Wer’s glaubt wird selig?

 

Wer glaubt und getauft wird, wird gerettet werden, wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden.“ So steht es am Ende des Markusevangeliums, und obwohl die Bibelgelehrten seit langem wussten, dass dieser Schluss eine spätere Zufügung ist, prägte dieser Satz weiter das Denken über das „Glauben“ und tut er das an manchem Ort noch immer. Vielleicht drückt diese spätere Zufügung ja gerade das aus, was man gerne hören wollte und in den älteren Texten so eindeutig nicht finden konnte: ein ganz klares Entweder-oder, wir Kosequenten gegen euch Laschen, bis zur Konsequenz der Verdammnis.

Glauben – was ist das eigentlich?

Der Heidelberger Katechismus beantwortet die Frage „Was ist wahrer Glaube?“ folgendermaßen: „Wahrer Glaube ist nicht allein die sichere Erkenntnis, in der ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, sondern auch ein herzliches Vertrauen, welches der Heilige Geist durchs Evangelium in mir wirkt, dass nicht allein andern, sondern auch mir Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Seligkeit von Gott geschenkt ist, aus lauter Gnade allein um des Verdienstes Christi willen.“

Und auf die Frage „Was muss ein Christ glauben?“ antwortet er: „Alle Verheißungen des Evangeliums, die im einmütigen Glaubensbekenntnis der allgemeinen christlichen Kirche zusammengefasst sind.“, worauf dann das apostolische Glaubensbekenntnis folgt, das in den meisten Kirchen jeden Sonntag von der Gemeinde gemeinsam gesprochen wird.

Das hieße also: Zum Glauben gehört 1. eine sichere Erkenntnis, in der man etwas für wahr hält, was man nicht von außen überprüfen kann, und 2. dass man ein Muss befolgt: Du musst an Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist glauben, du musst an Jesu Geburt aus einer Jungfrau glauben, an seine Auferstehung und Himmelfahrt, an sein zukünftiges Kommen zu einem Gericht über Lebende und Tote, an die Totenauferstehung und ein ewiges Leben – und dazu noch an eine heilige, allgemeine, christliche Kirche! (Wobei die Lutheraner das „allgemeine“ weglassen, weil es griechisch „katholisch“ hieße, worunter Laien die Römische Kirche verstehen könnten.)

Das Wesentliche, das Hilfreiche ist von diesen Zumutungen wie eingeklammert: Dass man darauf vertraut, dass auch einem selber Sünden vergeben und ewige Gerechtigkeit und Seligkeit geschenkt sind. Sind denn Vergebung – oder besser: Gerechtmachung – und ewige Gerechtigkeit und Seligkeit nicht ohne den ganzen dogmatischen Ballast zu haben? Und wie steht es mit der zeitlichen Gerechtigkeit und Seligkeit im Hier und Heute?

Glaube –geschenkt oder erworben?

Glaube, so lehrt es die Kirche nach dem Apostel Paulus, ist ein vom Heiligen Geist gegebenes Geschenk. Wer also an das Dogma von der Trinität Gottes, an die Jungfrauengeburt Jesu, an ein transzendentes Reich des Todes oder an einen himmlisch thronenden Christus neben seinem Vater und noch vieles mehr glauben kann, darf und sollte das deshalb fröhlich und dankbar tun, denn es ist ihr oder ihm geschenkt

Und wem das nicht geschenkt ist? Nach dem Zusatz zum Markusevangelium wird er oder sie verurteilt oder verdammt; das griechische katakrinein bedeutet auf jeden Fall ein Urteil mit negativen Folgen, ein trauriges Schicksal.

Und wofür? Anscheinend doch dafür, dass der Heilige Geist bei der Verteilung des Glaubensgeschenkes diese Person übergangen hat. Müsste da nicht ehr der Heilige Geist verurteilt werden?

Aber so genau nimmt es die Kirche ja selber nicht mit dem Schenkungscharakter des Glaubens. Vielmehr versucht sie da nachzuhelfen, indem sie Konzepte der Glaubenserziehung entwickelt, Mission treibt und noch auf viele andere Arten Leute zum Glauben zu bringen versucht – oder wenigstens zur Kirchenmitgliedschaft; denn die Taufe hat sie ja mit der Praxis der Kindertaufe längst vom Glauben losgelöst; dafür macht sie die getauften Kinder für später kirchensteuerpflichtig.

In eher pietistischen Kreisen wird man dazu angehalten, wenn er nicht da ist, um den Glauben zu ringen, vor allem ihn herbeizubeten, und oft entsteht so ein Druck, der entweder ein schlechtes Gewissen verursacht, weil man es mit dem Glauben immer noch nicht geschafft hat, oder zur Autosuggestion verführt, indem man sich etwas einredet, was man dann mit Glauben verwechselt. Und was man sich selber erst einreden muss oder hat einreden lassen, wird oft starr und macht unduldsam gegen alle Abweichungen. Das ist der Einstieg in den Fundamentalismus, der der Phantasie kein Raum mehr lässt.

Phantasie gegen Dogmatismus und Moralismus.

Ich meine, dass die Phantasie ein unverzichtbares Element des Glaubens sein soll, wie auch das Spielerische (siehe -> weitere Predigten – zu Sprüche 8,22,ff.). Spielerisch und mit Phantasie muss man auch an die kirchliche Lehre herangehen, damit sie nicht zur Fessel des Denkens wird, sondern aus sich heraus Neues ans Licht bringt, das frei macht.

Die alten Geschichten der Bibel sind da hilfreich. Aber man soll sie zunächst als Geschichten stehen lassen und nicht dogmatisch belasten. Ein Beispiel: Die Erschaffung der Welt und des Menschen und dessen Verweisung aus dem Paradies sprechen zunächst für sich selbst und nicht von der Sünde, wie zumeist hineininterpretiert wird. Dass sie mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über die Entstehung und den Aufbau der Welt nicht in Einklang zu bringen sind, ist kein Schade: Das wollen sie  ja gar nicht erzählen, sondern nur Gottes Fürsorge und der Menschen Emanzipation, und das tun sie phantasievoll und nicht ohne Humor, der auch in den folgenden Erzählungen immer wieder zu finden ist. Diesen Humor, der auch ziemlich schwarzer Humor sein kann, zu erkennen, bewahrt davor, die Geschichten für dogmatische oder moralische Belehrungen zu missbrauchen, die die Hörer nur einengen.

Dass – ein anderes Beispiel – auch die Jungfrauengeburt Jesu mit Humor zu verstehen ist, zeigt die Verkündigung an Maria in Lukas 1, 26ff. (siehe -> weitere Predigten -> zu Lukas 1, 26-38.)

Es scheint mir überhaupt immer noch eine hervorragende Aufgabe heutiger Kirchenlehrer zu sein, diejenigen, die aus christlichen Milieus kommen, von allen Lehren und von aller Moral zu befreien, die sie in ihrem Lebensgefühl und ihrem Verhalten einengen, und diejenigen, die nicht aus solcher Tradition kommen, davor zu bewahren Um Freiheit geht es, das ist die Grunderfahrung Israels mit seinem Gott, der das Volk aus der Knechtschaft in die Freiheit führte, und das wusste auch Paulus noch, als der den galatischen Gemeinden schrieb: „Für die Freiheit hat uns Christus frei gemacht; darum stehet fest und lasset euch nicht wieder unter ein Joch der Knechtschaft bringen!“ (Galater 5:1.), eine Freiheit, die recht verstanden in die Liebe mündet: „Denn ihr seid zur Freiheit berufen, ihr Brüder. Nur lasset die Freiheit nicht zu einem Anlass für das Fleisch werden, sondern dienet einander durch die Liebe!“ (Galater 5:13.).  Dass diese Sätze aus einem Brief stammen, in dem es gegen die Einführung jüdischer Lebensregeln in eine nichtjüdische Gemeinde geht, ändert nichts an dem Grundsatz, der hier berührt wird: Wo „Glaube“ zur Einschränkung führt, handelt es sich nicht mehr um Glauben, sondern darum, durch Verzicht aufs eigene Denken Gott manipulieren zu wollen.

Glaube macht frei.

Glaube macht frei vor allem von jeglicher Angst, als Person nicht bestehen zu können, nicht vor Gott und auch nicht vor den Menschen. Glaube macht frei, sich für das einzusetzen, was man als richtig erkennt, auch wenn es offiziell als falsch gilt, und auch dazu, eigene Irrtümer zu korrigieren.

Ich denke, das ist das Kriterium dafür, ob ich mit Andersgläubigen, seien es Moslems, seien es Juden, seien es Anhänger anderer Religionen oder Freidenker, im Geist Gemeinschaft habe. Denn die Angstfreiheit und auch das daraus resultierende Engagement sind kein Privileg nur für religiöse Menschen. Oder man müsste sagen: Religion fängt da an, wo mensch anfängt für die Menschen zu hoffen. Dazu ist nicht die Existenz Gottes Voraussetzung. Aber als religiöser Mensch, für den Gottes Existenz zu meinen Denkvoraussetzungen gehört, werde ich in den Weggenossen, die sie verneinen, dennoch solche erkennen, die meinen Glauben teilen – auch wenn sie ihren Zugang so anders gefunden haben, dass sie Gott nicht denken können.

Und die muss ich nicht zu Gott, wie ich ihn kenne, bekehren. Auf ihre Weise sind sie schon zu ihm bekehrt, nur nennen sie ihn ganz anders – und auch das ist eine Form der Freiheit, die Gott schenkt…

Und das Leben nach dem Tod?

Das ist ja, vor allem bei Moslems und Christen, eine oft entscheidende Frage und hat zu den eigenartigsten, von schrecklichen – ewige Verdammnis, Höllenfeuer! – bis zu humorigen Vorstellungen darüber geführt, wie dem Himmel als großem Symphonieorchester, das offiziell Bach, privat aber Mozart spielt (nach Karl Barth).

Auf die Schreckensvorstellungen muss ich nicht weiter eingehen: Sie sind eindeutig Androhungen für das Nachher, die die Menschen im Vorher disziplinieren wollen; dass sie auch im Neuen Testament, besonders im Matthäusevangelium, vorkommen ändert daran nichts. All die Schrecken, die sie erzählen, sind Schrecken, die Menschen einander in Diesseits zufügen: die Hölle als Erfahrung der Gottferne findet vor dem Tod statt und trifft mehr Unschuldige als Schuldige.

Alle anderen, die positiven oder positiv gemeinten Vorstellungen haben gemein, dass sie einen Zustand erfüllter Wünsche beschreiben, eine Harmonie, einen Einklang. Der Buddhismus erkennt das auch im Nichts, in das der Tod einmal münden soll. Wer diese Harmonie und den Einklang mit sich selbst und, so man ihn als existent anerkennt, mit Gott schon hier und heute erlebt, lebt in der Regel angstfrei auch auf den Tod hin und wird das nicht verlieren. Sie oder er bleibt in Gott oder in der Liebe, die jemanden im Leben geleitet und getragen hat, bewahrt – wie auch immer. Und dieses Wie bleibt uns auch im Glauben verborgen bis wir es im Tod erfahren – als Freiheit von allen Beschränkungen.