zu Prediger 3, 26.11.2006

Predigt von Tilman Hachfeld im Gottesdienst am Ewigkeitssonntag 2006 in der Französischen Friedrichstadtkirche zu Berlin

Lieder im Gottesdienst vor der Predigt waren (EG): 166, 1-3. 6.,Tut mir auf die schöne Pforte … 295, 1-4., Wohl denen, die da wandeln … und 153,1-5., Der Himmel, der ist…

Weitere Texte waren: Lukas 12, 35., die Zehn Gebote, Psalm 85, 9. , 1. Mose 2, 4c – 15., Offenbarung 22, 1-5. und das Apostolische Glaubensbekenntnis

Prediger 3,1-15. (Zürcher Bibel):

  1. Alles hat seine bestimmte Stunde, jedes Ding unter dem Himmel hat seine Zeit. 2. Geboren werden hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit. Pflanzen hat seine Zeit, und Ausreißen hat seine Zeit.     3. Töten hat seine Zeit, und Heilen hat seine Zeit. Einreißen hat seine Zeit, und Bauen hat seine Zeit. 4. Weinen hat seine Zeit, und Lachen hat seine Zeit. Klagen hat seine Zeit, und Tanzen hat seine Zeit. 5. Steine wegwerfen hat seine Zeit, und Steine sammeln hat seine Zeit. Umarmen hat seine Zeit, und Sichmeiden hat seine Zeit. 6. Suchen hat seine Zeit, und Verlieren hat seine Zeit. Behalten hat seine Zeit, und Wegwerfen hat seine Zeit. 7. Zerreißen hat seine Zeit, und Nähen hat seine Zeit. Schweigen hat seine Zeit, und Reden hat seine Zeit. 8. Lieben hat seine Zeit, und Hassen hat seine Zeit. Der Krieg hat seine Zeit, und der Friede hat seine Zeit.
  2. Welchen Gewinn hat, wer etwas tut, von dem, worum er sich abmüht? 10. Ich sah die Plage, die Gott verhängt hat, dass die Menschenkinder sich damit plagen. 11. Alles hat er gar schön gemacht zu seiner Zeit; auch die Ewigkeit hat er ihnen ins Herz gelegt, nur dass der Mensch das Werk, das Gott gemacht, von Anfang bis zu Ende nicht fassen kann. 12. Da merkte ich, dass es unter ihnen nichts Besseres gibt, als fröhlich zu sein und es gut zu haben im Leben. 13. Dass aber ein Mensch essen und trinken kann und sich gütlich tun bei all seiner Mühsal, auch das ist eine Gabe Gottes.
  3. Ich erkannte, dass alles, was Gott tut, ewig gilt, man kann nichts dazutun und nichts davontun; und Gott hat es so gemacht, dass man sich vor ihm fürchte. 15. Was da ist, das war schon vorzeiten, und was sein wird, auch das ist vorzeiten gewesen; Gott sucht das Entschwundene wieder hervor.

Liebe Gemeinde,

das Buch Prediger – auch Kohelet genannt – gehört zu den etwas geringer geschätzten Büchern der Bibel. Es sei banal, es sei pessimistisch, hört man, und es lasse die theologische Tiefe vermissen.

Dem muss ich nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit diesem Buch widersprechen. Es ist weder pessimistisch noch banal, sondern zeigt vielmehr am Beispiel des Banalen, das uns ja allenthalben umgibt, die sehr viel größere Dimension Gottes, seine Unerfahrbarkeit.

In Wahrheit ist der Prediger ein mystisches Buch – und „mystisch“ heißt hier nichts anderes, als dass es nach wirklicher Heimat sucht, nach dem Grund, auf dem wir gründen.

Das tut der Prediger mit gebotener Vorsicht. Er geht kaum einmal über Andeutungen hinaus und erweist gerade darin seine Tiefe.

Das ist eine Tiefe, zu der allerdings diejenigen, die sich über alles Banale in geistigem Höhenflug hinwegsetzen wollen, nicht vorstoßen können.

Lassen Sie uns versuchen, dem Prediger ein wenig zu folgen auf seinem Weg durch die Banalität des Alltags hindurch zum Grund und Ziel des Lebens, zu Gottes unendlicher Liebe.

Der Predigttext beginnt mit einer Aufzählung aller möglichen Dinge, Tätigkeiten und Gegebenheiten, die, so sagt er, „ihre Zeit“ haben: Geborenwerden und Sterben, Pflanzen und Ausreißen, Weinen und Lachen, Umarmen und Sich meiden, Lieben und Hassen, Krieg und Frieden: All das hat jeweils „seine Zeit“.

„Zeit“ heißt hier nicht „Unausweichlichkeit“, jedenfalls nicht in jedem Fall. Außer dem Sterben ist nichts von dem, was hier aufgezählt wird, unausweichliches Schicksal. Aber es ist normales Schicksal – und normale Schuld. Die Aufzählung all dessen, was seine Zeit hat, ist ein Überblick über die teils erschreckende, teils aber auch tröstliche Banalität unseres Lebens.

„Seine Zeit haben“ bedeutet hier: Alles hat einmal seinen Anfang – und einmal sein Ende. Alles hat Gültigkeit und Macht über uns nur für eine beschränkte Zeit.

„Das weiß ich auch ohne Prediger“, könnten wir jetzt sagen. Aber ich bin nicht sicher, ob wir damit die Wahrheit sagen würden. Denn allzu oft vergessen wir, dass auch wir selber nur unsere Zeit haben, dass wir nur vorübergehende Gäste hier auf Erden sind. Wir beklagen den Tod unserer Lieben und fürchten den eigenen Tod – oder wir verdrängen ihn, wähnen uns unsterblich, und sei es auch nur in unseren Werken.

Aber noch öfter vergessen wir, dass auch das Sterben nur seine Zeit hat; das Sterben vor allem, das uns noch nicht von dieser Erde hinwegnimmt, sondern das uns auf ihr immer begleitet: Das Weinen und Klagen, das Sich meiden, die Trauer. Wir vergessen oft, dass das alles nur beschränkte Gültigkeit hat, und deshalb nicht die Macht, die wir ihm im Augenblick unserer Depressionen zusprechen.

Um Sterblichkeit geht es hier, aber nicht um eine schreckliche, sondern um eine tröstliche Sterblichkeit. Es geht um die Sterblichkeit dessen, was wir nur eine Zeit lang ertragen können: um die Sterblichkeit der Angst – sie hat auch nur ihre Zeit; um die Sterblichkeit des Hasses – er muss einmal aufhören.

Aber es geht auch um die Sterblichkeit der anderen Seite: des Lachens – es dauert nicht; des Liebens – auch das geht einmal zu Ende. Wie auch wir selber.

Und dennoch erkennt der Prediger, und lädt uns ein, mit ihm zu erkennen, dass auch das tröstliches Ende ist: Unser Lachen ohne Ende? Unsere Art von Liebe in alle Ewigkeit fortgesetzt ? Auch bei dem Gedanken kann einem schaudern !

Es ist Barmherzigkeit des Schöpfers, dass die Dinge keine eigene Ewigkeit besitzen sondern nur ihre Zeit. Und wenn der biblische Bericht vom Sündenfall die Sterblichkeit des Menschen als Strafe sieht, dann erkennt der Prediger daran, dass Gott auch im Strafen barmherzig ist.

„Welchen Gewinn hat, wer etwas tut, von dem worum er sich abmüht ?“ fragt der Prediger, wissend, dass wir keinen ewigen Gewinn erreichen. Und er berichtet: „Ich sah die Plage, die Gott verhängt hat, dass die Menschenkinder sich damit plagen.“ Der Prediger kann denen nicht als Zeuge dienen, die die Arbeit als höchste Tugend und letzten Lebenssinn bezeichnen. Vielmehr weiß er: „Alles hat Gott schön gemacht zu seiner – Gottes ! – Zeit; auch die Ewigkeit hat er ihnen ins Herz gelegt – nur dass der Mensch das Werk, das Gott gemacht hat, von Anfang bis Ende nicht erfassen kann.“

„Auch die Ewigkeit“: Der Prediger geht mit diesem Begriff sehr vorsichtig um; er gebraucht ihn in seinem Buch nur dreimal, zweimal davon in unserem Textabschnitt. Er bezeichnet mit „Ewigkeit“ den Raum und die Weise, in denen Gott handelt. Es ist der Gegenbegriff zu „Zeit“: nicht etwa Zeit ohne Ende – welch schreckliche Vorstellung! – sondern Nicht-Zeit, etwas, das sich unserem in der Zeit gefangenen Vorstellungsvermögen verschließt, und dennoch etwas, wonach wir uns sehnen, etwas, das wir ahnen und doch nie beschreiben können. Es entzieht sich uns.

Die Ahnung, die wir dennoch von der Ewigkeit haben, zeigt aber, dass umgekehrt wir ihr nicht entzogen sind. Der unaufhaltsam fahrende Zug der Zeit, den wir für unsere Welt halten, bewegt sich auf einem festen Grund. In diesem Zug, in der Zeit, haben wir Mühen und Plagen, und oft haben die Mühen und Plagen uns und versetzen uns in Angst.

Dazwischen erleben aber auch wir immer wieder Momente, in denen wir die Zeit und ihre Eile vergessen können, in denen wir feiern können und uns am Augenblick erfreuen: „Da merkte ich, dass es unter den Menschen nichts Besseres gibt, als fröhlich zu sein und es gut zu haben im Leben. Dass aber ein Mensch essen und trinken kann und sich gütlich tun bei all seiner Mühsal, auch das ist eine Gabe Gottes.“

Es ist ein ganz kleiner Vorgeschmack der Ewigkeit und erinnert uns daran, dass es mehr gibt als Termine und Pflichten, dass es noch anderes gibt als die Zeit.

Wir erfassen Gottes Plan nicht. Aber wir dürfen und sollen uns darauf verlassen, dass sein Plan uns erfasst, und dass Gott ihn auch zu Ende führen wird, mit uns und für uns, oft unseren eigenen Vorstellungen und Schicksalen zum Trotz.

Und dafür haben wir sogar ein Unterpfand, nämlich Gott selber, der ja in die Zeit hineingekommen ist, um uns die Ewigkeit zu öffnen. So tritt zur Ahnung, die wir im Herzen tragen, das Wort Gottes, das uns aus dem Christus Jesus anredet, als uns schon geschenktes Stück Ewigkeit. An dem können wir uns festhalten, auch wenn unsere Zeit allen Hoffnungen der Ewigkeit widerspricht.

Zeit und Ewigkeit, Diesseits und Jenseits, Hier und Heute und Dann und Dort: Das klingt zunächst nach getrennten Bereichen, nach etwas, wo das eine das andere immer ausschließt.

Das Paradies – um uns auf dieses menschliche Bild von der Ewigkeit einzulassen – ist aber nicht nur Zukunft, so wenig, wie es nur Vergangenheit ist. Als solche haben es zwar die beiden Lesungen aus dem Anfang und dem Ende unserer Bibel beschrieben, aber nicht, weil es für die Zeit dazwischen, also auch für unsere Gegenwart, aufgehoben oder zwischenzeitlich abgeschafft wäre; sondern nur deshalb, weil wir in der Zeit keine Begriffe haben für das, was außerhalb der Zeit ist.

„Was da ist, das war schon vor Zeiten, und was sein wird, auch das ist schon vor Zeiten gewesen. Gott sucht das Entschwundene wieder hervor.“ Dieser Satz des Predigers will sagen: Das Paradies war nicht nur und wird nicht nur sein, sondern es ist. Trotz der Zeit, in der wir leben ist es. Und reicht mit einem Zipfel auch immer in unsere Zeit hinein. Den Zipfel erfassen wir, wo wir die Schöpfung als heil und uns im Einklang mit ihr empfinden, auch wenn das nur kurze Momente sind. Und wir erfassen den Zipfel, wenn wir uns um paradiesischere Zustände in dieser heutigen Welt bemühen, auch wenn wir immer wieder merken, dass wir damit nicht weit kommen. Aber die Zukunft, die wir manchmal vorausschmecken und an der wir manchmal arbeiten, ohne sie damit schon zu haben, ist in Wahrheit Gottes Gegenwart für uns, in der wir leben, ohne es wahr zu haben.

In dieser Gegenwart Gottes leben aber auch die, die uns aus der Zeit verlorengegangen sind: unsere Verstorbenen. Und in ihr leben auch die, die noch gar nicht in die Zeit eingetreten sind: unsere zukünftigen Nachfahren. In der Gegenwart Gottes sind wir mit ihnen verbunden. Der Hebräerbrief der griechischen Bibel drückt das aus in einem Bild von der Wolke von Zeugen, die uns umgibt, Zeugen der unendlichen Liebe Gottes. In ihr sind alle um uns herum, die schon von uns gegangen sind und alle, die nach uns kommen und Gottes Liebe bezeugt haben, bezeugen und bezeugen werden.

So bleiben wir auch mit allen verbunden, die uns hier und heute fehlen, weil sie verstorben sind. Wir trauern um sie. Aber auch „Trauern hat nur seine Zeit“. Und mit uns erwarten sie die Zeit, wo es heißen wird „auch die Zeit hat nur ihre Zeit gehabt“. Dann werden wir alle im ungetrübten Einklang mit Gott, als Geschwister seines Sohnes leben.

Bis dahin aber dürfen wir Zeugen dieser Hoffnung in Wort und Tat sein und sie verbreiten. Dazu gehört Arbeit, aber ebenso mit Freuden Essen und Trinken und sich gütlich tun. Mit beidem ergreifen wir den Zipfel der Ewigkeit schon in der Zeit. Amen.

358, 1.2.6. Es kennt der Herr die Seinen…

(Gebet nach der Predigt) Herr, wir preisen Dich als den, der war, der ist und der sein wird. Lass uns bewusst auf die Zukunft zugehen, die schon Deine Gegenwart von Ewigkeit her ist, lass sie uns finden und ergreifen. Lass uns das nicht so tun, dass wir die Augen verschließen vor den Schrecken und Nöten der Zeit; hilf uns, nicht nur untätig darauf zu warten, dass Krieg und Hunger und Gewalt und Gleichgültigkeit in der Welt einmal ihre Zeit gehabt haben werden, sondern beziehe uns ein in Dein Handeln, mit dem Du ihre Zeit beendest. Herr, wir bitten Dich für alle Notleidenden, für alle, die unter Krieg und Kriegsdrohung leiden, für alle, die der Freiheit beraubt sind, für alle, die hungern müssen. Erweise Dich bald als der, der durch seine Gegenwart solcher Zeit ein Ende setzt. Herr, wir bitten Dich für unsere Kranken und Einsamen, für alle, die in ihrem Leben ziellos sind und verzweifelt, für alle, die über die Trauer um einen wichtigen Menschen nicht hinwegkommen: Hilf Du ihnen heraus, auch durch uns. Gemeinsam beten wir: Unser Vater im Himmel…

 

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