zu Exodus (2. Mose) 1, 16.12.2012

Predigt von Tilman Hachfeld im Gottesdienst am 3. Advent in der Reformierten Schlosskirche Berlin Köpenick

Lieder im Gottesdienst vor der Predigt waren (EG) 10, 1 – 4 (ganz): Mit Ernst, o Menschenkinder… und 5, 1 – 3: Gottes Sohn ist kommen…

Weitere Texte waren Jesaja 40, 3 + 10, die Zehn Gebote und ihre Summe, Psalm 24 nach EG 712, Lukas 1, 39 – 45. und Frage und Antwort 35 aus dem Heidelberger Katechismus.

Predigttext war das 1. Kapitel aus (deutsch:) 2. Mose, (lateinisch:) Exodus, (hebräisch:) Schemôt, das heißt: Namen; wir hören gleich warum:

1, 1. Und diese die Namen der Kinder Israels, die mit Jakob nach Ägypten kamen, jeder waren sie mit ihrem Hausstand gekommen: 2. Ruben, Simeon, Levi und Juda; 3. Issaschar und Sebulon und Benjamin; 4. Dan und Naphtali, Gad und Ascher. 5. Und es waren insgesamt 70 aus den Lenden Jakobs herrvorgegangene Personen, und Joseph war schon in Ägypten. 6. Und Joseph starb und alle seine Brüder und jene ganze Generation.

7. Und die Kinder Israels waren fruchtbar, und sie wimmelten, und sie mehrten sich und wurden überaus stark, und das Land wurde voll von ihnen.

8. Und es erhob sich ein Neukönig über Ägypten; der nahm von Joseph keine Notiz. 9. Und der sprach zu seinem Volk: „Siehe, das Volk der Kinder Israels wird mehr und stärker als wir; 10. auf, wir wollen klug an ihm handeln, dass es sich nicht mehrt und es geschieht, wenn Krieg ausbricht, dass auch es sich unseren Feinden anschließt und Krieg gegen uns führt und wegzieht aus dem Land!“

11. Da setzten sie über es Fronherren um es mit ihren Lasten zu drücken, und es baute Vorratsstädte für Pharao, Pitom und Raamses. 12. Und so, wie sie es bedrückten, so mehrte es sich und so breitete es sich aus, und es graute ihnen vor den Kindern Israels. 13. Da versklavten die Ägypter die Kinder Israels gewaltsam. 14. Und sie machten ihr Leben bitter in harter Sklavenarbeit in Lehm und in Ziegeln und in aller Sklavenarbeit auf dem Feld neben aller ihrer Sklavenarbeit zu der sie sie gewaltsam versklavten.

15. Und der König von Ägypten sprach zu den hebräischen Hebammen, deren einer Name Schifra und der zweiten Name Pua war, 16. und sprach: „Bei eurer Geburtshilfe an den Hebräerinnen, da seht auf die Geschlechtsteile; wenn es ein Sohn ist, ein Er, dann tötet ihn, und wenn es eine Tochter ist, eine Sie, dann lebe sie.“

17. Aber die Hebammen fürchteten Gott und taten nicht, wie der König von Ägypten zu ihnen geredet hatte, und erhielten die Knäblein am Leben. 18. Und der König von Ägypten rief die Hebammen und sprach zu ihnen: „Warum habt ihr solches getan und die Knäblein am Leben erhalten?“ 19. Und die Hebammen sprachen zu Pharao: „Gar nicht wie die ägyptischen Frauen sind die hebräischen: ganz lebenskräftig sind sie. Bevor die Hebamme zu ihnen kommt, da haben sie schon geboren.“

20. Und Gott tat den Hebammen Gutes, und das Volk mehrte sich, und sie wurden sehr stark. 21. Und es geschah, da die Hebammen ihn, Gott, gefürchtet hatten, da machte er ihnen Häuser.

22. Da befahl Pharao seinem ganzen Volk so: „Jeden Sohn, der geboren ist, in den Nil sollt ihr ihn werfen, und jede Tochter sollt ihr am Leben erhalten!“ (eigene Übersetzung)

Liebe Gemeinde,

die Geschichte von den hebräischen Hebammen ist nach der „Reformierte(n) Liturgie“ einer der für den 3. Adventssonntag vorgeschlagenen Predigttexte. Wie sollen wir nun adventlich an diese Geschichte herangehen? Ich denke, um der Erzählung selber gerecht zu werden, sollen wir sie erst einmal nehmen, wie sie hier, und das heißt auch: in ihrem Umfeld steht. Deshalb habe ich auch das ganze Kapitel vorgelesen. Was an dieser Geschichte adventlich ist, sollten nicht wir an sie herantragen, sondern muss sich aus ihr selber ergeben. Aber vielleicht hilft es dazu, die vorher gelesene Erzählung über Maria und Elisabeth (Lukas 1, 39 – 45) im Ohr zu behalten.

In der eigentlichen Erzählung geht es um die Hebammen Schifra und Pua, denen hier ein Denkmal für alle Zeiten gesetzt wird. Es geht um Widerstand gegen eine despotische Mordverfügung – und gegen tödliche Dummheit.

Wie war es zu der Situation gekommen? Der Anfang des Kapitels gibt das kurz an. Joseph, Jakobs Lieblingssohn, der Petzer und hochnäsige Träumer, war von seinen Brüdern als Sklave nach Ägypten verkauft worden. In Ägypten stieg er mit Gottes Hilfe zum mächtigsten Mann nach dem König, dem Pharao, auf . Er legte in satten Zeiten immense Vorräte für magere Zeiten an, und als die kamen, kamen auch seine Brüder, um in Ägypten Korn zu kaufen. Nach einigem Hin und Her gab er sich ihnen zu erkennen und lud sie und seinen Vater Jakob ein, sich der weiteren Hungersnot zu entziehen und nach Ägypten zu kommen. Und sie kamen. Sie kamen nicht wie andere als Hungerflüchtlinge, sondern als Eingeladene des Königs mit entsprechenden Privilegien in teils geschlossene Wohngebiete. Sie saßen da in Ägypten wie einst die Hugenotten in Berlin und Brandenburg. Aber anders als diese vermehrten sie sich sehr stark. Was einmal als eine Familie mit 70 Häuptern eingewandert war, sollte dann nach 430 Jahren als wahrhaftiges Volk dorthin zurückkehren, woher die Alten gekommen waren.

Aber dann steht da ein Neukönig auf, einer, der alles neu und anders machen will. Die Bezeichnung „Neukönig“ macht ihn dafür schon ein wenig lächerlich. Aber aus der eigenen Geschichte wissen wir ja, dass es gerade unter lächerlichen Despoten bald nichts mehr zu lachen gibt. Dieser Neukönig in Ägypten wird uns als geradezu klassisches Beispiel für einen böswilligen Demagogen dargestellt. Anscheinend muss er den Unwillen seiner Untertanen von sich selber ablenken und macht deshalb aus den Kindern Israels nicht nur ein Volk, das das Ägyptische überfremden könnte, sondern auch einen potenziellen Kriegsgegner im Inneren – aber der Gipfel dessen, was sie den Ägyptern antun könnten, wäre trotzdem, wegzuziehen! Demagogie braucht ihre Widersprüche nicht aufzulösen, wenn sie die ganze Skala dessen umfassen, wovor man Angst haben könnte.

Was dann gegen das Volk der Kinder Israel unternommen wird, wird als Fürsorge für das ägyptische Volk verkauft: Zunächst fallen die alten Privilegien weg, mit denen die Israeliten rechtlich den freien Ägyptern gleichgestellt waren. Man unterstellt sie Fronherren, das sind Staatsbeamte, die sie zu staatlichen Arbeiten zwingen.

Das bringt dem Staat den Vorteil der kostenlosen Arbeitskraft, führt aber natürlich nicht zu dem, was den Ägyptern als Ziel vorgegaukelt wurde: dass sich das Volk der Kinder Israel nicht weiter vermehrt. Das wiederum berechtigt die Regierenden nun zu einem weiteren Schritt: Aus fronverpflichteten Untertanen werden Sklaven gemacht; das bringt dem Saat noch mehr Vorteile, hindert aber die Kinder Israels auch nicht, weiter Kinder in die Welt zu setzen. Der Effekt, den der König mit diesen Maßnahmen in Aussicht gestellt hatte, muss also anders erreicht werden. Es muss verhindert werden, dass männlicher Nachwuchs – weiblicher galt den Ägyptern wohl nicht als potenziell gefährlich – dass männlicher Nachwuchs überhaupt lebendig geboren wird. Erst als auch das nicht funktioniert, ruft Pharao – jetzt so genannt, weil das offenbar nicht mit staatlichen Erlassen und Verfügungen, also nicht königlich geschah – ruft er sein Volk zum offenen Kindermord auf: Alle männlichen neugeborenen sollen in den Nil geworfen werden. Und es ist wohl Gottes Ironie, dass er dann etwas später die Tochter des Pharao ein solches Kind aus dem Nil fischen lässt, Mose, der dann die Israeliten unter für die Ägypter schrecklichen Zeichen in die Freiheit führen wird. So weit der Rahmen.

Und nun zu den Hebammen. Es ist ein Zeichen der absoluten Dummheit dieses Königs, dass er ausgerechnet die hebräischen Hebammen, die selber Teil des Volkes sind, das er dezimieren will, zu Vollstreckerinnen seines Willens macht. In seiner maßlosen Selbstherrlichkeit, die in Wirklichkeit ein enge geistige Begrenztheit ist, kann er sich nicht vorstellen, dass jemand seinen Befehlen nicht nachkommen könnte. Als er feststellt, dass trotz seines Befehls bei den Hebräern weiter lebendige Knaben geboren werden, fällt er deshalb auch auf die reichlich verwegene Ausrede der Hebammen herein, sie hätten nur keine Gelegenheit zur Ausführung des Befehls gehabt, weil hebräische Frauen lebendiger seien und schneller und problemloser gebärten als ägyptische.

Was hatte der König ihnen befohlen? Sie sollten beim Geburtsvorgang, sowie sie das Geschlecht des Kindes feststellen können, alle männlichen Kinder töten, noch beim Geburtsvorgang sie erwürgen oder ihnen das Genick brechen, dass es aussieht wie eine Totgeburt.

Das klingt grausig und schrecklich. Wir wissen aber, dass so etwas kein Märchen sein muss. Wir wissen, dass Despoten durchaus so weit gehen. Und auch, dass sie Menschen finden, die diese Befehle ausführen. Insbesondere, wenn sie sich gegen das Volk Gottes richten.

Was ihre Pläne allerdings durchkreuzen kann, ist etwas, was außerhalb ihres Vorstellungsvermögens ist: Die Gottesfurcht. Sie kennen nur Leute, die sich vor ihnen selber fürchten und aus dieser Furcht zu den übelsten Taten gezwungen werden können – so weit, dass die Gezwungen diese Taten als rechtens betrachten und auch noch stolz darauf sind, wie das Mitte des vorigen Jahrhunderts auch in unserem Land vorkam.

Hier aber trifft der Despot auf Frauen, die Gott mehr fürchten als ihn. Was fürchten sie? Vom Pharao haben sie zu fürchten, dass sie für die Befehlsverweigerung betraft werden, wahrscheinlich mit einem grausamen Tod. Würde Gott sie noch härter bestrafen, wenn sie den Befehl ausführten? Dann wäre er im Prinzip nicht anders als der König von Ägypten.

Was Schifra und Pua aus Gottesfurcht tun, ist die Bewahrung von Leben. Menschliches Leben hat nach dem Talmud drei Verursacher: den Vater, von dem das Weiße im Menschen kommt, Knochen, Sehnen, Nägel, das Hirn und das Weiße im Auge; die Mutter, von der das Rote im Menschen kommt, Haut, Fleisch, Haare und das Schwarze im Auge; und Gott, der den Geist dazu gibt, die Seele im Sinne von gesamthafter Persönlichkeit, den Gesichtsausdruck, das Sehen, das Hören, das Reden, das Gehen, Einsicht und Verstand. Wenn das Leben zu Ende geht, nimmt Gott das Seine wieder fort, das andere bleibt übrig (nach Talmud-Traktat Nidda 31a). Das heißt, dass bei der Geburt Gott selber wirkend und gebend da ist, dass es sein Werk ist, dass das Neugeborene lebt, ja, dass er selber in ihm lebt.

Was Pharao von den Hebammen verlangt, ist genau genommen, Gott zu töten. Da Gott aber auch in den Hebammen lebt, wäre es zugleich eine Selbsttötung, auch wenn sie die böse Tat überlebten wie seinerzeit viele in unserem Land ähnliches überlebt haben. Die Gottesfurcht von Schifra und Pua besteht darin, dass sie ihren Beruf als Teil des Lebens Gottes in der Welt begreifen und deshalb gar nicht anders können, als dem Leben zu dienen, was vielleicht in keinem anderen Beruf so deutlich erfahrbar wird wie in ihrem. Ach, wäre unser Volk doch ein Volk von Hebammen gewesen!

Was die Hebammen bei der Geburtshilfe erfahren, erfahren in der Erzählung von Marias Besuch bei Elisabeth die beiden werdenden Mütter an ihrem Zustand. In ihnen ist etwas angelegt, in dem Gott in diese Welt kommen will: Etwas Großes, etwas Neues, etwas, das der Welt Heil bringen und sie verändern wird. Diesem Neuen, das da kommt, immer neu Hebammendienst zu leisten, ist wahrhaft adventliches Tun. Denn die Hoffnung auf eine erneuerte Welt, in der Kinder ohne Not und in Frieden geboren werden und heranwachsen können, ist uns nicht geschenkt, um untätig darauf zu warten, dass sie kommt, sondern um uns auf sie hin in Bewegung zu bringen mit all den Gaben, die Gott in uns gelegt hat: Geist, Seele, Gesichtsausdruck, Sehen, Hören, Reden, Gehen, Einsicht und Verstand. In der Bewegung auf es hin haben wir schon Anteil am Kommenden.

Wie auch Schifra und Pua; sie ernten durch ihre Befehlsverweigerung, die dem Leben dient, doppelten Lohn: Sie erleben mit, dass das Volk Gottes wächst, und „Gott gibt ihnen Häuser“: sie sind selber über eigene Kinder oder solche, denen sie ins Leben geholfen haben, Stammmütter des Gottesvolkes, die Urmütter von Priestern, Königen und Propheten, die Urmütter auch von Johannes dem Täufer und Jesus, der uns der Christus ist. Dafür loben und ehren wir Gott im Angedenken an Schifra und Pua. Amen.

Gebet:

Herr, wir loben und segnen und preisen Dich Schifras und Puas wegen, die von Dir den Mut empfangen haben, sich der Macht der tödlichen Dummheit zu widersetzen und Leben zu bewahren. Wir loben Dich Israels Priester, Propheten und Lehrer wegen, die Dein Wort bis heute weitertragen und bedenken. Wir segnen Dich eines Königs wie Davids wegen, auf dem Deine ewige Verheißung für Israel liegt. Wir preisen Dich Jesu Christi wegen, in dem alle Hoffnungen Israels für uns zusammenfließen. Lass diese Hoffnungen in uns so lebendig werden, dass sie uns in Bewegung setzen Dir entgegen. Aber nicht erst in Deiner Zukunft, sondern schon jetzt in unserer Gegenwart lass Deinen Willen über all das siegen, was das Leben der Menschen und der Natur verdunkelt.

Dabei denken wir vor Dir an die Menschen, die in Kriegs- und Bürgerkriegsgebieten wie in Syrien, Afghanistan, Mali oder Zentralafrika leben; sie sollen Frieden finden. Wir denken vor Dir an die, denen das Notwendige für ein würdiges Leben vorenthalten wird: Nahrung, Bildung, Selbstbestimmung; sie sollen satt und frei werden. Wir denken vor Dir an die Hoffnungslosen und Entwurzelten; sie sollen klare Wege vor sich sehen. Wir denken vor Dir an unsere Kranken; sie sollen Geduld aufbringen und Heilung erfahren – und wo nicht, da mache Du Dich als das Ziel bekannt, auf das alles Leben hinläuft. Wir denken vor Dir an unser Land und unsere Stadt und ihre Menschen, dass wir in Frieden und gegenseitiger Fürsorge über alle unsere Verschiedenheiten hinweg miteinander Leben gestalten können, das bereit ist für Dein Kommen, das wir mit der Weihnacht feiern. Sei Du mitten unter uns.

Wir denken vor Dir an Dein Volk Israel; es soll in Freiheit und Frieden mit allen Nachbarn im Land und in der Diaspora leben, um Deinen Willen für die Menschheit bezeugen zu können. Wir denken vor Dir an alle Kirchen und unsere Gemeinde; sie sollen in Wort und Tat Dein Lob verkündigen.

Wir bitten Dich mit den Worten Jesu: Unser Vater im Himmel…

Lied 20, 1 – 4. 7. 8.: Das Volk, das noch im Finstern wandelt…