. Es ging vor allem darum, jede Zusammenzuarbeit mit der Besatzungsmacht zu verweigern. Ihre Waffen waren vor allem Steine und später Molotowcocktails gegen Soldaten und jüdische Siedler.

Die israelischen Reaktionen waren hart und in Israel selbst umstritten. Gegen Steine werfende Jugendliche und Kinder gingen Soldaten mit Schlagstöcken vor, wobei sie Arm- und Beinbrüche zum Teil bewusst provozierten. Oliven- und Obstbäume wurden gefällt und Getreidefelder abgebrannt. Es kam immer wieder zu Massenverhaftungen und unverhältnismäßig hohen Strafen für einfache Vergehen sowie folterähnliche Behandlung von Festgenommenen. Den jüdischen Siedlern, die nicht mehr in den Städten einkaufen konnten, wurden abgesicherte Zufahrtsstraßen nach Israel gebaut, die palästinensisches Gebiet zerschnitten. Häuser von Aktivisten wurden zerstört, und schließlich bis Ende 1991 alle Bildungseinrichtungen geschlossen.

In zunächst geheimen Kontakten zwischen Israel und der PLO erreichte man so viel Annäherung, dass im August 1993 in Oslo ein Vertrag zustande kam, in dem die PLO das Existenzrecht Israels anerkannte und eine Selbstverwaltung in den besetzten Gebieten, zuerst in Gaza, vereinbart wurde. Für Cisjordanien wurde sie nur teilweise für bestimmte Gebiete gewährt (40% der Fläche mit 80% der Bevölkerung); in anderen sieht Israel seine Sicherheit gefährdet. Die Hamas-Bewegung, die hinter der Intifada stand, verweigert jedoch weiter die Anerkennung eines Existenzrechtes für Israel.

Weitere Gespräche zwischen PLO und Israel unter US-amerikanischer Regie blieben ergebnislos. Israel war bereit zum Rückzug aus Ost-Jerusalem und zum Abzug der Siedler und Soldaten aus 95 Prozent des besetzten Cisjordanien. Keine Einigung wurde erzielt über die Altstadt von Jerusalem und über die Rückkehr aller palästinensischen Flüchtlinge, nach der in Israel mehr Muslime und Christen als Juden leben würden. Die Gespräche scheiterten, die Gewalt ging auf beiden Seiten weiter.

Ein genehmigter Besuch des israelischen Politikers Sharon im September 2000 mit bewaffneten Personenschützern auf dem Tempelberg in Jerusalem war der auslösende Moment für die zweite, die „Al Aqsa-Intifada“. Die wahren Gründe waren das Scheitern der Verhandlungen über einen palästinensischen Staat sowie die katastrophale ökonomische Situation. Auf gewalttätige Demonstrationen reagierte Israels Militär mit Waffen. Ab Dezember 2000 gab es nach 2jähriger Pause wieder Selbstmordattentate mit massiven Vergeltungsmaßnahmen, u. a. gezielte Tötungen und Zerstörungen von Häusern. 2003 wurde mit der Errichtung einer Grenzsicherung begonnen, die in Siedlungen aus einer bis 8m hohen Mauer, außerhalb aus Stacheldraht und Sperrgürteln besteht und die mehrere grenznahe jüdische Siedlungen in Cisjordanien zu Israel schlägt. Diese Grenzsicherung zeitigt Erfolg; seitdem gibt es nur noch ganz wenige Selbstmordattentate. Ein Waffenstillstand von 2005 beinhaltete neben der Waffenruhe die Räumung der jüdischen Siedlungen im Gazastreifen.

Der Beschuss israelischer Siedlungen mit Raketen und Überfälle hörten jedoch nicht auf, weder aus dem Gazastreifen von der Hamas, noch aus dem südlichen Libanon von der Hisbolla. Gegen die zog Israel im Juli 2006, nach einem Überfall auf einen israelischen Grenzposten, mit Luftangriffen bis zum Flughafen von Beirut und auf libanesische Militäreinrichtungen zu Felde (2. Libanonkrieg).

In den palästinensischen Gebieten kam es indes zu einer Art Bruderkrieg zwischen den Milizen von Fatah und Hamas; schließlich beherrschten die Hamasmilizen den gesamten Gazastreifen, was eine faktische Spaltung der palästinensischen Gebiete bedeutete. 2007 einigten sich beide Seiten auf eine Einheitsregierung, was zur Einstellung der Friedensverhandlungen mit Israel führte.

2008 reagierte Israel auf fortgesetzte Raketenangriffe aus dem Gazastreifen mit einem massiven Einsatz seiner Luftwaffe auf Personen und Einrichtungen der Hamas (Operation „Gegossenes Blei“). Nach drei Woche stellte Israel die Kampfhandlungen wieder ein, die Raketenangriffe, jetzt vor allem aus dem Gazastreifen, gingen weiter.

Andrerseits gab es vermehrt Übergriffe von jüdischen Radikalen auf Moslems im eigenen Land.

Im Juni 2014 wurden die Angriffe aus dem Gazastreifen so massiv, dass Israel es für notwendig hielt, diese gewaltsam zu beenden. Da die direkten Angriffe auf israelisches Territorium durch ein Tunnelsystem erfolgten, deren Zugänge in Wohnhäusern, Schulen und Krankenhäusern lagen, wie auch die Abschussposten der Raketen und die Munitionsdepots, trafen die Schläge Israels vorwiegend Zivilpersonen. Es scheint, dass Hamas bewusst zivile Opfer provoziert, um Israel vor der Weltöffentlichkeit als rücksichtslosen Aggressor darzustellen.

Die israelischen Truppen sind aus dem Gazastreifen wieder abgezogen. Sie haben ein Tunnelsystem für Waren- und Waffenschmuggel und Angriffe auf Israel weitgehend, aber nicht ganz zerstört. Sie haben die Raketenwaffen nicht vollständig beseitigt. und wissen wohl, dass die Hamas weiter angreifen wird. Die jetzt in Ägypten immer neu ausgehandelten und regelmäßig von ihr gebrochenen Waffenruhen zeigen das deutlich.

5 Fragen

Hier zunächst ein Beitrag des israelischen Palästinensers / arabischen Israeli und christlichen Theologen Azar Ajaj, der zeigt, in welches Dilemma der Konflikt Menschen vor Ort bringt:

Was ist, wenn ich finde, die Hamas sei menschenverachtend,

aber Israel auch nicht gerecht?

Was ist, wenn ich Krieg als keine Lösung betrachte,

sondern aufrufe, nach Frieden zu suchen und ihn in die Tat umzusetzen?

Werde ich als Antisemit verschrien? Als Gegner Israels?

Werde ich für meine Worte verdammt?

Was ist, wenn ich es wage, um den Tod israelischer Soldaten zu trauern?

Und genauso um den Tod von Palästinensern?

Was ist, wenn ich für die Freiheit und Würde der Palästinenser bete,

aber auch für Frieden in Israel?

Werde ich dann naiv genannt?„

Diese Worte mögen ihren Preis haben,

aber ich glaube, sie auszusprechen ist Gottes Wille.“      (Übersetzt von Sylvia Bukowski)

Azar Ajajs Dilemma ist hautnah; mit seiner Stellungnahme setzt er sich dort, wo er lebt, bewusst zwischen alle Stühle. Doch auch uns geht es ähnlich: Wir stehen im inneren Konflikt zwischen dem Sicherheitsinteresse des nun in der dritten Generation ununterbrochen bedrohten und fortwährend angegriffenen Israel einerseits und dem Bestreben nach Freiheit und Selbstbestimmung der Palästinenser andrerseits. Beides kann nicht gegeneinander abgewogen werden, sondern braucht eine umfassende Lösung, die beides gleichermaßen garantiert. Die ist zur Zeit nicht in Sicht. Denn:

  1. Eine Einverleibung des Gazastreifens und der Westbank in das heutige Israel – die Ein-Staat-Lösung – würde über kurz oder mittelfristig Israel eine muslimische Bevölkerungsmehrheit bringen, die zu einem großen Teil antijüdisch eingestellt ist. Die voraussehbaren inneren Konflikte würden eine Auswanderungswelle jüdischer Israelis in Gang setzen. Israel als jüdischer Staat und Heimstatt der Juden würde nicht fortbestehen.

1.a. Die 1948 Geflohenen und Vertriebenen wurden und werden vielfach bis heute in als Flüchtlingslagern deklarierten erbärmlichen Siedlungen untergebracht. Aus den ca. 7000’000 von damals sind heute in der dritten und vierten Generation mehrere Millionen geworden. Man stelle sich vor, in Deutschland wären die 1945 und danach Vertriebenen und ihre Kinder, Enkel und Urenkel noch in Lagern mit dem Anspruch, in die Heimat der Eltern zurückzukehren…. Es gäbe auch in Europa keinen Frieden!

2. Die ursprünglich von der UN vorgesehene, aber aus erklärbaren Gründen nie verwirklichte, heute von vielen wieder propagierte Zwei-Staaten-Lösung würde zu einem dauerhaften Konflikt führen, da sie einen industriell hoch entwickelten neben einen Staat auf der Entwicklungsstufe eines Schwellenlandes stellen würde. Den Abstand zu überwinden würde eine neue Abhängigkeit Palästinas von Israel oder anderen Staaten oder Gemeinschaften (USA oder EU) voraussetzen.

  1. a. Wie sollte die Frage der jüdischen Bewohner („Siedler“) im palästinensischen Staat geregelt werden? Sie blieben Stein des Anstoßes, da sie ihre Bindung an Israel nicht aufgeben könnten. Sie zur Auswanderung nach Israel zu zwingen, würde der Forderung palästinensischer Antisemiten nach einem judenfreien Staat gerecht – neben einem jüdischen Staat mit einem Viertel palästinensischer Bürger ein Unding.

2. b. Und Jerusalem? Wieder eine geteilte Stadt – wie Berlin zu Mauerzeiten? Vielleicht mit einer internationalisierten Altstadt? Wer wäre dort die Ordnungsmacht?

  1. Bliebe dann der status quo ante eine denkbare Lösung? D. h. Wiedereingliederung der Westbank ins Königreich Jordanien – und entsprechend des Gazastreifens nach Ägypten? Auch dabei bliebe die Frage 2.b. virulent… So einleuchtend der Gedanke wäre, zumal es mit beiden Staaten Friedensverträge gibt – mit palästinensischer Selbstbestimmung hätte er kaum zu tun…

Gibt es weitere denkbare politische Konstruktionen?

Kann es vor der Verwirklichung einer der oben genannten Möglichkeiten Schritte zur Entspannung, Schritte auf einen späteren Frieden hin geben?

Es ist jetzt nutzlos, Versäumnisse oder Fehler der Vergangenheit aufzulisten, die sich nicht nachholen oder korrigieren lassen. Aber was kann dennoch nachgeholt oder korrigiert werden, um die Gegenseite zum Frieden einzuladen?

Es gibt viele Fragen, die wir aus dem europäischen Abstand und aus deutscher historischer Erfahrung nicht beantworten können. Und trotzdem müssen wir uns fragen: Könnten wir für Raketenbeschuss oder Selbstmordattentate auch nur eine Spur von Verständnis aufbringen? Wie verhalten wir uns andererseits zu heutigen israelischen Maßnahmen, die uns unverhältnismäßig hart erscheinen? Wie zu gezielten Tötungen von Führern der Terrororganisationen? Zur Zerstörung von Häusern und Plantagen? Zu Massenverhaftungen?

6 Solidarität mit Israel

Die oben aufgezeigten Fragen machen vielleicht deutlich: Einig mit Israel sind wir vor allem in der Ratlosigkeit und Uneinigkeit über den richtigen Weg.

Ich habe Sympathie für die innerisraelische Friedensbewegung, die dafür plädiert, alles Militär aus den besetzten Gebieten abzuziehen, aber auch Verständnis für die, die Angst haben vor weiteren Angriffen und Terrorakten.

Ich habe Hoffnung, wenn ich erfahre, dass z. B. Ärzte auf beiden Seiten nicht nach der Herkunft derer fragen, die behandelt werden müssen; wenn in Israel aus dem distanzierten Nebeneinander von Juden und Muslimen auf dem Gebiet von Kultur und Bildung ein schöpferisches Miteinander wird – als Vorbild auch für ein zukünftiges politisches und ökonomisches Miteinander.

Ich habe Angst – die ich wohl mit den meisten Israeli teile – vor dem Horrorszenario, dass die Angriffe auf die Existenz Israels und seiner jüdischen Bewohner sich ausweiten und nach jüdischem Gegenterror immer weiter hochschaukeln:

Die Hamas ist sehr nah und bedrohlich, aber nicht der schlimmste Feind Israels. Was als „Islamischer Staat“ auf mehr und mehr Gebiete in Syrien und im Irak seine Schreckensherrschaft ausdehnt, hat ein erklärtes Ziel: Jerusalem.

Auf dem Weg dorthin würden nicht nur Juden, sondern ebenso alle vernichtet, die sich nicht einem strengen sunnitischen Islam anschließen. Das betrifft dann neben Juden, Christen und Atheisten auch die anderen islamischen Konfessionen (Schiiten, Alewiten usw.), zu denen die Mehrheit der irakischen Muslime und ein hoher Anteil derer in Syrien und Libanon zählen.

Ich habe dagegen die Vision, dass diese Art von terroristischer Intoleranz sich ad absurdum führt und totläuft, wenn sie nicht nur Krieg, sondern auch ziviles Leben gestalten muss; dass auch der Islam den Schritt vom Gegeneinander der Konfessionen zum Miteinander findet, für den die Christen allerdings Jahrhunderte und etliche böse Kriege gebraucht haben; und dass aus einer innerilsamischen Toleranz auch eine gegenüber anderen Glaubens- und Denkrichtungen erwächst.

Dann habe ich die Vision, dass es in Jerusalem Frieden geben wird, der dem hebräischen Begriff Schalom entspricht.

Und wenn es möglich wird, dass in Jerusalem, das heute so weit davon entfernt ist, Schalom wird, dann wird es denkbar, dass es Frieden auch sonst auf Erden gibt…

Um dieser Vision willen brauchen wir Israel und stehe ich zu ihm – in aller seiner heutigen Noch-Unvollkommenheit, die die Verheißung, die es trägt, nicht zunichte machen kann.

Im September 2014 / Elul 5774                                    

Tilman Hachfeld