zu Psalm 115, 19.04.2009

Predigt von Tilman Hachfeld im Gottesdienst in der Luisenkirche Berlin Charlottenburg

Thema des Gottesdienstes:                                                                   Gott allein die Ehre! Calvins Vermächtnis an die EKBO

Der Gottesdienst begann mit der Lesung des 115. Psalms im Wechsel. (Zürcher Bibel von 2007):

Nicht uns, HERR, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre, um deiner Gnade, um deiner Treue willen.

Warum sollen die Völker sagen: Wo ist denn ihr Gott?

Unser Gott ist im Himmel, er vollbringt, was ihm gefällt.

Ihre Götzen sind Silber und Gold, Machwerk von Menschenhand.

Sie haben einen Mund und sprechen nicht, haben Augen und sehen nicht.

Sie haben Ohren und hören nicht, haben eine Nase und riechen nicht.

Mit ihren Händen fühlen sie nicht, mit ihren Füssen gehen sie nicht, mit ihrer Kehle geben sie keinen Laut.

Ihnen werden gleich sein, die sie machen, jeder, der ihnen vertraut.

Israel, vertraue auf den HERRN. Er ist ihre Hilfe und ihr Schild.

Haus Aarons, vertraut auf den HERRN. Er ist ihre Hilfe und ihr Schild.

Die ihr den HERRN fürchtet, vertraut auf den HERRN. Er ist ihre Hilfe und ihr Schild.

Der HERR hat unser gedacht, er segnet. Er segnet das Haus Israel, er segnet das Haus Aarons.

Er segnet, die den HERRN fürchten, die Kleinen und die Grossen.

Der HERR mehre euch, euch und eure Kinder.

Gesegnet seid ihr vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.

Der Himmel ist der Himmel des HERRN, die Erde aber hat er den Menschen gegeben.

Nicht die Toten loben den HERRN, keiner von allen, die hinabfuhren ins Schweigen.

Wir aber, wir preisen den HERRN von nun an bis in Ewigkeit. Hallelujah.

Liebe Gemeinde,

über Jean Cauvin oder Johannes Calvin, wie er sich latinisierend nannte, und seine Bedeutung für die Kirche insbesondere in unseren Landen soll es hier gehen – ein sehr weites Feld. Um in dieser Weite etwas Orientierung zu finden, will ich ausgehen von dem, was Calvins tiefster Beweggrund war: Die Ehre Gottes.

Und weil das, was ich hier gerade beginne, Predigt genannt wird, gehe ich von dem biblischen Text aus, der uns auf den Weg gebracht hat und der uns am Schluss der Predigt wieder einholen soll: dem 115. Palm.

Nicht uns, HERR, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre, um deiner Gnade, um deiner Treue willen.

Warum sollen die Völker sagen: Wo ist denn ihr Gott?

Unser Gott ist im Himmel, er vollbringt, was ihm gefällt.

Gott allein die Ehre, um seiner Gnade, um seiner Treue willen! Er ist für uns der Gnädige und Treue, weil er Gnade und Treue gegen uns übt – aber nicht wie wir es erwarten, sondern so, wie es ihm selbst gefällt.

Die ersten Sänger dieses Psalms erfuhren Gottes Gnade und Treue vor allem als Hoffnung auf das, was ihnen äußerlich bitter fehlte: Die Enkel der seinerzeit nach Babylonien deportierten Jerusalemer, zurückgekehrt zu den Ruinen der Väterstadt, führten dort ein kümmerliches Dasein, verlacht von den Nachbarn und hilflos ihren Überfällen ausgeliefert. Aber wissend, dass da der Gnädige und Treue ist, auch wenn von ihm jetzt nichts zu sehen und nichts zu spüren ist: Unser Gott ist im Himmel, er vollbringt, was ihm gefällt. Ihm allein die Ehre!

Sie kennen wohl Luthers sola- oder allein-Worte: sola scriptura, sola fide, sola gratia = allein aus der Schrift, allein aus Glauben, allein aus Gnade. Johannes Calvin kannte sie auch, aber er ordnete diese Worte unter das eine: soli deo gloria = allein Gott die Ehre. Das ist für ihn Grund des Glaubens, Kriterium, die Schrift zu interpretieren, und Sinn und Zweck der Gnade.

Zu seiner, Gottes Ehre, offenbart er sich uns in seinem geschriebenen und gesprochenen Wort, zu seiner Ehre ruft er uns zum Glauben, zu seiner Ehre erwählt er uns trotz all unseres Menschelns zur Seligkeit. Und wer Calvin die doppelte Erwählung, nämlich auch die zur ewigen Gottferne, die Verwerfung, vorwirft, sollte ihn genauer studieren: Gerade weil es theoretisch auch die Möglichkeit der Verwerfung gibt, so der Jurist Calvin, leuchtet um so größer Gottes Ehre, wenn er von der Verwerfung keinen Gebrauch macht. So ist es bei Gott.

Und bei uns? Wenn wir Gott allein Ehre zugestehen wollen, dann verzichten wir auf eigene Ehre. Der Satz „Ehre, wem Ehre gebührt“ erfordert dann den Zusatz: „nämlich Gott allein“. Und hinter diese Feststellung tritt jede Sorge ums eigene Seelenheil zurück, denn diese Sorge verführt dazu, Gott etwas abtrotzen und es so annehmen zu wollen, als könnten wir es auch ablehnen. Diese Wahl haben wir nicht. Gott allein die Ehre!

Kurfürst Johann Sigismund wurde von dieser Radikalität des göttlichen Anspruchs angezogen. Schon der 20jährige, der in Strasbourg studierte, war dort von dem aufgeschlossenen reformierten Gedankengut angetan. Sein streng lutherischer Großvater Johann Georg ließ ihn daraufhin einen Revers unterschreiben, dass er bis ans Lebensende bei den lutherischen Bekenntnissen verharren werde.

Aber 12 Jahre später, der Großvater war schon 6 Jahre bei denen, die nach unserem Psalm Gott nicht mehr loben, im Jahr 1604, hielt sich Johann Sigismund länger am Pfälzischen Hof in Heidelberg auf und hatte mit Pfalzgräfin Luise und den reformierten Lehrern der Universität lange Gespräche über den Glauben, die dazu führten, dass er die reformierten Lehren als biblisch besser begründet erkannte als die lutherischen Bekenntnisse. Nicht der Revers, den ihm der Großvater abverlangt hatte, sondern politisches Kalkül und Rücksicht auf seine streitbar lutherische Ehefrau hielten ihn noch davon ab, sein neues Bekenntnis, zu dem Gott ihn berufen hatte, öffentlich zu machen.

Das tat er auch noch nicht bei seinem Regierungsantritt 1608, bei dem er sich jedoch schon nicht auf die lutherische Konkordienformel festlegen ließ,sondern das tat er erst nach den Krisenjahren seiner Regentschaft 1613 mit der ausdrücklichen Feststellung, er wolle sein Regiment nicht auf die Gewissen seiner Untertanen ausdehnen, und denen stehe es nicht zu, ihm den Glauben vorzuschreiben. Was ihn zum Schritt des Konfessionswechsels bewogen hatte, ließ er ausführlich in der Confessio Sigismundi darlegen, die 1614 erschien. Obwohl – oder vielleicht gerade weil sie nicht in allem mit Calvin konform geht, ist diese Confessio ein Dokument Calvinischen Geistes, in dem allerdings nirgends Calvin, aber umso öfter Luther wörtlich zitiert wird.

Johann Sigismund hat mit diesem Schritt zum Einen das im Augsburger Religionsfrieden festgelegte „Cuius regio, eius religio“ – Wessen die Herrschaft, dessen die Religion – außer Kraft gesetzt und generell in Frage gestellt, zum Anderen hat er sich, wie seine badischen Verwandten, zu einem Glauben bekannt, der im selben Religionsfrieden nicht geschützt war und in Deutschland erst im Westfälischen Frieden gesetzliche Anerkennung fand. Dass er mit der so eröffneten Gewissensfreiheit indirekt der Aufklärung den Weg bereitete, konnte er nicht absehen. Für ihn war der Schritt Gehorsam gegen das Wort Gottes und die notwendige Fortführung der Reformation, heraus aus der Enge der lutherischen Orthodoxie in die Weite: Gott zur Ehre.

Es kostete ihn viel: Anfeindungen des geballten Luthertums aus der Familie, aus dem eigenen und aus den Nachbarländern, Steuerverweigerungen in Brandenburg, die Beschneidung der fürstlichen Rechte in Preußen. Er nahm es in Kauf – zur Ehre Gottes.

Die steht weit über jeder ausgeprägten Kirchlichkeit und über jedem Konfessionalismus. Johann Sigismund nahm ernst, was Calvin lehrte, dass Kriterium der richtigen Kirche die Predigt des unverfälschten Wortes Gottes und die rechte Sakramentshandhabung ist, darüber hinaus die Gestaltung der Kirche, die aber den örtlichen Erfordernissen entsprechen soll und immer etwas Vorläufiges bleibt. Diese Ortskirche ist als Teil der Heiligen Katholischen Apostolischen Christlichen Kirche immer ganz und gar Kirche. Ihre Katholizität ist aber nicht Einheitlichkeit sondern die Summe von Verschiedenem, also etwas Buntes, womit allerdings keine bunten Textilien gemeint sind.

Aber nicht einmal die wären für Calvin kirchentrennend gewesen, so wenig wie die unterschiedliche Abendmahlsinterpretation – die Abendmahlsgemeinschaft wurde bis 1973 ja nicht von den Reformierten verweigert – oder die Prädestinationslehre – sie betont, wie schon gesagt, bei Calvin nur die Ehre Gottes – oder die Betrachtung des Alten Testaments – Calvin sucht in ihm nicht nur „was Christum treibet“, sondern sein Eigenes – oder das Verständnis dessen, was Bekenntnisse sind: Bei Calvin wie bei allen Reformierten sind sie zeitgebundene Erkenntnis, die immer wieder an der Schrift zu prüfen und weiter zu entwickeln ist: Ekklesia semper reformanda: Der Glauben und die Kirche haben in der Welt keine endgültig richtige Gestalt.

Diese Offenheit ist einerseits anstrengend, weil man sich immer wieder neu definieren muss. Sie macht andrerseits die reformierten Kirchen unionsfähig. Eine Union in der Offenheit Calvins war es, was Johann Sigismund wollte, was ihm seine lutherischen Untertanen aber verweigerten. Erst zweihundert Jahre später kam es dazu, und die Reformierten machten dabei bald die Erfahrung, dass es bei einer Union nicht genügt, wenn eine Seite offen ist für andere oder neue Erfahrungen. Die Unionen seit 1817 führten in Preußen zu einer Dreiheit von Bekenntnisständen: Die Mehrheit der Gemeinden blieb beim lutherischen Bekenntnis. An vielen Orten taten sich Lutheraner und Reformierte zu unierten Gemeinden zusammen, in denen beide Bekenntnisse Anerkennung finden sollten, ohne dass bis heute geklärt wurde, was „Bekenntnis“ eigentlich sei. Und nur, wo es rein reformierte Parochien gab, im Havelland und bei Prenzlau, oder wo man eine andere Sprache sprach, in den Hugenottengemeinden französisch, in der Bethelehemsgemeinde tschechisch, oder wo reformierte Hofgemeinden ihren Bekenntnisstand bewahrten, in Schwedt und in Köpenick, da blieben reformierte Gemeinden erhalten und damit die reformierte Tradition in unserer Kirche.

Denn wie es dem reformierten Erbe in den unierten Gemeinden erging, kann man beispielhaft an den Gottesdiensten im Berliner Dom und vielleicht auch hier wahrnehmen: in der Regel hoch lutherisch, in der Ausnahme (am Dom abends, hier um 11.30 Uhr) in Formen, die zwar an reformierte Schlichtheit erinnern, aber besondere reformierte Elemente wie die Verlesung der Gebote Gottes übergehen und anderes enthalten, was Reformierten anstößig ist. Bei der Deutschen Messe fremdeln wir vielleicht etwas, dennoch können wir Reformierten in unserer Landeskirche damit leben. Denn wesentlichere Elemente reformierten Selbstverständnisses sind in das Selbstverständnis der Gesamtkirche eingegangen: Das Prinzip der am Ort von Ältesten und insgesamt von Synoden geleiteten Kirche ringt zwar allenthalben noch mit konsistorialen Strukturen, lässt aber doch Kirche erleben, die versucht, alle ihre Glieder mit in die Verantwortung zu ziehen, und das heißt gut reformiert: Bekenntnis zu leben.

Wie schon gesagt: Jedes formulierte Bekenntnis hat in der Reformierten Kirche nur vorläufige Bedeutung. Calvin hat sich persönlich nicht einmal auf die altkirchlichen Bekenntnisse festlegen lassen, obwohl sie Grundlage seines Katechismus sind, und die Reformierten Kantonalkirchen der Schweiz wie die in ihrem Ursprung reformierte Kirche der Pfalz erwähnen in ihren Grundordnungen kein formuliertes Bekenntnis außer der Bibel. Zugleich sind die Reformierten aber Weltmeister im Bekenntnis-Formulieren, nämlich je aktuell. Ein solches aktuell formuliertes Bekenntnis wird in Deutschland von allen unierten und einigen lutherischen Kirchen mitgetragen: Die Theologische Erklärung von Barmen aus dem Jahr 1934. Aber die ist kein Schlusspunkt gewesen. Lokal und national wurden und werden immer weiter Bekenntnisse formuliert, auf der Ebene des Reformierten Weltbundes auch überregional fortentwickelt, zu letzt das Bekenntnis von Accra von 2004, mit dem Titel „Bund für wirtschaftliche und ökologische Gerechtigkeit“, das wie alle neueren reformierten Bekenntnisse auf ganz praktische Umsetzung ausgerichtet ist.

Solch reformiertes Bekennen war auch unserer Landeskirche einst wichtig als Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, ist ihr aber, so scheint es, über Finanz- und Strukturproblemen etwas aus dem Blick geraten. Hier täte etwas mehr Reformiertsein gut, zur Ehre Gottes! Denn wesentlich liegt Gottes Ehre darin, dass es seinen Geschöpfen in ihrer Geschöpflichkeit gut geht. Das ist der Kern des Gebotes an Israel: „Es wird bei dir keinen Armen geben“ (Deuteronomium / 5. Mose 15, 4.). Deshalb zählt die Diakonie zu den ureigensten Funktionen jeder Gemeinde.

Und noch eins, wenn es um die Ehre Gottes geht: Sie verträgt sich nur schlecht mit Personenkult.. Deshalb sind „Calvinismus“ oder „calvinisch“ so wenig wie „zwinglianisch“ oder andere von Personen abgeleitete Benennungen reformierte Selbstbezeichnungen. „Calvinisten“ nennen uns nur andere. Wir danken Gott, dass er immer wieder Leute berufen und beauftragt hat und es weiter tut, seine Kirche zu erneuern, bleiben aber selber immer nur die nach dem Wort Gottes reformierte Kirche, die deshalb auch keinen Bischof hat. Der Bruder Huber ist für uns der Vorsitzende der Kirchenleitung; das biblische Amt des Bischofs ist reformiert immer ein kollektives, das Älteste und Pastoren gemeinsam wahrnehmen, wobei sie nicht Herren der Kirche sind, sondern dem Herrn der Kirche dienen: Gott zur Ehre.

Der Psalm, von dem ich ausgegangen bin, spricht vom Segen, den Gott auf die legt, die ihm vertrauen. Calvin würde da von der Gnade der Rechtfertigung sprechen, in der sich Gottes Ehre an uns erweist, und die die Gnade der Heiligung begründet, die uns treibt, auf Erden seinen Willen zu tun, und zwar selbst zu tun und uns nicht auf vermeintlichen Lorbeeren der Vorfahren, etwa Calvins, Zwinglis oder auch Johann Sigismunds auszuruhen, Gott zur Ehre.

Denn: „Gesegnet seid ihr vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.

Der Himmel ist der Himmel des HERRN, die Erde aber hat er den Menschen gegeben.

Nicht die Toten loben den HERRN, keiner von allen, die hinabfuhren ins Schweigen.

Wir aber, wir preisen den HERRN von nun an bis in Ewigkeit. Hallelujah.“ Amen.