Berufen zur Freiheit. Persönliche Erfahrungen mit dem Alten Testament

Nachweihnachtliche „freie“ Singstunde in Herrnhut, späte 1990er Jahre: Die Lieder werden nicht vom Liturgen bestimmt, sondern durch Zuruf aus der Gemeinde. Zuruf: Lied 51 (Gesangbuch der Brüdergemeine), „Gott sei Dank durch alle Welt“, Verse 1 und 4 bis 7 (entspricht EG 12, 1 und 4, die Verse 5 – 7 sind christologisch ausgerichtet). Mein Zuruf, bitte auch die Verse 2 und 3 zu singen, die dem Lied einen Zusammenhang mit dem AT und Israel geben, erregt Unmut und bleibt ohne Erfolg. So werden alte Erfahrungen mit meiner kirchlichen Herkunft bestätigt…

In meiner frühen christlichen Sozialisation spielte die Bilderbibel Schnorr von Caronsfelds eine Rolle, wobei ich mich vor allem dramatischer Szenen aus dem Alten Testament erinnere. Die Urgeschichten der Bibel, Abraham, Josef in Ägypten, die ägyptischen Plagen, Simson und die Saul- und Davidsgeschichten kamen im Kindergottesdienst der Brüdergemeine vor und waren viel eindrücklicher als alle Jesusgeschichten. Aber mit Gott hatten sie, abgesehen von der Schöpfung, wenig zu tun.

Gebetet wurde dort, wenn überhaupt, zu einem „lieben“ Gott und noch lieber zum „liebsten“ Jesus, und was erbeten wurde, war sehr persönlich-innerlich bezogen. Um eine persönliche Beziehung zu Jesus meinte ich deshalb lange, mich bemühen zu müssen; aber das hat nie so recht geklappt, und deshalb bin ich auch nicht in die herrnhutisch-pietistische Gebetsfrömmigkeit hineingewachsen, vor der ich später auch die eigenen Kinder bewahren wollte. Ob das recht war, weiß ich nicht.

Immerhin bin ich dankbar, dass in dieser herrnhutischen Pädagogik nicht verschiedene Götter des Alten und des Neuen Testaments bzw. der Juden und der Christen gelehrt wurden. Aber Juden kamen sowieso nur als Gegenspieler Jesu vor; dass Mose, Samuel, David und Salomo oder gar Jesus ebenso Juden bzw. Israeliten waren, spielte keine Rolle ; eher war es so, dass sie „Unsrige“, also (unausgesprochen) Christen, vielleicht sogar Herrnhuter waren.

Ebenso keine Rolle spielte, was wenige Jahre zuvor in Deutschland und von Deutschland aus geschehen war. Das war einfach kein Thema. Die Autorität der Elterngeneration blieb ungebrochen.

Das Heimat- oder Geborgenheitsgefühl, das mich mit den Herrnhutern lange verband und teilweise immer noch verbindet, und die geistliche Einseitigkeit, die ich als Dürre und Enge zugleich empfand, waren entscheidend dafür, dass ich im Studium neben der Soziologie auch mit Theologie begann und später ganz dahin wechselte: Ich wollte es genauer wissen. Textkritische Arbeit bis hin zum Zweifel an der Historizität Jesu erlebte ich als Befreiung , die Aufarbeitung der Geschichte der Bekennenden Kirche und ihrer Defizite (bei Karl Kupisch) als Aufgabe, die gesellschaftliche Kritik und eschatologische Verkündigung der Prophetie, inklusive der Jesu, als programmatisch. Als linksgestrickter 68er fand ich hier wichtige Ansatzpunkte für eigenes Weiterdenken, das mich auch in die Reformierte Kirche führte.

Psalmengebet und die prophetisch motivierte gesellschaftliche Fürbitte sind mir erst bei eigenen gottesdienstlichen Entwürfen in der Studentengemeinde und im reformierten Vikariat vertraut geworden. Die Predigt im Sinne Zwinglis als prophetische Aufgabe, zu der nicht ich den Text in Gebrauch, sondern der Text mich in die Pflicht nimmt, wurde mir zugleich wichtig und schwierig; oft genug bin ich damit angeeckt, aber auch darin ermutigt worden, sogar von politisch konservativen Leuten, von denen ich das nicht erwartet hätte.

Ich frage mich noch heute, welche Defizite in Kirche, Universität und Gesellschaft es mit sich brachten, dass mir das AT erst im Pfarramt und durch Anstoß von außen als Buch der heutigen Synagoge bewusst wurde. Lange war mir in der Tradition von Calvin die Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk ein sehr wichtiges und – missbraucht z. B. als Burische Selbstidentifikation – auch gefährliches Thema; das heutige, zeitgenössische Gottesvolk kam mir damit wie seinerzeit Calvin nicht in den Blick, auch weil ich – wie er damals – kaum bewusste persönliche Bekanntschaften mit Juden hatte.

Das änderte sich erst in meiner zweiten Pfarrstelle (Ref. Kirche Hamburg, ab 1977) durch persönliche Beziehungen mit im christlich-jüdischen Dialog auf Kirchentagen und in AGs engagierten Menschen. Dazu kam 1980 eine persönliche Begegnung mit Pinchas Lapide und meine Mitarbeit an der Thematik für den Reformierten Bund. Eindrücklich war mir in Lugano (ab 1986) eine orthodox-jüdische Nachbarschaft. Bestätigung und Erweiterung eigener Überlegungen fand ich ab 1993 in Berlin in den Tagungen der Evangelischen Akademie zu den je gerade erschienenen Bänden der Systematischen Theologie F.-W. Marquardts und den sich anschließenden Tagungen „Talmud lernen“ mit ihm und Ḥana Safrai.

Diese Begegnungen und das Nachdenken über die Fortsetzung der Geschichte Gottes mit seinem Volk im vorigen Jahrhundert – der wiederholte Versuch von außen, es zu vernichten, und dagegen die Gründung des Staates Israel – und bis heute haben mir die biblischen Gestalten, die mir im Kindergottesdienst zu uns gehörig, also als Christen erschienen, nicht entfremdet, sondern im Gegenteil in mir den Wunsch erweckt, mit ihnen Gemeinschaft zu haben, nicht als Proselyt zum Judentum, sondern als von Jesus in die Teilhabe am Abrahamsegen Berufener.

Entfremdet haben mich alle diese Erfahrungen immer mehr der Kirche, die sich von Israel losgelöst interpretiert, es gar noch missionieren will, und so tut, als sei das Verbrechen an der Judenheit ein bedauerlicher Zwischenfall der profanen, aber nur am Rande der eigenen Geschichte. Und in der immer noch etwas von Luthers Antijudaismus fortlebt.

Entfremdet haben sie mich auch der christlichen Dogmatik, die seit Nicäa und Konstantinopel meint, Gott und seine Familienverhältnisse zu erkennen und festschreiben und ihn sakramental in den Griff bekommen und verwalten zu können. So dient er in christlich-frommer Pädagogik dem, was antijudaistische Propaganda gerade dem Gott des Alten Testaments unterstellt: Als Kinderschreck („Der liebe Gott sieht alles!“), Garant bürgerlicher (Un)Moral („Christliche“ Ehe, protestantisches Arbeitsethos usw.) und Hüter der jeweils bestehenden obrigkeitlichen (Un)Ordnung. Das ist heute zum Glück alles in Frage gestellt, die Frage wird aber sehr unterschiedlich beantwortet und stürzt nach wie vor viele in seelische Krisen…

Gott aus der Perspektive des Alten Testaments zu erfahren, stellt mir dagegen seine Souveränität wieder her, relativiert paulinischen Moralismus und öffnet den von Jesus gewiesenen Weg eines selbstverantwortlich vor Gott und mit Gott gelebten Lebens in Freiheit: „Er führt mich hinaus ins Weite, Er befreit mich, denn Er hat Gefallen an mir.“ (Ps. 18, 20.)

Tilman Hachfeld, im Mai 2015