zu Jesaja 52,13-53,12, 29.03.2002

 Predigt von Tilman Hachfeld im Gottesdienst im Coligny-Saal Berlin Halensee

Lieder im Gottesdienst vor der Predigt waren (EG): 443, 1 – 5.: Aus meines Herzens Grunde…, 233, 1 – 5. (ganz): Ach Gott und Herr… und 85, 1. 2. 4. und 6. 9. 10.: O Haupt voll Blut und Wunden… in zwei Teilen zur Lesung.

Weitere Texte waren: Johannes 3, 16., Die Zehn Gebote, Micha 7, 18 – 20. und als Lesung in zwei Abschnitten Markus 15, 16 – 41.

Im Gottesdienst wurde Abendmahl gefeiert.

Liebe Gemeinde,

vorhin haben wir vom Tod Jesu gehört, diese grausame Geschichte, die wir uns jedes Jahr am Karfreitag vor Augen führen: Ein Verurteilter wird öffentlich verspottet, abgeführt und an ein Folterinstrument befestigt, um daran elend zugrunde zu gehen.

Wir nehmen diese Geschichte als etwas ganz Besonderes; zu seiner Zeit war das aber ein alltäglicher Vorgang, durch den die Römische Besatzungsmacht immer wieder davon abschrecken wollte, sich gegen sie zu erheben. Das Land war voller solcher Kreuze.

Das Besondere, das wir aus dieser Geschichte vernehmen, drückt in ihr der römische Hauptmann aus, wenn er beim Anblick des Todes dessen, den er selbst dort aufgehängt hat, sagt: „Dieser Mensch war in Wahrheit Gottes Sohn.“ Und um das zu unterstreichen wird der Vorhang im Tempel erwähnt, der das Allerheiligste verbirgt: Der zerreißt und gibt das Heiligtum den profanen Blicken aller preis.

Können wir diese Geschichte verstehen? Müssen wir sie denn verstehen? Oder sollten wir sie nicht einfach so stehen lassen, wie sie hier steht?

Aber die Geschichte geht ja weiter bis heute, und zwar in einem doppelten Sinn: Nach wie vor versuchen in dieser Welt Gewaltherrscher, ihre Macht mit Folter und Tod zu behaupten. Diese eine Kreuzigung ist nur ein Glied in einer unendlichen Kette, die bis heute nicht abgerissen ist. Aber ebenso gibt es nach wie vor solche, für die die Sache mit dem Tod, der da inszeniert und herbeigeführt wird, nicht zu Ende ist. In dieser Geschichte sind es die Frauen, Jesu Jüngerinnen, die von ferne zuschauen. Indem sie den Tod, der da gestorben wird, ernst nehmen, werden sie am übernächsten Tag die Erfahrung machen, dass der Getötete dennoch lebt. Und diese Erfahrung geben sie weiter, und aus dieser Erfahrung entsteht dann Kirche, die sie lebendig halten und die Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten zu ihrem Lebensinhalt machen will. Als solche sind wir heute hier.

Jesu Jünger aber, und nicht nur die in den ersten Generationen, sondern bis heute, versuchen, Antworten zu den Fragen zu finden, die sich angesichts dieses Todes stellen: Warum? Weshalb? Und vor allem: Wozu? Und auf der Suche nach Antwort lasen die ersten Generationen die hebräische Bibel und gestalteten auch von ihr her die Form, wie sie die Geschichte von Jesu Tod weitergaben, und die Bedeutung, die sie ihr gaben. Zu den Texten, die sie da fanden, gehören auch die vier Lieder vom Gottesknecht im zweiten Teil des Buches Jesaja, und das letzte von ihnen ist uns heute durch den liturgischen Kalender als Predigttext gegeben:

Jesaja 52, 13. Siehe, klug handelt mein Knecht, er erhebt sich und wird erhöht und ist sehr erhaben. 14. So wie sich viele über ihn entsetzen, wie unmenschlich entstellt sein Anblick ist und seine Gestalt ungleich Menschenkindern, 15. so überrascht er viele Völker; vor ihm schließen Könige ihren Mund, denn was ihnen nie verkündigt ist, sehen sie, und was sie nie hörten, nehmen sie wahr.

53, 1. Wer vertraut unserer Botschaft, und der Arm JHWHs, wem wird er offenbar?

2. Und er wuchs auf wie ein Säugling vor seinen Augen und wie ein Sprössling aus dem Land der Dürre; keine Gestalt hatte er und keine Schönheit, dass wir ihn angesehen hätten, und kein Aussehen, dass wir ihn begehrt hätten. 3. Verachtet und verlassen von Menschen, ein Mann der Schmerzen, vertraut mit Krankheit, wie um das Gesicht vor ihm zu verbergen, verachtet, und wir beachteten ihn nicht. 4. Dennoch: Unsere Krankheiten, er trug sie, und unsere Schmerzen, er lud sie auf sich, und wir, wir hielten ihn für getroffen, von Gott geschlagen und gebeugt. 5. Er aber ist verwundet von unseren Missetaten, zerschlagen von unseren Übertretungen, die Strafe liegt für unser Heil auf ihm, und in seiner Wunde geschieht uns Heilung. 6. Wir alle irren umher wie ein Schaf, jeder haben wir uns auf den eigenen Weg begeben, doch JHWH lässt unser aller Schuld auf ihn treffen. 7. Er wird misshandelt, und er, er tut seinen Mund nicht auf, so, wie das Lamm zur Schlachtung geführt wird und wie das Schaf angesichts der Scherer verstummt und seinen Maul nicht auftut. 8. Aus der Haft und aus dem Gericht wird er genommen, aber seine Zeitgenossen, wer denkt daran, dass er aus dem Land der Lebenden gerissen und wegen des Frevels meines Volkes aussätzig wird? 9. Und man gibt ihm bei Übeltätern sein Grab und bei einem Reichen in seinen Toden, obwohl er kein Unrecht tut und kein Betrug in seinem Mund ist. 10. Doch JHWH will ihn zerschlagen, macht krank. Wenn du als Schuldopfer seine Seele einsetzt, wird er Nachkommen sehen, wird er die Tage lang machen, und der Wille JHWHs, durch seine Hand gelingt er.

11. Befreit von der Mühsal seiner Seele sieht er, wird er satt; durch Erkenntnis macht der Gerechte, mein Knecht, viele gerecht, und ihre Verfehlungen, er trägt sie. 12. Darum gebe ich ihm Anteil bei Mächtigen, und mit Gewaltigen teilt er Beute, dafür, dass er dem Tod seine Seele ausgießt und zu den Abtrünnigen gezählt wird. Und er, er trägt die Sünden Vieler und für die Abtrünnigen tritt er ein.

Liebe Gemeinde, was ist das?

Ein Triumphlied: Er handelt klug, erhebt sich, wird erhöht und ist erhaben, und vor ihm verstummen Könige; durch seine Hand gelingt, was Gott will, Anteil hat er bei Mächtigen, und mit Gewaltigen teilt er Beute!

Ein Klagelied: Unmenschlich entstellt sein Anblick, ohne Schönheit und Ansehen, verachtet, voller Schmerz und Krankheit, gestraft, misshandelt, aus dem Land der Lebenden gerissen und aussätzig, sein Grab bei Übeltätern, von Gott zerschlagen….

Ein Danklied: Er trägt unsere Krankheit und unsere Schmerzen, er leidet uns zum Heil, seine Wunde ist unsere Heilung, er macht viele gerecht, indem er die Sünden Vieler trägt, und für die Abtrünnigen tritt er ein.

Wie vereint sich das alles? Und was hat es dabei noch mit der Seele auf sich, die ein Du als Schuldopfer einsetzt? Und Seele, näphäsch, meint im Hebräischen nicht eine vom Körper unterscheidbare oder gar trennbare Geistigkeit, sondern die ganzheitliche Person. Aber wie sollte diese Person noch lange Tage erleben und Gottes Willen zur Ausführung bringen, wenn sie tatsächlich wie ein Opfertier geopfert würde?

In der Tat wird hier alles in der Einzahl genannt – oder nur fast alles: denn einmal ist von „seinen Toden“ in der Mehrzahl die Rede. Und da jeder Mensch nur seinen eigenen, einzigen Tod sterben kann, muss auch die Einzahl in diesem Lied eine Mehrzahl meinen.

Als Knecht Gottes bezeichnet die hebräische Bibel vorzugsweise das Volk Israel als Ganzes; wo der Begriff auf eine einzelne Person angewandt wird, wird sie immer mit Namen genannt: Mein Knecht Jesaja, mein Knecht David, aber immer wieder: Mein Knecht Jakob, womit jedesmal seine gesamten Nachkommen, also wieder das ganze Israel gemeint ist.

Elend und Triumph, Stellvertretung und Rettung liegen in diesem Lied also nicht in einer Person, sondern verteilen sich auf das ganze Gottesvolk in seinen Generationen.

Und weiter: Das Lied wird auch in verteilten Rollen gesungen. Das Klage- und das Danklied singt Israel über sich selbst; das Triumphlied, das am Anfang und am Schluss alles andere einrahmt, singt Gott über seinen Knecht Israel.

Wir müssen, um das zu verstehen, die Situation in den Blick nehmen, in der diese Lieder vom Gottesknechts zuhause sind. Es ist die Zeit der Deportation in Babylonien; die Elite Jerusalems, Adel, Priester und Handwerker, sind nach der Eroberung ihrer Stadt durch die Babylonier dorthin verschleppt worden. Und in dieser Zeit, fern von den Ruinen des Jerusalemer Heiligtums, entwickelt sich unter ihnen eine neue Frömmigkeit. Sie interpretiert das, was diesem Volk geschehen ist, als Folge der eigenen Abtrünnigkeit von Gott und seiner Weisung, und sucht eine neue Geistigkeit und Gotteserkenntnis, aus der dann das Judentum der Synagogen erwächst. An diesem Prozess nehmen wir, dieses Lied hörend, teil. Und zugleich nehmen wir an der Hoffnung teil, dass diese Zeit der Schmach in Babylonien zu Ende geht und eine großartige Heimkehr bevorsteht, der Kern der Botschaft des zweiten Jesaja, in dessen Buch diese Lieder eingebettet sind.

Durch Leiden zur Hoffnung, durch Tod zum Leben: das ist biblischer Realismus. Er täuscht nicht über das hinweg, was in dieser Welt los ist, er verharmlost nicht die dunklen und grausamen Seiten des Lebens. Er spricht keine voreilige Vergebung zu, die vor den Folgen der eigenen Irrtümer und Schuld oder auch vor den Folgen fremder Schuld bewahrt. Aber er erkennt diese Folgen, auch den Tod, nicht als Ende, sondern als Weg.

Indem Jesu Jünger dieses Lied als ein Lied über Jesus lesen, lesen sie damit Jesus als das ganze Israel mit seiner wechselvollen Geschichte. Die führt durch tiefste Tiefen und Tod, sehr viel mehr durch andere als selbst verursacht, wie es im gerade zu Ende gegangenen Jahrhundert in der allerschlimmsten Weise geschehen ist und wie es Jesus am Kreuz nicht nur für sich erfahren hat, sondern auch für alle, die dieses Geschehen am Kreuz auf sich beziehen wollen. Diese Geschichte führt aber dennoch weiter in die Verheißung des Segens für alle Welt, die Gott am Anfang der Geschichte Israels den Vätern gegeben hat. Dessen Erfüllung steht noch aus. Was aber bringt uns auf den Weg zur Erfüllung dieser Verheißung, also zum Segen, und hält uns bei der Sache?

Das Lied nennt dazu drei Möglichkeiten: die erste ist die Stellvertretung: indem der Knecht Leiden und Verachtung auf sich zieht, schafft er denen, die hier „wir“ sagen, Heilung. Das zweite scheint ein Opfer zu sein, zu dem aber nicht der Knecht sondern ein Du dessen Seele einsetzt. Das dritte aber ist Erkenntnis, durch die der Knecht als Gerechter viele gerecht macht und ihre Verfehlungen trägt.

Alle drei Motive kennt auch die christliche Tradition in Bezug auf Jesus. Das erste entnimmt sie direkt diesem Lied, wenn sie Jesu Leiden als „an unserer statt“ erlitten sieht. Das birgt aber das Problem in sich, dass mit Jesu Leiden und Tod am Kreuz Leiden und Tod in dieser Welt noch längst kein Ende gefunden haben, auch nicht für die, die ihm nachfolgen – oft genug ins Leiden und in den Tod nachfolgen.

Das zweite Motiv wird in diesem Lied nur scheinbar bestätigt, wenn von der Seele als Schuldopfer die Rede ist. Entnommen wurde die Idee vom Tode Jesu als einem Opfer der Liturgie vom Versöhnungstag, an dem ein Opfertier, ein Bock, geschlachtet und mit seinem Blut die Versöhnung des Volkes vor Gott vollzogen wird. Ich möchte diese ganze blutige Zeremonie hier nicht erzählen. Aber das Szenario einer Opferung und das, was mit Jesus am Kreuz geschieht, haben so gut wie nichts gemein. Und abstrus, wenn nicht sogar lästerlich, scheint mir der Gedanke, dass Gott selber solch eine Zeremonie vollzöge beziehungsweise durch heidnische Soldaten an dem vollziehen ließe, den er seinen geliebten Sohn nennt. Dem Abraham hat er es verboten. Der Satz von der Seele als Schuldopfer im Lied spricht ganz bestimmt nicht von einem blutigen Opfer, sondern von der Annahme einer Person durch Gott.

Diese beiden Motive, die Stellvertretung und das Opfer, stehen in dem Teil des Liedes, den Israel über sich selber singt. Es sind menschliche Gedanken und Vorstellungen, die das wahre Geschehen in Bilder zu fassen versuchen, die man sich aber, wie wir bei der Verlesung der Gebote gehört haben, nicht machen soll; zu groß ist die Gefahr, ihnen zu erliegen.

Das dritte Motiv aber steht in Gottes Teil des Liedes: Die Erkenntnis. Es ist die Erkenntnis des Willens Gottes, der nicht den Tod des Sünders will und schon gar nicht ein Menschenopfer, sondern den Segen, das heißt: das Leben der mit ihm versöhnten Schöpfung. Am Kreuz Jesu erfahren wir, welchen Preis es in dieser unversöhnten Welt kosten kann, gegen sie die Versöhnung mit Gott schon jetzt zu leben. Und auch, wie solidarisch bis ins Letzte, bis in den Tod, Gott mit denen ist, die das versuchen. Und es lohnt den Versuch, denn keine andere Art der Existenz verdient den Namen „Leben“, weil nur dieses Leben nicht allein auf diese Welt wie sie ist beschränkt ist, sondern sie auf eine andere hin verändert. Eine andere Welt ist möglich und wird nach Gottes Verheißung sein. Das ist aber schon das Thema von Ostern, das wir hoffentlich nicht nur übermorgen feiern, sondern alle Tage. Amen

Lied 298, 1 – 3. (ganz): Wenn der Herr einst…

(Gebet nach der Predigt aus „Reformierte Liturgie“:) Herr, Heiliger, allmächtiger Gott! Als Dein Sohn am Kreuz schrie, als der Vorhang im Tempel zerriss, da war alles zu Ende. Du aber, Herr, hast in Deiner unendlichen Macht und Gnade aus dem Tod neues Leben gemacht. Das Wort von seiner Auferstehung hat eine Gemeinde zusammengerufen. Sein Geist gibt ihr Kraft zum Glauben, Lieben und Kämpfen.

Weil Du von Ewigkeit her voller Erbarmen bist, rufen wir Dich an für alle Menschen in Not: für die Armen und die Arbeitslosen, für die Alten und die Verzweifelten, für die Kranken und die Sterbenden, für die Hungernden und die Gefangenen, für die von Krieg und Ausbeutung Gequälten, dass alle Frieden und Gerechtigkeit finden.

Weil Du von Ewigkeit her ein starker, gewaltiger Gott bist, rufen wir Dich an für alle Menschen, die Macht und Verantwortung tragen in den Regierungen und Parlamenten, in der Verwaltung und im Gericht, in Familie und Schule, in Wissenschaft und Wirtschaft, dass die Herrschenden dem Leben dienen und nicht weiter dem Tod, dass sie ihre Grenzen erkennen, dass ihr Tun, wenn es böse und gottlos ist, ein Ende findet durch Deine Macht.

Weil Du von Ewigkeit her ein treuer Gott bist, biten wir Dich um Frieden für Dein Volk Israel und rufen Dich an für Deine Kirche in aller Welt, dass sie Dein Wort ohne Menschenfurct sagt, dass sie sich nicht kaufen lässt durch Geld, Ehre oder Einfluss, dass sie den Armen nachgeht und die Reichen ermahnt, dass sie den verwirrten Gewissen hilft und den Wahnsinn auf Erden durch Deine Wahrheit vertreibt.

Weil Du, heiliger und allmächtiger Gott, von Ewigkeit her unser Gott bist, der uns ins Leben gerufen und für sein ewiges Reich erwählt hat, danken wir trotz aller Gefahr für Deine Gnade und loben trotz aller Angst Deinen herrlichen Namen und bitten Dich mit den Worten, die uns Jesus der Christus gelehrt hat: Unser Vater im Himmel…