Weihnachten historisch-kritische betrachtet

Weihnachten“ hießen mittelhochdeutsch die für Germanen geweihten Nächte um die Wintersonnenwende: Im Namen des Festes bewahren wir also germanisches Heidentum.

In der christlichen Kirche bestand zunächst Widerstand gegen ein Geburtsfest Jesu; Origines zum Beispiel hielt Geburtsfeste, etwa von Königen, für eine heidnische Sitte…  Bis ins 4. Jahrhundert  war das christlicher Konsens.

Dann verheiratete sich die Kirche mit dem römischen Staat und übernahm vieles, was bisher heidnisch war, in eigene Regie. Der „dies invictis solis“ (Sonnenwendetag), von Kaiser Aurelian (270 – 275) zum Fest des Sonnengottes erhoben, bot sich an, als Geburtstag der „wahren“ Sonne, nämlich des Christus, zugleich den Sieg des Christentums über das Heidentum zu feiern. Damit begann man 354 in Rom. Im Datum des Festes haben wir es also mit römischem Heidentum zu tun, auch wenn später christliche Dogmatiker andere Erklärungen lieferten: der 25. Dezember liegt 9 Monate nach dem 23. März, der Frühjahrstagundnachtgleiche, die als Beginn der Schöpfung gilt – man vergleiche dies mit dem Wortlaut des nizänisch-konstantinopolitanischen Bekenntnisses (siehe weiter unten).

Betrachtet man die Geburtsgeschichten am Anfang des Lukasevangeliums, legt sich noch ein anderer Gedanke zur Datierung nahe: Literarkritisch scheint es so, dass dem heutigen Doppelbericht von den Geburten Johannes’, des späteren Täufers, und Jesu nur eine Erzählung Johannes betreffend zugrunde lag, die dann, inklusive des Psalms, auf Maria und Jesus hin umgearbeitet wurde, um die fortbestehende Tradition der Johannesjünger in die Kirche zu integrieren. Danach wird Jesus 6 Monate nach Johannes geboren, für den schon eine Tradition der Geburt Ende Dezember vorgelegen haben soll, weshalb die Geburt Jesu zuerst zur Zeit der Sommersonnenwende angenommen wurde. Erst die starke Wintersonnenwendetradition Roms hätte dazu geführt, dass Johannes seinem Geburtstag mit Jesus tauschen musste.

Im Ostteil der alten Kirche entwickelte sich ebenfalls Anfang des 4. Jahrhunderts für den 6. Januar das Epiphaniasfest (Erscheinung der Herrlichkeit Gottes), das zuerst von gnostischen Sekten als Tauffest Jesu begangen wurde, das sollte aber vor allem das im Osten  und zunehmend auch im Westen beliebte Geburtsfest des Gottes Aion Plutonius, Sohn der Jungfraugöttin(!) Kore, verdrängen, das ebenfalls am 6. Januar begangen wurde. Dazu wurde das Fest mit Inhalten überladen: Neben der Geburt Jesu war es das Fest der drei Weisen (die erst etwas später Könige wurden), des Weinwunders von Kana, der Speisung der 5’000 und der Auferweckung des Lazarus. Außer in der armenischen Kirche verlor das Fest später den Inhalt der Geburt Jesu zugunsten des römischen Termins und damit im Westen – außer im ambrosianischen Ritus der Erzdiözese Mailand – viel an Bedeutung; in den östlichen Kirchen und in Mailand wird es nach wie vor größer gefeiert als der 25. Dezember.

Mit der Einführung des Geburtsfestes Christi setzte man einen dogmatischen Grenzstein, denn  Weihnachten ist ein Fest vor allem der Rechtgläubigkeit, feiert es doch mit der Menschwerdung des göttlichen Logos (nach Johannes 1) eine umstrittene dogmatische Entscheidung, die im 4. Jahrhundert erst die christliche Gemeinde von Antiochia, bald aber die gesamte Kirche spaltete: Als Christus ist der Mensch Jesus Gott wesensgleich (so die Anhänger des Athanasius) und ihm nicht nur ähnlich (so die Anhänger des Arius). In dieser Auseinandersetzung sah es lange so aus, als die hätte Partei der Arianer die Mehrheit, bis 381 Kaiser Theodosius und die ihm gehorsame Synode in Konstantinopel anders entschieden und damit eigentlich die römische Staatskirche begründeten. Die Christusformel des Bekenntnisses von Nizäa und Konstantinopel: „… aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen.“ wurde zum Kriterium der Rechtgläubigkeit erhoben.

Damit wird in Jesus Christus Gott in der Welt materiell greifbar – wenn auch kaum intellektuell begreifbar, da bleibt das „Geheimnis des Glaubens“ bestehen (1. Timotheus 3, 16.). In der katholischen Messfeier, die ausdrücklich das „Geheimnis des Glaubens“ erwähnt, ist im gewandelten Brot und Wein demnach Gott selber da und kann verteilt oder verweigert werden, denn er begibt sich hier jeden Tag erneut in die Hände und in die Willkür der Menschen, wie er es schon einmal im Prozess und der Hinrichtung Jesu getan hat. Die Kirche, die dieses Sakrament „verwaltet“, und ihre damit beauftragten Diener „verwalten“ damit Gott selber und haben so Anteil an seiner Macht und seiner Herrlichkeit. Beides entfaltete die Kirche nach der Synode von Konstantinopel zunehmend und entfernte sich damit vom gewöhnlichen Kirchenvolk, das sich mehrheitlich entmündigen ließ oder in nicht nur kleinen Minderheiten außerhalb der Kirche versuchte, dem Evangelium gemäß zu leben, wie sie es verstanden. In der Regel wurden sie als Ketzer verfolgt (Armenbewegungen, Waldenser u. a.), seltener als Orden gezähmt und kirchlich wieder integriert (Franziskaner u. a. Bettelorden).

Als arianische Ketzer, die dem nizänisch-konstantinopolitanischen Bekenntnis nicht zustimmten und ab 381 aus der Kirche ausgeschlossen und bald verfolgt wurden, galten dann auch die ins römische Reich eingewanderten Westgoten und in ihrem Gefolge die meisten Germanen, die der Lehre des Arius anhingen. Aber auch im Mailand des Bischofs Ambrosius weigerte man sich noch ein Jahrzehnt lang, die nicht „Rechtgläubigen“ aus der Kirche auszuschließen und fand später Wege der guten Nachbarschaft mit den arianischen Langobarden, die das Land beherrschten. Erst unter Papst Gregor (590 – 604) schlossen sich die Langobarden und nach und nach alle Germanen dem nizänisch-konstantinopolitanische Bekenntnis und damit der römischen Staatskirche an.

An Weihnachten feiern wir also aufgrund eines unter kaiserlichem Druck zustande gekommenen Synodenbeschlusses die Geburt des nicht Geschaffenen, sondern vor aller Schöpfung von Gott Gezeugten und ihm Wesensgleichen – und wenn es nur einen Gott gibt: mit ihm Identischen, Jesus, Sohn der Maria, genannt der Christus.

Die Vereinigung von Mensch und Gott bzw. von Logos und Materie wäre eigentlich ein Ereignis von kosmischer Dimension. Wir feiern es aber als einmalig und historisch, also zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort geschehenes, und lassen uns dabei von den Weihnachtserzählungen des Matthäus- und des Lukasevangeliums leiten, die allerdings wesentlich älter sind als das nizänisch-konstantinopolitanische Bekenntnis.

In der Zusammenschau dieser Erzählungen mit den dogmatischen Entscheidungen von Konstantinopel wird das Weihnachtsereignis etwas, das wir nur von außen betrachten können. Da es sich seit Konstantinopel bei dem in Bethlehem Geborenen nicht mehr nur um einen von Gott Geliebten, besonders Erwählten oder Adoptierten handelt, sondern um Gott selber, kann er kaum noch der „Erstgeborene unter vielen Brüdern“ sein, wie ihn Paulus in Römer 8, 29. nennt, es sei denn, dass wir alle mit Gott identisch und nicht nur ihm ähnlich werden. Dann aber würde Gott abgeschafft und der Mensch, jeder einzelne Mensch, an seine Stelle gesetzt.

Das ist gewiss nicht die Intention der Weihnachtserzählungen von Matthäus und Lukas und auch nicht des Eingangshymnus des Johannesevangeliums, in dem zwar Vater und Sohn als verwechselbar beschrieben werden (Johannes 8, 19.; 14, 7.; 15, 23.), der Sohn aber nicht eindeutig mit Gott und auch nicht wie bei Paulus mit der Gemeinde gleichsetzt wird, sondern er bleibt Mittler zwischen Göttlichem und Menschlichem.

Die Weihnachtsgeschichten bei Matthäus und Lukas erzählen die Geburt des Messias, bei Lukas verwoben mit der des ihm vorangehenden Propheten (vergl. Maleachi 3, 1. 23.). Diese Messiasgestalt ist zwar, z. B. bei Maleachi, nicht immer klar von Gott selber zu trennen, der da zum Gericht kommt, mehrheitlich aber ist er eine menschliche Gestalt („einer, der einem Menschen glich“, Daniel 7, 13.; der „Knecht“ Gottes in Deuterojesaja), die auf das Kommen Gottes vorbereitet. Jesus selber bezeichnet sich in allen Evangelien als „Sohn des Menschen“, was, bezogen auf Ezechiel, eine prophetische Gestalt, auf Daniel bezogen die eines himmlischen Richters ist, zugleich aber die Menschlichkeit dessen betont, der sich so nennt.

Die frühe Christenheit hat, was sie mit Jesus erlebt hat, u. a. mit Hilfe der Gottesknechtlieder bei Deuterojesaja (Jesaja 42 ff.) interpretiert, den sie dabei als Einzelperson aufgefasst hat, der jedoch im Original das Israel ist, das Gott auch in der Deportation treu bleibt. „Mein Knecht“ ist eine genuine Anrede Gottes an sein Volk (Jesaja 41, 8.).

Die beiden Weihnachtserzählungen bei Matthäus und Lukas setzen je auf eigene Art den hier geborenen Messias den Fürsten dieser Welt, nämlich dem römischen Kaiser und König Herodes, entgegen. Wie es von Kaiser Augustus behauptet wurde, ist auch ihr Messias der Sohn einer Jungfrau, die aber, um schwanger zu werden, nicht von einer Gottheit – bei Augustus in Form einer Schlange –  begattet werden muss, sondern die Empfängnis ist ein geistiger Vorgang: „… vom Heiligen Geist.“ (Matthäus 1, 20.), „Heiliger Geist wird über dich kommen.“ (Lukas 1, 35., wobei offen bleibt, ob sich der Heilige Geist nicht etwa in Begleitung Josefs bei Maria einstellt.) Schon früh, nämlich im 2. Jahrhundert, bildet sich der Marienkult heraus. Das „Protevangelium Jacobi“ kennt nicht nur die heilige Zeugung Mariens, die dann im Tempel aufwächst, sondern auch das Zeugnis der Salome, die sich durch das Fühlen mit dem Finger davon überzeugt, dass Maria auch nach der Geburt Jesu noch Jungfrau ist. Daraus spricht nicht nur eine Jungfrauenverehrung, die an den römischen Vestalinnenkult erinnert, sondern auch das Bedürfnis, Logik und Verstand zu überwinden und Absurdes zum Glaubensinhalt zu machen.

Das alles zeigt die theologische Last, die das Weihnachtsfest mit sich schleppt, und die auch in vielen Weihnachtsliedern anklingt. Das alles muss aber nicht zugleich unsere Freude an Weihnachten, auch nicht die frömmste Freude, beeinträchtigen. Auch ohne Jungfrauengeburt und ohne Wesensgleichheit des Kindes mit dem Ewigen erfahren wir in den Weihnachtsgeschichten oder besser  -legenden Gottes Nähe zu den Menschen, und gerade zu denen, die in dieser Welt nicht mit Glanz und Gloria einherkommen. Und wir erfahren dabei, dass in jeder Geburt Gott zu uns Menschen kommt, und sollten uns daran immer weiter erinnern, auch wenn die Geborenen mit der Zeit groß und älter werden…