zu 2.Korinther 13, 11 ff., 02.06.1996

Predigt von Tilman Hachfeld im Synodalgottesdienst an Trinitatis 1996 in der Schloßkirche Berlin-Köpenick

Lesung: Deutoronomium 6, 1-13; Predigttext 2. Korintherbrief 13, 11-13. (im Verlauf der Predigt)

Lied vor der Predigt: 289, 1-3.

Liebe Gemeinde,

heute feiert die Kirche ihr am wenigsten beachtetes Fest: Trinitatis, das Fest der Dreieinigkeit Gottes. Weshalb wird es so wenig beachtet ? Ich denke, das liegt am seinem Inhalt, der trotz des Festes meist unverstanden bleibt: Gottes Einheit in der Dreiheit.

Brauchen wir das Fest Trinitatis ? Nun, bis ins 11. Jahrhundert kam die Kirche ohne es aus; und nachdem die vom französischen Kloster Cluny ausgehende Reformbewegung dieses Fest in Vorschlag gebracht hatte, erklärte noch 100 Jahre später Papst Alexander III auf dem Laterankonzil, die Kirche brauche kein solches Fest: sie feiere in jedem ihrer Gottesdienste die heilige Trinität…. Erst 250 Jahre danach, 1334, ordnete Papst Johannes XXII an, dieses Fest regelmäßig am 1. Sonntag nach Pfingsten zu begehen, und seitdem ist es so Die lutherische Reformation hat dieses Fest, wie vieles andere, anscheinend unkritisch übernommen und in seiner Gewichtung sogar noch erhöht, indem sie die folgenden Sonntage bis in den November hinein als die „Sonntage nach Trinitatis“ feiert – während die römische Kirche die Sonntage ab Pfingsten als „Sonntage im Jahreskreis“ zählt.

Ich kann den Verdacht nicht loswerden, daß wir mit diesem Fest die pädagogische Absicht geerbt haben, wenigstens an einem Sonntag im Jahr den Gemeinden das kirchliche Dogma von der Trinität, der Dreiheit in der Einheit Gottes, erklären zu sollen.

Ein kirchliches Dogma ! – keine biblische Lehre, auch wenn sie biblisch abgeleitet wird. Deshalb kann sie auch von der Bibel her immer wieder in Frage gestellt werden, ob die Schrift uns nicht doch noch eines Besseren belehre.

Die pädagogische Absicht des Festes schlägt sich auch in der Wahl des für heute vorgeschlagenen Predigttext nieder. Es sind die drei letzten Verse des 2. Korintherbiefes, Kapitel 13, die Verse 11 bis 13. Ich übersetze sie so:

„Schließlich, Geschwister, seid gegrüßt ! Laßt euch wieder zurechtbringen, laßt euch ermahnen, wollt das selbe, lebt in Frieden – und der Gott der Liebe und des Friedens wird mit euch sein.

Grüßt einander mit heiligem Kuß; alle Heiligen grüßen euch.

Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe des Gottes und die Teilhabe am Heiligen Geist ist mit euch allen !“ Amen.

Liebe Gemeinde, was für einen Text haben wir hier eigentlich vor uns ?

Diese Sätze sind der Abschluß eines Briefes, eines ganz und gar nicht freundlichen Briefes. Zwar streiten sich die gelehrten Neutestamentler nach wie vor, ob es sich hier um einen Brief handelt oder um mehrere Fragmente verschiedener Briefe, doch das muß uns jetzt nicht berühren. Auch die letzten drei Kapitel des Briefes allein, deren Zusammengehörigkeit mit diesem Gruß am Schluß nicht bestritten wird, machen deutlich: Der Verfasser, Paulus, hat – leger ausgedrückt – Zoff mit den Korinthern. Nicht mit allen, aber die Krise hat die ganze Gemeinde ergriffen. Scharf warnt Paulus vor falschen Lehrauffassungen, drohend kündigt er an, damit aufzuräumen, wenn er kommt, streng muß er auf seine Autorität als Apostel pochen, geradezu sarkastisch schreibt er von anderen Missionaren als von „Überaposteln“, die in Wirklichkeit Apostel des Satans sind. Und breit erzählt er von sich selber, von seine Mühen und Leiden und seinem Ringen um die Gemeinde. Und dann folgt dieser Schluß.

„Schließlich, Geschwister, seid gegrüßt !“ Paulus benutzt hier die übliche Grußformel seiner Zeit, chairete. Die sagt allerdings, wenn man sie wörtlich nimmt, mehr aus als unser „liebe Grüße“ am Briefende; wer noch genau auf den Wortlaut hört, fühlt sich zur Freude aufgefordert: „Freut euch !“ Aber wann denken die Bayern, wenn sie „Grüß Gott“ sagen, an Gott ?

Haben die Korinther etwa, wenn sie diesen Brief gelesen haben, Grund zur Freude ? Vorher muß doch erst geschehen, was Paulus weiter schreibt: „Laßt euch wieder zurechtbringen, laßt euch ermahnen !“ oder wörtlicher im direkten Imperativ Passiv: „Werdet wieder zurechtgebracht, werdet ermahnt !“ – Und zwischen den Zeilen, beziehungsweise kurz vor ihnen, steht: „…bevor ich selber komme und es dann in Strenge tun muß.“ Paulus gibt den Korinthern eine letzte Chance, die sie ernstnehmen sollen, und die Chance ist der Briefträger, der diesen Brief überbringt, sein Mitarbeiter Titus.

Zurechtgebracht werden worin ? Ermahnt werden wozu ? „Wollt das selbe, lebt in Frieden !“ Paulus ist sich sicher, daß die zerstrittenen Korinther, wenn sie sich auf eine gemeinsame Sache besinnen, sich nur auf die besinnen können, die er ihnen bei seiner ersten Missionstätigkeit in Korinth vermittelt hat: Den ungeteilten Glauben an Gott und seine Heilstat in Jesus Christus, die sie im Heiligen Geist erfahren und die sie in eine Gemeinschaft der Liebe und des Friedens untereinander bringt – als Gemeinschaft mit Gott: „Und der Gott der Liebe und des Friedens wird mit euch sein.“ Das ist im Moment in Korinth nicht so; an Liebe und Frieden hapert es sichtbar. Und deshalb können die Korinther auch nicht das Herrenmahl feiern – oder wenn, dann nur in verderblicher Weise. Erst müssen sie wieder zusammenfinden, und dieses Zusammenfinden drückt sich aus im heiligen Kuß: „Grüßt einander mit heiligem Kuß !“

Ich muß zugeben, ich habe Schwierigkeiten mit der Inflation der Küsserei, die auch in kirchlichen Kreisen seit geraumer Zeit um sich greift, und halte sie nicht für heilig. Aber vielleicht, wenn wir damit so vorsichtig umgehen wie die Hugenottengemeinden mit dem Abendmahl, könnte auch ein „Heiliger Kuß“ hilfreich sein.

Paulus bangt um die Gemeinde, nicht nur, weil er viel Persönliches in sie investiert hat. Mit ihm bangt die ganze Kirche. Statt wie sonst ausgewählte Grüße Einzelner weiterzugeben, schreibt er in diesem Briefschluß: „Alle Heiligen grüßen euch.“, das heißt: die ganze Kirche hofft für Euch und für sich selber, daß Ihr auf den Weg Gottes zurückfindet. Denn Streit und Ketzerei in einer Gemeinde berühren auch alle anderen, wo ein Glied leidet, leiden alle mit.

Und dann folgt dieser Satz, den wir in der Kirche so oft zitieren – nicht ganz richtig zitieren, wie ich meine: „Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen !“ – „…und die Teilhabe am Heiligen Geist ist mit euch allen.“, übersetze ich hier. Die griechische Sprache läßt beide Möglichkeiten zu. Und der Übersetzer muß sich fragen: Drückt Paulus hier nur einen frommen Wusch aus: so soll es sein ? Oder sagt er den Korinthern, was Sache ist, nämlich: „Die Gnade des Herrn Jesus Christus ist da für euch, die Liebe des Gottes ist nicht von euch genommen, die Teilhabe am Heiligen Geist ist für euch nicht erloschen – auch wenn ihr sie heute durch euren Streit und in eurer Blindheit nicht wahrnehmt.“

Was sagt er ihnen hier zu ? Erstens: Gnade, charis. Die charis des Herrn Jesus Christus, das ist sein Leben, Sterben und Auferstehen. Das ist für Paulus der Erweis von Gottes großer Güte, seiner ḥäsäd, in der dieser Einzige sein Volk und dann alle Welt mit sich versöhnt. Diese Gnade, von der die Psalmen singen und die die Christenheit in Jesus erfährt, ist nicht einmal da und einmal nicht da. Sondern sie ist. Und der Korinther wie unsere Sache ist es, ob wir sie uns bewußt machen und damit aus ihr leben mit den uns durch sie verliehenen Charismen, also alle unsere Fähigkeiten für die Gemeinschaft einsetzen – oder ob wir sie über unseren Streitigkeiten vergessen und deshalb wie unversöhnt miteinander umgehen müssen.

Und er sagt ihnen zweitens die Liebe Gottes zu, seine agapä, mit der er sich den Seinen verlobt hat und an der er auch dann noch festhält, wenn die Seinen fremdgehen, wie uns die Propheten versichern. Denn in der Regel verursacht die Liebe Gottes zu den Seinen nur göttlichen Liebeskummer. Der Korinther wie unsere Sache ist, ob wir uns dieser Liebe wieder ausliefern und uns an ihr genug sein lassen, und damit selber wieder liebesfähig werden, oder ob wir anderes suchen, um damit groß und glänzend vor der Welt oder der Amtskirche dazustehen – und innerlich verkümmern.

Und er spricht drittens von der Teilhabe am Heiligen Geist, der koinonia tou hagiou pneumatos. Ich höre daraus eine Art Genossenschaft, die durch eine von Gott uns geschenkte Gabe, den Heiligen Geist, begründet ist. Aber in Korinth arbeitet sie momentan nicht, der Geist, an dem alle teilhaben, liegt brach.

In den Begriff „Teilhabe am Heiligen Geist“ mehr hineinzuinterpretieren als die Worte selber aussagen, wäre für Paulus ein unerhöhrter Schritt über sein Judentum hinaus. Eine Genossenschaft der Gemeinde mit Gott auf gleicher Ebene kennt die hebräische Bibel nicht. Gott bleibt ein Gegenüber, und gerade als solches heilsam. Anders als manchmal in der römisch-griechischen Religiosität bleibt das Opfermahl im Tempel zu Jerusalem immer ein Mahl vor den Augen Gottes und kein mit ihm gemeinsam eingenommenes.

Paulus erkennt Jesus Christus als den, der den sonst unüberwindbaren Gegensatz zwischen Gott und uns überwindet, der uns im Abendmahl an seinen Tisch lädt und uns darin sein Leben, die charis, die ḥäsäd Gottes, mitteilt. Das wird im Abendmahl geistlich erfahren, sofern wir es als Teilhaber am Heiligen Geist genießen.

Materiell manifestiert sich diese geistliche Gemeinschaft mit Christus in der Gemeinschaft der Christen, im Leben der Gemeinde und der Kirche. Im 2. Korintherbrief manifestiert sie sich auch finanziell, nämlich in der Kollekte, der Geldsammlung für die Jerusalemer Urgemeinde; auch und gerade an ihr wird Teilhabe am Heiligen Geist sichtbar, in guter jüdische Tradition: Zur Erfüllung der Tora, dem Leben in der Gottesgemeinschaft, gehören auch klare finanzielle Regelungen.

Von Gott her ist uns durch den Heiligen Geist, an dem wir Teilhaber sind, Gemeinschaft geschenkt: Es ist Sache der Korinther wie unsere, ob wir sie halten und pflegen – oder ob wir uns gegenseitig befetzen und verketzern.

Das Wort „Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe des Gottes und die Teilhabe am Heiligen Geist ist mit euch allen !“, ist keine dogmatische Formel und kann auch keine kirchliche Trinitätslehre begründen. Aber es teilt uns die Grundlage des Lebens mit. Und die ist der eine und einzige Herr, den Israel täglich im Gebet bekennt – und den wir mit Israel bekennen wollen. Das Wort ist Zusage und das Fundament, von dem aus wir uns auf den Weg machen können, auf dem Gott uns entgegenkommt. Es teilt uns die Solidarität Gottes mit seiner Kirche mit – und diese Kirche sind nicht nur wir, sondern sie ist darauf angelegt, die ganze Schöpfung zu umfassen. Amen.

(Gebet nach der Predigt:)

Herr, Du einer und einziger und unfaßlicher, wir danken Dir für Deine Güte und Gnade, für das Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen Deines und Israels Sohnes Jesus, in dem Du uns Anteil gibst an den Verheißungen für Dein Volk, daß es zum Segen werden soll für alle Welt. Wir danken Dir für die Liebe, mit der Du uns überhäufst und die nicht zuende ist, wenn wir sie fliehen. Wir danken Dir für den Geist, der uns in die Gemeinschaft einlädt, die Du stiftest und deren einziger Gott Du bist und bleiben sollst. Halte uns fest an Deinem Wort.

Wir bitten Dich für Deine ganze Schöpfung, die unter dem Nichterkennen Deines Willens leidet, die in Ängsten lebt und mit Gewalt sich selber zerstört. Versöhne sie mit Dir und sich selbst und erneuere sie nach Deinen Verheißungen.

Wir bitten für alle Menschen, die, statt nach Deinem Willen zu fragen, in die Irre gehen. Wir bitten Dich für alle, die Gewalt erleiden, die nicht bekommen, was zu einem würdigen Leben nottut, die unter falschen Anklagen stehen, die krank sind, die vereinsamen und verbittern. Sei Du selber ihr Anwalt, und zeige uns die Möglichkeiten, die wir haben, ihnen zu helfen.

Wir bitten Dich für die Mächtigen dieser Welt: gib ihnen etwas von Deinem Geist der Liebe und Gerechtigkeit und des Friedens – und wenn sie dafür unempfänglich sind, befreie sie von ihrer Macht, daß sie sich nicht weiter versündigen.

Wir bitten Dich für Dein Volk Israel, daß es in seinem Land und dort, wo es in der Zerstreuung lebt, Frieden habe mit allen Nachbarn.

Wir bitten Dich für Deine Kirche, daß sie wieder auf den Weg Deiner Weisung für sie finde und aus der Verheißung lebe, die Du ihr mitgegeben hast, Zeuge zu sein für Deine Güte und Treue, Dir zum Lob, der Welt zum Heil.

Unser Vater…