Wem gehört das Alte Testament?

(Hier zunächst eine allgemeine Erklärung, ein persönlicher Beitrag steht im Unterpunkt „Berufen zur Freiheit…“)

„Altes Testament“ (AT) ist die im Christentum übliche Bezeichnung für die hebräischen Schriften der Bibel, jüdisch: „Tenach“, Abkürzung für „Tora, Newi’im, Chetuwim“ = Weisung (5 Bücher Mose), Propheten (inklusive die Geschichtsbücher Josua bis Könige, ohne Rut) und Schriften (Psalmen und weitere Dichtung und Weisheit sowie Rut, Ester, Daniel, Esra, Nehemia und die Chronikbücher).

Das im Christentum gebrauchte AT enthält die selben Bücher, jedoch in einer anderen Reihenfolge, indem es die Propheten (zu denen es auch Daniel zählt) an den Schluss setzt, damit die Verheißung des kommenden Messias beim letzten Propheten, Maleachi, im folgenden christlichen „Neuen Testament“ (NT) mit der Abstammung und Geburt Jesu sie erfüllend fortgesetzt wird.

So steht neben dem in sich geschlossenen jüdischen Tenach für die Kirche eine auf das griechische NT ausgerichtete Sammlung der selben Schriften, die erst in der Fortsetzung ihren Sinn finden – so jedenfalls eine Beurteilung oder Sicht von den Kirchenvätern bis zu Martin Luther und weiter.

Diese Sicht ist Teil der christlichen Enteignung des Judentums, wenn die Kirche sich selbst als das wahre Israel und die Synagoge als durch ihre Verstocktheit der Verheißung verlustig erklärt. Zudem werden die Juden für den Tod Jesu schuldig gesprochen – gegen die eigene kirchliche Lehre von seinem notwendigen Opfertod. Diese Enteignung und Beschuldigung sind wesentlich für den christlichen Antijudaismus, aus dem der weltliche Antisemitismus gewachsen ist, bis hin zur Shoah.

Eine etwas andere Betrachtungsweise des AT, etwa im reformierten Protestantismus, der in der Tora ein heilsames Gesetz erkannte und den Psalter zum eigenen Gesangbuch machte, änderte insofern nichts, als auch sie das AT nicht positiv mit dem ihr zeitgenössischen Judentum in Verbindung brachte.

Erst das Erschrecken über die Shoah und die eigene Mitschuld an ihr führten in Teilen der Kirchen zu einer neuen Sicht. Die erkennt das Judentum als von Gott nach wie vor auf seinen eigenen Heilsweg berufen und erwählt, eine Erwählung, die durch den christlichen Messiasglauben nicht in Frage gestellt ist. Danach braucht Israel nicht den Juden Jesus, die Jesusanhänger aber brauchen Israel als Quelle ihrer Hoffnung. Auch ihr Gott ist der Gott Israels, den als „Vater“ anzureden Jesus sie gelehrt hat. Beide warten auf den (wieder)kommenden Messias und nehmen bis dahin vor Gott Verantwortung für die Welt wahr. Beide können voneinander lernen, wobei der Schatz an zu Lernendem im Judentum größer ist.

Diese Betrachtung des Judentums und damit auch des AT ist in der akademischen Theologie, zumindest im deutschen Sprachraum, heute selbstverständlich. Nicht selbstverständlich ist sie allerdings manchen Teilen der Kirchen, wo sich die Unterscheidung eines gestrengen, rachsüchtigen jüdischen und eines liebenden, verzeihenden christlichen Gottesbildes und damit ein subtiler Antijudaismus zäh erhalten.

Diese Tendenz erfährt in jüngster Zeit Unterstützung durch den Lehrstuhlinhaber für Systematische Theologie an der Berliner Humboldt-Universität, Notger Slenczka. Zurückgreifend auf zwei klassische Vertreter des deutschen Kulturprotestantismus, seinen Begründer Friedrich D. E. Schleiermacher (1768 – 1834) und seinen quasi Vollender Adolf von Harnack (1851 – 1930), stellt er fest, dass das AT für das Christentum lediglich ein religionsgeschichtlicher Hintergrund sei und nicht „kanonisch“ sein könne. Unter „kanonisch“ versteht die Kirche die Schriften, die für sie als göttliche Offenbarung verbindlichen Charakter haben. Das haben nach Harnack / Slenczka die Schriften des AT nicht; Christen müssten das AT als ihnen fremd empfinden, noch im 19. Jahrhundert an ihm festzuhalten zeuge von religiöser und kirchlicher Lähmung.

Nun kann man Harnack nicht vorwerfen, er habe damit den Antijudaismus der Deutschen Christen der Nazizeit begründet, diese konnten sich jedoch auch auf ihn berufen. Ebenso wenig kann man Slenczka Antijudaismus vorwerfen, es ist aber schon bemerkenswert, wie vehement er diesen Vorwurf immer wieder zu entkräften versucht. Zweifellos liefert er dem in der Kirche nach wie vor vorhandenen Antijudaismus Munition, und wenn er dies als akademischer Lehrer und Prüfer der nächsten Generation von Pfarrerinnen und Pfarrern tut, kann man über ihn nicht einfach hinweggehen. Der Dekan seiner Fakultät, der Kirchenhistoriker Christoph Markschies, lehnt eine Disputation mit Slenczka ab, sie sei soviel wert wie eine heutige Disputation, ob die Erde eine Scheibe und nicht eine Kugel sei. Damit hat er akademisch wohl recht, ob er damit seiner Verantwortung für seine Studenten und seine Kirche gerecht wird, steht auf einem anderen Blatt.

Hier einige Links zum Vertiefen:

Slenczkas Aufsatz von 2013 zum Thema:

https://www.theologie.hu-berlin.de/de/st/AT1

ein weiterer Vortrag von ihm dazu:

https://www.theologie.hu-berlin.de/de/st/AT2

Eine Stellungnahme im Namen des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit:

http://www.deutscher-koordinierungsrat.de/dkr-home-Stellungnahme-Theologischer-Skandal-im-Protestantismus

Ein fundamentaler Beitrag zum Thema von Jürgen Ebach vom Januar 2015:

http://www.reformiert-info.de/14267-0-0-20.html

Tilman Hachfeld hat aus dem Anlass sein eigenes, persönliches Verhältnis zum AT aus seinem Werdegang reflektiert:

http://www.tilman-hachfeld.de/wem-gehoert-das-alte-testament-persoenliche-erfahrungen/